Das Beste kommt zum Schluss - die beste Mod 2021!

Im Dezember hat uns ein polnisches Moderteam ganz schön überrascht. Als ich Archolos angefangen habe zu spielen, hätte ich nicht gedacht, ein vollwertiges...

von UnrechtUndUnordnung am: 21.02.2022

Wenn Du noch nie Gothic gespielt hast, ist das der perfekte Einstieg in die Serie. Von der Story her ist es ein Prequel. Deshalb glaube ich auch, dass es loreweise schöner ist, Archolos vor Gothic 1 und 2 zu spielen. Denn man trifft viele Charaktere die später auch in Gothic 1 und 2 auftreten und kennt dadurch ihre Hintergründe und baut noch früher eine Bindung auf. Viele Leute werden sich wohl so freuen, wie die Gothic Veteranen unter uns, als sie in Gothic 2 Charaktere aus Gothic 1 wiedergetroffen haben, wenn sie dann in Zukunft Gothic 1 spielen. Für Gothic Veteranen ist es auch super, ich hatte häufig den "AHA - das hat Charakter XYZ also gemacht vor dem allen, das macht Sinn!"-Moment. Aber auch unabhängig von Nostalgie hat diese Mod viel zu bieten. Denn der Begriff Modifikation ist eigentlich eine Untertreibung für diese Software. Sie baut zwar auf der Engine von Gothic 2 auf, bietet aber eine komplett neue (große) Welt. Das ganze spielt in einer Region, die loreweise zwar in den Gothic-Spielen erwähnt wird, aber innerhalb dieser nie betreten noch groß beschrieben wird. Das hat dem Team viel Kreativität ermöglicht sowie eine Welt zu bauen, die sich perfekt in das Gothic-Lore einbindet, aber sich aber trotzdem vollkommen neu anfühlt. Außerdem: neue Gilden, Rüstungen, Charaktere und und und. Der einzige Manko, an dem man erkennt, dass es sich um eine Mod handelt: die Dialoge sind nur auf Polnisch vertont (optional) und ursprünglich auch auf Polnisch geschrieben. Sonst existiert nur eine unvertonte englische Version. Die meisten Leute werden es wohl auf Englisch spielen und dann ohne vertonte Dialoge. Außerdem merkt man - trotz sehr guter englischen Übersetzung - dass es sich um eine Übersetzung handelt. Das klingt jetzt allerdings schlimmer als es ist. Ich habe teilweise vergessen, dass die Dialoge nicht vertont sind, denn das restliche Worldbuilding, der (für die Mod neu erstellte) Soundtrack und die Soundeffekte sind so gut, dass dieses Manko ohne weiteres ausgeglichen wird.

 

 

Vom Gameplay her ist es ebenfalls wesentlich angenehmer als die originale Gothic 1 und 2. Es ist wesentlich fairer als das unfair schwere und schlecht gebalancete Gothic 2 Die Nacht des Raben. Übernimmt aber die positiven Ansätze der Steuerung von Gothic 2 und entwickelt sie weiter. Es ist definitiv kein leichtes Casual-Spiel und kann durchaus Herausfordernd werden. Es gibt auch ein paar unfaire Kämpfe (halt wie im echten Leben), aber diese sind optional oder können auch verloren werden, ohne dass man deshalb in der Hauptstory nicht weiter kommt. Außerdem erklärt es dem Spieler – in optional in Welt auffindbaren Büchern – wesentlich mehr, als die Originale. Das macht es einsteigerfreundlicher. Deshalb fühlt es sich an und spielt sich - bis auf die zwar aufgehübschte aber trotzdem nicht mehr moderne Gothic 2 Grafik - wie ein modernes RPG. Anderseits: im Laufe des Spiels trifft man immer wieder auf hochaktuelle Themen, wie Verschwörungstheorien oder NPCs die das Gesundheitssystem hinterfragen. Das ganze gut – und teilweise lustig, aber fast niemals lächerlich – in die Welt eingebunden. Auch ernste Dinge wie Flucht, Fluchtursachen und der Umgang mit Geflüchteten werden thematisiert. Man selbst spielt einen Kriegsflüchtling. Dies führt zu dubiosen Situationen, in denen NPCs einen erzählen, der Orkkrieg sei nur eine Erfindung um die Macht der „Eliten“ zu sichern, während man selbst zu Beginn des Spiels sein komplettes soziales Umfeld an die Orks verloren hat. Das lässt die Mod wiederum hochaktuell wirken. Das hätten sich viele kommerzielle Entwickler sicherlich nicht getraut.

 

 

Nach über 50 Stunden bin ich mit der Mod immer noch nicht durch, weil ich mich mit fast jeder Nebenquest aufhalte, die ich tatsächlich hier – anders als bei vielen anderen Spielen – gerne mache. Es sind keine Spielzeitstrecker, es sind clever eingebundene mal kurze, mal lange Geschichten. Und das geniale: in vielen Spielen eskaliert die Hauptquest zunehmend und die Lage wird immer ernster. Niemand würde in einer echten Welt jetzt noch unwichtigen Kleinigkeiten hinterherrennen, sondern versuchen die Lage so schnell wie möglich zu entschärfen. Hier wird man von Questgebern aktiv darauf angesprochen, warum man sich überhaupt um ihre Probleme kümmert in so einer Situation und hat schlaue Antworten darauf. Zum Abschluss ein Beispiel für eine meiner Meinung nach sehr gelungene Nebenquest (spoilerfrei): Wir helfen einen Soldaten auf Fronturlaub mit seiner Jugendliebe wieder zusammenzukommen. Im laufe der mehrere Stunden langen Nebenquest decken wir aber so manch ein dunkles Geheimnis auf und bereisen fast die komplette Map. Am Ende werden wir mit Cutscenen und einem sehr starken Item belohnt. Und von dieser Art Quest gibt es mehrere.

 

Das Tolle an sowohl Haupt- und Nebenquest: es gibt verschiedene Möglichkeiten diese zu Lösen und das hat langfristige Auswirkungen. Und damit meine tatsächliche verschiedene – aufwendigere und weniger aufwendigere – Wege. Nicht „der Spieler hat die Wahl die Gegner mit einem Bogen oder Schwert zu töten“. So werden wir z. B. gerade am Anfang – wo wir selbst nichts haben und nichts können – häufig vor die Wahl gestellt anderen NPCs zu helfen. Kurzfristig ist das viel Arbeit und bringt nichts. Langfristig gedacht: vielleicht wird aus ihnen ja noch was und sie werden hilfreich – oder sie verarschen uns nur. Wer weiß? ;) Das ganze führt dazu, dass man das Gefühl hat mit Menschen und nicht NPC zu sprechen. Das erlebe ich nur noch bei extrem wenigen RPGs. Auch führt es dazu, dass man unmöglich das komplette Spiel bei einem Durchlauf erleben kann und man es mehrfach durchspielen will, weil Entscheidungen einen spürbaren Unterschied machen und langfristige Konsequenzen tragen. Halt wie beim original Gothic 2. Und eben nicht nur „unsrer Spiel kann man mehrfach durchspielen, denn je nachdem ob man bei einer Quest ja oder nein sagt, hat der Endboss ein grünes oder rotes Schwert“. Und hier lasse ich mir einen kleinen Fallout 4 Rost nicht nehmen (das gehört einfach dazu!): Ein Großteil der Hauptstory suchen wir einen Charakter. Zu diesem bauen wir innerhalb der ersten zwei bis fünf Spielstunden (je nach Spielweise) aber auch eine echte Bindung auf und wollen ihn wiederfinden. Dass das ein paar Hobby-Storywriter und Gameplaydesigner um ein Vielfachfaches besser hinbekommen, als die AAA-Industrie sagt sehr viel über deren Zustand aus, aber auch über die Leidenschaft dieses Modder-Teams.

 

Durch diese Mod ist mir tatsächlich wieder klar geworden, dass Gothic 1 und 2 eben NICHT nur wegen ihrer Nostalgie bis heute so eine Rolle in dem Genre spielen. Nichts was Piranha Bytes seit Gothic 2 Die Nacht des Raben herausgebracht hat, kommt hier ran. Ich kann jetzt sofort zehn Quests und Charaktere nennen, an die ich mich in fünf Jahren noch erinnern werde. Das gilt auch auf für Gothic 1 und 2. Bei Risen 1/2/3 und Elex (1) sind es vielleicht zwei pro Spiel. Und da muss ich wirklich nachdenken, die 10 Erinnerung pro Gothic 1/2 und Archolos kommen wie aus der Kanone geschossen, ohne drüber nachzudenken. Es spielt sich auch wesentlich angenehmer als das Kampfsystem in Risen 2/3 und Elex. Diese Mod ist objektiv schlichtweg besser, als das was Piranha Bytes produziert (ohne deren solide RPGs schlechtmachen zu wollen). Es zeigt einfach wie herausragend diese Software ist. Und das Wichtigste: sie ist viel einsteigerfreundlicher und moderner als die original Gothics und öffnet somit diese Spiele für viel mehr neue Leute. Was man glücklicherweise auch an den Steam Charts erkennen kann. Also lieber Leser: das ist deine Chance in eine Klassiker-Reihe einzusteigen! ;D

 


Wertung
Pro und Kontra
  • Einsteigerfreundlich
  • Modernes Gameplay
  • Tolle Nebenquest
  • Hervorragendes Worldbuilding
  • Große Spielwelt
  • Tolle Charaktere
  • Toller Soundtrack
  • Nur auf Englisch und Polnisch verfügbar
  • Keine englische Vertonung
  • Gothic 2 Grafik zwar aufgehübscht, aber trotzdem retro

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



Kommentare(1)

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