Bogenjagd auf Tintenfische

Folgende Szene aus dem Intro: Kurz vor dem Eingang zum Liberty Dome schleicht NanoSuit-Träger Prophet mit seinem Begleiter Psycho durch eine dunkle...

von L_ONE am: 22.10.2014

Folgende Szene aus dem Intro:

Kurz vor dem Eingang zum Liberty Dome schleicht NanoSuit-Träger Prophet mit seinem Begleiter Psycho durch eine dunkle C.E.L.L. Anlage, bis sie schließlich eine Halle voller Söldner vor sich finden. Psycho dreht sich zu Prophet um: „Den hier brauchst du vielleicht.“ und drückt Prophet seine neue Waffe in die Hand.

„´Nen Bogen?“, fragt Prophet verwirrt.

„Ja. Macht dich zu ´nem unsichtbaren Killer. Krasses Teil.“, antwortet Psycho. „Gefällt er dir?“

„Nein.“, antwortet Prophet und schüttelt den Kopf.

 

Danke, Prophet. Danke, dass du mir das schon mal vorweg genommen hast.

`Nen Bogen?

 

 

 

 

 

 

Bitte noch einmal zurückspulen

Crysis 1 war ein unglaublicher Grafikbenchmark, spielte sich offen und spaßig, hatte aber damals schon ein Storyproblem. So richtig greifen wollte die Geschichte rund um Nomad und Aliens, die eine tropische Insel vereisen, bei mir nämlich nicht. Was jedoch nicht hieß, dass ich die Story grundlegend uninteressant fand. Als SciFi Fan gehen Aliens eigentlich immer. Teil 2 zerschmetterte jedoch brutal meine Hoffnung auf eine gute, fortlaufende Geschichte, auch wenn ich am Gameplay wieder viel Spaß hatte.

Also bin ich bei Crysis 3 mit sehr niedrigen Erwartungen in die Story eingestiegen. Und siehe da: richtige Entscheidung. Denn hier wurde in dieser Hinsicht nichts gelernt. Zum Glück macht das Tintenfischjagen aber auch in Teil 3 wieder ordentlich Laune.

Aber worum geht’s eigentlich?

Wer Crysis 1 und 2 nicht gespielt, oder sich zumindest den Storyverlauf nicht durchgelesen hat, der steht erstmal – trotz optionalen „bisher in Crysis“ Video - komplett auf dem Schlauch. Die Ceph - das sind die tintenfischartigen Aliens - wurden im ersten Teil aus ihrem Kyroschlaf geweckt, im zweiten Teil in New York von uns geschlagen und tauchen darauf hin erstmal wieder unter. Die Quelle ihrer Energie nutzt wiederum nun C.E.L.L. - das sind die menschlichen Gegner in Crysis 2 und 3 - um als Energiekonzern ein Monopol aufzubauen. Zum Schutz dieser Energiequelle und zum Einsperren der Ceph (und jetzt wird es selbst für ein Spiel mit Aliens besonders bescheuert) baut C.E.L.L. eine riesige Kuppel über New York. Daraufhin holt sich die Natur die Stadt unter der Kuppel zurück.

Wir spielen den bereits aus dem ersten Crysis bekannten Soldaten Prophet. Was passierte mit dem vorher?

Prophet beging in Teil 2 Suizid, speiste seinen Geist jedoch im Nanosuit ein und übergab ihn an Alcatraz, dem körperlichen Helden aus Crysis 2. Zudem kam der Anzug in Kontakt mit Alientechnologie. Nach dem Ende des zweiten Teils verschmolz Prophets Geist mit Alcatraz Körper unter dem Anzug komplett. Ohne ihn quasi vielleicht mal zu fragen, übernahm Prophet wieder die Kontrolle (übrigens auch einfach die Stimme, das Aussehen, etc…) und wurde nun zur menschlichen Prophet - Alcatraz - Alien Kampfmaschine (vereinfacht bleiben wir aber mal beim Namen Prophet). Ganz nebenbei: Im „bisher in Crysis“ Video wird Alcatraz nicht mal erwähnt.

Am Anfang von Crysis 3 finden wir uns dann aus irgendeinen Grund in Gefangenschaft von C.E.L.L. wieder, die es sich nebenbei zur Aufgabe gemacht haben, alle Nanosuit Soldaten mit einem schmerzhaften Verfahren aus ihrem Anzug zu schneiden. Für Experimente, versteht sich, denn der Anzug basiert auf Alientechnologie. Warum C.E.L.L. das tut und nicht einfach nur die Alienquelle dafür nutzt, auf denen der Konzern sitzt… ach lassen wir das.

Mitunter auch aus dem Anzug gepult ist Michael Sykes - alias „Psycho“ -, ebenfalls aus dem ersten Teil samt Add-On bekannt. Dieser verhilft uns zur Flucht und bringt uns in die riesige Kuppel über New York - dem sogenannten Liberty Dome - zu einer Rebellengruppe, damit die merkwürdigen Militäraktivitäten von C.E.L.L. untersucht und gestoppt werden können. Diese Gelegenheit nutzt wiederum nun Prophet, um die Ceph endgültig zu vernichten. Denn nur er weiß dank Visionen, dass die Aliens noch lange nicht vom Planeten gebannt wurden, sondern einen gänzlich neuen, natürlich weltgefährlichen, Plan aushacken. Und schon geht der Kampf gegen Söldner und Tintenfische los.

 

 

Hier treffen wir auf ein bekanntes Gesicht.

 

 

 

 

 

 

Kinoreif – doch leider das Drehbuch vergessen

Schon an der Ausgangslage merkt man: die Erzählung ist (leider wiedermal) eine Schwäche des Titels. Aber warum gehe ich überhaupt so stark auf die Geschichte von Crysis 3 ein? Wie bei anderen Shootern könnten wir die Story doch links liegen lassen?

Ganz einfach: Weil es das Spiel möchte.

Der Titel legt viel Wert auf eine sehr cineastische Inszenierung. Viele Zwischensequenzen treiben die Erzählung voran, in der wir grundlegend eine Geschichte rund um die Entwicklung von Prophet und das Aufhalten des Bösen durchlaufen. Wir finden Informationstexte über die Hintergründe, sowie viele Tonaufnahmen, die die Atmosphäre steigern und ins Geschehen ziehen sollen. Im Verlauf der 6 – 9 stündigen Geschichte warten außerdem einige dramatische Szenen auf uns.

 

 

Das Spiel setzt viel Wert auf stimmige Zwischensequenzen.

 

 

 

 

 

 

Doch so toll das ganze auch inszeniert ist – wirkliche Höhepunkte fehlen. Die Story greift nicht richtig, da alle Elemente sehr weit hergeholt wirken und durch die Wirrwarr Erzählung eher abschrecken, anstatt Lust auf mehr zu machen. Das Spiel setzt mit der Erzählung an seinen Vorgänger an, der alleine schon sehr schwer zu verstehen war. Und nur durch eine nun drastischere Erzählweise, tollen Bildern in den Zwischensequenzen und vielen Dialogen, wird diese Erzählung leider auch nicht besser. Emotionale und dramatische Szenen –so sehr das Spiel auch versucht uns diese auf die Nase zu binden -bleiben platt, da wir vorher keine Zeit hatten uns mit den Charakteren auseinander zu setzen, geschweige denn eine vernünftige Verbindung zu ihnen aufzubauen. Selbst das Finale (Endlevel, Endgegner und Endsequenz) bleibt unspektakulär.

 

 

 

In einer stimmigen Szene sitzen wir am Geschütz eines VTOL´s.

 

 

 

 

 

Wäre das im Kern nicht schon genug, so müssen diejenigen, die die deutsche Version spielen, auch noch einen weiteren Schnitt in die Atmosphäre hinnehmen. Die Synchro der deutschen Sprecher greift nämlich größtenteils mit der Betonung und mit den Emotionen daneben. Man weiß zwar, wie das gesprochene zur jeweiligen Situation gemeint ist, jedoch hört es sich meistens einfach nicht richtig an. Zumindest Psycho kann man sich noch gut anhören, wenn aber auch nicht in jeder Situation.

Wir retten die Welt… unsichtbar

Große Level und Nanosuit ermöglichen uns in Crysis 3 verschiedene Spielstile. Das war schon im ersten Teil so, im zweiten wurde es da schon etwas schlauchiger. Nun ist die Freiheit größtenteils wieder da. Es bleibt natürlich dabei, von Punkt A zu Punkt B zu kommen, beziehungsweise kleineren, optionalen Nebenmissionen nachzugehen, jedoch sind unsere Möglichkeiten dabei breit gefächert.

 

 

Ein Blick auf die Karte zeigt die Bewegungsfreiheit.

 

 

 

 

 

 

So könnten wir das Spiel z.B. klassisch ballernd durchlaufen, uns mit allem und jeden anlegen der uns vor das Visier läuft, zu großem Gerät wie Raketen –oder Granatwerfer greifen und dabei richtig Spaß haben. Dank des Panzerungsmodus, den wir auf Knopfdruck aktivieren, können wir viele Kugeln schlucken und große Explosionen verkraften. So dürfen wir schonmal auf Deckungsgefechte verzichten und uns offen in den Kampf stürzen. Natürlich nicht auf Dauer, denn die Modi des Nanosuits verbrauchen Energie. Mussten wir im Panzerungsmodus also viel einstecken, so sollten wir uns Schutz suchen, bis die Energie wieder geladen ist.

Ohne aktivierte Panzerung können wir uns schnell bewegen und mit gedrückt gehaltener Sprungtaste höher hopsen, um somit z.B. hoch gelegene Vorsprünge zu erreichen. Sogar im Sprung schießen ist möglich. So sind wir schnell und agil im Level unterwegs, was für dynamische und rasante Gefechte sorgt.

Unser neuer Bogen hilft uns auch bei hitzigen Gefechten, da wir ihn mit explodierenden Pfeilen ausrüsten dürfen. Daneben nutzen wir ihn als sehr mächtige Stealth-Waffe.

Das Spiel bietet uns nämlich – ein paar Szenen und wichtige Gegner mal ausgenommen – die Möglichkeit uns bis zum Abspann zu schleichen. Dank des Tarnmodus bewegen wir uns ungesehen in die nächste dunkle Ecke, laden den Anzug wieder auf, springen wieder in den Tarnmodus und arbeiten uns so voran. Gegner entdecken uns nämlich getarnt nicht, es sei denn sie suchen explizit nach uns und wir springen unsichtbar direkt vor ihrer Nase herum. Sogar die mächtigen Aliens, mit ihrer Jahrelangen Raumfahrterfahrung und übermächtigen Technologie für die Welteroberung, sehen uns getarnt nicht. Sie lassen es zu, genauso wie die menschlichen Gegner, dass wir einen nach dem anderen von ihnen getarnt ausschalten. Mit dem Bogen haben wir dann zusätzlich noch eine One-Shot-Kill Waffe, mit der wir– anders als mit den normalen Waffen – trotz Schuss getarnt bleiben. Zwar ist die Pfeilmunition in unserem Inventar stark limitiert, jedoch bietet der Level meist viele Munitionskisten und die Pfeile lassen sich nach dem Schuss wieder einsammeln.

Doch nicht nur das: Dank unserem Visor, einem High-Tech Fernglas, dürfen wir Gegner, Minen, Geschütztürme, Munition und sammelbares markieren. Sogar durch Wände hindurch. Minen und Geschütztürme lassen sich zudem zu unserem Vorteil hacken. Kurz gesagt: Wer ständig mit aktiviertem Visor herumläuft, der sieht sofort was ihn hinter der nächsten Ecke erwartet. Und im Gefecht wissen wir genau wo der Gegner sich versteckt.

 

 

Der Visor zeigt uns hier durch das Hindernis an, dass ein feindlicher Wachturm auf uns wartet.

 

 

 

 

Ein Beispiel dazu: In einer Szene müssen wir durch hohes, dichtes Gras um das Ziel zu erreichen. Im Gras allerdings huschen flinke und verdammt gefährliche Aliens herum. Mit gezücktem Visor jedoch wusste man sofort wo die Biester stecken. Die Spannung ging damit leider flöten.

 

 

 

Zunächst markieren wir die Gegner...

 

 

 

 

 

 

 

...anschließend gehen wir unsichtbar mit dem Bogen auf die Jagd.

 

 

 

 

 

 

Diese List mit unseren Fähigkeiten auszuspielen macht zwar viel spaß, fühlt sich jedoch etwas zu übermächtig an. Auch ohne Heimlichkeit bleibt dieses Gefühl bestehen. Wird es uns im Kampf zu heiß, so machen wir uns einfach unsichtbar, schauen durch den Visor ob neue Gegner aufgetaucht sind, wechseln zur nächsten Deckung, laden auf, gehen in den Panzerungsmodus und schießen wieder los.

Das ändert sich zum Glück, sobald wir den Schwierigkeitsgrad hochstellen. Dann werden die Gegnermassen herausfordernd und wir müssen geschickt mit unseren Fähigkeiten spielen.

Eine schöne Neuerung: Um unseren Spielstil zu optimieren, bietet uns das Spiel nun an, vier Eigenschaften aus einem Pool zur Verbesserung unserer Fähigkeiten zu wählen. Grob gesagt lassen sie uns besser schleichen oder besser kämpfen. Die Verbesserungen schalten wir mit Upgradekits frei, die sich überall in den Level mal mehr, mal weniger gut versteckt, finden lassen.

 

 

 

Der Anzug darf jetzt verbessert werden.

 

 

 

Das Highlight: (Überraschung) Die Optik!

Crysis dient als Synonym für Prachtoptik, Benchmarks und abgerauchte Grafikkarten.

Crysis 3 steht dem in nichts nach. Das Spiel sieht einfach nur wieder fantastisch aus. Der Mix aus zerstörter Großstadt und dichtem Jungel sieht nicht nur toll aus, sondern verbindet auch die Jungelinsel des ersten Teils mit dem grauen New York des zweiten Teils.

Anders als Crysis 2, setzt Teil 3 wieder starke Hardware voraus, um flüssig in Prachtoptik spielen zu können. Sehr gut, denn das ist es immerhin, was wir PC Spieler wollen. Weswegen stecken wir denn sonst so viel Geld in die Leistung des Rechners? Und es lohnt sich: Jeder noch so langweiliger Tunnel oder Gang ist scharf texturiert, steht voller Details und wird richtig stimmig beleuchtet. Schon alleine im ersten Level, wenn wir uns durch strömenden Regen kämpfen, staunt man bereits über die grandiose Optik. Wer dann aber zum ersten mal den Jungel innerhalb des Liberty Domes sieht, ist endgültig überwältigt. Und auch die Gesichter und Animationen der Charaktere sehen fantastisch aus.

 

 

Die Jungel-Optik ist einfach der Hammer.

 

 

 

 

 

 

Negativ wäre vielleicht nur zu erwähnen, dass es einige wenige Grafikpatzer gibt, die das ganze minimal trüben. Etwa, wenn wir mal die Gelegenheit bekommen über die Levelgrenze hinausschauen und uns dort matschige Modellierungen auffallen. Aber das ist Kritik auf ganz hohem Niveau.

 

 

Selbst langweilige Innenräume sind sehr ansehnlich.

 

 

 

 

Persönliches Fazit

Hätte mir jemand aus der Zukunft damals beim Spielen von Crysis 1 gesagt: „In Teil 3 wirst du die Aliens mit einem Bogen jagen! Cool oder?!“, dann hätte ich ihn wohl vor die Tür gesetzt und inständig gehofft, es würde bitte nicht so kommen. Nun, so schlimm finde ich den Bogen im Endeffekt zwar nicht, für mich passt er jedoch nicht in das Bild eines Supersoldaten.

Am meisten stört mich jedoch die Sache mit der epischen Geschichte, die keine epische Geschichte ist. Die Optik macht so viel her und sorgt für cineastische Szenen. Die Animationen sind klasse, besonders die Gesichtsmodellierung ist der Hammer. Warum wurde daraus nichts Vernünftiges gemacht? Warum legt das Spiel so viel Wert auf eine tolle Inszenierung und aufwändige Szenen, wenn es mir wegen der Wirrwarrsrtory nur darum geht in den nächsten Level zu springen um wieder das richtig gute Gameplay zu genießen? Ich sehe ja ein, dass man sich durch die Wiki Einträge lesen und sich somit die Geschichte selber zusammenstellen kann. Aber sowas möchte ich vom Spiel vernünftig erklärt bekommen. Mir kommt es einfach so vor als hätte sich Crytek zu sehr verrannt.

Aber: Das Spiel hat meinen Rechner endlich mal wieder richtig in die Knie gezwungen. Crysis 3 sieht wirklich super aus. Und ein gewisser Wiederspielwert ist auch gegeben.

Achja: Prophet gefällt der Bogen am Ende des Dialogs vom Beginn dann schließlich doch noch.

 

 

 

 

 

 

 

Wer leidet hier denn wirklich unter dem Krieg? Diese arme Schildkrötenfamilie kann nichtmal schnell genug wegkrabbeln! ...ein Scherz

 


Wertung
Pro und Kontra
  • Tolle Grafik
  • Guter Sound
  • Große, lange Level
  • Viele Möglichkeiten und Herangehensweisen
  • Wiederspielwert
  • Cineastische Inszenierung
  • Fragwürdiges Kuppel-Setting
  • Zu viel Wertlegung auf eine Story, die es nicht Wert ist
  • -bis auf Psycho- flache Charaktere
  • Bogen passt nicht so recht zu einem Supersoldaten
  • Bemühte deutsche Synchro
  • Etwas zu kurz
  • Etwas zu starke Fähigkeiten

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



Kommentare(4)

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