Der beste digitale Gitarrenlehrer (ist man selbst)

Der schnellste Weg, Gitarre spielen zu lernen. So oder so ähnlich wirbt Ubisoft für ihr Programm Rocksmith, welches, wenn man alle Iterationen miteinbezieht,...

von der.Otti am: 06.01.2020

522 Stunden zeigt der Spielzeitzähler bei Steam an. Das mag für Leute, welche viel im Multiplayer oder gar MMO's spielen, nach recht wenig aussehen, meine Genres waren das aber nie, dementsprechend kann ich die Titel, in denen ich tatsächlich hunderte Stunden verbracht habe, an einer Hand abzählen. Eines davon ist Rocksmith, welches mit Multiplayer wenig und MMO's so gar nichts am Hut hat und genaugenommen nicht mal ein richtiges Spiel ist. Und dennoch, fast jede Woche wird von Ubisoft ein neues DLC-Paket geschnürt, es gibt eine aktive Mod-Community, man betreibt einen [URL=https://www.youtube.com/user/ubisoftstudiosf/videos]YouTube-Kanal[/URL], in welchem man hin und wieder auch Musiker und Fans, welche selbst Kanäle zum Thema RS betreiben, einlädt. Irgendwas scheint man mit Rocksmith also seit Jahren richtig zu machen. Grund genug für mich, nach all der Zeit mal eine Art Schlussfazit zu ziehen, auch wenn "Schluss" eher relativ zu sehen ist, der Spielzeitzähler wird definitiv noch weiter wachsen.

Fehler? Versucht ihr mal, mit zwei Händen eine Gitarre zu bedienen, während ihr mit der dritten Screenshots macht!

 

Aller Anfang ist Krach

Um loszulegen benötigt man natürlich erst einmal eine waschechte Klampfe, ohne wird es dann doch etwas schwierig. Dazu noch das Spiel (ich empfehle die 2014er Remastered Version, das ursprüngliche Rocksmith von 2011 lässt sich in diese einfügen, dazu später mehr) und, ganz wichtig, das "Rocksmith Real Tone Cable", um das Saiteninstrument seiner Wahl auch an den PC oder die Konsole anschließen zu können. Zwar wird mittlerweile auch die Möglichkeit angeboten, den Ton einer (Akustik)-Gitarre via Mikrofon einzuspeisen, die Erkennung der Noten funktioniert dann allerdings je nach Mikrofon nicht mehr sonderlich gut und es gibt auch keinerlei Effekte mehr, nur die cleane Gitarre. Das RT-Kabel kostet knapp 30€ und ist ordentlich verarbeitet, nach knapp 500 Stunden oder etwa sechs Jahren habe ich vor kurzem erst ein zweites bestellt, weil das erste dann doch mal einen Kabelbruch hatte, dabei bin ich nicht sonderlich penibel mit dem Teil umgegangen. Oder kurzgefasst: es ist seinen Preis wert.

Ist das Spiel installiert und das Kabel angeschlossen, wird beim ersten Spielstart ein kleiner Konfigurationsprozess durchlaufen. Welche Kopfplatte hat die Gitarre, bin ich Links- oder Rechtshänder? Anschließend alle Regler hochdrehen und so laut wie möglich in die Saiten langen, so rockt man doch gerne los! Wenn man dann noch die Anfänger-Option ausgewählt hat gibt es nach der Konfiguration noch ein erstes, kleines Übungsstück, ansonsten findet man sich umgehend im Hauptmenü wieder.

 

Spiel so laut wie möglich? Die Nachbarn werden es danken.


Viele Möglichkeiten, wenig Komfort

Natürlich bieten sich für absolute Einsteiger erst einmal die "trockenen" Lektionen an, welche wirklich mit den absoluten Basics beginnen ala "Wie halte ich das Instrument?" oder "Wie bringe ich den Gurt richtig an?". Allzu trocken sind diese aber gar nicht, es gibt einen Erzähler, der sagt, was zu tun ist, Beispielvideos dazu führen einem vor Augen, wie das Gesagte gemeint ist, sodass auch keinerlei Missverständnisse entstehen und natürlich gibt es auch einen praktischen Teil zu jeder Lektion. Anfangs übt man noch einfache Melodien aus Einzelnoten, dann Akkorde, später folgen so Dinge wie Hammer-Ons und Pull-Offs, Flageolett-Töne, Slides, Tapping und vieles mehr, auch fortgeschrittene Spieler finden hier noch interessante Kapitel.

Oder aber wir toben uns im sogenannten Session-Modus aus, in welchem wir zu einer virtuellen Begleitband jammen, die sich vorher auch noch an unsere Bedürfnisse anpassen lässt. Tempo, Tonart, welche Instrumente sollen uns begleiten? Alles einstellbar, wenn wir die Session dann starten und anfangen zu spielen steigen die virtuellen Mitmusiker mit ein, was ausgesprochen gut funktioniert.

Langsam oder schnell, klassische Rockband oder Synthbegleitung? Alles kein Problem.

Jammen ja, aber ich möchte vorher auch bestimmen, wie meine Gitarre klingt? Auch kein Problem, dafür gibt es den Sound-Designer, in welchem wir uns unsere eigene Kombination aus Verstarker, Effektpedalen und anderen Dingen zusammen basteln, mal mit emulierten Sounds von bekannten Marken (Marshall), mal daran angelehnt, wer sich ein wenig auskennt wird sofort wissen, worauf die knallig-orangenen Amps mit der Aufschrift "Citrus" anspielen.

Die Lektionen vertiefen, ohne gleich einen konkreten Song lernen zu müssen, ist ebenfalls kein Problem, in der Guitarcade finden sich einige passende Minispiele zu entsprechenden Themen, in welchem wir beispielsweise mittels Bendings (also dem ziehen einer Saite) eine Spielfigur lenken oder die Kanonen unseres Raumschiffs abfeuern, wenn wir den angezeigten Akkord rechtzeitig spielen. Das sind nette Fingerübungen, welche man immer wieder mal zwischendurch starten kann und die wohl das einzige an Rocksmith sind, was man tatsächlich noch als klassisches "Spiel" bezeichnen könnte.

Spüre meinen mächtigen Powerchord-Laser!

Herzstück ist allerdings der "Lerne-einen-Song-Modus", in welchen wohl die meiste Zeit einfließen dürfte, vorher allerdings ein paar Worte zur Menüführung. Die ist nämlich öfter mal nervig und krampfig. Je nachdem, in welchem Menü man sich befindet, kommt man mal mit der einen Taste, mal mit einer anderen zurück, manchmal auch mit beiden, manchmal nicht. Das Spiel beenden? Gar kein Problem, wir müssen im Hauptmenü "Escape"drücken, dann mit "Enter" bestätigen und zack... sind wir im Titelbildschirm, in welchem wir ebenfalls noch mal mittels "Escape" abbrechen und anschließend per "Enter" bestätigen müssen. Ein einfacher Punkt "Spiel beenden" im Hauptmenü? Wäre doch viel zu einfach. Alt und F4 werden da zur Gewohnheit, können aber wieder zu weiteren kleinen Fehlern führen. Das alles ist kein Beinbruch, es wird nie unspiel-, beziehungsweise unbedienbar, aber nervig ist es dann doch gerne mal.

Sieht auf den ersten Blick nüchtern und klar aus, die Menüführung ist aber doch gerne mal umständlich und in Teilen sehr nervig.

 

Lerne einen Song... und noch einen... und noch einen...

Im Grundspiel werden bereits über 60 Songs mitgeliefert, welche ein buntes Potpourri von (Rock-)Genres abdecken, egal ob Punk, Metal, Pop, Hardrock oder etwaiger Hybriden. Haben wir uns für einen entschieden und wissen auch, welche Rolle wir einnehmen wollen (Rhythmus-/Leadgitarre, Bass) geht es auch direkt los... und kurze Zeit später dürfte dann auch das erste Mal Überforderung einsetzen. Zwar besitzt das Spiel einen dynamischen Schwierigkeitsgrad, welcher einen zu Beginn nur mit wenigen Noten beschmeißt, aber gerade ungeübte dürften am Anfang nicht wissen, wie sie nun gleichzeitig auf dem Griffbrett schauen, wo die Hand hin muss und den weiterlaufenden Song mit den nächsten Noten im Blick behalten sollen. Und hat man dann mal ein paar Noten getroffen denkt sich das Spiel "Da ist aber einer besser geworden!" und packt plötzlich ein paar neue Noten zwischen die gerade erlernten, auch während eines laufenden Durchgangs, Fingergewurschtel ist da vorprogrammiert.

Hinzu kommt, dass Rocksmith auf ein eigenes Notationssystem setzt, welches erstmal verstanden und dann flüssig gelesen werden muss. Noten lesen war Teil des Musikunterrichts und nie ein Problem für dich? Pech gehabt, klassische Noten gibt es im ganzen Spiel nicht. Du weisst, was eine Tabulatur ist? Das hilft zumindest etwas, man muss sich vorstellen, diese wäre um 90 Grad gekippt und würde auf einen zulaufen. Die Noten sind für die jeweilige Saite farbcodiert und müssen angeschlagen werden, wenn sie auf das am unteren Bildschirmrand dargestellte Griffbrett treffen, auf dem wiederum angezeigt wird, welcher Finger welche Note spielt, oder zumindest spielen soll. Das alles im Blick zu behalten und vor allem umzusetzen, während man einen unbekannten Song zum ersten Mal spielt ist quasi unmöglich, deshalb hilft einem am Ende des Tages nur das klassische "üben, üben, üben". Wer keine Lust darauf hat, erst mal so ein Notationssystem zu erlernen, schaut in die Röhre, hier ist Eigenmotivation angesagt, mit vier, fünf mal spielen kommt man nicht weit, man sollte wenigstens vier- bis fünfhundert Durchgänge einplanen.

Dafür dürfen wir diese auch in Einzelteilen zu unseren eigenen Bedingungen spielen, Rocksmith gibt uns den sogenannten "Riff-Repeater" in die Hand. Drücken wir während eines laufenden Songs die entsprechende Taste rufen wir diesen auf und können nun einen oder auch mehrere Abschnitte des Songs markieren und wiederholen lassen, um gezielt Parts endlos zu wiederholen. Außerdem können wir auch das Tempo und den Schwierigkeitsgrad nach unserem Gusto anpassen, hinzu kommen Optionen, mit denen wir bestimmen können, ob nach einem erfolgreich gespielten Durchgang das Tempo und/oder der Schwierigkeitsgrad ansteigen sollen. So werden auch die schnellsten Solos nach und nach beherrschbar, sofern man selbst die nötige Geduld und Ausdauer mitbringt.

Das Spiel bietet uns zu jedem Song "Aufträge" an, um uns bei problematischen Stellen auf die Sprünge zu helfen.

 

7317,65€ für das "Komplettpaket"

Zumindest aktuell, ohne Rabatt, wäre das die Summe, die ihr hinblättern müsstet, um jeglichen Content zu Rocksmith zu besitzen, einbezogen sind die Basisspiele "Rocksmith" und "Rocksmith 2014 Remastered", das Disc-Import-Tool, mit welchem man fast alle Songs aus Rocksmith auch in der Remastered-Version spielen kann, sowie sämtliche DLC zu beiden Spielen (die DLC zu Rocksmith sind auch zu RS2014 kompatibel und funktionieren komplett ohne die alte Version und das Disc-Import-Tool, umgekehrt geht das allerdings nicht). Spieler, die ihre Spiele "aus Prinzip" komplett haben wollen sollten also besser gut betucht sein oder müssen vom Kauf absehen, zumal diese Summe auch ständig weiter ansteigt. Dennoch: das DLC-System von Rocksmith ist durchaus fair und gut so.

Fast jede Woche erscheint ein neues Songpack, in der Regel drei oder vier Songs zu einem bestimmten Thema, mal einer Band, dann wieder einem Jahrzehnt oder einem bestimmten Genre. Zumeist kostet ein Song 2,99€, kauft man direkt das ganze zugehörige Paket wird es etwas billiger. Der Preis ist durchaus fair, denn für jeden Song müssen auch die entsprechenden Notenspuren zusammen getragen und die Sounds kreiert werden, hinzu kommen virtuelle Kleinigkeiten wie Griffbrettinlays und Kopfplatten, eine Lizenz muss oftmals auch noch eingeholt werden und wenn nicht, wird der Preisvorteil sogar weitergegeben, dass "Classic Melody Songpack" enthält beispielsweise drei bekannte Klassiker (unter anderem "Frere Jaques/Bruder Jakob"), welche von "The Notetrackers" (aka den Entwicklern) in eigenen Versionen interpretiert worden sind, und kostet, trotz unzähliger mitgelieferten Gitarrenspuren, gerade mal soviel wie sonst ein einzelner Song. Soviel Ausdauer und Herzblut sollte, zumindest meiner Meinung nach, belohnt werden.

Zusätzlich gibt es aber auch eine Möglichkeit, mit der man das Songrepertoire erweitern kann, ohne weiteres Geld in die Hand zu nehmen. Rocksmith besitzt eine ziemlich aktive Community, welche Mods, Tools und sogenannte CDLC ("custom DLC") veröffentlicht, also selbst erstellte DLC. Hier warten noch einmal tausende weitere Songs auf spielfreudige Rockschmiede. Allerdings hält sich die Community an ihr selbstauferlegtes Credo, Songs, zu welchen ein offizieller DLC bereits existiert, werden nicht angeboten, ebenso werden CDLC aus der Datenbank gelöscht, wenn ein offizieller DLC erscheint, um erst gar keine Rechtsstreitigkeiten zuzulassen. Außerdem muss man ein wenig mehr ausprobieren und aussortieren, denn während die offiziellen DLC alle mit höchster Qualität produziert werden schwankt diese bei den CDLC logischerweise, da funktioniert mal der dynamische Schwierigkeitsgrad nicht, dann ist der Sound der Gitarre grässlich, es gibt aber auch durchaus User-Content, der so hochwertig ist, dass er sofort ohne Abänderung als offizieller DLC erscheinen könnte.

Ein paar klassische Fehler von CDLC: die Anzeige, wie oft ein Song gespielt wurde, funktioniert nicht, ebenso gibt es keinen sich anpassenden Schwierigkeitsgrad, stattdessen wird man von Beginn an mit allen Noten "beschossen". Aber auch damit kann man Spaß haben wenn man dran bleibt, dann klappen auch 681er-Notenserien.

 

Fazit

Um die 250€ habe ich in den letzten sechs Jahren in das "Spiel" investiert und ich bereue keinen Cent davon, ebenso wenig die hunderten Stunden, die ich mit Rocksmith verbracht habe. Seit mehr als zwei Jahren ist es ein fast tägliches Workout für mich geworden, dutzende Songs, die ich spielen gelernt habe und an die ich mich abends nach dem Feierabend ransetze um auszuspannen und den Kopf frei zu bekommen, mal eine halbe Stunde, mal auch vier, aber vor allem: stetig!

Kann Rocksmith einen Gitarrenlehrer ersetzen? Wahrscheinlich nicht, denn Rocksmith sagt einem nur "falsch", was genau man aber falsch gemacht hat muss man selber herausfinden und sich im Zweifel noch mal ein paar der Lektionen ansehen und -hören. Kann ich mit Rocksmith meine Lieblingssongs auf der Gitarre spielen lernen? Das auf jeden Fall, wenn man sich denn dazu motivieren kann, Lektionen und Songparts zu wiederholen, sich mit dem Notationssystem auseinander zu setzen und nicht im Minutentakt großartige Sprünge erwartet. So etwas wie "Muscle Memory" will antrainiert sein, das geht nicht ohne Zeit und, vor allem, Fleiß. Nur wer willens ist, diesen Fleiß, diese Eigenmotivation, aufzubringen, wer sich stetig ransetzt und übt, für den gilt die unten stehende Wertung.

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Wertung
Pro und Kontra
  • - Unterstützung für Gitarre und Bass
  • - sehr viele Lektionen zu Spieltechniken
  • - sehr große DLC-Auswahl, welche fast wöchentlich erweitert wird
  • - riesige Auswahl an CDLC, welche täglich wächst
  • - es werden von Haus aus nur viersaitige Bässe und sechssaitige Gitarren unterstützt
  • - Notendarstellung hin und wieder verwirrend
  • - nervige Menüführung
  • - starke Latenzprobleme bei manchen Konfigurationen/Anschlussarten (Bild u. Ton ü. HDMI)

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



Kommentare(10)

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