Keine Werbung für Conviction!

Ich habe drei Theorien: Erstens: UbiSoft Shanghai ist nicht in der Lage, die besten Serienteile aus Montréal weiterzuentwickeln. Zweitens: Die Portierung von...

von Chimaera am: 03.07.2008

Ich habe drei Theorien:

Erstens: UbiSoft Shanghai ist nicht in der Lage, die besten Serienteile aus Montréal weiterzuentwickeln.

Zweitens: Die Portierung von Konsole auf den PC kostete exakt zwei Stunden, dreizehn Minuten und fünf Sekunden.

Drittens: Das Spiel ist ein riesiges Versehen.

Einleitung

Manchmal frage ich mich, was sich Entwicklerstudios bei der Veröffentlichung ihres neuen Machwerks denken. Das fängt an bei ganz offensichtlichen Fehlproduktionen wie Overspeed (keine Panik, wenn Ihr das nicht kennt), die auf ahnungslose Käufer hoffen. Das geht über Gothic 3, dessen Qualitätssicherung nur zwischen acht und Tagesschau hart gearbeitet hat. Und das endet letztendlich bei Splinter Cell: Double Agent: Nur dass einem hier keine prägnante Pointe zu einfällt. Es fallen mir hunderte ein.

Rudis Reste-Rampe

Aber zunächst zur Hintergrundgeschichte: Als langjähriger Splinter Cell-Fan habe ich mit Kombayn Nikoladze angefangen, mich für Rebellenführer Sadono in den Dschungel gekämpft und in letzter Minute Admiral Toshiro Ottomo gerettet. Und wozu das Ganze? Um als Undercover-Agent in der James-Brown-Army unterzutauchen, so nämlich heißt der Gegner dieses mal. Die Organisation verwahrt sich gegen das politische System der USA und möchte…na, was möchte sie eigentlich? Keine Ahnung, die wenigen Informationen, die ich bekomme, hacke ich mir aus herrenlosen PCs im James-Brown-Hauptquartier in New York, wo gleich vier der elf Einsätze stattfinden. Soviel zum Thema Resteverwertung. Grundlegend kann man das Vorgehen in allen diesen vier Levels folgendermaßen zusammenfassen: Langweiligen Pflichtauftrag erledigen, per Fingerabdruck, Retina oder Stimmcode in einen Bereich eindringen, in den man eigentlich nicht reindarf, um dann wahlweise einen PC zu hacken oder einen Schrank zu durchsuchen. Spannung? Leider Fehlanzeige, alles schonmal dagewesen.

Trau, Schau, Wem…

…gilt vor Allem für die Grafik des Spiels. Im Vorhinein (wieder mal) als revolutionär angepriesen, da sie nun auf eine Shader 3.0-Grafikkarte angewiesen ist. Aus diesem Grund verfasse ich den Lesertest erst jetzt ;). Revolutionär am neuen Grafikgerüst sind aber tatsächlich nur die Hardwareanforderungen, und das nicht gerade im positiven Sinne. Auf einer Radeon HD 3870 ist aber ein flüssiger Spielablauf bei höchsten Details erwartungsgemäß möglich. Grafisch enttäuschend sind sogleich die ersten Level. Die Darstellung von Schnee und hellen Boden- und Umgebungstexturen ist bescheiden. Auch bei der Simulation anderer Außenlevels zieht sogar Pandora Tomorrow am vierten Serienteil vorbei. Hervorragend gelungen sind hingegen Innenlevel, die glaubwürdig Atmosphäre vermitteln. Die geht allerdings durch nicht nachvollziehbaren Schattenwurf wieder verloren, denn Schatten spielen naturgemäß eine große Rolle in der Tom Clancy-Serie.

„Zherkezhi? Eine Art Trockenfleisch?

Im Bereich Sound hatte Chaos Theory Maßstäbe gesetzt. Entsprechend spannende Passagen wurden stimmungsvoll unterlegt, und Dialoge herausragend synchronisiert, dazu mit einer eindrucksvollen Portion Witz versehen. Nun, auch Double Agent verlässt sich zu Recht auf situationsabhängige Soundeinspielungen, die schließlich schon fast Standard sind bei PC-Spielen. Das klappt auch gut, aber ein Herzstück der Reihe, die Dialoge, fällt etwas hinten runter. Vielleicht wollte man DA zu einem ernsten Thriller entwickeln, und hat so die Dialoge, für die man vor zwei Jahren noch gerne etwas hinter dem Vorsprung verharrt hat, um sie mitzubekommen, auf ein Minimum gekürzt. Gut getan hat es nicht, denn auch den Anspruch eines Thrillers kann das Spiel nicht ganz halten. Bemerkenswert ist vielleicht nebenbei, dass nur eine Neuinstallation des Soundtreibers und das heruntersetzen der Hardwarebeschleunigung das Spiel zum Laufen brachten.

„Isolieren, Vereinfachen, Durchführen“

Echtes Splinter-Cell-Feeling kommt nämlich lediglich auf dem Kreuzfahrtschiff Cozumel auf, auf dem Sam für die JBA eine Bombe platzieren muss und sich auf engstem Raum durch ganze Trupps an Wachleuten schleichen muss. Hier hilft ihm das ansehnliche Gadget-Arsenal, das gegenüber Chaos Theory nur minimal erweitert wurde. In allen übrigen Missionen ist das Spielzeug nutzlos, denn Raum ist stets genug, und auch auf höchstem Schwierigkeitsgrad besteht keine echte Notwendigkeit, die Agentenwerkzeuge einzusetzen. Die Atmosphäre wird nicht nur durch falschen Schattenwurf getrübt, sondern auch durch unlogische Animationsabläufe und eine KI, die wie im Vorgänger, durchaus cleverer agieren könnte. Dazu fehlen die Passagen, wie sie einem bei Chaos Theory den Schweiß auf die Stirn trieben. Alles ist vorhersehbar, berechenbar, der Reiz, einfach so neu laden zu können, ist riesengroß. Zwar bot auch CT keine Speicherpunkte, aber das Spielgefühl war so intensiv, dass man nicht auf die Idee kam, schnell F8 (Schnellladen) zu drücken. A propos Atmosphäre: Einem Wachmann, der einen Kollegen auf dem Boden entdeckt, ist oft nicht mehr als ein „War da was?“ zu entnehmen, dem, sofern man sich im Dunkeln aufhält, sogleich ein „Da war wohl doch nichts.“ folgt.

Wie, Tasten selbst belegen?

Mittlerweile dachte ich, dass eine frei konfigurierbare Steuerung weitläufig unumstritten ist. Weit gefehlt. Double Agent verweigert mir die Neubelegung von Sprung-, Feuer-, und ähnlichen Tasten. Das Problem: Das ist kein Bug, sondern Absicht! Entweder geht man bei UbiSoft von unermeßlich dämlichen Usern aus, oder…hm…wobei, Aufwand wäre es ja keiner gewesen. So muss ich die Steuerung in einer Initialisierungsdatei ändern. Vorsichtig könnte ich behaupten, dass die PC-Version eine voreilige Konsolenportierung ist, aber….ach nein, wie käme ich dazu?

„Die Eignung für ein bestimmtes Alter...

...kann bei Online-Spielen schwanken!'
Der Multiplayermodus ist ein Paradebeispiel, wie man es nicht (!) machen sollte. Er strotzt nur so von Bedienmängeln, die offensichtlich allesamt von der Konsole herrühren. Die Menüs sind fast ausschließlich Tastaturgesteuert! Unfreiwillig komisch ist allerdings der obige Spruch, der beim Start des MP eingeblendet wird. Im Menü dann offenbart einem eine peinliche Frauenstimme, was unter bestimmten Menüpunkten zu verstehen ist. „Eine schnelle Sitzung im Gegen-Spiel“ sagt zum Beispiel aus, dass man an einem zufällig ausgewählten 2 gegen 2 teilnimmt. Übersetzungsfehler waren bei Chaos Theory schon extrem peinlich, aber sowas kann man doch abstellen.
Des Weiteren ist auch hier die Steuerung nicht frei belegbar. Die Grafik ist offenbar ein Relikt aus Splinter Cell 1. Auffallend weiße Symbole in der Umgebung zeigen Interaktionsmöglichkeiten. Die Tiefe des Chaos-Theory-Multiplayers, der auch heute noch zumindest auf LANs spielenswert ist, erreicht dieser MP zu keinem Zeitpunkt. Aufgrund mangelnden Gegneraufkommens auf den Servern (verständlicherweise^^) ist eine objektive Betrachtung der Spielmechanik nicht durchführbar. Ich erlaube mir jedoch, das Urteil aufgrund des alleinigen Experimentierens zu fällen: „Bitte nicht anfassen!“.

Fazit

Double Agent ist ein solides Action-Adventure. Mehr nicht. Aber Splinter Cell hat den Anspruch auf mehr, und somit ist DA eine Enttäuschung: Zu oberflächlich, zu naiv, zu kurz, langweilig! Der Wiederspielwert ist trotz der kniffligen Entscheidungen, die man im Storyverlauf zu treffen hat, gleich null. Das Sam-Fisher-Gefühl will nicht aufkommen, und der Multiplayer-Modus verspricht keinerlei Langzeitspaß. Da kann auch das ordentliche Finish nichts mehr retten.

Jetzt eigenen Artikel veröffentlichen

Schreib Deinen eigenen Artikel auf GameStar und tausche Dich mit anderen Lesern aus.

Eigenen Artikel schreiben

Wertung
Pro und Kontra
  • Grafik: prachtvolle Außenlevels, Solide Shadereffekte
  • Sound: Situationsabhängig, gute Waffensounds
  • Balance: ausgewogene Schwierigkeitsgrade
  • Atmosphäre: Kreuzfahrtschiff, Agentenfeeling vorhanden...
  • Bedienung: gewohnt gute Kameraführung
  • Umfang: 11 Einsätze
  • Leveldesign: Nachvollziehbar
  • KI: läuft Patrouille
  • Waffen & Extras: Nützliche Waffen, wundervolle Gadgets...
  • Handlung: Idee mit Potenzial (Undercover-Agent)
  • Grafik: plastikähnlich, Eislevels bleiben zurück, Schatten
  • Sound: selten Atmosphärefördernd
  • Balance: etwas zu leicht, aber Frustmomente vorhanden
  • Atmosphäre: ..aber nicht mit CT vergleichbar, kaum Aha-Effekte
  • Bedienung: nicht frei belegbar!
  • Umfang: kaum Wiederspielwert, Levelwiederholungen
  • Leveldesign: Wiederholungen, manchmal unklarer Verlauf
  • Waffen & Extras: ...die aber meistens nutzlos sind
  • Handlung: Unverständlich, unvollständig

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Oft, regelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 5, weniger als 10 Stunden



Kommentare(2)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.