Scam bei WhatsApp: Betrüger haben mich in eine Gruppe eingeladen, um an mein Geld zu kommen – und ich bin drin geblieben

Das Internet ist voller Bots? Das besagt die Dead Internet Theory. Ich habe das jetzt in kleinerer Skala in WhatsApp erlebt. Aufarbeitung eines Scams.

Betrüger wollten an meine Daten und haben eine Horde Bots auf mich losgelassen. (Bildquelle: apopiun - adobe.stock.com, Maxe S., GameStar) Betrüger wollten an meine Daten und haben eine Horde Bots auf mich losgelassen. (Bildquelle: apopiun - adobe.stock.com, Maxe S., GameStar)

Unbekannte Anrufer aus dem Ausland, Spam-Mails und »Hallo Mama, ich habe ein neues Handy«-SMS kennen und lieben wir – nicht.

Neulich hat mich ein Bot zusammen mit anderen Bots in eine WhatsApp-Gruppe eingeladen. Anstatt direkt wieder auszusteigen, habe ich meiner Neugier nachgegeben und bin geblieben. Dabei wurde ich Zeuge höchst kurioser Gespräche.

Maxe Schwind
Maxe Schwind

Maxe ist seit über 25 Jahren im Internet unterwegs. Von Filesharing auf Napster über Pop-up-Werbung für den Winter viel zu freizügig bekleideter Damen und Ragebait auf den sozialen Medien hat er alles mitgemacht. Welcome to the Internet, I’ll be your Guide!

Dead Internet Theory

Bevor ich euch Screenshots und Mutmaßungen meinerseits präsentiere, solltet ihr zunächst wissen, was die Dead Internet Theory ist.

Das ist die Dead Internet Theory: Die Theorie besagt, dass das Internet zwischen 2016 und 2017 ausgestorben ist. Die meisten »Menschen«, die wir online auf sozialen Medien und anderen Plattformen sehen, sind nicht echt, sondern Bots. 

Ihren Ursprung hat die Theorie in einem Forum namens »Agora Road’s Macintosh Café«. Dort behauptete ein anonymer Nutzer 2021, das Internet sei schon Jahre zuvor gestorben – nicht im technischen Sinne, sondern im gesellschaftlichen. Und daraus hat sich schließlich dieser Verschwörungsmythos gebildet.

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Aber stimmt das denn? Ich würde das jetzt gerne verneinen, aber bereits 2016 verzeichnete ein Report des Sicherheitsunternehmens Imperva, dass fast die Hälfte des gesamten Internet-Traffics auf Bots zurückzuführen war.

Das ist neun Jahre her. Besonders im jetzigen Zeitalter der KI liegt die Vermutung nahe, dass es eher mehr Bots statt weniger geworden sind. Dafür gibt es (noch) keinen Beweis, undenkbar ist es jedoch nicht.

Ich bin Zeuge davon geworden, wie so ein Internet fast nur noch mit Bots aussehen könnte.

WhatsApp, die Bots – und ich

In den Weiten der sozialen Medien, in denen es definitiv Menschen gibt (ich bin ja einer davon), fallen Bots nicht sofort auf. Doch was passiert eigentlich, wenn Bots nur mit Bots interagieren?

Das kann ich euch zeigen. Doch zunächst:

Was ist eigentlich passiert? Am Donnerstag, den 4. September 2025, poppte auf einmal eine neue Gruppe in meinem WhatsApp-Feed auf: BCE681.

  • Erstellt wurde die Gruppe am 24. November 2024.
  • Es gibt kein Gruppenbild oder eine Beschreibung.
  • Mitglieder sind etliche Nummern aus dem Ausland sowie einige deutsche Nummern.
  • Admins sind zwei Nummern aus Indonesien, eine davon mit dem Namen »BDG•Demon24«

Was ihr hier seht, sind alles Bots. (Bildquelle: Maxe S., GameStar) Was ihr hier seht, sind alles Bots. (Bildquelle: Maxe S., GameStar)

Als ich auf die Gruppe aufmerksam wurde, waren lediglich die ersten beiden Nachrichten gepostet – und die sehen relativ normal aus. Sieht man zumindest von zwei Tatsachen ab:

  • Gerd und Luise haben wohl ihre Profilbilder vertauscht.
  • Sämtliche Nummern stammen aus Spanien.

Meine erste Reaktion war: »Ah ge, Bots! Raus hier!«, aber ich bin geblieben. Aus purer Neugier.

Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass es sich hier nicht um Menschen handelte, sondern um Bots, die Menschen imitierten. Immerhin: Die »Admins« (auch Bots) hatten Stockfotos mit Personen in Anzügen. Kleider machen eben Leute, gell?

Beim Lesen des Chatverlaufs stellt man fest: Die Bots klingen fast menschlich. (Bildquelle: Maxe S., GameStar) Beim Lesen des Chatverlaufs stellt man fest: Die Bots klingen fast menschlich. (Bildquelle: Maxe S., GameStar)

Was ist der Sinn der WhatsApp-Gruppe?

Wenn ihr als Erstes an Betrug gedacht habt, dürft ihr euch einen Keks nehmen, denn das ist korrekt (via Bitdefender). Und der funktioniert so:

  • Automatisierte WhatsApp-Gruppen: Scammer erstellen Gruppen mit vermeintlich »anderen Mitgliedern«. Wie wir jetzt wissen: Bots. Die interagieren miteinander, um mich zum Mitmachen zu bewegen und mir vorzugaukeln, ich würde etwas verpassen.
  • »Einfacher Job, schnelles Geld«: Im Verlauf des »Gesprächs« wurde dann offenbart, wie wir hier sind. Es ging darum, einem YouTube-Kanal zu folgen und dafür Geld zu bekommen. 

Ich sollte einfach nur einen Follow für einen YouTube-Kanal da lassen und dafür Geld bekommen. (Bildquelle: Maxe S., GameStar) Ich sollte einfach nur einen Follow für einen YouTube-Kanal da lassen und dafür Geld bekommen. (Bildquelle: Maxe S., GameStar)

  • Druck: Nach und nach kamen dann »Beweise«, dass Leute in der Gruppe angeblich dem angesagten Kanal gefolgt wären. Das sollte mich unter Druck setzen und FOMO (Fear Of Missing Out) bei mir erzeugen. Nach und nach wurden sogar Screenshots von (vermeintlichen) Zahlungen geteilt.
  • Nächste Eskalationsstufe: Nach der ersten »Aufgabe« versprach mir einer der Admins, Teil einer Arbeitsgruppe zu werden, um noch mehr Kasse zu machen. In der Regel ist es so, dass man dort erst mal Geld einzahlen soll – und dann nie wieder etwas von den Betrügern hört.

Am Ende geht es vor allem um eins: meine Daten. Genau wie Spam- und Phishing-Mails sollen die Bots mich dazu bewegen, persönliche Informationen herauszugeben, mit denen die Hintermänner dann Schindluder treiben.

Den beworbenen YouTube-Kanal gibt es übrigens wirklich. Dort zu sehen sind VLOGs einer Familie auf Englisch zu sehen. Ob die wissen, dass mit ihrem Kanal versuchter Betrug stattfindet, weiß ich nicht.

Woran erkennt man solche Gruppen und was kann man tun?

Ihr habt euch die Screenshots ja angesehen. Die Gespräche wirken so gestelzt, dass die meisten von uns sofort keine echten Menschen vermuten dürften. Bei mir haben Nachrichten der Bots sofort ein »Uncanny Valley«-Gefühl ausgelöst: Der Austausch wirkt nahezu menschlich, ist er aber nicht.

Der Begriff »Uncanny Valley« stammt tatsächlich aus der Robotik. 1970 hat der japanische Robotiker Masahiro Mori erstmals das »Phänomen des unheimlichen Tals« beschrieben. Das besagt, dass Menschen so lange mit Robotern interagieren wollen, bis ein gewisser Punkt erreicht ist, an dem der Roboter so menschenähnlich wird, dass sie verunsichert sind.

Das Tal in der Kurve ist das sogenannte »Uncanny Valley«. (Bild: Masahiro MoriTobias K., Wikipedia) Das Tal in der Kurve ist das sogenannte »Uncanny Valley«. (Bild: Masahiro Mori/Tobias K., Wikipedia)

Mir wurde relativ schnell klar: So spricht kein Mensch.

  • »Was muss das tun?« – Was ist »das«?
  • »Ja, wir helfen YouTube-Nutzern, das Ranking und die Popularität ihres Videostreams zu verbessern. Das verstehen Sie ganz genau.« – Man würde wenn sagen »Das verstehen Sie richtig«.
  • »Entschuldigen Sie, ich bin ein neuer Mitarbeiter. Wenn ich etwas nicht verstehe, kann ich Sie fragen?« – Hier sprach ein vermeintliches »Opfer«, das kein Mitarbeiter sein kann.

Darüber hinaus haben sich die Fake-Profile selbst entlarvt – und das auf eine recht ulkige Art und Weise.

Alle Accounts mit einem weiblichen Bild hatten männliche Namen und umgedreht.

Mann mit Frauenname Frau mit Männername Mann mit Frauenname Frau mit Männername

Bei solchen Fehlern fällt wirklich jedem auf, dass da etwas nicht stimmt. (Bildquelle: Maxe S., GameStar)

Das könnt ihr dagegen tun

In WhatsApp könnt ihr einstellen, wer euch in Gruppen einladen darf. Standardmäßig ist die Option auf »Alle« voreingestellt. Das könnt ihr allerdings ändern, und zwar so:

  1. Öffnet WhatsApp und navigiert zu den Einstellungen.
  2. Klickt auf Datenschutz.
  3. Tippt auf den Punkt Gruppe.
  4. Wählt nun aus, wer euch in Gruppen einladen darf.

Solltet ihr dennoch in eine solche Chat-Gruppe geraten – auf WhatsApp oder in anderen Messengern – gibt es Indikatoren, woran man erkennt, dass etwas nicht koscher ist.

  • Nummern stammen nicht aus Deutschland und beginnen nicht mit unserer Ländervorwahl +49.
  • Gruppenmitglieder sprechen komisch.
  • Profilbilder sind offensichtliche Stockfotos.
  • Namen passen nicht zum Geschlecht auf dem Profilbild.

Wenn euch dasselbe passiert wie mir, könnt ihr allerdings Folgendes tun, um nicht weiter belästigt zu werden:

  • Verlasst die Gruppe. Es passiert nichts Schlimmes, wenn ihr drinbleibt, außer, dass euch die Bots auf den Zeiger gehen.
  • Meldet die Verantwortlichen. Entweder macht ihr das mit den Admins oder ihr meldet die ganze Gruppe. Jene, in der ich war, existiert fast seit einem Jahr. Es werden also immer wieder ein- und ausgeladen.
  • Blockiert die Verantwortlichen, damit sie euch nicht wieder in eine andere Gruppe einladen können (zumindest mit denselben Accounts).

Bei mir hat sich die Situation von allein gelöst. Nachdem ich nichts geschrieben und nur beobachtet habe, wurde ich aus der Gruppe wieder entfernt.

In meinem Fall haben sich die Bots blitzschnell mit Fehlern selbst entlarvt. In Zukunft wird das aber immer schwieriger werden. Mit KI werden solche Scams nur einfacher anstatt schwieriger. KI-Unsinn sehen wir in den sozialen Medien genug und viele Menschen fallen darauf herein.

Schützt euch also und passt auf da draußen. Es gibt keinen Führerschein fürs Internet, aber zumindest Artikel wie diese, die im besten Fall eure Wahrnehmung schärfen.

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