Da explodiert einem ja der Kopf!

Zwei Kabel fehlen noch! rufe ich angespannt in das Mikrofon. Prompt erfolgt die Antwort, gemischt mit heftigem Atemgeräuschen: Wie sieht das nächste...

von Weltensohn am: 27.10.2015

"Zwei Kabel fehlen noch!" rufe ich angespannt in das Mikrofon. Prompt erfolgt die Antwort, gemischt mit heftigem Atemgeräuschen: "Wie sieht das nächste Kabel denn aus?" - "Das hab ich dir doch schon gesagt, blau-rot, mit LED und Satanssternchen." Mein Blick wandert auf den Timer und meine kaltschweißigen Hände beginnen, zu zittern: "Nur noch elf Sekunden, beeil dich!" Panik erfüllt mich. Es kann doch nicht wieder schief gehen, wir sind doch so kna- "Wie viele Batterien sinds nochmal?" Durch diese Unterbrechung aufgeschreckt fokussiere ich mich wieder. "Genau 2!" - "Und die Seriennummer?" - "3RD1CU" - "Durchschneiden!" Ein flotter Klick mit der Maus, und das Kabel ist durch. Ein Blick auf den Timer - 00:02. Ich brauche kurz, um dieses Ergebnis zu realisieren, ehe ich euphorisch ins Mikrofon rufe "YES!"

 

 


Wer sich jetzt fragt, was dieser wirr klingende Einstieg in meiner Rezension zu suchen hat: nun, so ging es mir, als wir die letzte Hardcore-Bombe in "Keep Talking and Nobody Explodes" entschärft hatten. Um diese kleine persönliche Meisterleistung zu vollbringen, haben wir 55 Versuche benötigt. Kleinigkeiten hatten den Erfolg zuvor behindert - zu langsames Lösen der Rätsel, Fehlinformationen, falsche Kombinatorik und viel wirre Vorgehensweise. Doch nun ist es geschafft, nach 39 mühsamen, aber wahnsinnig belohnenden Stunden. Der Stolz schwebt spürbar in der Luft, Schweigen legt sich über den davor so heftig benutzten Voice-Chat-Kanal. Dann brechen wir in Jubel aus.

Wir? Hardcore-Bomben? 39 Stunden? Am besten beginne ich ganz vorne, denn "Keep Talking and Nobody Explodes" ist ein spielerisches Kleinod, welches ein gewagtes Konzept und organisatorische sowie intellektuelle Meisterleistungen der Spieler fordert, und dabei trotz einiger Mängel und dem immer gleichen Aufbau nicht nur einen Abend zu füllen weiß.

 

 

 

Der Name ist Programm

"Keep Talking and Nobody Explodes" ist ein am 08. Oktober 2015 erschienener Early-Access-Titel, welches ganz ohne Publisher vom Entwickler Steel Crate Game gestemmt wurde. Dabei verlässt es sich vollständig auf ein Gameplay-Konzept, welches ich so persönlich noch nie in einem Multiplayerspiel erlebt habe.

Im Kern geht es um die Entschärfung verschiedener Bomben, die sich aus einem bis hin zu 12 Modulen auseinandersetzen. Jedes Modul folgt einem eigenem Schema, so gut es beispielsweise Module mit Knöpfen in speziellen Farben, die bei (längerem) Drücken einen Farbindikator überwinden, der dann Aussagen darüber macht, wann der Knopf wieder loszulassen ist. Doch Achtung: ein Knopf mit der Aufschrift "HOLD" könnte genauso gehandhabt werden, wie einer mit der Aufrift "PUSH". Ein weiteres Beispiel sind Drähte, die verschiedenartig verbunden sind, und von denen bestimmte durchtrennt werden müssen. Gesamt gibt es elf verschiedene Typen von Modulen, die sich z.T. nochmal durch spezielle Unterschiede voneinander unterscheiden, so gibt es beispielsweise mehrere Typen des Draht-Moduls, die alle unterschiedliche Herangehensweisen erfordern.

Doch woher weiß ich nun, was ich machen muss, wenn ich nichtmal den so bequem beschrifteten Knöpfen trauen kann? Hier kommt das interessante Konzept zum Einsatz, welches ich bereits mehrmals angeteased habe. Neben dem Spieler, der die Bombe und ihre Module, sowie den darauf angebrachten Timer mit der Zeit und den bisher erhaltenen Strikes (wie viele Fehler man bisher gemacht hat) auf dem Monitor sieht, gibt es noch einen zweiten Partner, der entweder daneben sitzt, oder sich in einem anderen Raum (oder an einem anderen Ort) aufhält. Der Clou: der Partner hat eine Anleitung entweder am PC oder ausgedruckt bei Hand, um somit anhand dessen, was ihm der betrachtende Spieler erklärt, die Bombe zu lösen. Nur ist diese Anleitung ebenfalls in umfangreiche Tabellen unterteilt. Man muss einzelne Faktoren kombinieren, so ist beispielsweise entscheidend, wie viele Strikes man schon hatte, ob die Seriennummer Vokale enthält und wie viele Batterien auf der Bombe angebracht sind.

Mein Partner war ein ehemaliger Schulfreund, der nun im Ausland studiert, der sich bereitwillig als "Manual-Guy" geopfert hat. Die Anleitung ist nur in Englisch vorhanden, deshalb sind ausreichende Englischkenntnisse (ich würde mich in etwa auf A2-B1 festlegen) Pflicht! Außerdem muss man ein großes Maß an kombinatorischem Geschick aufweisen, da besonders bei späteren Bomben zunehmendst die Zeit pro Modul sinkt, während die Anzahl der Module und deren Anspruch steigt. Daher also auch der Name des Spiels - solange man miteinander kommuniziert, ist man auf dem richtigen Weg.

 

 

 

Einseitiges Vergnügen

Während mein Schulkollege also meinen Schilderungen der Bombe interessiert folgt, kombiniert und durch die steigende Herausforderung einen wahnsinnigen Spaß (laut ihm: "Es ist, wie den Rubik's Cube langsam zu durchschauen, einfach geil!") hat, gefiel mir das Kombinieren mit der Anleitung weniger. Zwar bin ich der bessere Englischsprecher von uns zweien, aber die Kombinatorik liegt mir, als jemand, dessen zentrale Kompetenzen im linguistischen Bereich liegen, nicht wirklich. Anfangs haben wir uns noch abgewechselt mit den Bomben, sodass wir beide zum Handkuss kamen, doch schon bald haben wir uns darauf geeinigt, dass ich der Betrachter bin, während er die Rätsel löst. Sollten allerdings beide Spieler eine Tätigkeit intensivst bevorzugen, wird gemeinsames Spielen zu einem schweren Fall.

Wir hatten nichtsdestotrotz unseren Spaß, da diese strikte Trennung für uns beide in Ordnung ging - danke nochmals hierfür, Lukas! So haben wir uns also unseren Weg gebahnt durch das immer anspruchsvoller werdende System aus Schaltern, Drähten, Knöpfen, und immer dem Ticken der Uhr nur um gefühlte Millisekunden vorraus... wenn denn alles glatt ging. Nur wenige Bomben klappten wirklich beim ersten Versuch, und auch da nur, da man regulär 1-2 Strikes zur Verfügung hat. Das bedeutet, dass der erste (und evtl. auch noch der zweite) Fehler toleriert werden, insofern man diese Anzahl nicht überschreitet und die Zeit nicht abläuft, bevor man mit der ganzen Bombe (sprich: mit jedem einzelnen Modul) fertig ist.

Stichwort Zeit: Die ist, mit Ausnahme der ersten vier Missionen, durchwegs knapp gewählt, die Zeitspanne beträgt meistens zwischen 03:00 und 05:00 Minuten. Die dauernde Präsenz des leisen Klickens, des schwer ignorierbaren Blickes auf den Timer und der ständige dadurch resultierende Stress lassen diese Minuten allerdings wie gefühlte 3 Stunden wirken. Wenn mittendrinnen plötzlich das Licht ausfällt, gewohnte Muster so nicht funktionieren, ein Wecker mit seinem schrillen Klingeln das Geschehen kurzzeitig noch chaotischer und desorganisierter werden lässt (aufgrund der hohen Konzentration fällt der Schock ziemlich heftig aus!), wird diese Zeitspanne nochmals gefühlte Tage länger.

 

 

 

Weitere Besonderheiten des Spiels

Dieser Zeitdruck ist besonders bei den Hardcore-Bomben spürbar, die Luft wird dick wie Beton, und der Mund vom vielen Reden trocken und heiser - ein Glas Wasser vorzubereiten, zahlt sich aus! Die Hardcore-Bomben unterscheiden sich im wesentlichen dadurch von den regulären Bomben, als dass sie keine Strikes zulassen, und oft noch weitere kleine, aber entscheidende Gameplay-Veränderungen einbauen. Diese werde ich an dieser Stelle nicht spoilern, damit man die Hardcore-Bomben auch wirklich möglichst unvoreingenommen entschärf... explodieren lassen kann. Denn das wird passieren, besonders, wenn man nur zu zweit spielt. Auf YouTube und Twitch haben sich viele die Taktik zugelegt, mit zwei oder drei weiteren Personen zu spielen, und die einzelnen Module auf diese aufzuteilen, indem sie jeder Person gleich zu Beginn die erforderlichen Informationen bereitstellen. Dies führt zu einem spürbar geringeren Zeitdruck, macht aber ein - mehrfaches - Versagen nicht weniger häufig.

Eine weitere coole Funktion ist, dass man, nachdem man die Kampagne und die Hardcore-Bomben durch hat, mittels eines Editors selbsterstelle Bomben löst. Diese werden anhand von zuvor festgelegten Parametern zufällig generiert. So erhält man beispielsweise freie Hand bei der Maximalanzahl an Strikes, der Anzahl der Modulen, dem Zeitlimit, und vielem mehr.

Die meiner Meinung nach zwei coolsten Besonderheit aber kommen erst noch: erstens bietet "Keep Talking and Nobody Explodes" Support für Oculus Rift, was das Erlebnis nicht nur noch intensiver, sondern auch weit realistischer macht, was die Körpersprache und Biochemie angeht, weshalb ein Ventilator bei langen Spielsessions eventuell... sehr nützlich wäre, um sich gezielt abzukühlen, und zweitens führt es zu einer spürbar persönlicheren Bindung zu seinem Spielpartner/seiner Spielpartnerin. Was uns zu Beginn nicht bewusst war, war, dass wir während dem Spielen neue Wörter und Insider quasi "on the fuse" erschaffen haben. Um schnell zu kommunizieren und die wenige Zeit so effizient wie nur möglich zu nutzen, sind Abkürzungen und leichte Begriffe für einige Module Pflicht, und diese entstehen in jeder Konstellation anders. Selbst ein und der selbe Beobachter mit unterschiedlichen Leuten mit Anleitung kreiert so neue Begriffe, die sich sofort im Kopf verwurzeln. Beispiele aus meiner "Sammlung" mit meinem Schulkollegen sind beispielsweise das bereits obens erwähnte "Satanssternchen", das "Dreiecks-TM", oder das "Brüste-W". Mal schaun, ob jemand beim Selberspielen diese Wortspielchen errät.

Außerdem ist auch die Vorgehensweise je nach Partner zum Teil grundverschieden: als ich meinem Vater das Spiel gezeigt habe, waren wir aufgrund anderer Herangehensweise beispielsweise bei den Drähten effizienter, nur um die gewonnene Zeit beim Knopf-System wieder effektiv zu verschleudern. So findet man auch individuelle Schwächen in seiner Organisation, Koordination und die Stärken sowie Schwächen seines Denkens, seiner Wahrnehmung und Sprache. Dies zu beobachten und im Nachhinein zu reflektieren ist sehr interessant, und hat mich hochgradigst unterhalten!

 

 

 

Alles also rosig?

Liest man sich die Rezension bisher durch, hat man vermutlich eine Wertung in den hohen 80ern oder gar einen 90+ Titel im Kopf. Ist "Keep Talking and Nobody Explodes" also wirklich ein perfektes Spiel, das erfolgreiches Teamwork belohnt wie kein anderes Spiel je zuvor?

Die Antwort ist simpel: jein. Während das Gameplay enorme Stärken aufweist, ist es auch gleichzeitig die größte Schwäche des Spiels. Aufgrund der immer wieder wiederholenden Muster (man muss ja nur jedesmal die Umstände und Parameter ändern) setzt sich nach einiger Zeit ein Gefühl der Eintönigkeit durch. Spannend wird es in der Kampagne erst wieder, wenn man mit allen Hauptmissionen durch hat und die Hardcore-Missionen freigeschalten hat. Doch auch hier sind es im Kern altbekannte Elemente, die nur um weitere Funktionen erweitert worden sind.

Außerdem setzt das Spiel beinahe zwingend einen fixen Mitspieler/Partner vorraus. Wer den nicht hat, geht leer aus. Zu lange ist die gemeinsame Einspielzeit, um wirklich effizient zu arbeiten und zu kompliziert das finden von X Komplizen, um die Bomben erfolgreich zu entschärfen.

Bei der Grafik bekleckert sich das Spiel ebenfalls nicht mit Ruhm, schneidet aber auch nicht so tragisch ab, wie man es vielleicht erwarten möge. Trotz Indie-Faktors gibt es keine Klötzchen- oder Pixeloptik, sondern scharfe Texturen. Diese sind allerdings extrem Detailarm, und da eben alles auf Modulen aufgebaut ist, wiederholt sich auch alles sehr bald, und man hat schnell das Gefühl, bereits alles gesehen zu haben. Dies bestärkt auch das Gefühl des eintönigen Gameplays, welches hauptsächlich durch die persönliche Kommunikation auflebt und zu bestechen weiß.

 

 

 

Mission accomplished?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass "Keep Talking and Nobody Explodes" das Spektrum der Knobelspiele um eine interessante und - in meinem Augen essentielle - Komponente erweitert hat, obwohl es das Element des Teamworks und der dafür benötigten Kommunikation schon lange gibt. Doch Steel Crate Games treiben dieses System durch geschickt gestellte Anforderungen an den/die Spieler auf die Spitze des Bombenentschärf-Eisbergs. Nur gut, dass dieser auch bitter benötigt wird, um den rauchenden Kopf adequat zu kühlen, denn die Kopfnüsse verlangen aufgrund des Zeitdrucks selbst einem geübten Spieler einiges ab.

Leider trüben die Anleitung, die nur in Englisch verfügbar ist, und die detailarme Grafik das Gesamtbild etwas. Gemeinsam mit der immer stärker werdenden Eintönigkeit (das Spiel verzichtet auf jederlei Story, Cutscenes oder sonstiges) führt dies zu einer nicht unerheblichen Beeinträchtigung des Spielspaßes, welcher somit schlussendlich von der Chemie zwischen dem Spieler und seinem Helfer/seinen Helfern getragen wird. Erfolgreich entschärfte Bomben verschaffen aber immer ein positives Gefühl, etwas erreicht zu haben, und besonders bei den ersten paar Bomben habe ich mich dabei beobachtet, hämisch zu grinsen, und mich fast wie ein echter Teil einer Eliteeinheit für (virtuelle) Bombenentschärfung zu fühlen. Zu gut ist dafür der Realismusgrad, wenn man mit Oculus Rift (ich habe mir dafür ein DK2 von einem Freund für zwei Wochen ausgeliehen) und einem Paar guten Kopfhörern spielt. Auch, wenn man die Anleitung vor sich ausgedruckt liegen hat, wird das Gefühl der Immersion durch die haptischen Einflüsse nochmals verstärkt.

Wer nun Interesse an dem Spiel bekommen hatte, sollte meiner Meinung nach also primär eines abklären: habe ich einen Spielpartner, den ich gut kenne, und mit dem ich gut kommunizieren kann? Falls die Antwort auf diese Frage "Ja!" ist, kann ich nur empfehlen, sofort zuzuschlagen, wenn die weiteren Kritikpunkte keine allzu abschreckende Wirkung hatten. Der Preis ist mit 15€ meines Erachtens nach nämlich genau richtig angesetzt, das Warten auf Steam Sales oder ähnliches kann also hier gerne unterbleiben.

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Wertung
Pro und Kontra
  • gut umgesetztes Konzept
  • spannendes Gameplay mit echtem Nervenkitzel-Faktor
  • individuelle Wortneuschöpfungen mit Insider-Status entstehen
  • "Profi-Feeling" kommt besonders zu Beginn auf
  • Fairer Schwierigkeitsgrad mit angenehmer Hinführung auf diesen
  • Oculus Rift Support!
  • Anleitung nur auf Englisch
  • der mit der Anleitung hat die meiste Arbeit
  • fixe(r) Partner nahezu ein Muss
  • auf Dauer eintöniges Missionsdesign
  • zwecksmäßige, aber scharfe Grafik

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(1)

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