Die Gelungene Fortsetzung eines Klassikers

Civ 6 ist großartig. Das steht fest. Doch es muss sich oft gegen das als besser angesehene Civ 5 durchsetzten. In meinen Augen hat es das schon getan....

von Acribusvirus am: 24.03.2019

Ah... Eine grüne Weide, eine Naturfläche unberührt von Menschenhand. Inmitten dieser Harmonie ein Grüppchen Engländer/Osmanen/Azteken etc. die losgezogen sind, um ihrer Zivilisation Ruhm und Ehre zu bringen. Dieses Bild kennen wohl alle Spieler, die irgendein Civilization je gespielt haben. Und Civilization VI treibt dieses und auch andere Glücksgefühle der Perfektion näher als irgendein Civ zuvor. Civ 6 setzt weiterhin auf den bekannten Kurs, also ein Mix aus Kriegstaktikspiel, Diplomatischen Aktionen und dem Errichten von Städten. So weit, so gut. Aber einigen Civ-Veteranen wird auf der Präsentation 2016 einiges aufgefallen sein: Ein revolutioniertes Bewegungssystem oder die Bezirke, die man erstmals außerhalb um das Stadtzentrum errichten kann. Und viele davon wurden von konservativen Civ-5-Gamern als schlecht angesehen. Auch insgesamt stieß Civ 6 auf eher negative Resonanz. Ich will klarstellen: Civ 6 ist auf gar keinen Fall ein perfektes Spiel. Es macht nur eben sehr viel anders wie sein erfolgreicher Vorgänger. Vielleicht sind die Änderungen auch gar nicht gut.

 

Die Änderungen (Gegenüber Civ 5):

-Bewegungssystem: Truppen laufen jetzt unterschiedlich schnell, je nachdem ob sie über Hügel, Sümpfe oder Wälder laufen. Meiner Meinung nach ist diese Änderung sehr positiv, da sie dem Realismus hilft, der im Rest der Reihe mehr oder weniger in die Tonne gekippt wird (Gandhi nukt die Japaner, die wiederum mit den Australiern ein religiös-totalitäres Imperium aufbauen)

-Bezirke: Die Bezirke wie Campus und Heilige Stätte werden nun rund um das Stadtzentrum gesetzt, weshalb sich das Stadtgebiet langsam füllt. (Gleiches gilt für die Weltwunder). Diese Änderung war nicht wirklich nötig, fügt sich aber sehr schön in die Mechaniken ein.

-Politik: Im Gegensatz zu Civ 5 wählen wir einzelne Karten aus, die Boni für bestimmte Dinge bringen. Funktioniert ein bisschen wie Deckbuilding, was an den begrenzten Plätzen für Kartentypen (Militär, Wirtschaft, Diplomatie und Joker) liegt. Diese Änderung ist sehr Sinnvoll, da man die Politik nun noch mehr dem einigen Spielstil anpassen kann.

Das Hauptspiel:


Das Hauptspiel von Civ 6 ähnelt sich bis auf die oben genannten Änderungen sehr seinen Vorgängern. Was cool ist, dass der Inhalt der Add-Ons Brave New World und Gods and Kings es in das Hauptspiel geschafft habe. Das heißt wir können die ganze Welt einer von uns erdachten Gottheit unterwerfen und Archäologen schicken, um uralte Artefakte auszugraben. Sonst spielt sich Civ 6 sehr gewohnt. Wir farmen Punkte für Große Persönlichkeiten, expandieren im Krieg und führen harte Verhandlungen um strategische Ressourcen, die wir im Krieg benötigen. Die Optik ist wunderschön und auch die leichte Comic-Anhauchung hat seinen Charme. Auch die restliche Präsentation des Spiels ist ordentlich: Das Interface übersichtlich, die Steuerung intuitiv und das Sounddesign ist großartig. Auch der Soundtrack erreicht neue Höhen: Ich erwischte mich schon mehrmals beim Mitsummen der Hintergrundmusik. Besonders Ägypten, Arabien, die Osmanen und die Ungaren haben tolle Soundtrack-Themen. Wenn wir uns im Diplomatiebildschirm bewegen und Kriege erklären, Abkommen schließen und Waren handeln, belohnt uns das Spiel mit tollen Anführeranimationen und in der Landessprache gesprochenen Texten. Allein das war für mich ein Grund, die anderen Herrscher immer wieder abzuchecken. Auch der erste und einzige Ladebildschirm hat für jede Zivilisation einen tollen Text, der von einem genialen Erzähler vorgetragen wird. Civ-Neulinge müssen sich keine Sorgen machen, die Zivilopädie ist so übersichtlich wie noch nie und auch die Schwierigkeitsgrade sind meistens fair und ausbalanciert. Bis auf den Gottheit-Modus, in den sich ja auch nur Leute trauen, die ordentlich was auf den Hintern wollen. Besonders spaß an der Stadtplanung hatte ich, als ich die Bezirke, Wunder und Modernisierungen zusammenpuzzelte und dabei die meisten Boni abgreifen wollte. Bei der Auswahl der Zivilisation kommt dazu, dass jede mindestens eine Spezialeinheit, eine Spezialmodernisierung oder eine Spezialbezirk, und zwei einzigartige Boni hat. So kommen auch schon Rollenspielgefühle auf, da Mansa Musa der Mali enorme Goldboni hat, schon als reicher Onkel aus der Nachbarschaft gilt. Dieses Rollenspiel hat aber auch Nachteile, da wenn man in der Nähe von Dschingis Khan oder von Victoria lebt, immer Angst vor einem Angriff hat, obwohl die Nation eher auf einen friedlichen Diplomatie-Sieg abzielt. Eigentlich kann man jede Nation zu jedem Sieg führen, auch wenn manche besonders geeignet sind. Auch das Agenda-System sorg für Abwechslung. So finden die Herrscher einen netter oder blöder, wenn man gegen eine Agenda von ihnen verstößt oder ihr zustimmt. Pro Volk gibt es eine feste Agenda und eine die zufällig generiert wird. Auch die gewaltige Vielfalt von Einheiten, Gebäuden Bezirken etc. sorgt für Wiederspielwert, da ich als Franzose auf den Bau von Wundern und Massen der Garde Imperiale setzte, bildete ich als Dschingis Khan auf einem Pangea-Kontinent Horden von Handwerkern und Militärpionieren aus, die das Gelände Modernisierten und nützlich machten. Auch die Bedenken hinsichtlich der Stärke der Nationen können hier ausgeräumt werden, da einige Civs wie die Maori und die Polen einem dann doch schon zu stark vorkommen, kann jede Civ doch einen Sieg einfahren. Da wären zum Beispiel die Spanier. Von ihren Boni sind sie so schlecht, dass man schon bald von der Schlechtesten Zivilisation in der Geschichte von Civ spricht - Doch wenn man um den Religionssieg kämpft, kann sie gnadenlos zu stark sein. Um nich eine der weiteren Stärken von Civ 6 anzusprechen, wäre da der WorldBuddy und der großartige Mod-Support. Es gibt im Steam-Workshop schon über 2200 Mods und der WorldBuddy ist ein sehr, sehr einfaches Modding-Tool zum Erstellen von Szenarien, was das Modden erleichtert.

Jetzt aber genug der Lobeshymnen. Auch Civilization VI hat seine Fehler. Mir besonders aufgefallen sind die doch sehr simplen Mechaniken für den Diplomatiesieg, welcher doch wegen der zugrunde liegenden Mechaniken doch eigentlich mehr Komplexität mitbringen sollte. Wenn jemand den Diplomatiesieg errang, dann lief das ja nur darauf hinaus, möglichst viel Diplomatische Gunst zu horten und diese dann beim Weltkongress für Siegpunkte auszugeben. Ich bin eher ein Spieler, der es mag auf dem Weg zum Sieg mit vielen mundgerechten Hürden konfrontiert zu werden. Und schon meistens ist schon im Mittelalter klar, wer diesen Sieg erringt, weil der, der die meisten Gunstpunkte besitzt auch später auf mehr angehäufter Gunst sitzen, was dem Diplomatie-Part sehr viel Spaß nimmt. Das zweite kleine ist eher nebensächlich, fiel dann doch manchmal negativ auf, nämlich dass der Großteil der Militäreinheiten dumm in der Gegend rumsteht, wenn nicht gerade ein militärischer Disput zwischen mir und dem Nachbaren herrscht, was bedeutet, dass mindestens ein Drittel der Staatseinheiten nicht mehr handelt, weshalb es zu Leerlauf kommen kann. Was nicht bedeutet, dass man in Friedenszeiten einfach nur die Runden durchlaufen lässt und auf den nächsten Krieg wartet, denn in Civ hat man jede Runde irgendetwas zu tun. Etwas außerhalb des Spiels nervt auch, nämlich die EULA von 2K, welche die Adressen, Geburstdaten, Telefnonnummern etc. von einem einsammelt. ALLES! Irgendwann fragt man sich, ob sie noch den Abstand vom linken Zeh bis zum Knie wissen wollen. Das ist ein Minuspunkt, schadet aber nicht direkt dem Gameplay. Was der nächste Punkt aber tut, nämlich die KI. Der Bär im Raum von Civ VIs Problemen. Besonders die Fünfer-Veteranen meckern über die dämliche KI. Kommt, seid ehrlich, so gottgleich intelligent war die KI aus Civ V dann auch wieder nicht. Aber trotzdem besser. Aber wahrscheinlich konnten sie die alte KI nicht in die neue Engine für das Sechser-Civ konvertieren. Aber ich finde, mit den Add-Ons wurde die KI noch einmal deutlich verbessert und auch das restliche so tolle Gameplay lässt über die Macken der Computer-Gegner hinwegsehen. Zudem gibt es Mods wie AI+, die die KI noch einmal deutlich verbessern. Aber, ja, die KI ist die größte Schwäche von Civ VI. Aber sie war es auch bei V und den Vorgängern. So viel zum Hauptspiel.

Die DLCs:


Hierüber gibt es nicht viel zu sagen, die DLCs erfüllen ihren Zweck, in dem sie neue Zivilisationen (oder Szenarien) hinzufügen. Aber besonders die Khmer, Polen, Persien, Australien und die Nubier finde ich besonders gut ausgearbeitet, die DLCs lohnen sich auf jeden Fall für alle, die noch mehr Zivs brauchen. 

Rise & Fall:


Rise & Fall ist das erste Add-On für Civilization VI, welches Februar 2018 erschien und auf sehr positive Resonanz stieß. Auch ich fand die Neuerungen angebracht, so müssen wir jetzt schauen, dass unsere Bürger nicht rebellieren und ihre Stadt selbstständig machen. Zu R&F will ich gar nicht viel sagen, da es nicht so viel veränderte. Eingeführt wurden die Namensgebenden Zeitaltermechaniken, die unsere Zivilisationen durch goldene oder dunkle Zeiten führt, die ihre Vorteile und Nachteile haben. Diese Zeitalter gewinnen wir durch Zeitalterpunkte, die wir durch besonders prägende Ereignisse in der Geschichte unseres Reiches erwirtschaften. Die Jagd nach den letzten Punkten kurz vor dem Zeitalterwechsel macht immer wieder Spaß. Es gibt außerdem acht neue Zivilisationen, die vor allem Boni bringen, die mit dem neuen Gameplay zu tun haben. Zu dem Loyalitätssystem gibt es weitere Einheiten, Gebäude, Bezirke, Wunder und Modernisierungen. Als letztes haben sie ein System hinzugefügt, welches Notfälle betrifft; Wenn zum Beispiel eine Stadt einer Zivilisation erobert wird, können andere Zivs diesem Reich helfen und fette Boni kassieren. Als Sahnehäubchen wurde noch das Allianzsystem überarbeitet, wir können jetzt verschieden Zusatzzahlungen abgreifen, wenn wir spezifische Allianzen eingehen. Diese Dinge fügten sich wunderbar in das schon vorhandene Gameplay ein und zweifellos war R&F auch eine Verbesserung der KI.

Gathering Storm:

Im Februar 2019 erschien das zweite Add-On für Civ 6. Es wälzte einiges am Gameplay um und änderte vor allem das Endgame. Namensgebend sind nun Naturkatastrophen, die zufällig auftreten und negative sowie positive Vorteile mit sich bringen. Eine Überschwemmung an einem Fluss kann Modernisierungen schaden, düngt aber auch das Gelände mit extrem hohen Nahrungserträgen. Die Katastrophen sind spektakulär inszeniert und sind auf jeder Karte ein großer Blickfang. Was dazu kommt ist eine Klimawandel-Mechanik, die misst, wie viel CO2 schon in die Atmosphäre geblasen wurde. Wenn der Klimawandel schon fortgeschritten ist, werden die Katastrophen häufiger und der Meeresspiegel steigt. Dadurch können erstmals ganze Geländefelder einfach verschwinden (!). Die Katastrophen fügten sich nicht ganz glatt in das bereits vorhandene Gameplay ein, waren aber eine coole Neuerung, weil man jetzt beim Bauen von Städten auf mögliche Vulkane oder Flüsse achten muss. Der Klimawandel ist aber eng mit einer weiteren Neuerung verzahnt, nämlich der Energie und den Strategischen Ressourcen. Brauchten wir zuvor für einen Schwertkämpfer nur eine Eisenquelle, benötigen wir jetzt 20 Eisen, die nach und nach von der Mine erwirtschaftet werden und wie Gold o. ä. ausgegeben werden. Einheiten des Industriezeitalters, der Moderne und des Atomzeitalters benötigen Kohle, Öl und Uran für den Bau, zusätzlich fressen sie aber noch jede Runde einen Betrag von diesen Ressourcen. Die Energie gewinnt man durch Kraftwerke, die, wenn sie mit Kohle oder Öl betrieben werden, den Klimawandel noch weiter steigert oder, im Falle eines Atomkraftwerkes, explodieren können. Hier ist viel Abwägung und Mikromanagement nötig, um z. B. bei Knappheiten die Energie in die richtigen Einheiten zu pumpen. Dann wurde der Weltkongress und der Diplomatiesieg wieder eingeführt, was alte Civ-Veteranen sicher erfreute, doch zum Unglück ist der Diplomatiesieg sehr plump: Wer sich bei den Kongress-Sitzungen am schnellsten zehn Diplomatie-Siegpunkte mit Gunst erkauft, dem ist der Sieg sicher. Sehr schade, denn der Diplomatiesieg in Civ V war doch deutlich komplexer. Hinzu kommt eine Erweiterung des Technologiebaums in die Richtung der Science-Fiction, wobei alle Technologien dieser Art nur zufällig erforscht werden können. Wir können jetzt einen Kampfroboter bauen und diesen dann Modulen, die wir erforschen, upgraden. Das ist toll, da man im Endgame irgendwann nur noch die Zukunftstechnologie erforscht hat, um seinen Rang in die Höhe zu treiben. Obendrauf gibt es noch neun neue Anführer, neue Wunder, Einheiten, Modernisierungen und Bezirke. Besonders verbessert wurde nun die KI, besonders im diplomatischen Part: Sie agiert jetzt clever und handelt sinnvolle Abkommen mit uns aus. Aber auch die Kriegs-KI wurde verbessert, da man ja jetzt das neue Ressourcen-System gibt. Da kann es mal vorkommen, dass ein Reich all sein Gold hergibt, nur um 20 Eisen für eine Schwertkämpfer zu haben. Insgesamt waren die Umwälzungen sehr groß, doch das etwas negativ verändert wurde, fiel mir nur einmal auf: Durch die Meeresspiegel-Mechanik sind zum Großteil nur Seefahrer-Nationen benachteiligt, was man aber durch Dämme und ähnliches ausgleichen kann. 

Warum Civ 6 besser als Civ 5 ist und ich trotz all seiner Macken eine 94er-Wertung vergebe:


Ich muss der Gamestar bei der 90er-Wertung von Civ 5 zustimmen, ich hätte den Test genauso gemacht. In meiner Sicht ist Civ 6 aber "nur" eine Evolution von Civ 5, und zwar eine, die vieles besser macht. In Civ V gab es weder Katastrophen, das realistische Bewegungssystem noch die Bezirke, die wir in feinem Mikromanagement zusammenpuzzlen. Die negativen Punkte, die ich genannt habe, hat das restliche Spiel so toll überdeckt, dass ich ohne die Negativ-Spalte eine 100 werten würde. Aber diese Fehler gibt es nun mal, und dass will ich nicht leugnen. Viele der Kritikpunkte wurden auch bei Release von Civilization V kritisiert, welches nun als das beste 4X-Rundenstrategiespiel aller Zeiten gilt. Auch Civ 6 brauchte einige Zeit nach Release, und jetzt wo das zweite Add-On erschienen ist, sollte man Civilization VI noch mal eine Chance geben.

Ich hoffe dieser Test hat meine Meinung gut dargestellt und ein paar Leute überredet, Civ 6 noch einmal eine Chance zu geben.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Stimmiger Soundtrack
  • Schönes puzzlen und ausprobieren mit Bezirken
  • Geniale Anführeranimationen
  • Sinnvolle und vielfältige Boni der Zivilisationen
  • Comic-angehauchter Look sehr schön
  • Satte Sounds
  • Über 200h Spielzeit
  • Angemessene Grafik
  • Schwierigkeitsgrade toll einstellbar
  • 2200+ Mods
  • WorldBuddy und Mod-Support
  • Immer noch nicht ganz angemessene KI
  • Zu simples Diplomatiesystem
  • Strenge EULA-Vereinbarungen
  • Ohne Krieg viel Leerlauf

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



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