Fußballgenuss mit leichten Bitternoten

Ein Fazit eines langjährigen FIFA-Spielers zu PES 2020.

von Larger-Than-Life am: 17.10.2020

Nach einigen Jahren im FIFA-Lager habe ich mit eFootball PES 2020 mal wieder der Fußballsimulation von Konami eine Chance gegeben. Und wo der Umstieg nicht unbedingt einfach ist, hab ich mich nach einiger Eingewöhnungszeit in das Fußball-Feeling von PES verliebt und bleibe dem Spiel bis auf Weiteres auch nach Saisonende treu. Schließlich bietet der japanische Entwickler für die neue Saison nur ein marginal verändertes Season Update mit den aktuellen Kadern und Spielerdaten an. Gerade im Sale ist PES 2020 also vermutlich immer noch eine valide Alternative, die sich spielerisch kaum von der aktuellsten, regulär teuereren 21er-Version der Serie unterscheiden dürfte.
An einigen Punkten sollte Konami aber spätestens mit PES 2022 in der Unreal Engine 5 dringend ansetzen - hier meine persönliche Plus- und Minusliste:

+ Ballphysik Es klingt immer so simpel, aber die Ballphysik ist weiterhin der große Matchwinner auf dem Platz für PES im Vergleich zu FIFA. Sie ist es, die maßgeblich für das realistische und glaubhafte Gefühl sorgt, das FIFA mit seinen Arcade-Tendenzen des öfteren abgeht. Sie sorgt auch für einen deutlich weniger formelhaften Ablauf des Spiels samt diverser Möglichkeiten, wie Tore fallen können. Und auch generell fühlt sich PES in einem gesunden Rahmen etwas träger und langsamer an. Stellungsspiel und Kombinationen sind damit wesentlich wichtiger, als der nicht mehr so stark wie in FIFA 13 oder 14 ausgeprägte aber immer noch vorhandene Fokus auf Geschwindigkeit und inflationäre Gebrauch von Tricks in Online-Partien bei der Konkurrenz. Was einem hier besser gefällt, ist aber natürlich auch Geschmackssache. Näher an den Realismus kommt allerdings definitiv PES.

Einige Stadien wie das Old Trafford in Manchester werden sehr aufwendig in Szene gesetzt. Generell dürfte es aber gerne etwas mehr Original-Arenen geben.

+ Animationen und Optik Ein eher unterschwelliger Eindruck, der sicher auch von der Ballphysik profitiert, aber die Animationen in PES sehen zumindest in Ballnähe einfach gut aus. Kollisionen, Fouls, Ballannahmen oder der Ansatz zum Sprint, das alles wirkt einfach rund und trägt somit zum tollen PES-Feeling bei, das auch vom neuen Finesse-Dribbling profitiert. Manche Jubel-Einlagen oder Szenen bei den Auswechslungen wirken dagegen übertrieben und damit etwas lächerlich. Toll ist dagegen, dass es viele authentische Spielergesichter gibt und auch die lizensierten Stadien werden teils spektakulär in Szene gesetzt und weisen viele Details auf. Gerade von der Menge an interessanten, südamerikanischen Stadien war ich begeistert, in Europa sieht es aber quantitativ eher dürftig aus. Abzug gibt es für die Auswahl der generischen Stadien für die einzelnen Vereine. Da gibt es eh schon nicht allzu viele dieser Bauwerke und dann schaffen es die Entwickler auffallend häufig trotzdem noch, völlig unpassende Wahlen zu treffen. Das ist mir zumindest in der italienischen Serie A aufgefallen und halte ich einfach für faul und unnötig. Zum Glück kann man diese Versäumnisse mit Hilfe des Editors korrigieren.

+ Editor Der Editor ist durchaus mächtig und lässt uns einige Einstellungen für mehr Authentizität vornehmen. Nicht lizensierte Mannschaftsnamen lassen sich hier richtigstellen und selbst Details an den generischen Stadien wie die Farbe der Tribünensitze oder der Inhalt der Banner lassen sich modifizieren. Alternativ unterstützt das Spiel auch das Einbinden von der Community erstellter, inoffizieller Content-Pakete, um die Lizenzlage aufzubessern.

0 Lizenzen Ein gespaltenes Bild habe ich von der Lizenzlage. Man hat schon eine gewisse Auswahl, doch im Vergelch zu FIFA sieht es bei PES natürlich mager aus. Von den fünf europäischen Ligen sind nur die französische Ligue 1 und die italienische Serie A (außer Brescia, aber immerhin - anders als in 21 - mit Inter und Milan) voll lizensiert. Die echten Spieler gibt es aus Spanien und England, allerdings zum größten Teil nicht mit den Originalteams und aus der Bundesliga sind nur Bayern, Schalke und Leverkusen vertreten. Dazu kommen noch eine Handvoll weiterer europäischen Ligen (z.B. exklusiv die russische Liga) sowie einige südamerikanische und asiatische Ligen, darunter Exoten wie die thailändische Liga (das freut mich, aber für die breite Masse wohl eher uninteressant). UEFA Champions League, Europa League und Copa Libertadores liegen alle inzwischen bei FIFA, nur die AFC Champions League bleibt als Originalwettberb auf internationaler Klubebene. Immerhin die EM 2020 (oder eher 21?) ist lizensiert, man kann also mit jeglichen UEFA-Teams samt Originaltrikots von Andorra bis Zypern schon mal simulieren, wer hoffentlich nächstes Jahr gewinnt.


Hierzulande exotisch wirkende Lizenzen, wie die der asiatischen Champions League, sind für einen Großteil der Spieler wohl nur ein schwacher Trost hinsichtlich der gerade in Europa eher dünnen Lizenzlage. 

0 Modi An der Modi-Front hat sich in den letzten Jahren nicht allzu viel getan. Im Zentrum steht der Sammelkartenmodus myClub, der einige interessante Features wie verbesserbare Spieler und Legenden aus früheren Tagen bietet, aber auch einige ärgerliche Einschränkungen mitbringt. Zum Ändern der Formation und der detaillierten Taktik muss man sich nämlich zum Beispiel erstmal einen passenden Trainer kaufen, was recht kostspielig sein kann. Ultimate Team bietet insgesamt meiner Meinung unterm Strich mehr Freiheiten, aber auch stärkeres Pay2Win. Außerdem gibt es natürlich die üblichen Online-Modi wie Divisions und die üblichen Einzelspielermodi wie der Karrieremodus Meisterliga, der durchaus ein paar nette Ideen und Features im Detail mitbringt, aber je nach gewähltem Team unterschiedlich stark an der dürftigen Lizenzsituation leidet.

0 Menüs, Musik, Sound Wo das myClub- und das Meisterliga-Hauptmenü noch ganz hübsch sind, wirken die Menüs von PES gefühlt seit immer recht trocken und teils unnötig verschachtelt. Dumm auch: Während Trainingssessions kann man nicht das Menü mit den Eingabebefehlen öffnen. Ein wirklich peinlicher, unnötiger Fehler. Die Musikplaylist ist eigentlich durch die Bank auch auf Dauer recht angenehm zu hören, quantitativ und in Teilen auch qualitativ wäre aber schon noch etwas mehr drin gewesen. Das gleiche kann man eigentlich auch über die Stadionatmosphäre sagen, die etwas Dynamik vermissen lässt. Die deutschen Kommentatoren haben mir gar nicht gefallen.


So selbstbewusst smart wie bei diesem No-Look-Pass agiert die KI leider nicht immer. Und auch der Schiedsrichter ist zu oft nicht auf der Höhe.

- KI-Probleme Und hier kommt die Bitternote von PES - aufgeteilt in drei Geschmacksrichtungen, die alle mit der KI zu tun haben. Zum einen ist da die Zuordnung, welcher Spieler sich bei ungenauen Anspielen zum Ball bewegen soll. Ein Beispiel: Spieler A spielt einen etwas zu scharfen Ball zu Spieler B, so dass Spieler C der nähere Mann am Ball ist. Nun kann man Spieler C aber nicht einfach so auswählen, stattdessen besteht Spieler B darauf, trotzdem zum Ball zu rennen, auch wenn er dafür über den halben Platz sprinten muss. Und wenn man dann doch endlich zu Spieler C wechseln kann, will der erstmal den Ball nicht annehmen, weil er ja für Spieler B gedacht war. Dieser Fehler kommt schon alle paar Spiele in unterschiedlicher Heftigkeit vor (auch beim KI-Gegner) und muss dringend ausgebessert werden.
Punkt zwei ist die Zweikampfbewertung des Schiedsrichters, der generell zu wenige Karten verteilt, dann aber doch für absolute Nichtigkeiten gelb zeigt. Taktische Fouls erkennt er nur manchmal, bei Grätschen ist er generell meist zu milde.
Und zu guter Letzt stellt die KI oftmals nicht ihre beste Elf auf. Rotation ist ja völlig okay, aber in viel zu vielen Fällen stand beispielsweise der Ersatzkeeper oder gar der dritte Keeper auf dem Feld. Das sollte doch auch recht einfach zu beheben sein.

Fazit eFootball PES 2020 könnte gerade zum reduzierten Preis eine gute Alternative für alle Fußballfans bleiben, die ein möglichst realistisches Fußballerlebnis ansteuern und von dem eher dünnen Lizenzumfang nicht abgeschreckt werden. Das PES-Feeling auf dem Platz ist schwer zu übertreffen, wird aber von einigen KI-Problemen sowie Stagnation und Nachlässigkeiten abseits des Platzes getrübt.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



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