Geisteskrank. Dumm. Spannend. Intelligent. Witzig.

Wundert euch nicht über die scheinbaren Widersprüche in meiner Headline!Denn nach zweien meiner Lieblingsgames, bei denen mir die Rezension aufgrund...

von ArminCH am: 25.04.2013

Wundert euch nicht über die scheinbaren Widersprüche in meiner Headline!

Denn nach zweien meiner Lieblingsgames, bei denen mir die Rezension aufgrund relativ ungeteilter Lobeshymnen in meinem Bewusstsein und Unterbewusstsein sehr leicht fiel, kommt jetzt einmal der Versuch, etwas vollkommen ANDERES würdig in Worte zu fassen, ein Spiel, dass mir sowohl gefällt, als auch teilweise ernste Schwächen hat (alias: stellenweise richtig sch***e ist).

"Into the Dark" ist mir bereits im Herbst ins Auge gefallen, sowohl die Gametube Videos als auch die spielbare Demo. Ich fand es abgefahren, witzig, aber angesichts der Bugs waren mir mehr als 30 Franken eindeutig zuviel. Aber vergangene Woche passierte dann doch etwas eher erstaunliches, nämlich eine "Trash Game of the Year" Edition wurde auf IndieDB (indiedb.com/games/into-the-dark/news/into-the-dark-released-on-desura) released - mit zahlreichen angeblichen Bugfixes, zusätzlichen Leveln, Monster, Waffen und dem Originalcut in S/W von "Die Nacht der lebenden Toten".

Und das Ganze für 14 Franken (15 Dollar / 12 Euro). Soviel wär mir der Film alleine schon wert.

Also wurde Sonntag die Kreditkarte gezückt, sich bei Desura (wie Steam, nur ohne DRM, man kann zumindest dieses Spiel sogar auf USB Stick kopieren und in die Arbeit mitnehmen) angemeldet, Game gekauft, installiert. Und schon begann eine aberwitzige, befremdliche, verstörende Reise in die wunderbare Welt von...

...Pornos, Zombies, Totalitarismus

Noch vor dem Intro kommt ein Disclaimer, der erklärt, dass die Entwickler keineswegs mit der faschistoiden Attitüde der McCarthy Ära sympathisieren. Und zum Beweis knallen sie gleich darauf ein kommunistisches Propagandavideo auf den Bildschirm, nämlich ein Flash Filmchen zu "Die sozialistische Weltrepublik!". Wer dabei nicht verstört auf den Bildschirm blickt und sich fragt, in welchem falschen Film er / sie gelandet ist, dem ist nicht zu helfen. Aber der Disclaimer kommt nicht von ungefähr, später im Spiel tauchen immer wieder politisch zumindest bedenkliche Elemente auf.

Und das ist keinesfalls nur Zufall oder "Scherz":

Das Erstlingswerk der Entwickler von Homegrown Games ist in zahlreichen Ländern wegen "Blasphemie" verboten, ihr letzter größerer Titel steht in Deutschland als "strafrechtlich bedenklich" auf dem Index. Die Verkaufsversion von Into the Dark hat zwar USK 18 bekommen, es stand laut Gametube aber ein Verbotsantrag der Staatsanwaltschaft zumindest kurzzeitig im Raum. Kein Wunder: wenn man hinter die Kulissen des Holzhammerhumors, des Herumblödelns und des Trash-Supergaus blickt, sieht man eine intelligente und sehr subversive Abrechnung mit diversen politischen Systemen, auch und gerade mit der "westlichen Demokratie".

Aber davon sind wir vorerst Meilen entfernt, denn nach der Kommunistenpropaganda kommt das Intro und erzählt in sehr mittelmäßiger Tonabmischung, aber einigen durchaus hübschen Bildern...

...die haarsträubende Hauptstory

Peter Brenner betritt die Bildfläche. Er nennt sich zwar Pete O ´Brannon, aber das ändert nichts daran, dass er ein als Jugendlicher nach Amerika eingewanderter Österreicher mit einem immer noch grauenvollen Akzent, ein ehemaliger Soldat, ein glorreich gescheiterter Polizist und jetzt ein versoffener, heruntergekommener Privatdetektiv ist. Einen Ausweg aus seiner finanziellen Dauerklemme bietet ihm die attraktive, aber mysteriöse "Sam" (Samantha) an, der er eigentlich nur an die Wäsche wollte. Sie leitet aber die Abteilung für Versicherungsbetrug in einer der größten Versicherungen an der Ostküste und hat ein Problem: Ein über 80 Jahre alter Knacker hat das Zeitliche gesegnet, die dubiosen Begünstigten seiner Ablebensversicherung könnten sich über 10 Millionen Dollar freuen. KÖNNTEN - wenn Sam nicht schleunigst einen Ausschließungsgrund findet. Wie zum Beispiel, dass der alte Wissenschaftler bei Versicherungsabschluss geschummelt hätte und in Wirklichkeit Regierungsangestellter war. Kurzentschlossen schnappt sie sich Pete, fährt zur Waldhütte des Verstorbenen und schickt ihn illegalerweise rein - per Handy bleibt sie mit ihm verbunden. In der Hütte beginnt für Pete und damit den Spieler...

...das eigentliche Spiel

Wir landen vorerst in der sehr spärlich beleuchteten Hütte, hier macht "Into the Dark" seinem Namen alle Ehre. Trotzdem - der Detailgrad der 3D Umgebung ist zumindest in der überarbeiteten IndieDB / Desura Version beachtlich, die Texturen teilweise sehr gut und extrem hoch aufgelöst. Besonders wenn man in Hoher Qualität spielt, was aber nicht ratsam ist. Dazu erst später.

Vorerst ein Blick auf das Gameplay:

Into the Dark spielt sich am ehesten wie eine Mischung aus dem Original "Fear" und "Amnesia", versetzt mit Elementen die an Slender und Dear Esther erinnern. Man erforscht die Umgebung, schießt oder motorsägt den einen oder anderen Mutanten, Zombie, Nazizombie, Soldaten oder Terroristen zu Boden, sammelt nervigerweise viel zu viele verschiedene Schlüssel ein und öffnet damit viel zu viele verschlossene Türen. Aber auch durchaus intelligente und anspruchsvolle Rätsel kommen vor, wenn man zum Beispiel eine Halle flutet um zu einer Öffnung in der Decke zu schwimmen oder aber dem japanischen Tentakelsexfetisch auf den Grund geht um danach den Vergewaltigungsversuch durch ein Tentakelmonster zu überleben (wer das jetzt schon bizarr findet, sollte sich schleunigst das Game besorgen). Diese Rätsel basieren zwar auf der selben Mechanik (Finde Gegenstand X und benutze ihn mit der Entertaste an Objekt Y) wie alle anderen Aufgaben, bringen aber doch einiges an Abwechslung ins Spiel.

Apropos Abwechslung - Der Grund für den Wiederspielwert und eigentliche Clou an der Sache ist, das man sich sein Gameplay über weite Teiel aus Puzzle- und Shooteraufgaben selsbt zusammenstellt, indem man den jeweils entsprechenden Hinweisen folgt. Dies geschieht im...

...Mission Log

Auf der linken Seite sind die Aufgaben für den "Privatdetektiv Peter Brenner", auf der rechten Seite jene für den Soldaten und Irak-Veteranen Pete O´Brannon. 7 der 11 Level kann man so auf völlig unterschiedliche Arten durchspielen, teilweise sogar mixen, teilweise verändert sich sogar die Architektur des Levels abhängig davon, welchen Pfad ich einschlage. Das klingt nicht nur gut, sondern funktioniert über weite Strecken des Spiels hervorragend. Denn mit den jeweiligen Entscheidungen kann ich auch entsprechende Fähigkeiten des Portagonisten (Chemie, Scharfschütze, Nekromantie...) erlernen oder hochleveln.
Ein großer Respekt an Homegrown Games, dass keine der Kombinationen in einer Sackgasse enden kann, es mag auf die eine Art schwerer als auf die andere sein, schaffbar ist es immer - auch wenn (Achtung Spoiler) das dritte Level durch eine falsche Entscheidung wem man nun vertrauen kann wirklich höllisch schwer wird.

Klassische Bildschirmanzeigen gibt es nicht, wenn man verletzt wird färbt sich der Bildschirm mit theatralisch übertriebenen Blutspritzern ein, bekommt man zuviel Schaden oder einen kritischen Treffer, versinkt man in ein bluttriefend-pulsierendes Herumtaumeln, wo vernünftige Interaktion kaum mehr möglich ist. Dann hilft nur mehr eines der zahlreich herumliegenden Medpacks, die aber wirklich angewendet werden müssen - während der Behandlung ist man wehrlos. Es gibt auch keine Munitionsanzeige, man hört wenn eine Waffe leergeschossen ist und merkt dann beim Drücken auf "R" (Reload) ob man noch Munition hat. Das Gameplay macht als solches Spaß, rangiert zwischen "bemüht-solide" und "Richtig gut!", wäre für sich aber kein Grund, das Spiel als "Must have" zu bezeichnen. Dafür sorgt einerseits...

...der Horror

Trotz allen Holzhammerhumors, trotz der teilweise sehr flachen Witze für die oberflächlicheren Spieler, trotz der dauernden Hinweise dass sich das Spiel nie ernst nimmt: Der Schockfaktor ist an vier oder fünf Stellen des Spiels da, und teilweise knallt er richtig gemein rein. Dazu nutzt das Spiel die billige Technik "Gegner hinter dem Spieler spawnen lassen" und das ebenfalls nicht gerade hochintelligente "Leichen plötzlich wie Puppen wieder aufstehen lassen".
Diese billigen Tricks sind trotzdem sehr effizient dabei, den Blutdruck in die Höhe zu schrauben und Adrenalin auszuschütten, Nachts mit hoher Lautstärke gespielt kann Into the Dark ziemlich fies sein. Abgemildert wird das Ganze durch den...

...Humor


Wenn Pete mit österreichischem Dialekt die DDR Version von Katjusha in einem zombifizierten Bordell für Mitarbeiter eines geheimen amerikanischen Antikommunismusprogramm singt, dann bleibt kein Auge trocken. Zugegeben, einige Witze sind flach. Die berühmte McGyver Melodie zum Beispiel. Aber Into the Dark ist auch voll mit intelligenten, subversiven, gemeinen, politisch inkorrekten Anspielungen, Zeichnungen, Gesangseinlagen, Gegnern, Achievements und Plakaten. Und Filmen! Zahlreiche der ingame Fernsehgeräte und Filmprojektoren können benutzt werden, um sich Propagandastreifen, antike Sexfilmchen oder sogar einen ganzen Film (nämlich den Ur-Zombie-Streifen Nacht der lebenden Toten) anzusehen. Auch die Items haben es in sich: Schnaps z.B.  lässt Health und Moral kurzzeitig steigen, macht aber stockbesoffen, was sich darin widerspiegelt dass Pete "What shall we do with the drunken sailor" gröhlt und herumtorkelt, wobei die Antwort immer eine andere ist und "Nettigkeiten" von "Put him into bed with Bill Clintons daughter" bis "Force him to watch Transformers 3 then" enthält.

Wie auch immer: Noch nie hat es ein Spiel gegeben, dass auf derart vielen Ebenen und Niveaustufen die Humorkanone auf den Spieler abfeuert. Selbst ein LucasArts Adventure hat mich nicht so (wenn auch sicher öfter) zum Lachen gebracht wie dieses Spiel hier. Die Witze sind teilweise grandios, teilweise so politisch böse, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Nur sind viele davon für für einen "Normalgamer" eventuell doch zu anspruchsvoll. Wer hier eine gute Portion Allgemeinbildung mitbringt, und dazu noch einen Humor, der nicht irgendwo zwischen Furzkissen und Hausmeister Krause angesiedelt ist, ist klar im Vorteil. Ebenso die Besitzer gut optimierter PCs. Dafür sorgt die...

...Technik

Hier folgt Licht auf Schatten auf Licht. Stellenweise schaurig-schöne Räume und sorgfältig hochauflösend texturierte Umgebungen voller liebevoller Details wechseln sich ab mit unglaublich langweiligen und grob texturierten Korridoren. Der Easteregg Level dürfte zu den hässlichsten Leveln der jüngeren Spielegeschichte zählen, der Kinolevel mit Romeros Zombieklassikern zu den Schönsten. Die Sprachaufnahmen sind teilweise sehr billig aufgenommen, dafür ist die Klangatmosphäre in jedem Level sehr gut gelungen. In den ehemaligen Bürohallen ertönt geisterhaftes Schreibmaschinengeklapper, im Bordell gibt es atonales Stöhnen und "Puffmusik".

Zahlreiche Bugs trüben das Spielgeschehen deutlich, können aber durch Befolgung der diversen Tipps im Handbuch großteils umgegangen werden. Clippingfehler sind so alltäglich dass man sich irgendwann daran gewöhnt. Will man das Spiel in hoher Grafikqualität durchspielen, empfiehlt es sich, wirklich alle Programme zu schließen die im Hintergrund laufen, sowie das Spiel nach jedem Level zu beenden und dann neu zu starten. Nervig, aber gerade noch akzeptabel.

Insgesamt lässt das Spiel in Punkto Technik die meisten Federn, und das trübt auch...

...das Fazit:



Ist das Spiel wirklich so supertoll wie manche behaupten, hat es die durchgeknallten Fans die reihenweise 10 / 10 auf IndieDB voten wirklich verdient, ist es wirklich "das beste Spiel der Welt" wie Gametube (wenn auch nur im Scherz) behaupteten ?

Nein, eindeutig nicht.

Ist es wirklich so innovativ und "anders" dass man die technischen Fehler ignorieren kann?

Nein, ganz sicher nicht.

Man braucht eine gewisse Leidensfähigkeit, man muss lesen können und wollen, man muss Englisch verstehen (Die "Trash Game of the Year" Edition gibt es nur auf Englisch, und nur auf Desura, was eine englische Plattform ist) und man braucht zumindest eine Tragtasche voller Intelligenz, Witz und Allgemeinbildung.

Wenn man das hat, ist der bizarre Genremix tatsächlich eines der ungewöhnlichsten, spannendsten, lustigsten und genialsten Games der letzten Jahre - und um diesen Preis mit dem Ur-Zombie-Film in der Urversion ein absoluter Pflichtkauf. Ich spiele es jetzt auf jeden Fall nochmal durch, diesmal als Ballergame.


Wertung
Pro und Kontra
  • Hochintelligent & subversiv
  • Geniale Dialoge mit Akzentbonus
  • Einzigartiges Setting
  • Sehr kreatives Gameplay
  • Abwechslungsreiche Waffen und Items
  • Genialer Humor auf allen Ebenen
  • Stellenweise extrem spannend
  • guter Wiederspielwert
  • Teilweise solide Grafik
  • Gute Umgebungssounds & Musik
  • Zahlreiche Ingame Filme...
  • ...darunter "Night of the living Dead"
  • Teilweise heftige technische Aussetzer
  • Clipping Fehler
  • Miese Tonabmischung
  • Clipping Fehler
  • Politisch fragwürdige Botschaften
  • Clipping Fehler
  • Erfordert Intelligenz und Bildung
  • ...erwähnten wir schon die Clipping Fehler?

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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