Ein ungeschliffenes Juwel

Bioware ist für seine großartigen Rollenspiele berühmt. Baldurs Gate und Knights of the Old Republic sprengten die Vorstellung davon, was ein...

von IronsteffL am: 16.06.2017

Bioware ist für seine großartigen Rollenspiele berühmt. Baldurs Gate und Knights of the Old Republic sprengten die Vorstellung davon, was ein Rollenspiel auf dem PC sein kann und nun, nachdem man sich in die Universen von AD&D und Star Wars begeben hat, versucht Bioware etwas Eigenes - und so unglaublich es sich anhören mag: In meinen Augen reiht sich das von Bioware erdachte Universum in Unterhaltungswert, Glaubwürdigkeit und Inspiration nahtlos bei diesen Schwergewichtern ein.

 

Das Grundgerüst der Story ist schnell erzählt: Die Menschheit hat gerade ihren Platz in der galaktischen Gemeinschaft gefunden, da kommt eine große Bedrohung auf: Ein ehemaliger interstellarer Gesetzeshüter, ein sogenannter Spectre namens Saren, verrät den galaktischen Rat und bemächtigt sich einer gewalttätigen Maschinenarmee, um eine uralte Macht wiederzuerwecken, die vor 50.000 Jahren alles intelligente Leben in der Galaxis ausgelöscht hatte. Was seine Motivationen sind erfährt man in einem mitreißenden Abenteuer, welches allerdings kürzer ausfällt als bisherige Bioware-Titel. Verfolgt man nur die Hauptstory, ist man nach ca. 15 Stunden durch, macht man die Nebenquests mit und lässt sich Zeit beim Erkunden, kann das Spiel durchaus die solide 30-Stunden-Marke knacken.

Alles beginnt mit der Charaktererstellung, bei der man sich einen eigenen Shepard, männlich oder weiblich, zusammenstellen kann. Dieser bietet ausreichend Optionen, sich seinen individuellen Commander zusammen zu stellen. Danach wählt man noch die Grundfähigkeiten und die persönliche Geschichte aus – auf die von NPCs während des Spielverlaufs immer wieder Bezug genommen wird – und schließlich begibt man sich in die Weiten der Milchstraße, die Bioware vorbildlich mit nachvollziehbarem, kulturreichem Leben gefüllt hat. Hier kann man entweder gute Taten vollbringen oder ein richtiger Stinkstiefel sein: Zwei seperate Balken geben Aufschluss darüber, wie gut und wie böse man ist, was wiederum neue Dialogoptionen freischaltet. Dieses System unterstreicht wunderbar, wie sich Mass Effect vom typischen schwarz/weiß/gut/böse-Schema entfernt.

Die Grafik ist zunächst nett anzuschauen: Detaillierte Texturen, tolle Effekte und feine Animationen sind ein Augenschmaus. Die Echtzeitbeleuchtung zaubert ansehnliche Schattenspiele auf den Bildschirm und die Mimik der Charaktere wirkt teils sehr realistisch, wenn auch nicht sonderlich emotional. Alsbald zeigen sich aber auch die Schattenseiten dieser Schönheit. Regelmäßig kommt es vor, dass hoch aufgelöste Texturen erst nach ein paar Sekunden geladen werden und man bis zu diesem Zeitpunkt auf Charakteren und Umgebung nichts als grauen Matsch zu sehen bekommt.

 

Vor dem Sound muss man sich alleine schon deshalb verneigen, weil die Anzahl der Dialoge einfach nur atemberaubend ist. Diese variieren je nach Teamzusammenstellung und Situation; eine unwahrscheinliche Anzahl von Kombinationen ergibt sich. Da ist es nicht weiter tragisch, dass sich im Gefecht zuweilen eine Frauenstimme zu Wort meldet, obwohl man nur Männer in der Gruppe hat. Auch die Stimmenverzerrung Sarens setzt irgendwann einmal aus, aber das sind alles nur Peanuts. Die deutschen Sprecher sind gut besetzt, Shepard, der/die ja nun wirklich ziemlich viel zu sprechen hat, hat eine angenehme Stimme spendiert bekommen, die vor allem auch auf die zahlreichen Gesichter passt, die man entwerfen kann - auch wenn ich den Synchronsprecher der Nachfolger bevorzuge. Einzig Saren hat eine etwas unpassende Stimme erwischt – da hat das famose Original eindeutig die Nase vorn. Die Musik wiegt zwischen elektronische Klängen á la „Blade Runner“ und orchestralen Stücken hin und her, besonders gefallen mir Letztere, die aber nur sehr sparsam und an epischen Handlungsstellen eingesetzt werden. Man kann aber, denke ich, sagen, dass die Klangkulisse ein eindeutiges Markenzeichen von Mass Effect ist – der Bass reicht bis ins Bodenlose und das Hauptthema begleitet einen noch lange, nachdem man das Spiel beendet hat.

 

Das Kampfsystem ist ordentlich. Im Deckungsmechanismus leicht an Epics Gears of War angelehnt, ergeben sich stellenweise packende, taktische Gefechte. Manchmal kommt es aber auch vor, dass die Gegner – selbst, wenn es keine stupiden Zombies sind – einfach nur auf einen zustürmen und beinahe widerstandslos niedergestreckt werden. Die Teammitglieder schlagen sich großteils wacker, mit dem Steuerkreuz lassen sich rudimentäre Befehle wie „Gehe dort hin“ oder „Bewache diesen Standort“ geben - ein wenig mehr Tiefe könnten die Kämpfe aber vertragen. Die Waffen machen Spaß und lassen sich durch zahlreiche Mods aufwerten; die Biotik-Fähigkeiten, das Magie-Äquivalent im Mass Effect Universum, bereichern das Kampfsystem sinnvoll. Es macht einfach Spaß, Gegner per „Stasis“ hilflos in der Luft treiben zu lassen, während ihn die Kameraden mit gezielten Salven pflücken wie eine reife Orange.

 

Ein zweischneidiges Schwert ist die Planetenerkundung mittels des sogenannten Mako, eines dreiachsigen, jetbewehrten Ungetüms im besten 80er-Jahre Retro-Design. Zwar ist es eine schöne Dreingabe, einige der Planeten nicht nur scannen, sondern auch auf ihnen landen zu können, abseits der Story-Planeten gibt es dabei allerdings nicht sehr viel zu entdecken. Und auch, wenn der Mako beinahe senkrecht die Berge erklimmt, nervt die unstete Planetenoberfläche sowie die schwammige Steuerung beim Beharken der Ziele. Eine ganze Runde mehr Feinschliff hätte diesem Teil des Spiels sehr gut getan.

 

Nun aber zum Kronjuwel von Mass Effect: Der Story. Allein schon die innovative Gestaltung des Universums sucht im SciFi-Einerlei ihresgleichen. Endlich einmal ist der Mensch nicht der Mittelpunkt allen Seins, sondern tritt zu einem späten Zeitpunkt in die galaktische Gemeinschaft an und muss sich behaupten, bevor er ernst genommen wird. Die Menschheit ist eine Rasse unter vielen und hat sich anzupassen; Antiphatie, stellenweise sogar Rassismus, werden einem häufiger im Spiel von anderen Völkern entgegengebracht. Ansonsten sind alle wichtigen Eckpfeiler einer epischen Geschichte vertreten: Große Schlachten, Entscheidungen von erschütternder Tragweite, eine Romanze, tragische Verluste und ein enigmatischer Bösewicht, der aber vielleicht doch nicht die Spitze der Boshaftigkeit darstellt. Mit jedem der Planeten, die man bereist, eröffnen sich weitere Facetten dieser galaxieweiten Bedrohung und begeistert zum Schluss mit einem solch bombastischen Finale, wie ich es selten in einem Spiel genießen durfte. Obwohl Mass Effect als Trilogie angelegt wurde, ist das Ende wundervoll abgerundet, dabei natürlich schon einen fließenden Übergang zum zweiten Teil schaffend, der den Erstling sogar noch toppen sollte.

 

Mass Effect ist ein Ausnahmetitel, wie er nur alle paar Jahre einmal daherkommt. Die gelegentlichen Bugs und technischen Fehlerchen stören zwar, aber trotzdem komme ich nicht umhin, vor der Pracht des Ganzen schlicht und ergreifend in die Knie zu gehen. Was hier an zwischenmenschlichen Beziehungen, handfester Action und epischer Handlung abgebrannt wird, ohne dabei pathetisch zu werden, ist atemberaubend. Selten werden Dialoge so interessant geschrieben, selten wird bei einem Spiel so brillant Regie geführt, dass man sich in einen mitreißenden Blockbuster versetzt fühlt und ebenso selten ist es, dass ein Spiel nachhaltig berührt und man sich auch, wenn man es längst beiseite gelegt hat, immer wieder gerne an diese Reise erinnert, die man einmal in diese fremde und doch so vertraute Galaxie unternommen hat. Mass Effect ist ein Juwel der Videospielgeschichte. Es mag nicht perfekt geschliffen und poliert sein, aber trotzdem reiht sich sein Strahlen hoch oben am Firmament bei den ganz Großen des Genres ein.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Epische Rahmenhandlung in stimmigem SciFi-Setting
  • Tolle Charaktere und Dialoge
  • Maßgeschneiderter Protagonist
  • Detaillierte Charaktermodelle und Gesichter
  • Wuchtiger Sound samt grandiosem Soundtrack
  • Savegame-Import für die Nachfolger
  • Gelegentliche Bugs und Grafikfehler
  • Einige langweilige Umgebungen
  • Verbesserungswürdige Planetenerkundung
  • Erst in höheren Schwierigkeitsgraden fordernd

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



Kommentare(1)

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