Dark Souls war wenigstens ehrlich!

Dark Souls ist ehrlich. Wenn du tot bist, dann hast du auf die Schnauze gekriegt. Sekiro nicht, da kriegst du auf die Schnauze, belebst dich wieder und dann...

von DanieD00 am: 03.05.2019

Dark Souls ist ehrlich. Wenn du tot bist, dann hast du auf die Schnauze gekriegt. Sekiro nicht, da kriegst du auf die Schnauze, belebst dich wieder und dann bricht man dir auch noch einen Knochen. Also vom Prinzip her wie eine Schlägerei auf dem Schulhof mit Spucken und Treten. Und damit ein großartiges Spiel von From Software. Aber lasst mich von vorne beginnen, nämlich auf einem Schlachtfeld.

Der Mann, der nicht sterben kann

Während der späten Sengoku-Ära erobert der Kriegsherr Isshin Ashina das Land der Ashina. Während jener Schlacht um Ashina wird ein Junge - Sekiro - vom Meistershinobi Uhu aufgenommen und in die Lehren der Shinobi eingewiesen. Sekiro schwört, den göttlichen Erben Kuro zu beschützen, scheitert aber dabei und verliert einen Arm. Sein Ziel: Kuro retten, Rache nehmen und herausfinden, warum er nicht sterben kann.

Die Story ist recht simpel, dafür aber auch leicht verständlich und bietet weiterhin viel Environmental Storytelling. Sie hat einige nette Twists und bleibt spannend.

Ich spiele Sekiro, einen Shinobi, der im Dienst des göttlichen Erben Kuro steht. Was es mit dem göttlichen Erben auf sich hat und ob Sekiro Rache nehmen kann, erfahre ich in der rund 30-stündigen Kampagne.

Er tötet mich, ich stehe auf und tötet mich nochmal!

Als Sekiro kämpfe und schleiche ich mich durch Ashina und dessen Umland, bekämpfe verschiedenste Feinde mit unterschiedlichen Movesets und schlage gnadenlose Bosse. Ich klettere Dächer und Klippen hoch, springe über Abgründe und benutze meine Armprothese als Kletterhaken, um an sonst unerreichbare Orte zu gelangen. Das fühlt sich wunderbar dynamisch und gut an. Sekiro spielt sich allgemein relativ schnell und flüssig.

Dank meiner Shinobifähigkeiten kann ich mich größtenteils auch leise und unerkannt durch die Gebiete bewegen. Trotzdem werde ich nicht drumherum kommen, zu kämpfen. Und das ist auch gut so. Denn der Kampf in Sekiro: Shadows Die Twice ist das mit Abstand beste Feature des ganzen Spiels - und auch abgesehen davon das beste Kampfsystem, das ich kenne. Grob gesagt funktioniert es so: Es gibt den Lebensbalken und den Haltungsbalken. Der erste Balken zeigt nur die Lebenspunkte an, der zweite ist jedoch das Salz in der Suppe. Während eines Kampfes haben mein Gegner und ich diesen Balken. Er steigt, wenn Schaden ausgeteilt wird oder Angriffe geblockt werden. Ist der Balken des Gegners voll, ist seine Haltung gebrochen und ich kann ihn sofort töten. Ist meiner voll, bin ich wehrlos und werde meistens einen Treffer einstecken. Bei Bossgegnern ist es sogar noch härter, da ich Todesstöße vollführen muss, um sie zu besiegen. Sprich, ich muss meistens mindestens zwei mal die Haltung brechen und den finalen Schlag ausführen. Stirbt Sekiro, bekommt er noch eine zweite Chance, wenn er denn möchte. Ich kann dann entscheiden, ob ich wieder auferstehen möchte oder tot bleiben will.

Als kleines Beispiel einer der ersten Bosse: Links unten sind meine Lebenspunkte, links oben seine. Die roten Kreise sind die Leben, die der Gegner übrig hat. Erst, wenn beide Kreise grau sind, ist er besiegt. Der gelbe Balken oben in der Mitte ist die gegnerische Haltung.


Um Kämpfe noch fordernder zu gestalten, geht die gegnerische Haltung schnell wieder runter. Und da ich sie nur brechen kann, indem ich angreife und Gegenangriffe blocke oder sogar pariere, muss ich aggressiv vorgehen. Das ist es, was das Spiel so interessant und gut macht. Ich kann mich nicht ausruhen, ich habe nicht die Zeit dafür. Ich muss zuschlagen, schnell denken, ich muss mich konzentrieren und ich darf im Normalfall NICHT ausweiche. Ja, richtig gelesen, egal wie mächtig ein Angriff aussehen kann - er ist blockbar, sofern kein rotes Kanji-Zeichen über Sekiros Kopf erscheint. Tut es das doch, dann darf und sollte ich ausweichen. Oder ich benutze den nützlichen Mikiri-Konter, eine Spezialfähigkeit, mit der ich die Haltung leichter brechen kann und den Angriff trotzdem blocke, indem ich in den Angriff reinrenne. Spezialfähigkeit? In einem Soulslike? 

Die Gebiete in Sekiro sind meist groß und verschachtelt. Es belohnt neugierige Spieler, manchmal kann man Secrets finden.Das blaue Schimmern in der Ferne ist eine Figur des Bildhauers, einer der vielen fair platzierten Checkpoints.

Wäre es doch so einfach, wäre es langweilig!

An Figuren des Bildhauers kann ich Sekiro, sofern ich mit Erfahrungspunkten im Level aufgestiegen bin, Spezialfähigkeiten kaufen. Die sind unterteilt in Kampfkünste, latente Kampfkünste und Shinobi-Kampfkünste. Während die letzten beiden Varianten passive Boni und Fähigkeiten bringen, kann immer eine Kampfkunst ausgerüstet werden. Das ist nichts anderes als ein Spezialangriff, so kann ich mit dem mächtigen Ichimonji die Haltung schwer beschädigen, bin dafür aber auch kurze Zeit wehrlos und kann mich nicht bewegen. Viele der Fähigkeiten sind zudem sehr nützlich. In der Luft parieren? Mit dem Mikiri-Konter in gegnerische Angriffe reinrennen und sie blocken? Blitze zum Gegner zurückschleudern? Mit genug Fähigkeitspunkten ist das möglich. Mit esoterischen Texten kann ich weitere Fähigkeitsbäume freischalten, die sich dann auf bestimmte Felder spezialisieren, bspw. Prothesenmodule. Die Armprothese kann modifiziert werden, wenn ich die nötigen Bauteile finde. Dann kann ich Shuriken werfen, Feuerrohre verwenden, Schirme auswerfen, die gegnerische Angriffe mühelos blocken oder schlage mit einer Axt Schilde kaputt. Mit Sen und Bauteilen kann ich die Module sogar noch weiter verbessern. Oder ich kaufe mir bei den vielen, teilweise sehr gut versteckten Händlern Gegenstände wie Konfekte, die bspw. meine Angriffskraft erhöhen.

Im Fähigkeitenbaum kann ich mit genügend Punkten neue Skills freischalten.

Aber all das macht das Spiel nicht unbedingt leichter. Die Bosse sind das Highlight des Spiels, wer an sie nicht vorbeikommt, hat ein Problem. Ich muss lernen, wie ich sie besiegen kann. Ich kann nicht ständig leveln und Gegenstände benutzen. Ich muss es alleine schaffen, denn Koop gibt es hier ebenso wenig wie einen leichten Modus. Meine Lebenspunkte und allgemeine Angriffskraft kann ich ebenfalls nur dann erhöhen, wenn ich Bosse besiege. Pro Boss kriege ich entweder eine Perle oder eine Erinnerung. Vier Perlen erhöhen die Lebenspunkte, eine Erinnerung Sekiros Angriffskraft. Und beiße ich endgültig ins Gras, dann verliere ich erstens die Hälfte meines Geldes und meiner Erfahrungspunkte und die Chance steigt, dass ein Händler oder eine wichtige Figur krank wird. Dann kann ich nicht mehr ihre Nebenquest beenden (sofern sie eine hat) und meine Chance auf göttliche Hilfe verringert sich. Die sorgt nämlich dafür, dass ich gelegentlich eben nicht mein Geld und meine Erfahrung verliere. Man kann allerdings mit bestimmten Items die Krankheit wieder heilen. Und natürlich: Raste ich bei der Figur des Bildhauers, kommen alle Gegner bis auf Bosse zurück.

Gegner zu belauschen lohnt sich! In der Nähe ist ein gefesselter Oger. Von den Jungs da unten erfahre ich, dass er Angst vor Feuer hat. Jetzt brauche ich nur etwas, das Feuer erzeugt.

Sekiro im Märchenland?

Was die Technik betrifft, so hab ich nichts zu bemängeln. Sekiro lief flüssig auf meinem PC mit einer GTX 1060 Ti, FX-8350 und 16 GB RAM auf höchsten Einstellungen. Zwar sind einige Texturen gelegentlich matschig, dennoch sieht das Spiel selbst sehr ansehnlich aus und bietet auch einige sehr schöne Landschaften, gerade gegen Ende des Spiels. Dennoch hätte etwas Abwechslung nicht geschadet. Es gibt z.B einen Berg mit einem Tempel, eine Sumpflandschaft oder eine brennende Stadt bei Nacht und Regen. Dafür ist die Atmosphäre gut gelungen. Dazu trägt auch die grandiose Musik bei, die gerade bei Bossen das Blut zum Kochen bringt. Besonders der unfassbar harte Endkampf und bspw. ein Bosskampf im Hauptteil des Spiels auf einem Turm gehören zu den Momenten, die ich wahrscheinlich nie wieder vergessen werde. Nicht nur, weil sie schwer waren, sondern auch und vor allem wegen der wirklich großartigen Musik.

Zwischensequenzen sind spärlich vorhanden, dafür toll inszeniert und kündigen meist einen üblen Bossgegner an.

Schlusswort

Sekiro ist unbarmherzig und unfassbar schwer teilweise. Es verlangt Geduld, aber auch Konzentration, Schnelligkeit und Aggressivität. Und man muss umdenken. Ausweichen bringt nicht mehr viel, parieren im richtigen Moment ist angesagt. Cleveres Ausnutzen der Umgebung ist notwendig, um Vorteile zu erhalten. Doch es ist nie unfair. Auch hier gilt: Wenn ich sterbe, dann war ich einfach nicht gut genug. Aber ich will ihn belohnen, diesen mutigen Versuch eines neuen Kampfsystems. Einer neuen, spannenden Welt und Charakteren, die ich faszinierend finde. Für den letzten Boss habe ich 60 Versuche mindestens gebraucht. Ich habe nie aufgegeben, ich hab immer weiter gemacht, immer weiter auf die Schnauze bekommen. Ich wollte siegen. Dem Spiel ein Ende machen. Und irgendwann an einem langen Abend habe ich dann auch gewonnen. Gejubelt und gezittert, fast geweint, weil es so schwer war. Ein Moment, den ich nie vergessen werde.

Und das ist es doch, was zählt.

 

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Wertung
Pro und Kontra
  • Simple, aber spannende Handlung
  • Wiederspielwert durch mehrere Enden
  • Environmental Storytelling lädt zur Erkundung ein
  • Grandioses Kampfsystem, das alles abverlangt
  • Kampfsystem belohnt Parieren
  • Bosse ändern Movesets nach Phasen, behält die Herausforderung
  • Sehr schwer, aber nie unfair
  • Checkpoints fair platziert
  • Dynamischer Spielablauf dank Armprothese
  • Prothesenmodule unterstützen und können im Kampf kombiniert werden
  • Größtenteils nützliche Fähigkeiten
  • Steuert sich gut mit dem Controller
  • Siegreiche Gefühle nach hartem Bosskampf motivieren
  • Vorhandene Landschaften sind meist schön...
  • Grandiose Musik
  • ...wobei mehr Abwechslung nicht geschadet hätte
  • Der Weg ist gelegentlich nicht ersichtlich
  • Texturen manchmal veraltet

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(27)

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