Liebe auf den ersten Biss

Mit Vampiren verbinden wir seit je her Attribute wie Kreuze, Knoblauch, spitze Holzpfähle und ein altertümliches, unheilvolles Zeitalter. Alles Quatsch, sagte...

von - Gast - am: 29.10.2009

Mit Vampiren verbinden wir seit je her Attribute wie Kreuze, Knoblauch, spitze Holzpfähle und ein altertümliches, unheilvolles Zeitalter. Alles Quatsch, sagte sich der einstige Entwickler Troika Games und transportierte ihre Version der Vampirstory in die Neuzeit des heutigen Los Angeles. Trotz der Aktualität des Szenarios bietet der Titel altmodischen Grusel, mischt aber auch verschiedene Horrormomente mit ein, was dem Spiel einen ganz besonderen Touch verleiht.

Wer Deus Ex schon vergötterte, wird sich in Bloodlines sichtlich wohlfühlen. Spieltechnisch erinnert der Blutsauger-Shooter stark an den Cyberpunk-Titel, inklusive Rollenspielpart und Entscheidungsfreiheit in der Storyentwicklung. Was Bloodlines besser macht, ist die Einbindung verschiedener NPCs, durch die wir auch Nebenquests absolvieren können, aber erstmal ruhig Blut, denn so einfach können wir uns nicht in der Leute Hälse verbeißen…

Erwache, untoter Sohn!

Bevor wir uns in die Nächte stürzen, erstellen wir uns einen Charakter. Dabei haben wir die Wahl – entweder wir generieren unseren Spitzzahn selbst, oder beantworten ein paar Fragen, die uns entsprechend unserer Antworten einem bestimmten Clan zuordnen. Dabei haben wir die Wahl zwischen acht verschiedenen Clans, die alle mit verschiedenen Fähigkeiten ausgestattet sind. Auch spielerisch unterscheiden sich die Clans gewaltig: Die Toreador sind die Schönlinge unter den Blasshäutern, bei den Nosferati genau das Gegenteil – mit ihnen können wir uns nicht in den Straßen von L.A. bewegen, sondern müssen die Kanalisation nutzen.

Haben wir die Charakterwahl vollbracht, erwachen wir in einer dunklen Ecke, wo uns Jack, ebenfalls ein Vampir, durch das integrierte Tutorial lotst. Da dieses recht üppig ausfällt, rate ich Euch, es durchzuspielen, denn es erklärt haarklein die verschiedenen Möglichkeiten und Richtlinien, die möglich und zu beachten sind. So sind wir als Wesen der Nacht dazu verdonnert, die Maskerade aufrecht zu erhalten, was so viel bedeutet wie aufpassen, dass die Sterblichen von unserer Existenz nichts erfahren. Dies ist spielerisch auch wichtig, denn nicht wenige Quests bauen auf der Wahrung der Maskerade auf.

Finde deinen Weg

Grundlegend ist Bloodlines ein Shooter, der sich wahlweise aus der Ego- bzw. der 3rd-Person-Ansicht spielen lässt, außer man befindet sich im Nahkampf, dann schaltet das Spiel automatisch der Übersicht wegen in letztere. Dies ist selbstredend nur in den Actionpassagen von Belang, denn frisst die Hälfte der Spielzeit im Führen von Dialogen auf. Egal ob Haupt- oder Nebenquest, jedes Gespräch erzählt eine in sich geschlossene Geschichte und man bemerkt die Liebe, die man in diese Geschichten investiert hat. Hierbei kann es zu der einen oder anderen Überraschung kommen, manchmal beeinflussen unsere Antworten auch den Ausgang dessen und die Belohnungen, die wir erhalten. Das sind dann Erfahrungspunkte oder Geldscheine, die aber nicht sehr üppig ausfallen, was uns die Entscheidung über die Verteilung im Charakterbildschirm erschwert – sinnloses Aufleveln bis hin zum Übervampir ist somit zwecklos.

Apropos Geschichten: Die Hauptquest erzählt ganz im Stile der Underworld-Filme die Stellung der Vampirclans, handelt von Macht und Gegenwehr und den damit verbundenen Spielchen, die sich um einen antiken Sarkophag ranken. Es stellt sich im Laufe des Spiels auch heraus, dass wir uns für eine Fraktion entscheiden müssen. Abseits der Hauptquest ergeben sich durch Interaktion mit unzähligen NPCs in den Stadtteilen viele kleine Nebenquests, die der Erzählweise in nichts nachstehen. Jeder NPC hat seine eigenen kleinen Problemchen, die es zu entlarven gilt, so erleben wir beispielsweise, wie die Spur eines verschwundenen Geldeintreibers zu einem Prothesentechniker führt, dessen Beruf zu einer kranken Berufung wurde.

Nutze deine Kraft

Spielmechanisch ist das Spiel erstaunlich vielseitig ausgefallen. Reine Kraftprotze können sich stur den Kämpfen stellen, während subtileres Vorgehen zwar langwieriger, aber um einiges effektiver ist. Selbst wenn man den Gegnern in geduckter Haltung auf die Füße tritt, irren sie planlos mit der Waffe im Anschlag umher, ohne uns zu entdecken. Das andere Extrem passiert dann im normalen Laufmodus, selbst durch Wände erkennt uns der Feind direkt, stürmt rigoros auf uns zu und ist dazu äußerst treffsicher. Hier ist die KI sehr misslungen, da sind Vergleichsbeispiele wie die Thief-Reihe oder Splinter Cell um einiges nachvollziehbarer. In Maskerade-Gebieten funktioniert es deutlich besser, da wir unseren Blutvorrat hin und wieder nur bei Passanten auffrischen können, sollten wir dies aber nicht auf offener Straße tun, denn das lenkt natürlich unsere Aufmerksamkeit auf die Sterblichen, die uns bei Verstößen einen Maskerade-Punkt kostet und die Polizei auf den Plan bringt. Haben wir übrigens fünfmal die Maskerade gebrochen, ist das Spiel vorbei.

Unser “irdisches” Arsenal an Waffen kann sich durchaus sehen lassen. Von Baseballschlägern über automatische Ballermänner bis hin zum Flammenwerfer können wir im Laufe des Spiels auffinden oder kaufen. Während unsere Fähigkeiten die Treffsicherheit beeinflussen, haben wir zusätzlich übernatürliche Kräfte erworben, die uns im Kampf oder auch beim Lösen von Quests nützlich sind. Je nach Gegnertyp haben diese Kräfte auch unterschiedlichen Erfolg, also sollten wir sie wohl überlegt einsetzen.

Erkenne deine Umgebung

Wie schon erwähnt, gibt es in Bloodlines keine alten Burgern, verschneiten Landschaften oder Renaissance-Klamotten zu bewundern, sondern eher verdreckte Gassen, Schrottplätze oder heruntergekommene Stundenhotels, wobei viele der Umgebungen sehr liebevoll gestaltet wurden und auch begehbar sind. Auf das Heile-Welt-Ambiente wurde hier bewusst verzichtet, sondern eher eine nachvollziehbare Version der (Un-)Schönheiten eines heutigen Los Angeles geschaffen. Beste Voraussetzung, um den Quests die richtige Umgebung zu spendieren, denn diese sind teilweise an Spannung kaum zu überbieten. So schleichen wir uns durch die Gänge eines verlassenen Krankenhauses, überall stapeln sich Betten, Medizinschränke oder Matrazen, im Hintergrund summt eine unheilvolle Musik und Schreie zerfetzen die scheinbare Stille – Gänsehautgarantie!

Die Figuren sind wunderbar in die Welt eingepasst worden, jeder NPC hat seinen eigenen, verschrobenen Charakter. Sei es der fette Kautionsvermittler, der zuviel redet, die rebellische Damsel oder die hinreißende Velvet – der Wiedererkennungswert ist trotz der Masse der verschiedenen Figuren enorm. Auch wenn wir uns in einer scheinbar reellen Welt befinden – übernatürlich begabte Bösewichte, Friedhöfe und bluttriefende Gänge durften trotz allem nicht fehlen.

Sehe und staune

Technisch macht das Spiel einiges her, auch wenn sich doch einige unschöne Fehler eingeschlichen haben. Grafisch wurde eine frühe Version der Source-Engine verwendet, was es Troika ermöglichte, die Figuren Gefühlsregungen darstellen zu lassen. Das sieht toll aus, leider wirken viele der Animationen sehr unfertig. Dafür ist das Leveldesign gut durchdacht worden, wir müssen nur selten lange Laufwege in Kauf nehmen. Die Areale sind in sich sehr stimmig, LaCroix´ Penthouse könnte glatt als Empfangszimmer im Buckingham Palace herhalten, während Damsel in einer heruntergekommenen Kneipe hausiert – die Vielfalt erschlägt einen fast. Nur schade, dass die Figuren teilweise sehr polygonarm ausgefallen sind und Gebiete wie Vegetationen äußerst altbacken erscheinen.

Die Qualität der Soundkulisse ist ebenfalls so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während der abwechslungsreiche Soundtrack zu den besten im Genre gehört und die (englischen) Sprecher durchweg hervorragend sind, hat die Kulisse mit Abmischungsfehlern und fehlender Abwechslung zu kämpfen. Eine Gittertür klingt hier nicht anders wie eine normale Haustür, dafür klingen die Waffen wie richtige Waffen.

Entwickle dich selbst

Leider war die Verkaufsversion von Bloodlines von vielen technischen Schnitzern geplagt, was einfach daran lag, dass die Entwickler bzw. Publisher die Arbeiten eingestellt hatten und so den Feinschliff vernachlässigen mussten. Bemerkenswert war und ist dabei, dass das Spiel trotz seines unfertigen Zustandes eine große Fangemeinde vereinen konnte, die sich prompt daran setzte, die Fehler selbst auszumerzen. Mittlerweile gibt es Unmengen an Patches, die die Technik aufpolierten und kleine Verbesserungen einbrachten.

Wer das Spiel gespielt hat und etwas für gruselige Geschichten übrig hat, wird den Aufwand auch verstehen, denn es wäre zu schade gewesen, wenn die Idee einer modernen Vampir-Story mit seinen vielfältigen Arealen an den technischen Mängeln gescheitert wäre. Aber so wurde das Spiel doch noch zu einem kleinen Meilenstein der Spielegeschichte, das im Geiste von System Shock 2 oder Deus Ex Action mit RPG-Elementen mischt. Also putzt Euch die Zähne, es gibt was zum Beißen!

Noch eine kleine Anmerkung zum Schluß: Ich habe das Spiel ohne Patches hier getestet, damit eine klare Ausgangssituation entsteht. Dabei sind die Veränderungen nur marginal ausgefallen, die meine Wertung nur unwesentlich beeinflussen würden.

Jetzt eigenen Artikel veröffentlichen

Schreib Deinen eigenen Artikel auf GameStar und tausche Dich mit anderen Lesern aus.

Eigenen Artikel schreiben

Wertung
Pro und Kontra
  • Grafik: Stimmungsvolle Umgebungen, Gesichteranimation
  • Sound: Toller Soundtrack, sehr gute (englische) Sprecher
  • Balance: Guter Anspruch, freies Speichern
  • Atmosphäre: Zum Schneiden spannend, vielfältig
  • Bedienung: Shootersteuerung, Menüs, Kameraeinstellung
  • Umfang: 40 Stunden, viele Nebenquests, Wiederspielwert
  • Quests: Spannende Hauptquest, Nebenquests noch besser
  • Charaktere: Verschrobene NPCs, vielseitig
  • Kampfsystem: Fähigkeiten beeinflussen Kampferfolge
  • Items: sinnvolle Gegenstände, Waffenarsenal
  • Grafik: teils altbacken, Animationen, Texturen
  • Sound: Gelegentliche Soundprobleme
  • Balance: Zwischengegner teils bockschwer, Schleichen/Kämpfe
  • Atmosphäre: -
  • Bedienung: Questwege manchmal unersichtlich
  • Umfang: -
  • Quests: -
  • Charaktere: -
  • Kampfsystem: Schleichen/Kämpfen-Balance unfair
  • Items: nur wenige

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Häufiger, unregelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



Kommentare(6)

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.