Ein Klassiker zum Anbeißen schön.

Vampire sind bleiche, umhangtragende, in Grüften lebende und schöne Jungfrauen entführende Kreaturen. Richtig? Nein, alles Quatsch! In dem von...

von Ryuzaki am: 11.01.2015

Vampire sind bleiche, umhangtragende, in Grüften lebende und schöne Jungfrauen entführende Kreaturen. Richtig? Nein, alles Quatsch! In dem von Troika Games entwickelten Vampire - The Masquerade Bloodlines von 2004 schlüpft der Spieler in die Rolles eines jungen Blutsaugers im modernen Los Angeles. Hier gilt es, in einer Gothic-Punk-Variante der Stadt, umherziehende Mörder aufzuspüren, Spukhäuser zu ergründen und Dämonen zu bekämpfen. Und dabei werden wir noch bestens unterhalten.

Die Qual der Wahl

Doch kommen wir erst einmal zum Anfang und der beginnt, wie in einem Rollenspiel üblich, mit der Charaktererstellung. Hier können wir unser Geschlecht bestimmen, sowie uns für einen von sieben Vampirclans entscheiden. Zur Auswahl stehen die Brujah, Gangrel, Malkavianer, Nosferatu, Toreador, Tremere und Ventrue. Die Wahl des Clans bestimmt nicht nur das Erscheinungsbild unseres Recken und gibt die Startattribute und Fähigkeiten vor, sie kann auch Einfluss auf unser Spielverhalten ausüben. So ist es z.B. den Toreador als den am schönsten geltenden Vampiren möglich, sich problemlos unter den Menschen zu bewegen. Wohingegen die hässlich entstellten Nosferatu von den Menschen nicht gesehen werden dürfen und somit stets gezwungen sind, in dunklen Gassen oder der Kanalisation nach alternativen Laufwegen zu suchen.

Haben wir uns für einen Clan entschieden, können auch gleich die ersten Erfahrungspunkte vergeben werden. Hier bietet The Masquerade Bloodlines eine große Auswahl, die sich in vier Kategorien aufteilt: Kampf (Nah- und Fernkampf), Heimlichkeit (Schlösserknacken, Schleichen), Geistig (Einschüchtern, Verführen) und Absorption (Verteidigung gegen Schuss- und Klingenwaffen). Die Vergabe der Punkte sowie die Wahl des Clans sind jedoch nicht bindend für das restliche Spiel. Bloodlines lässt dem Spieler jederzeit die Freiheit, seinen Charakter, sofern Erfahrungspunkte vorhanden, in eine andere Richtung zu entwickeln. Als kampfeslustiger Brujah ist es somit ebenso möglich auf Heimlichkeit zu setzen und sein Glück im Schlösserknacken zu versuchen, wie als schleichender Nosferatu.

Der Kuss des Vampirs

Sobald unser Clan gewählt ist und die ersten Punkte verteilt sind, beginnt nun das eigentliche Spiel. Und wir sterben. Sehr, sehr zeitnah. Während eines One-Night-Stands werden wir von unserem Partner gebissen und selbst in eine untote Kreatur verwandelt. Kaum haben wir die Beißattacke und unsere Verwandlung realisiert, wird auch schon das Zimmer gestürmt, unser Held und sein Begleiter ergriffen und vor ein "Gericht" gezerrt. Erst dort begreifen wir allmählich, was vor sich geht: Vampire existieren wahrhaftig, sie leben unerkannt unter den Menschen. Und das Erschaffen eines weiteren Kainiten, wie sie sich selbst nennen, ohne zuvor eingeholte Genehmigung bedeutet eine schwere Missachtung der bestehenden Vampirgesetzte. Kurzer Hand wird unser Erzeuger zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch unserem Helden hätte dieses Schicksal ereilt, würden wir nicht im letzten Augenblick doch noch begnadigt werden. Fortan sollen wir für den Prinzen LaCroix, dem Oberhaupt aller Vampire in Los Angeles, arbeiten und ihm unseren Wert beweisen. Im Verlauf dessen wird unser junger Blutsauger mehr und mehr in die Intrigen und Machtkämpfe der in L.A. ansässigen Kainiten verwickelt. Er muss sich gegen eine Fraktion asiatischer Vampire sowie fanatischer Vampirjäger behaupten und wird mit einem Omen für den kommenden Weltuntergang konfrontiert. Doch zu aller erst werden wir von LaCroix, für eine eher unwichtige Aufgabe, nach Santa Monica geschickt.

Vor Antritt der Reise dorthin erhalten wir noch die Möglichkeit zum Absolvieren eines Tutorials. Hier lernen wir Jack, einen weiteren Kainiten, kennen und erhalten einen ersten Eindruck von der hervorragenden, bedauerlicherweise nur in Englisch zur Verfügung stehenden, Sprachausgabe. Auf Wunsch können allerdings deutsche Untertitel eingeblendet werden. Durch Jack erlernen wir die grundlegenden Spielmechaniken von The Masquerade Bloodlines, z.B. das Interagieren mit Gegenständen wie Türen und Computern, das Springen, Schleichen und Kämpfen. Und wir lernen das zum Überleben notwendige Trinken von Menschenblut. Dabei müssen jedoch gewisse Regeln befolgt werden. Beim Trinken von einem Menschen dürfen wir nicht von anderen Sterblichen beobachtet werden, da dies sonst einen Bruch der sogenannten Maskerade zur Folge hätte. Nach fünf Maskerade-Brüchen endet das Spiel. Auch sollte unser Held niemals einen Sterblichen bis zum Tode leersaugen und damit seine verbliebende Menschlichkeit riskieren. Sinkt die Menschlichkeit unseres Jungvampirs zu sehr, erwacht das "innere Tier" und wir verfallen in Raserei. Zwar ist unser rasender Recke übermenschlich stark und ausdauernd, kontrollieren können wir ihn dann jedoch auch nicht mehr und müssen hilflos zusehen, wie er mordend durch die Straßen zieht. Ein solcher Anfall hat in den überwiegenden Fällen ebenfalls einen Bruch der Maskerade zur Folge.

Auch lernen wir durch Jack den Einsatz unserer Disziplinen kennen, die sich in Abhängigkeit von unserem zuvor gewählten Clan aus drei Spezialfähigkeiten zusammensetzen. Diese Fähigkeiten erlauben es unserem Vampir eine Tiergestalt anzunehmen, seine Stärke und Zähigkeit zu erhöhen, Gegnern Angst einzujagen oder diese gleich in Trance zu versetzen. Der Einsatz dieser Disziplinen ist jedoch begrenzt und erfordert sogenannte Blutpunkte zur Aktivierung, ähnlich dem Mana in anderen Rollenspielen. Die Leiste für unser Blut füllt sich jedoch, im Gegensatz zu der unserer Lebensenergie, nicht automatisch auf, sondern muss durch das Trinken von Menschen wieder aufgetankt werden. Alternativ können wir auch Bluttransfusionen mit uns herumtragen und diese bei Bedarf zu uns nehmen.

Der Ruf der Freiheit

So vorbereitet erreichen wir nun endlich Santa Monica, den ersten von insgesamt vier Schauplätzen in Bloodlines. Im Verlauf der Geschichte werden nach und nach Downtown, Hollywood und Chinatown freigeschaltet, die alle durch eine individuelle Gestaltung überzeugen. Während in Downtown das Bild von Hochhäusern geprägt wird, ist Santa Monica eine heruntergekommene Gegend, voll sich um brennende Mülltonnen versammelnden Obdachlosen. Ansonsten kommen noch unzählige kleinere Schauplätze zum Einsatz. Das Sortiment reicht hier von Discotheken, Appartements und Villen bis hin zu Museen, Friedhöfen und Spukhäusern.

Ab hier können wir nun unseren eigenen Weg bestimmen, wahlweise in der Ego- oder Third-Person-Perspektive. Ob wir gleich der durchweg spannenden Haupthandlung folgen oder erst einmal die Gegend erkunden bleibt uns selbst überlassen. Überall in der Welt finden sich interessante Charaktere sowie abwechslungsreiche und toll inszenierte Nebenmissionen. Und auch hier lässt uns der Titel wieder freie Hand, denn viele der Missionen lassen sich auf verschiedene Weise lösen. Ein Beispiel: Wir sollen in eine Galerie einbrechen, um die dort ausgestellten Bilder zu zerstören. Doch wie gelangen wir hinein? Wir könnten den dort postierten Wachmann mit einer Lüge weglocken oder ihn verführen und dadurch an seinen Galerieschlüssel gelangen. Oder wir umschleichen ihn, um mit einem Dietrich den Seiteneingang aufzusperren. Durch das Erfüllen solcher Quests und dem Vorankommen in der Geschichte erhalten wir als Belohnung Erfahrungspunkte, die wir wiederum in die Verbesserung unserer Fähigkeiten und Attribute investieren. Erfolg und Misserfolg unserer gewählten Vorgehensweise hängen von diesen ab. Ist ein Wert zu niedrig, werden manche Dialogoptionen und Wege gar nicht erst angezeigt oder können scheitern.

Leider hat Bloodlines hier ein Balanceproblem. Anfangs mag es noch funktionieren, sich aus Situationen herauszureden oder diese zu umschleichen. Doch im späteren Spielverlauf setzt der Titel immer öfter auf dann nicht mehr vermeidbare Kampfeinlagen. Wer hier zu viele seiner Erfahrungspunkte in Schleichen und Diplomatie angelegt und seine Kampfkraft vernachlässigt hat, wird es später deutlich schwerer haben voranzukommen.

So kommen wir im Spiel nicht umhin, uns früher oder später mit einem umfangreichen Waffenarsenal einzudecken. Bloodlines bietet hier sowohl Nahkampfwaffen, welche da Brechstangen, Messer, abgetrennte Arme und Schwerter wären, als auch Revolver und Gewehre. Die Schlusswaffen sind jedoch aufgrund eines zu starken Rückstoßes und eines zu ungenauen Zielens nur bedingt alltagstauglich. Auch sollte sich jeder Blutsauger sobald als möglich bessere Kleidung und Körperpanzer in den Geschäften kaufen. Diese sorgen nicht nur für eine optische Veränderung, sondern erhöhen auch die körperlichen Attribute, wie die Verteidigung und Schadensresistenzen.

Die Zeichen der Zeit

Grafisch ist The Masquerade Bloodlines sicherlich kein Augenschmaus mehr, dem Spiel sind die zehn Jahre seit seiner Veröffentlichung 2004 deutlich anzusehen. Die Texturen sind verwaschen und unscharf, die Gegenstände teils polygonarm und die Animationen der Körper ungelenk. Nichtsdestotrotz weiß der Titel immer noch atmosphärisch zu überzeugen, die Schauplätze sind stimmig inszeniert und strahlen stets ein Gefühl der Bedrohung aus. Auch kann der Sound sich hören lassen. Die Sprachausgabe ist, wie bereits erwähnt, tadellos und die Umgebungsgeräusche sowie der elektronische Soundtrack tragen stets zu einer passenden Stimmung bei. Allerdings ist beim Spielen hin und wieder mit vereinzelten Soundaussetzern und Animationsfehlern zu rechnen.

Besonderes Lob gebührt den Gesichtsanimationen, die dank der Source Engine von Valve sehr überzeugend wirken. Egal wie wir mit einem NPC interagieren, ob nun freundlich, drohend oder verführerisch, die Reaktionen unseres Gegenübers sind immer an seiner Mimik abzulesen.

Fazit

Vampire - The Masquerade Bloodlines ist für mich eine Perle in meiner Spielesammlung. Ein atmosphärisch schönes Spiel, das mit einer spannenden Story aufwartet und mit einer faszinierenden Welt beeindruckt. Wer keine Lust auf weichgespülte Vampire hat, sondern eine düstere und dreckige Variante bevorzugt (so wie Untote halt naturgemäß vorzukommen haben) und dem Titel seinen veralteten Anstrich verzeihen kann, ist bei Bloodlines genau richtig aufgehoben. Ein wirklich tolles Spiel, das wohl mit einem der legendärsten Level der Spielegeschichte aufwartet, dem Ocean Hotel. Meine damaligen Gefühle in diesem Haus kann ich nur mit einem einzigen Wort beschreiben, ANGST. Heute, zehn Jahre später, hatte ich beim Spielen zwar keine Angst mehr, doch ließ sich eine gewisse Nervosität noch immer nicht abschütteln.

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Wertung
Pro und Kontra
  • spannende und umfangreiche Hauptstory
  • abwechslungsreiche Nebenmissionen
  • Aufgaben lassen sich auf unterschiedliche Arten lösen
  • exzellente Sprachausgabe
  • stimmiger Soundtrack
  • tolle Gesichtsanimationen
  • Fähigkeiten und Attribute wirken sich auf Spielverhalten aus
  • verwaschene Texturen
  • Sprachausgabe leider nur in Englisch verfügbar
  • Sound- und Animationsfehler
  • im späteren Verlauf ist eine kampflose Spielweise nicht mehr möglich
  • Schusswaffen nur bedingt einsetzbar

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



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