Überhyped aber doch sehr enttäuschend

CDProjekt RED mit CYBERPUNK 2077 sehr viel versprochen. Ein Next Gen Game sollte es werden und THE WITCHER 3 übertrumpfen. Leider ging die Rechnung nicht auf...

von Kontra am: 13.12.2020

Ich möchte hier auch explizit darauf hinweisen, dass CYBERPUNK 2077 KEIN schlechtes Spiel ist und das hier soll auch kein "Hate-Review" sein. Die positiven Reviews überschlagen sich geradezu in der Fachpresse (bis auf ein paar Ausnahmen) und Metacritic & Co. ist wieder voll von 0/10 und 10/10 Reviews von enttäuschten Spielern und Fanboys. CYBERPUNK 2077 ist ist definitiv kein 0 oder 1/10 Kandidat, aber genausowenig ist es ein 9/10 oder gar ein 10/10 Spiel.

 

ABWERTUNG! Nach nun 50+ Spielstunden und Patch 1.05 werte ich das Spiel um einen Punkt von 7 auf 6 ab! Grund: kaputtes Crafting und gestrichene Features!

 

Versprechen & Hype


Es gibt wohl kein Spiel das mehr gehypt wurde als CYBERPUNK 2077. Es sollte DAS Rollenspielereignis sein, alles bisher Dagewesene in Sachen Open World und Entscheidungsfreiheit in den Schatten stellen und ja, sogar optisch neue Massstäbe setzen.

Zumindest letzteres ist meiner Meinung nach - je nach System - gelungen. Einen High-End-PC vorausgesetzt kommt man bei der Optik oftmals nicht aus dem Staunen raus. Das Ray Tracing auf Maximum eingestellt übermittelt durch und durch richtige BLADE RUNNER Atmosphäre in nie dagewesener Form.

Die Präsentation ist CYBERPUNK's Stärke, auch die (englische) Vertonung ist hervorragend gelungen (deutsch nicht getestet). Zumindest hier wird CYBERPUNK 2077 seinem Hype gerecht. Selbst auf Low-End PCs ist es kein hässliches Spiel aber auf die tollen Ray Tracing Features muss verzichtet werden. Katastrophal sieht das ganze anscheinend auf den Last Gen Konsolen PS4 & XBOX One aus. Ich beziehe mich hier aber auf die PC Version mit Ray Tracing.

Nun zur Umsetzung...

 

Die Open World


Die ersten Spielstunden kommt man aus dem Staunen nicht so schnell heraus. CYBERPUNK blendet einen geradezu mit der Optik. Man ist zuerst sehr motiviert Night City (und die Badlands) zu erkunden. Nach und nach stellt sich aber leichte Ernüchterung ein: die Spielwelt ist wesentlich kleiner als in anderen Open World Spielen, was keineswegs schlecht ist, sondern auch so beabsichtigt war. Allerdings hat man schnell alle "Sehenswürdigekeiten" gesehen, zumal Night City auch nicht viel Abwechslung bietet.

Dann werden auch schon die ersten "Macken" sichtbar: die Open World ist in keinster Weise revolutionär oder "Next Gen", sondern eher 08/15. Bis auf das Neue Szenario hat man alles schon mal gesehen und zwar viel besser! NPCs sind der Genre Standard, es sind Passanten die eingespawnt werden und die Strasse auf und ab wandern und dann irgendwann wieder verschwinden, spricht man sie an haben sie denselben Alibisatz im Petto, manchmal auch einen zweiten.

Ampeln schalten grundsätzlich IMMER sofort grün für den Spieler wenn er im Auto sitzt. Spasseshalber habe ich vor einer grünen Ampel gestoppt - sie bleibt grün. Für immer! Das sind Kleinigkeiten, die aber der Spielwelt die Immersion rauben, zumal es wesentlich ältere Titel wie SAINT'S ROW oder GTA V besser hinbekommen haben.

Es fehlen Polizeiautos, die Patrollie fahren. Immer wieder werden Tatorte eingeblendet, bei denen die Polizei einen kleinen Bereich abgeriegelt hat, ansonsten ist sie aber nicht Präsent, es sei denn man killt einen Passanten, dann ist sie auf einmal da, auch wenn es KEINE Zeugen gab und der Mord in einer dunklen Gasse stattfand. Manchmal spawnt die Polizei auch direkt vor der Nase des Spielers ein. Die KI ist geradezu dämlich und die Interaktion mit den Gesetzenhütern lässt ebenso zu wünschen übrig: Night City's Cops kennen nur das Abknallen von Gesetzesbrechern - scheinbar gibt es in der Zukunft keine Gefängnisse oder Gerichte mehr. Ergeben kann man sich nicht, auch nicht wenn man die Waffe wegsteckt, bestechen lassen sich die Beamten auch nicht (ausser es ist für die Handlung relevant, siehe Origin Story des Nomaden). Gerade hier wäre mehr Interaktion wie es versprochen wurde Pflicht gewesen. RED DEAD REDEMPTION erlaubte es dem Spieler sich zu ergeben, SKYRIM ebenso. Die KI ist auch nicht wirklich gut, und sobald man wegrennt und 10 bis 20 Sekunden nicht von der Polizei gesehen wird (je nach Fahndungslevel) ist schon wieder alles vergeben und vergessen.

Stehlen (looten!) darf man übrigens soviel man will, auch direkt vor den Augen des Besitzers. Es werden nicht einmal die Killer-Cops gerufen.

Leider muss ich feststellen, so interaktiv ist die Spielwelt gar nicht. Die Karte ist - wie von SKYRIM, ASSASSIN'S CREED & Co. gewohnt - voll mit bunten Icons die auf Shops, Quests etc. hinweisen. Also klappert man wie gehabt schön alles ab. Erreiche ich das Ende der Karte erwartet mich eine Polizeiblockade die unpassierbar ist oder ich werde einfach umgedreht mit dem patzigen Text "hier ist noch nichts!". Innovationen sucht man hier vergebens. "Next Gen Gaming" übrigens auch.

 

Die Spielmechaniken

Auch hier lehnte sich CD Projekt RED sehr weit aus dem Fenster und versprach "Next Gen Game Mechanics". Geliefert wurde aber eine Flickenteppich aus alten Spielmechaniken von bisher dagewesenem. Schleichen ist der Genre Standard: mit "C" ducke ich mich und gehe auf Schleich-Tour, eine "Augen-Icon" über dem Gegner zeigt mir an ob ich Gefahr laufe entdeckt zu werden, mit der Aktionstaste kann ich Gegner von hinten in den Würgegriff nehmen und entweder schlafen legen oder exekutieren. Die "beseitigten" Schlafmützen lassen sich anschliessend looten und verstecken damit die Kollegen nicht Alarm schlagen. Haben wir alles schon X-mal gemacht.

Überwachungskameras lassen sich hacken und abschalten (kennen wir auch schon), so manch technisches Gerät lässt sich ebenfals hacken und gegen den Feind einsetzen (dito).

In Night City kann man Auto fahren, entweder das eigene, oder wir klauen ein parkendes (je nach Klasse des Autos ist ein entsprechender Hackingwert erforderlich) oder ganz nach GTA lassen sich die Autos im Verkehr auch highjacken.

Ich für meinen Teil laufe lieber, da das Autofahren eine absolute Katastrophe ist. Die Steuerung für unser Gefährt kommt eher einem Schlittschuhfahrer Neuling gleich, ich habe noch kein Spiel gespielt das derart schlechte Fahrmechaniken hat! Passanten überfahren, weil man die Kurve nicht bekommen hat ist Standard, der Bremsweg erstreckt sich über EINEN KILOMETER (keine übertreibung), wähle ich die First Person Sicht - Immersion! - sehe ich kaum die Strasse vor mir, da meine Figur scheinbar ein Zwerg ist und nicht hoch genug sitzt um aus der Windschutzscheibe zu sehen. Beim Kurvenfahren fährt sich das ganze eher wie ein Panzer als ein Auto. Mit dem Patch 1.04 hat CD Projekt RED zwar das Fahrverhalten minimal verbessert aber grottenschlecht ist es immernoch. Nein danke, ich laufe lieber. Ach ja, wenn man sein Auto mitten auf der Strasse parkt gibts Stau: die anderen Autofahrer sind nicht schlau genug um das parkende Auto zu umfahren. EPIC FAIL!

Schiessen und Nahkampf ist durchschnittlicher Genrestandard. Auch hier reisst CDPR keine Bäume raus. Mit Maus & Keyboard lässt sich wenigstens gut zielen (wie die Konsoleros das mit dem Controller hinbekommen verstehe ich bis heute nicht). Ballert man auf Feinde (die allesamt Bullet Sponges sind!) erscheinen Schadenszahlen wie im FAR CRY NEW DAWN. Hier macht es wenigstens Sinn, ebenso die Questmarker und das GPS das den Weg zeigt, schliesslich sind wir ja teilweise ein Computer!

Crafting/Looten/Auseinandernehmen all das darf natürlich nicht fehlen. Auch das ist 1:1 innovationslos übernommen. Man findet eine neue Waffe die 0.1 mehr Schaden pro Sekunde anrichtet! Suppi, also austauschen, altes einschrotten oder verkaufen, den Schalldämpfer und das Zielfernrohr bitte vorher abmontieren und ans neue Eisen kleben nicht vergessen und weiter gehts. Klamotten wählen wir nach Rüstungswert und demselben Schema. Eine grosse Auswahl wird nicht geboten. Abwertung: Crafting ist leider nicht durchdacht. Ich kann Coladosen für 20 Eddies kaufen und die auseinander nehmen und erhalte dafür wesentlich wertvollere Crafting Komponenten.

Entscheidungen und Konsequenzen sind nicht sonderlich weitreichend. Es gibt de Auswahl zwischen zwei oder drei Gesprächsoptionen, die man oft unter Zeitdruck wählen muss und die laufen meist darauf hinaus dass man sich entweder aus einer Situation diplomatisch rausreden kann oder alles über den Haufen schiesst. Die vielen tausend Möglichkeiten sucht man meist vergebens.

Die Origins Stories die man sich bei DRAGON AGE ORIGINS abgekuckt hat sind zwar ganz nett, aber doch ein bisschen mager: gerade mal 10 Minuten dauern sie. Das es nur 3 dieser Origins gibt wäre es doch im Bereich des Möglichen gewesen diese etwas länger zu gestalten. Ich hatte das bei DRAGON AGE ORIGINS wesentlich länger in Erinnerung - 30 bis 45 Minuten bei ersten Mal sogar eine Stunde.

 

Bugs & Performance


gibts bei CYBERPUNK 2077 sehr viele. Ich dachte CDPR hatte CYBERPUNK mehrmals verschoben weil man sich extra Zeit für's Bugs ausmertzen nehmen wollte? Ich will jetzt nicht wirklich gross darauf herumreiten, zumal mir bisher kein Game-Breaker untergekommen ist und CDPR in der Vergangenheit immer sehr verlässlich mit diesem Problem umgegangen ist. Mittlerweile sind schon 3 Patches draussen, also lasse ich die Bugs nicht in meine Bewertung miteinfliessen. Erwartet die üblichen Verdächtigen: Grafikbugs, Clippingfehler, mache Quests starten nicht, Gegner spawnen in Wänden (eingemauert hihi).

Die Performance scheint besonders unter den Last Gen Konsolen zu leiden. Ich habe einen i5 0er Serie und eine NVIDIA Grafikkarte 10Schlagmichtot. Ich spiele mit Ray Tracing und nehme einige Einschnitte im Detail (mittel) und Schatten (niedrig) in Kauf, dafür kann ich keine Framerate Einbrüche beklagen. Generell überrascht mich CDPR immer wieder damit, dass ihre Spiele auf scheinbar ausgedienten Rechnern doch noch gut laufen. Einige Patches haben wohl auch weiter an der Performance geschraubt, deshalb auch hier keine Abwertung.

 

Gestrichene Features

 

Nach nun 50+ Stunden im Spiel fallen leider immer mehr Mängel ins Gewicht. Viele gestrichene Features, einige davon eher belanglos (Wändelaufen a la Matrix) aber einige definitiv relevant (Metrosystem, korrupte Polizisten). Letztere zwei Punkte sind insofern wichtig, das Metrosystem hätte ein Schnellreisesystem sein sollen dass leider nur durch eine Box in der Spielwelt ersetzt wurde. Die Metro hätte der Spiewelt und Immersion wesentlich besser getan als diese dämliche Box! Die korrupten Polizisten sind leider ebenfalls gestrichen worden und wenn man mit dem Gesetzt kollidiert wird man einfach nur erschossen. Viele Nebenhandlungen und Entscheidungen wurden gestrichen um nicht mit der neuen Story um Johnny Silverhand zu kollidieren. So wurde aus Next-Gen Gaming leider nur Last-Gen Gaming.

 

FAZIT: Passabel aber bei weitem kein Meisterwerk oder GOTY!


ich habe mir die Testberichte aus der Fachpresse durchgelesen bevor ich mich entschieden habe CP2077 zu kaufen. Die Lobeshymnen von zahlreichen Magazinen und letzendlich auch hier bei der Gamestar (91%) finde ich viel zu hoch angesetzt, die etwas kritischeren Tests von PC Gamer (78%) wesentlich treffender, auch wenn nach heutigem Stand die Ratio 51 : 3 ist und ich somit in der Minderheit bin, muss ich sagen ich bin von CYBERPUNK 2077 schon ziemlich enttäuscht.

Die Erwartungen werden nicht erfüllt. CP2077 sieht zwar sehr gut aus, aber alls diese versprochenen "Next Gen Spielmechaniken" sind nicht vorhanden. CP2077 bietet eine offene Welt wie jede andere auch, nur im neuen Look und mit einem unverbrauchten Setting. Die Spielmechaniken sind oftmals nur Durchschnitt, Innovationen sucht man mit der Lupe und oftmals vergeblich. Wer genug Zeit in Skyrim, Velen, Hope County oder San Andreas verbracht hat, dem erwartet hier "nur" Nachschub in einer neuen Welt und einem neuen Szenario. Wer bisher keine oder wenig Zeit in diesen Welten verbracht hat, dem mag CP2077 sicherlich vom Hocker hauen, aber das ganze "folge dem GPS, drücke [Aktionstaste] bei X" und das obligatorische ?-Icon abhaken ist auf Dauer eher ermüdend. Verglichen zu THE WITCHER 3 finde ich ist CYBERPUNK 2077 eher ein Rückschritt: ersteres bietet eine abwechslungsreichere und lebendigere offene Welt, bessere Side Quests und bessere Figuren und Stories. Es hatte zwar auch Mängel - und zwar Einige! - aber das Positive überwiegt bei Weitem. Für CP2077 spricht lediglich die Optik - an der man sich schnell sattgesehen hat - und das unverbrauchte Setting. Das reicht um einem für einige Stunden bei der Stange zu halten, allerdings fand ich dass nach 2-3 Stunden dann schon die Luft raus war, die Sogwirkung bleibt aus. 

Somit gebe ich CYBERPUNK 2077 eine 6 von 10 was ich durchaus noch als BEFRIEDIGEND bezeichne. Von einem Meisterwerk ist es aber meilenweit entfernt und über GAME OF THE YEAR brauchen wir gar nicht erst zu reden.

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Wertung
Pro und Kontra
  • optisch sehr gut
  • unverbrauchtes Setting
  • sehr gute (englische) Sprecher
  • Spielmechanisch bestenfalls Durchschnitt
  • viele gestrichene Features
  • katastrophales Fahrzeug-Handling
  • innovationsarm
  • erfüllt die hohen Erwartungen nicht mal ansatzweise

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Oft, regelmäßig

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



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