Eigentlich müsste ich hier eine 100 geben

Verriss: „Ride to Hell: Retribution“ — Plattform: Steam

von ModuGames am: 21.06.2020

Als ich neulich meine bisherigen Rezensionen Revue passieren ließ, fiel mir auf, dass ich noch nie einen wirklichen Verriss geschrieben habe. Klar, ich habe einige Wertungen im 50er Bereich zu verantworten, aber da reden wir per Definition ja über „nur“ mittelmäßige Spiele. Nein, es wird Zeit für eine wahrhaft vernichtende Kritik! Und was eignet sich hierfür besser als das wohl bekannteste schlechte Spiel aller Zeiten, Ride to Hell: Retribution? Ah, ich erinnere mich noch, wie ich das Spiel damals in einer Grabbelkiste gefunden und für sage und schreibe einen Euro erstanden habe. Sogar das war noch zu viel. Eigentlich müssten die Entwickler uns Spieler bezahlen.

Von einem, der auszog, das Gespött der Spieler zu werden

Jake Conway, der Protagonist des Spiels, scheint ein brillianter Wissenschaftler zu sein, teleportiert er sich doch im Prolog in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen. Kaum steht er hinter einem MG, liefert er sich kurz darauf einen Boxkampf und springt am Ende mit einem Motorrad über einen Heli. Hierbei handelt es sich um Ausschnitte aus dem späteren Spiel. Wie man das am Anfang wissen soll? Keine Ahnung, und es ist doch auch eigentlich egal! Ride to Hell ist eben noch ein richtiges Spiel – nicht so wie diese verweichlichten neumodischen Titel, die sich Gedanken um ihre Geschichten und deren Kohärenz machen.

Das ist Jake. Äußerlich mag er zwei erwachsen aussehen, aber gelegentlich scheint es, als wäre seine geistige Entwicklung nach dem fünften Lebensjahr abgeschlossen gewesen.

Irgendwie hat Ride to Hell aber dann doch eine Erzählung: Jake Conway, ein Vietnamveteran, kehrt zu seinem Bruder Mikey und seinem Onkel Mack zurück. Mikey wird jedoch bald schon von der Bikergang „Devil's Hand“ umgebracht, da diese nicht gut auf seinen Vater und dessen Organisation, genannt „Retribution“, zu sprechen sind. Daraufhin erklärt Jake der Devil's Hand den Krieg – eine klassische Rachegeschichte also. Aus dieser Prämisse hätte man etwas herausholen können. Man beachte allerdings den Konjunktiv. Ach, warum mache ich mir überhaupt die Mühe? Es ist alles dermaßen dilettantisch erzählt, dass man gleichermaßen lachen und weinen möchte.

 

Eine leicht bekleidete Dame nähert sich – jetzt ist Jake in seinem Element. 

Akzeptieren Sie einfach, dass Dinge in diesem Spiel passieren, weil das nun einmal so ist. Außerdem müssen Sie sich mit mäßigen englischen „Dialogen“ und noch schlechter übersetzten deutschen Untertiteln abfinden. Hier wollten die Entwickler wohl GTA nacheifern, fliegen aber mit 130 Sachen von ihrem Bike und landen mit dem Gesicht im Dreck. Die „Dialoge“ sind jedoch noch gar nichts im Vergleich zu Ride to Hells legendärstem Element: seinen Sexszenen. Jake hat nämlich während seines Rachefeldzugs noch genug Platz in seinem Terminkalender, um mit jeder Dame am Straßenrand ins Bett zu springen. Der jeweilige Akt wird übrigens immer in voller Montur vollzogen – warum sollten sich die Entwickler denn auch unnötig Arbeit mit den Modellen machen? Hier wird wirklich ein komplett neues Level an Fremdscham erreicht.

Licht und Schatten... aber vor allem Schatten

Die lächerliche Geschichte wird noch zusätzlich durch ihr schlechtes technisches Fundament beschädigt. Hier muss ich anmerken, dass Ride to Hell nicht komplett furchtbar aussieht, tatsächlich besitzt es einige Licht- und Partikeleffekte, die ganz in Ordnung sind. Aber das ist nun wirklich kein riesiges Lob. Ich meine ja nur, das Spiel erschien 2013 – im selben Jahr wie grafische Schwergewichte der Marke Crysis 3, Battlefield 4 und Assassin's Creed: Black Flag, die wirklich Maßstäbe gesetzt haben. Ride to Hell bekommt im Vergleich nicht mal grundsätzliche menschliche Proportionen hin! Die Hände der Figuren sind etwa viel zu groß.

Oberflächlich gesehen gehören die Lichteffekte zu den besten Elementen des Spiels. Bei genauerem Hinsehen wirken aber auch diese recht billig.

Doch nicht nur das, auch die Mimiken bewegen sich irgendwo zwischen stoischem Trotz und Hirntot, um nicht zu sagen: Gesichtsanimationen sucht man meist vergebens und wenn sie mal auftreten, sind sie zum Lachen. Blut, von dem man übrigens so einiges sieht im Spielverlauf, gewinnt ebenfalls keine Schönheitspreise. Eine Sache kann ich der Präsentation jedoch abgewinnen: Der Soundtrack, der hauptsächlich aus Rock-Instrumentalstücken besteht, ist ganz in Ordnung.

Reden wir nicht darüber

Wer diesen Text jetzt noch liest, muss entweder ein Herz für Schadenfreude haben oder ein Masochist sein. Letzteres hilft übrigens enorm bei Ride to Hell. Also, weil's so schön ist, reden wir über das Gameplay. Da Jake, genau wie seine Gegenspieler, Biker ist, müssen Sie viele Rennen und Kämpfe auf der Straße überstehen. Eigentlich wollte ich jetzt auf die Fahrphysik zu sprechen kommen, aber deren bloße Anerkennung wäre schon zu viel des Lobes. Wenn Jake nicht gerade fährt, ballert oder kloppt er sich durch Horden von Gegnern. Positiv anzumerken ist, dass Ride to Hell eine durchaus respektable Anzahl an Waffen bietet, die man sich bei Händlern kaufen kann. Dumm nur, dass das Gunplay nicht gut funktioniert – Anvisieren erweist sich als echte Tortur.

Die Fahrphysik ist der Stoff, aus dem Albträume gemacht sind.

Das ist aber immer noch besser als die Alternative, in den Nahkampf zu gehen. Dann muss Jake in strunzdummen Handgemengen Gegner umhauen, was aber viel zu lange dauert. Gelegentlich erhält er die Möglichkeit, in Rage zu verfallen. Die Animation hat etwas vom Hulk – aber nicht vom neuen Mark-Ruffalo-Hulk, es erinnert mich eher an die Fernsehserie mit Lou Ferrigno aus den 70ern, aber nochmal viel lachhafter. Hier muss man sich dann mit anspruchslosen Quick Time Events herumschlagen, die nervigerweise auch den Rest des Spiels plagen. „Schlagen“ ist übrigens ein gutes Stichwort: Wer einfach nur auf die Tasten kloppt, kommt in der Regel ganz gut zurecht. Interessanter, als der verkorksten Nahkampf- und Fahrzeugsteuerung zu folgen, ist es allemal.

Der Nahkampf kommt mit zwei Steuerungstasten aus und spielt sich höchst unbefriedigend.

Generell fällt aber auf, dass Ride to Hell über weite Strecken zu einfach ist. Jedenfalls auf dem zweiten der drei Schwierigkeitsgrade, wobei man den letzten erst freispielen muss. Die Gegner-KI macht nämlich Jahrtausende der Evolution rückgängig – hier laufen die Widersacher ohne jeglichen Selbsterhaltungstrieb in Jakes Schusslinie. Vor allem unter Nahkämpfern eine sehr beliebte Taktik. Ansonsten muss man sich mit mies gesetzten Checkpoints, einem unnützen Covershooter-System und einer Sprintfunktion, die einen seekrank werden lässt, herumschlagen. Ich könnte jetzt noch einige andere Dinge erwähnen, etwa dass das Leveldesign zuweilen gar nicht mal komplett schlecht ist, aber lassen wir das. Das Spiel hat mich zum Nihilisten werden lassen – nichts scheint mehr von Bedeutung zu sein. Falls Sie es wirklich wissen wollen: Ja, ich habe Ride to Hell durchgespielt. Laut Steam habe ich dafür etwa acht Stunden gebraucht. Immerhin ist es also nicht so sadistisch, uns Spieler übermäßig lange leiden zu lassen. Dennoch fühle ich mich jetzt irgendwie... schmutzig. Ich für meinen Teil gehe jetzt erstmal wieder eine Runde The Witcher 3 spielen, um dieses ungute Gefühl loszuwerden.

Fazit... na endlich

Ich müsste wirklich lachen, wenn ich nicht wüsste, dass dieses Spiel absolut ernstgemeint war. Wie zur Hölle (pun intended) soll ich das hier bitte bewerten? Wie Sie anhand meiner Überschrift erkennen können, war ich kurz geneigt, Ride to Hell einen perfekten Score zu geben und es als die großartigste (unabsichtliche) Parodie aller Zeiten zu betiteln, was allerdings meinen Wertungskanon zerstört hätte. Da im modernen Spielejournalismus sowieso keine Zahlen südlich der 50 vergeben werden, war es auch noch schwierig, überhaupt einen Vergleichsgegenstand aufzutreiben, also habe ich es schlicht und ergreifend gelassen. Überraschenderweise finde ich Ride to Hell letztendlich aber gar nicht mal so schlecht, wie es gemeinhin gemacht wird.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist schlecht – aber eben nicht zu dem Grad, dass mir eine Wertung im einstelligen Bereich gerechtfertigt scheint. Auf seine eigene, sehr seltsame (geradezu erschreckende) Art ist es sogar irgendwie ganz unterhaltsam, also habe ich mich für einer 20er entschieden. Ich vertrete die Theorie, dass das Spiel seinen legendär schlechten Ruf sowieso nur erlangt hat, weil es in einer Zeit erschien, als die Qualitätskontrollen der großen Publisher bereits ziemlich hoch waren, Steam aber noch nicht von unzähligen stümperhaften Hobbyprojekten überrumpelt wurde. In der heutigen Spielelandschaft ist es nicht mehr schwer, Titel zu finden, die mindestens genauso schlecht sind. Jedenfalls: Hat Ride to Hell sein spielerisches Ziel zwar meilenweit verfehlt, lieferte es doch die Vorlage für reihenweise unterhaltsame Videos und Texte. Das ist doch auch eine Errungenschaft. Irgendwie.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Oft, regelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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