Rundenstrategie in Bestform

Wer nachts um halb zwei mit tiefen Augenringen vor seinem PC sitzt und murmelt: „Nur noch eine Runde“, der spielt höchstwahrscheinlich Civilization. 2005 ging...

von - Gast - am: 22.09.2009

Wer nachts um halb zwei mit tiefen Augenringen vor seinem PC sitzt und murmelt: „Nur noch eine Runde“, der spielt höchstwahrscheinlich Civilization. 2005 ging die Rundenstrategie in die vierte Runde. Mit dem alten Sid Meier, mit neuer Grafik, neuen Spielelementen und mit einem kaum vergleichbaren Suchtfaktor.

Vorbereitung

Ganz am Anfang sei gesagt: Es ist kaum möglich alle Aspekte des Spiels in einen einzigen Text zu fassen, dafür gibt es einfach ziemlich viele verschiedene Prozesse. Wer das originale Handbuch besitzt kann allein an dessen Umfang von etwa 200 Seiten sehen, dass es sich hier nicht um einen Kindergeburtstag handelt. Dennoch überfordert das Spiel nur dann, wenn man es wirklich darauf anlegt sich das Leben schwer machen zu wollen.
Für Einsteiger ist es dennoch keineswegs zu schwierig sich in Civilization 4 einzuspielen. Es gibt ein ausreichendes Tutorial, das das nötigste erklärt, und auch in einer richtigen Partie gibt es viele Hilfsanzeigen und Automatisierungen.
Fangen wir aber mal beim Start einer Partie an. Als erstes wählen Sie eine von sieben Welttypen aus, etwa eine nach Vorbild der Erde, eine Seenlandschaft oder eine komplett zufällige.
Dann können Sie eine von 18 Nationen und teilweise zwischen mehreren Herrschern auswählen. Die Nationen haben dabei Spezialeinheiten, die eine normale Einheit ersetzt. So haben die Deutschen natürlich den Deutschen Panzer, der noch etwas mehr Wumms hat als das Standardmodell.
Die verschiedenen Herrscher hingegen haben unterschiedliche Charaktereigenschaften, die unterschiedliche Boni bieten wie doppelte Produktionsgeschwindigkeit für bestimmte Gebäude oder eine höhere Zufriedenheit in Städten.
Danach wählen Sie noch ihren Schwierigkeitsgrad, sowie Größe, Klima, Meeresspiegel und Spielgeschwindigkeit. Wir als nicht gerade großer Stratege wählen einen der unteren Schwierigkeitsgrade aus, in dem die Barbaren nur wehrlose Einheiten angreifen, viele Kosten deutlich niedriger sind und unsere Bevölkerung auch einfach wunschlos glücklich ist.

Beginn

Jetzt geht es richtig los. Wir starten in der Regel mit einem Siedler und einem Krieger oder Späher. Unser Siedler gründet direkt als erstes unsere Hauptstadt, während unsere Kampfeinheit die Gegend erkundet. Dabei findet er nach einigen Runden Ressourcen, z.B. Stein, Marmor und Kupfer, die wir, sobald wir unser Landgebiet weit genug ausgebreitet haben, abbauen können. Das sollten wir auch deswegen machen, weil diese oft noch weitere Boni bieten. Steine können etwa die Bauzeit einzelner Gebäude halbieren, mit Kupfer können Sie Axt- und Speerkämpfer ausbilden.
Mit etwas Glück finden Sie auch ein friedliches Barbarendorf. Wenn Sie dies mit einer Einheit einnehmen, bekommen Sie Technologien, Gold oder neue Einheiten. In seltenen Fällen entpuppen sie sich aber auch als absolute Nieten, wo es überhaupt nichts zu holen gibt oder wo Krieger auf Sie warten um Ihre Einheit dem Erdboden gleich zu machen.
Mit Technologien sind wir auch schon beim richtigen Stichwort. Wie bei Civilization üblich gibt es einen umfangreichen Technologiebaum, durch den Sich Ihr Volk weiterentwickelt. Wer die Forschung außer Acht lässt, ist schnell den anderen Nationen gegenüber unterlegen. Erst mit dem Erforschen bestimmter Technologien können Sie z.B. Wälder roden oder ein Bergwerk bauen. Gut gelungen: Es ist nicht unbedingt nötig, alle Technologien zu erforschen um voran zu kommen. So ist die Reiterei am Anfang noch recht kostenintensiv, wird aber nicht unbedingt für den weiteren Spielverlauf benötigt. Generell haben aber alle Technologien ihren Nutzen.
Übrigens sind die Startpositionen in der Regel gleichwertig. Nur in den aller seltensten Fällen gibt es Startpositionen, die nah an der Hauptstadt eines Gegners oder direkt bei einem feindlichem Barbarenstamm liegen. Jedoch sind solche feinen Unterschiede am Ende kaum noch erkennbar.

Staat

Ein weiteres überarbeitetes Spielelement ist die Regierungsform. Anstatt nur vorgefertigte Staatsformen wie Demokratie oder Diktatur wieder zu finden, können wir nun eine Regierung aus 25 Bausteinen kreieren. Wer also freies Wahlrecht ohne Religionsfreiheit und mit Sklaverei haben möchte, kann dies so zusammenstellen. Jeder Baustein bietet verschiedene Vor- und Nachteile. Mit der Sklaverei lässt sich die Bevölkerung opfern um Bauprozesse zu beschleunigen. Die Voraussetzung für die Bausteine sind (wer hätte es gedacht) bestimmte Technologien.
Komplett neu sind hingegen die Religionen. Wer als erster etwa die Technologie Meditation entwickelt, dessen Land wird automatisch zum Heimatland des Buddhismus. Die Religion ist dahingehend strategisch wichtig, da einige Boni der Regierungsformen nur auf Städte wirken, in denen die Staatsreligion verbreitet ist. Wer auf religiöse Vielfalt setzt und alle Religionen als erster entdecken möchte, hat in diesem Fall das Nachsehen, denn man kann nur eine Religion als Staatsreligion wählen.
Gerade wer religiöse Konformität erreichen will, kann beruhigt sein, da man mit Missionaren Religionen in Städten verbreiten kann, auch wenn diese bereits einem anderen Glauben zugehören. Andererseits ist es auch nicht schlecht, viele Religionen selbst zu entwickeln, weil man mit Hilfe von Großen Persönlichkeiten in den Ursprungstädten dann Weltwunder bauen kann.

Aufbau

Und das nächste Stichwort: Weltwunder. Neben normalen Gebäuden wie Kasernen und Stadtmauern gibt es eine große Anzahl an Weltwunder, die (tataaaa!) Boni bieten, die sonst kein anderer bekommt, da ein Weltwunder insgesamt nur einmal erbaut werden kann. Wer hier schnell ist, erhält da deutliche Vorteile gegenüber den anderen Nationen.
Wie bereits erwähnt lassen sich gerade die Weltwunder der sieben Religionen nur mit Großen Persönlichkeiten, in diesem Fall Großen Propheten, bauen. Von diesen Großen Persönlichkeiten gibt es insgesamt fünf Kategorien: Große Propheten, Händler, Wissenschaftler, Ingenieure und Künstler. Jede dieser Einheiten eine mehrere durchaus nützliche Spezialfähigkeiten. Alle können etwa als Spezialisten in Städten eingesetzt werden, wodurch sie den Kulturwert steigern oder die Produktivität. Oder Sie können sie benutzen um Goldene Zeitalter auszulösen, sodass acht Runden lang Ihre Produktivität, Ihre Einnahmen und Ihre Forschung gesteigert sind. Oder Sie benutzen Sie um den Bau eines Gebäudes zu beschleunigen. Oder, oder, oder! Jedoch sollte man gut auf diese Einheiten Acht geben, denn wenn Sie sie einmal eingesetzt haben, verschwinden Sie von der Karte. Man sollte also gut überlegen, wann und wo man sie einsetzt.

Beziehung

Wenn Sie die ersten Runden gut überstanden haben und das Gebiet erkunden, treffen Sie schon bald auf Ihre ersten Kontrahenten… oder Handelspartner… oder Opfer für einen geplanten Überfall… je nach dem, wie man mit den anderen Völkern interagieren möchte. Beim ersten Kontakt sind die meisten Völker noch neutral gesonnen, jedoch lassen sich die Beziehungen sehr schnell beeinflussen lassen. Sei es nun durch guten Handel, Geschenke, unterschiedliche Staatsreligionen und Staatsformen, Handelsbeziehungen mit weiteren Völkern oder Krieg. Alles zusammen schlüsselt Ihnen Civilization 4 auf und gibt Ihnen die Grundstimmung Ihres Gesprächspartners an.
Sollten Sie ihre Handelsbeziehungen gut pflegen, eröffnen Ihnen die Herrscher der anderen Nationen bessere Handelsbedingungen, offene Grenzen oder Verteidigungsbündnisse. Wer sich hingegen einen Dreck um die anderen schert, dem wird schon auf unteren Schwierigkeitsgraden schnell der Krieg erklärt.
Und wo Krieg herrscht, ist das Kampfsystem nicht weit. Jede Einheit hat einen generellen Stärkewert sowie einige zusätzliche Fähigkeiten wie +15% Stärke gegen Kavallerie. Zusätzlich dazu werden noch weitere Faktoren eingerechnet: Wird über einen Fluss angegriffen, ist die angegriffene Einheit im Verteidigungsmodus oder auf einem Hügel oder in einer Stadt. Das Spiel vergleicht dann die Stärkewerte und errechnet eine Erfolgswahrscheinlichkeit, ob ein Angriff glückt oder nicht. Selbst mit einer gerade mal 10%-igen Wahrscheinlichkeit können Sie also den Kampf gewinnen.
Sehr cooles Feature: Ihre Einheiten gewinnen in Kämpfen Erfahrung, mit denen Sie stufenweise nützliche Verbesserungen kaufen können. So wird Ihre Einheit generell stärker oder im Stadtangriff effektiver. Das motiviert, die Einheiten immer weiter hochzupushen.
Das Kampfsystem hat aber ein Problem. In seltenen Fällen kommen unsinnige Kampfergebnisse raus, wie etwa dass ein Speerträger einen Panzer auseinander nimmt. Jedoch kommt das zu selten vor, als dass es einen wirklich stören würde.

Sieg

Jedoch ist Krieg längst nicht die einzige Art und Weise eine Partie für sich zu entscheiden. Gleichberechtigt dazu gibt es noch mehrere weitere Siegbedingungen. Wer z.B. als erster eine Rakete in den Weltraum schießt, kann das Spiel ebenfalls gewinnen. Hier hat der die meisten Chancen mit der schnellsten Forschung und der besten Produktion.
Oder man erreicht mit drei Städten den „legendären“ Kulturrang, was sich als ziemlich knifflig erweist, denn da müssen Sie ziemlich hinterher sein um überhaupt mit einer Stadt diesen Rang zu erreichen.
Oder man sorgt dafür, dass man in der UN, die sich recht spät im Spiel erbauen lässt, von den anderen Nationen zum Sieger erklärt wird. Für angehende Diplomaten und alle, die es werden wollen, das perfekte Spielziel.
Oder man nimmt einen Großteil der Fläche ein und hält die Mehrheit der Weltbevölkerung inne. Gerade auf kleinen Karten ein durchaus machbares Ziel.
Oder (der wohl langweiligste Sieg) man rettet sich über die Zeit. Dann gewinnt derjenige, der am Ende die meisten Punkte hat.
Man sieht schon: Civilization 4 kann man auf höchst unterschiedliche Art und Weisen angehen, wenn man möchte. Dem entsprechend lassen sich auch unterschiedlichste Taktiken nutzen um die Vorherrschaft zu erringen.

Stadt

Städte sind generell der Dreh- und Angelpunkt für Ihre Macht. Hier bilden Sie nicht nur Einheiten aus, sondern Sie benötigen sie um Ressourcen zu erobern, Ihre Grenzen zu erweitern oder um Geld einnehmen zu können, das Sie benötigen um Soldaten zu bezahlen oder um in die Forschung investieren zu können.
Genauere Angaben zu Städten befinden sich in den Stadtbildschirmen, die zwar alle nötigen Daten anzeigen, aber auch etwas unübersichtlich gestaltet sind. Hier können Sie etwa ablesen, ob die Bewohner Ihrer Stadt krank oder unzufrieden sind und weswegen oder Sie können die Produktivität Ihrer Stadt nachvollziehen, die durch das Umland bestimmt sind und dafür sorgt, wie schnell Gebäude gebaut und Einheiten ausgebildet werde, und so weiter und so fort. Als Anfänger braucht man den Stadtbildschirm aber nahezu gar nicht, da sich auch die meisten Dinge ohne den Stadtbildschirm regeln lassen.
Im Allgemeinen ist die Steuerung sehr gut gelungen. Mit der einfachen Maussteuerung lässt sich alles sehr intuitiv regeln. Außerdem gibt es Shortcuts für die Tastatur, die aber nicht unbedingt nötig sind, da man sich bei Rundenstrategie typischerweise nie in Zeitnot befindet.
Fummelig wird’s dann, wenn mehrere Einheiten auf einem Feld stehen und Sie eine bestimmt Einheit auswählen wollen. Sagen wir es so: Das würde auch einfacher gehen. Etwas ärgerlich ist auch der bei uns aufgetretene Bug beim Scrollen mit dem Steuerkreuz, wobei die Welt auch nach dem Loslassen der Taste weiter bewegt wird.

Zeitalter

Noch zu weiteren technischen Punkten: Egal in welchem Zeitalter Sie sich befinden, es hört sich immer toll an, denn die Hintergrundmusik passt immer zu der Ära, in der Sie sich gerade befinden. Im Industriezeitalter werden etwa Stücke gespielt, die an die gewaltigen Stücke der Romantik erinnern, in der Moderne hingegen werden eher minimalistische Stücke abgedudelt.
Abgerundet wird der Sound durch die Einheitensprüche, die in der jeweiligen Landessprache eingesprochen sind und sich deshalb nicht alle gleich anhören.
Nur beim Soundmixing ist ein bisschen was schief gelaufen, denn teilweise sind Geräusche zu laut oder zu leise, was gerade bei den Kämpfen deutlich hörbar ist.
Grafisch hingegen reißt Civilization 4 keine Bäume aus. Zwar ist die Serie erstmals in 3D mit fast frei drehbarer Kamera und frei zoombarer Weltkugel, jedoch ist es auch für ein vier Jahre altes Spiel schon recht altbacken. Die Einheiten setzen sich kaum von der Landschaft im Hintergrund ab, das Wasser sieht unrealistisch aus, die Texturen sind nicht ganz scharf. Da wäre mehr drin gewesen.
Dennoch passt die Atmosphäre, weil das Spielprinzip einfach unheimlich mitreißend ist. Man ist immer motiviert Technologien als erster zu erforschen und dadurch Boni zu erhalten, bei Weltwundern werden Sie mit einem schönen Video belohnt und es ist einfach ein super Gefühl sein Reich wachsen zu sehen, sei es nun per Krieg oder friedlich.

Ausgebremst

Was noch erwähnt werden sollte, sind die „Randerscheinungen“ Civilization 4. Als erstes ist da der Multiplayer zu nennen, den ich nur im Hotseat gespielt habe. Der ist jedoch recht schnell ermüdend, da man sehr viel darauf warten muss, dass die anderen Spieler Ihre Züge fertig stellen. So wird das Spiel zu einer Geduldspartie ohne gleichen.
Zum anderen sind da die Szenarios zu nennen, die zusammen keine Kampagne bilden, sondern jedes einzelne ein historisches Ereignis präsentiert, z.B. den Unabhängigkeitskrieg der USA. Diese sind zwar ganz nett, da man hier auch andere Gebäude und Einheiten bauen kann als auf den Zufallskarten. Jedoch sind sie deutlich weniger motivierend, da sie einfach einen viel kürzeren Zeitraum umspannen. Bei einer begrenzten Spielzeit von gerade mal 100 Runden ist es kein Wunder, dass in den Szenarien kaum Entwicklung erkennbar ist.
Gerade beim Unabhängigkeitskrieg fehlen Elemente, die für das „normale“ Spiel mit entscheidend sind, z.B. die Religion oder die gesamte Forschung. Schade, hier wäre sicherlich mehr drin gewesen. Jedoch sind diese Schönheitsfehler verzeihbar.

Fazit

Civilizaton 4 ist ein fantastisches Spiel, das sehr lange fesseln kann, weil das Spielprinzip sucht erregend ist und es wunderbar funktioniert. Die Variationen im Spiel sind kaum vergleichbar zu anderen Titeln, da es so viele Elemente unter einen Hut unterbringt (und trotz der Länge des Textes sind noch einige ausgelassen). Trotzdem ist das Spiel auch für Einsteiger perfekt geeignet und man kann das Spiel jedem ans Herz legen, der Strategiespiele mag.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Grafik: erstmals 3D, Details, frei zoombar
  • Sound: immer passende Musik, Einheitensprüche
  • Balance: für Anfänger und Profis gleichermaßen geeignet
  • Atmosphäre: süchtigmachendes
  • Bedienung: intuitive Tastatur-/Maussteuerung, Interface
  • Umfang: sehr lange Partien, hoher Wiederspielwert
  • Startpositionen: immer fair, nicht entscheidend am Spielende
  • KI: Diplomatie, nutzt Verteidigungslücken aus
  • Einheiten: alle Einheiten mit Vor-/Nachteilen, Beförderungen
  • Endlosspiel: großartige Variationen, viele Spielziele
  • Grafik: veraltete Engine, kontrastarm
  • Sound: Soundmixing bei Kämpfen
  • Balance: teilweise zufällige Kampfergebnisse
  • Atmosphäre: -
  • Bedienung: fummeliger Stadtbildschirm, Einheitenauswahl
  • Umfang: -
  • Startpositionen: manchmal nah beim Gegner
  • KI: manchmal zu passiv
  • Einheiten: -
  • Endlosspiel: -

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



Kommentare(2)

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