Mittelerde: Batman's Creed

Rezension: „Mittelerde: Mordors Schatten (inkl. aller DLCs)“

von ModuGames am: 17.03.2020

Eine etwas unfaire Überschrift? Mit Sicherheit, doch Mittelerde: Mordors Schatten macht keinen Hehl aus seinen Vorbildern, erreicht deren spielerische Klasse aber nur sehr selten. Doch lassen Sie mich am Anfang beginnen: bei dem Waldläufer Talion und seiner Geschichte.

Eine Geschichte ohne emotionale Bindung

Das Leben als Wächter über Mordor ist nicht gerade das beste, glaubt man Talions Frau Ioreth. Als Waldläufer aus Gondor ist es nämlich dessen Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Dunkle Herrscher Sauron nicht nach Mordor zurückkehrt. Genau das tut er aber eines Tages — und so wird aus einem verbesserunsfähigen Leben plötzlich ein sehr schlechtes, denn Orks erobern Talions Festung und richten seine Frau und seinen Sohn hin. Auch Talion wird getötet, stirbt jedoch nicht. Stattdessen wird er vom Tod verstoßen und von einem Geist besessen, der Talion unsterblich werden lässt. Beide sind auf Vergeltung aus (die Motive des Geistes werden im Verlauf der Handlung deutlicher) und so beginnt ihr Rachefeldzug durch Mordor.

Mordors Schatten findet dabei zwischen den Ereignissen von „Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“ statt, was bedeutet, dass Sauron seine volle Stärke bei weitem noch nicht erreicht hat. Deshalb leben in Mordor auch nicht nur Orks, stattdessen trifft man im Verlauf der Handlung auf diverse Feinde des Dunklen Herrschers, etwa den ehemaligen Waldläufer Hirgon, die Königin Marwen oder — meinen Favoriten — den Jäger Torvin. Das Problem ist, dass die meisten Figuren sehr einfach gestrickt und, offen gesagt, ziemlich langweilig sind. Dabei ist auch nicht hilfreich, dass alle diese Figuren nach dem Schema „Bekanntschaft schließen — 3, 4 Quests für sie erledigen — auf Nimmerwiedersehen“ verlaufen.

Ein ähnliches Problem liegt bei Talions Familie vor. Mordors Schatten begeht, wie leider viel zu viele andere Spiele auch, den Fehler, dass es einfach erwartet, dass sich der Spieler für die Frau und den Sohn des Protagonisten interessiert, ohne vorher eine emotionale Bindung zu den beiden zu schaffen. Als Folge bleibt auch Talion ziemlich blass, da seine einzige Motivation zu wenig Gewicht besitzt. Das restliche Spiel macht auch keinen besseren Job, ihn zu charakterisieren. Interessanterweise laufen in den Ladebildschirmen jedoch stets Dialoge ab, die Talions Vergangenheit erläutern. Und das Schlimmste daran: das Material ist auch gar nicht schlecht! Warum Mordors Schatten solch wichtige Informationen in den uninteressantesten Teil des Spiels auslagert, ist mir ein Rätsel. Einen Lichtblick gibt es jedoch, denn Gollum tritt an einigen Stellen in der Handlung auf. Ist das Fanservice? Sicher. Aber es ist fast schon lachhaft, wie viel besser Gollum geschrieben ist als jede andere Figur im Spiel.

Eintöniges Mordor

In Mordors Schatten bereist man zwei Gebiete: Udûn und das Núrnenmeer, wobei ersteres vor allem zu Beginn des Spiels frequentiert wird. Bei Udûn handelt es sich um Mordor, wie man es sich vorstellt, wenn man die „Herr der Ringe“-Verfilmungen gesehen hat. Also eine braun-graue Ödnis mit vielen Befestigungsanlagen der Orks, nur (noch) nicht ganz so apokalyptisch wie in den Filmen. Das Núrnenmeer steht im starken Kontrast dazu, handelt es sich doch um eine noch relativ unberührte Gegend, die durch ihre Grüntöne und Ruinen besticht. Beide Gebiete sind auf dem Papier recht groß, fühlen sich letztlich aber doch eher kompakt an, da sich die Anzahl an Schmiedetürmen pro Gebiet in Grenzen hält, jeweils sechs pro Map.

Doch halt — Schmiedetürme? Hinter diesem Namen versteckt sich nichts anderes als ein gewöhnlicher Aussichtspunkt, wie man sie etwa aus Ubisofts Far Cry-Serie kennt. Die offensichtlichste Inspiration ist hingegen die Assassin's Creed-Reihe, mit der ich Mordors Schatten noch öfter vergleichen werde. Erklimmt man einen solchen Turm und aktiviert ihn, wird das betreffende Gebiet auf der Karte aufgedeckt. Heißt konkret: Man erhält Zugang zu Mini-Aufgaben und Sammelkram. Dabei kann es sich um Herausforderungen handeln oder schlichtweg einige Artefakte, die mit Hintergrundinfos über die HdR-Lore daherkommen. Hauptsache, das Zeug bringt Erfahrungspunkte und Mirian, die Währung des Spiels.

Folglich besteht die Open World hauptsächlich aus Füllmaterial und Quests von der Stange, daher habe ich die meisten Aktivitäten auch nicht abgeschlossen, sondern nur Icons, die direkt auf meinem Weg lagen, eingesammelt. Qualitativ hochwertige offene Welten gehen anders, zumal es dem Spiel nicht gelingt, eine packende Atmosphäre aufzubauen, nicht zuletzt wegen der flachen Hauptgeschichte.

Wer zuletzt lacht...

Doch kommen wir zu einer Stärke des Spiels: dem sogenannten Nemesis-System. Es ist nämlich so, dass in Mordor nicht nur Uruks herumlaufen (größere und stärkere Orks), vor allem die Kommandostruktur eben jener ist von großer Bedeutung. Folglich trifft man auch auf Hauptmänner und die besonders mächtigen Häuptlinge. Jeder dieser speziellen Gegner besitzt einen eigenen Namen, ein individuelles Aussehen und — am wichtigsten — besondere Stärken und Schwächen. Das alles muss man jedoch erst herausfinden, entweder indem man Uruk-Informanten vor dem Kampf mit den Bossen verhört... oder eben auf die harte Tour.

Sollte es einem regulären Ork gelingen, Talion tatsächlich das Licht auszuknipsen, steigt dieser in der Kommandostruktur auf. Landet ein Hauptmann/Häuptling den vernichtenden Schlag, erhöht sich dessen Rang, er wird also stärker. Da Talion aber, wie gesagt, unsterblich ist, steigt er einfach an einem Schmiedeturm wieder ein. Im besten Fall sinnt der Spieler nun auf Rache und jagt besagten Ork, wodurch in der Tat wirkliche Feindschaften entstehen können, allerdings kann man die Niederlage auch getrost ignorieren. Wenn man hingegen Rache nimmt, fühlt sich das durchaus befriedigend an.

Hohe Personalfluktuation in Mordor

Orks bekämpfen sich auch untereinander, wodurch das System sehr dynamisch wirkt. Diese Art von Fortschritt findet aber nur statt, wenn Talion stirbt oder er an einem Schmiedeturm Zeit verstreichen lässt. Bis dahin sind alle Konflikte zwischen den Grünhäuten als Marker auf der Karte vorzufinden. Rennt Talion zu einer solchen Position, kann er in den Konflikt eingreifen und nach eigenem Ermessen Widersacher umlegen. Dementsprechend hat der Spieler theoretisch volle Kontrolle darüber, wie die zwischenorkischen Beziehungen verlaufen.

Später im Spiel (etwa im letzten Drittel) erhält Talion die Fähigkeit, Orks zu branntmarken und sie unter seine Kontrolle zu bringen, sodass sie für ihn kämpfen. Dies ändert grundlegend, wie man Mordors Schatten spielt, schließlich ist man nun mehr damit beschäftigt, Orks zu konvertieren, anstatt sie zu töten. Und wenn man seinen eigenen Hauptmann gegen einen Feind in die Schlacht führt, ist das schon wirklich cool. Umso frustrierender natürlich, wenn der Kamerad stirbt. XCOM-Spieler kennen dieses Gefühl, aber ganz so stark ist es in Mordors Schatten dann doch nicht. Dennoch hat mich der Tod meines Lieblingsuruks jedes Mal mehr getroffen als der von Talions Familie.

Deshalb bin ich auch geneigt, dem Spiel den erzählerischen Kniff mit Talions Unsterblichkeit zu verzeihen. Normalerweise finde ich unbesiegbare Helden sehr langweilig, da sie einfach keine Spannung aufbauen können. Dasselbe gilt auch für Talion, allerdings ist klar, dass das Spiel kontinuierlich weiterlaufen muss, um die oben beschriebenen Funktionen zu gewährleisten. Immerhin ist das Nemesis-System mitunter die größte Stärke des Spiels.

Von Fledermäusen und Uruks

Auch gut gelungen ist das Kampfsystem von Mordors Schatten, wobei erfahrenen Action-Adventure-Fans auffallen dürfte, dass es sich im Wesentlichen um den Freeflow Combat aus der Batman Arkham-Serie handelt. Frei nach dem Motto „Besser gut kopiert als schlecht erfunden“ prügelt sich Talion also mit einer Kombination von Angriffen (linke Maustaste) und Kontern (rechte Maustaste) durch die Reihen der Orks. Das Ziel: Eine Trefferserie aufzubauen, die dem Spieler Zugriff auf sehr mächtige Fähigkeiten gewährt, wie etwa einen starken Schlag, der normale Uruks sofort tötet und mächtigere Gegner schwer beschädigt. Auch ist es sinnvoll, Feinde umzuwerfen, um sie dann in einer Boden-Hinrichtung schnell auszuschalten.

Das Spiel wirft einem dabei eine ganze Reihe von Gegnern an den Kopf. Neben den klassischen Wegwerf-Schwertkämpfern finden sich auch Berserker (kontern viele Nahkampfattacken), Schildträger (nur schwierig frontral angreifbar, fiese Speerangriffe) und Fernkämpfer. Die Schildträger und Fernkämpfer sind auch diejenigen, die verhindern, dass man Mordors Schatten nur mit Angriffen und Kontern spielen kann, denn die Speere und Armbrustbolzen kann man nicht abwehren, man kann ihnen nur ausweichen. Kämpft Talion also gegen eine große und vielfältige Feindgruppe, hat er es zuweilen schwer, einen Gegner wirklich zu verletzen, da er von allen Seiten bedrängt wird. Hier hilft jedoch sein Bogen, denn dieser gewährt für einen kurzen Moment Bullet Time, sodass man besonders gefährliche Ziele nacheinander ausschalten kann. Wirklich taktisch spielen sich die Kämpfe jedoch nie, zumal man oft einfach die Flucht ergreifen kann, wenn eine Situation zu heikel wird. Wer flüssige, actionlastige Gefechte mit coolen Geisterfähigkeiten sucht, wird mit Mordors Schatten jedoch zufrieden sein. Danke, Batman!

Upgrades und Bewegung

Talions Fähigkeiten lassen sich natürlich auch verbessern: zum einen durch Fähigkeiten, zum anderen durch Attribute. Erstere schaltet man durch Levelups frei, für die man eine gewisse Anzahl an Erfahrungspunkten sammeln muss, letztere erkauft man sich mit Mirian. In jedem Fall bietet das Charaktersystem genug Spielraum, um Talion mehr oder weniger effektiv zu verbessern. Mehr Geschosse für den Bogen? Immer her damit! Sofortiges Aufsitzen auf Caragor, die als Fortbewegungsmittel dienen? Darauf kann ich verzichten. Die meisten Upgrades sind aber spielerisch sinnvoll, wenn auch etwas gewöhnungsbedürftig.

Wenn Talion also nicht gerade mit Kämpfen oder dem Management seiner Ork-Armee beschäftigt ist, durchstreift er Mordor. Die Bewegungen laufen hierbei in etwa ab wie in einem Assassin's Creed: Möglichkeiten zum Klettern sind allgegenwärtig, da dürfen Schleichtötungen natürlich nicht fehlen. Per Tastendruck (standardmäßig die Leertaste) wechselt Talion vom Geh- in den Laufmodus, wodurch er sich auch seinen Weg über Hindernisse größtenteils selbst bahnt. Mit den Assassinen-Abenteuern hat Mordors Schatten aber auch die etwas eigenwillige Steuerung gemein, wobei die Bewegungen — unterstützt durch Geist-Magie — alle schneller ablaufen, sodass in einigen Momenten ein wirklich guter Spielfluss entsteht.

Hübsche... Orks?

Mordors Schatten war bei seinem Erscheinen im Jahr 2014 ein wirklich schönes Spiel: Vor allem die Orks können durch ihre Vielfältigkeit und ihren Detailreichtum überzeugen. Die Modelle wirken organisch, die Texturen sind, bis auf einige Ausnahmen, angenehm scharf. Wer Schwächen in der Präsentation finden will, muss schon etwas tiefer schauen, etwa auf die Vegetation, die bei genauerer Betrachtung nur noch wenig plastisch wirkt. Auch die wenigen Menschen in Mordor (hauptsächlich Sklaven) ähneln sich viel zu stark. Ansonsten ist Mordors Schatten grafisch sehr gut gealtert. Der Soundtrack ist hingegen schwach, was bei einem Universum, das über die großartige Filmmusik des „Herrn der Ringe“ verfügt, unangenehm auffällt.

Fazit

Rezensionen haben oft die Angewohnheit, sich deutlich negativer zu lesen, als sie tatsächlich gemeint sind. Auch Mordors Schatten ist so ein Fall, schließlich steht hier eine 7 vor der Wertung anstatt einer 5 oder 6, wie man anhand des Textes möglicherweise vermuten würde. Dabei sind die Schwächen des Spiels sehr auffällig: uninspirierte Story, langweilige Open World, blasse Charaktere. Doch die wirklich spaßigen Kämpfe und das innovative Nemesis-Sytem ziehen das Spiel in den gerade noch guten Bereich. Fairerweise muss man auch sagen, dass die Mittelerde-Lizenz ihr übriges tut, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Somit bin ich gespannt, was der Nachfolger Schatten des Krieges (den ich bis dato noch nicht gespielt habe) aus Mordors Schatten gelernt hat, denn Verbesserungsmöglichkeiten gibt es viele.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



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