Was soll ich nur mit dieser Atomwaffe anstellen?

Wasteland 2 Review Als riesen Fallout 1 und 2 Fan habe ich mich sehr auf dieses „Oldschool-Rollenspiel“ namens Wasteland 2 gefreut. Der erste Teil...

von RISAG am: 07.10.2014

Wasteland 2 Review

Als riesen Fallout 1 und 2 Fan habe ich mich sehr auf dieses „Oldschool-Rollenspiel“ namens Wasteland 2 gefreut. Der erste Teil lieferte nämlich mehr oder weniger das Gerüst für die später erschienenen Fallout-Teile. Auch der nun veröffentlichte zweite Teil setzt auf ähnliche Spielmechaniken und punktet damit bei Spielern, die Questmarker als eine Beleidigung ihrer spielerischen Intelligenz empfinden.

Wasteland 2

1. Charaktererstellung (sehr gut)

Fangen wir - wie das Spiel selbst, mit der Charaktererstellung an. Dieses gehört zu den großen Stärken von Wasteland 2, denn hier wird der Grundstein für das Spielerlebnis gelegt. Man erstellt gleich vier Charaktere, also ein komplettes Rangerteam. Ausgewogenheit ist hierbei das zu beachtende Stichwort. Denn ein Sanitäter ist genauso wichtig wie ein Charakter, der super mit Energiewaffen umgehen kann. Eine „Verskillung“, sprich eine schlecht zusammengestellte Rangergruppe, kann ebenfalls passieren. Dann sollte man sein Glück mit einem neuen Team versuchen. Wer keine Lust hat dies spielerisch zu erfahren, kann sich im Internet durch Charaktererstellungs-Guides inspirieren lassen. Neben den Hauptattributen wie Stärke, Glück und Wahrnehmung gibt es noch spezielle Fähigkeiten wie etwa das Schlösserknacken oder der Umgang mit einer Waffenart. Diese Talente können mit Levelaufstiegen bis zur zehnten Stufe hin aufgewertet werden. Je höher die zu erlernende Stufe ist, desto mehr Punkte muss man dafür ausgeben. Zusätzlich findet man Bücher, die diese Fähigkeiten ebenfalls aufwerten.

Die optischen Möglichkeiten sind beim Erstellen der Spielfiguren sehr begrenzt. Hier wählt man zwischen vorgefertigten Köpfen, Oberteilen, Gepäck und Hosen. Man kann weder die Haarfarbe ändern, noch Accessoires wählen (diese sind schon beim Kopf jeweils integriert). Immerhin ist die Auswahl der Lieblingszigaretten möglich. Nichtraucher haben ebenfalls ihre Auswahlmöglichkeit. Sein Hintergrundbild kann man selbst schießen. Damit ist auf dem Foto die erstellte Person abgebildet. Nette Idee!

Somit ist die Charaktergenerierung immens wichtig und auch sehr gut umgesetzt. Wenn die Schwächen auf der visuellen Seite verbessert wären, hätten wir hier ein ausgezeichnetes System.

2. Story und Einstieg (mittelmäßig)

Die Story kann das Niveau der erwähnten Stärke nicht halten. Ein Introvideo mit Schauspielern leitet die Geschichte ein. Dieses ist ganz schick produziert worden, jedoch nicht besonders spektakulär geraten. Die Handlung beginnt auf der Beerdigung eines kürzlich verstorbenen Rangers. Um als vollwertige Mitglieder dieser Gruppe zu gelten, müssen wir die Aufgabe des Verstorbenen übernehmen und am besten noch herausfinden, wer hinter dem Mord steckt. Der Spielbeginn ist zäh. Am Anfang muss man sich etwas in das Spiel hineinarbeiten, bevor der Spielspaß sich komplett entfaltet. Die Story kommt ebenso nur sehr langsam in Fahrt. Die Hauptmotivation steckt aber in anderen Bereichen, nämlich der Entdeckung der Welt und der Quests.

3. Quests/Lösungswege (sehr gut)

Die Aufgaben in der postapokalyptischen Welt reichen von Standard-Rollenspielaufgaben bis hin zu komplexeren Fällen, in denen wir beispielsweise eine Friedensverhandlung zwischen zwei zerstrittenen Parteien führen sollen. Wir können aber auch auf den Frieden pfeifen und einfach einen der Gruppenanführer töten. Hier wird der Reiz des Spiels deutlich. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, eine Aufgabe zu lösen, da die Lösungswege vielfältig sind. Die Fähigkeiten der Charaktere wirkt sich auch hier spürbar aus. Besitze ich etwa die Sprachfähigkeit „Hard Ass“, so kann ich zum Beispiel einen geforderten Gegenstand erhalten. Allerdings spricht der Stammesanführer anschließend nicht mehr mit mir, womit die Friedensverhandlungen gescheitert sind.

Später wird man von religiösen Fanatikern auf eine Mission geschickt, bei der eine Atombombe zu eben dieser Gruppe geschickt werden soll, damit sie darüber wachen kann. Aber auch die gegnerische Partei möchte gerne den Sprengkopf in ihren Reihen haben. Für welche Partei entscheide ich mich nun? Oder entschärfe ich einfach die Atombombe? Eine 10%ige Explosionsgefahr ist bei einer Bombe dieses Kalibers nicht zu verachten. Doch als gewissenhafter Ranger bin ich der Meinung, dass niemand Atombomben besitzen sollte und mache die Bombe unschädlich. Egal welche Entscheidung man hier trifft. Es wird sich spürbar auf die Welt auswirken.

4. Auswirkungen/Glaubwürdigkeit (ausgezeichnet)

Die Auswirkungen meiner Handlungen machen das Spiel sehr glaubwürdig. Meine Handlungen haben nämlich deutliche Konsequenzen. Dies lässt das Spiel „echt“ wirken. Gleich zu Beginn des Spiels wird dies deutlich, wenn ich Notrufe aus zwei verschiedenen Regionen erhalte. Helfe ich der einen, ist die andere bei der Ankunft schon zerstört. Ein weiterer Pluspunkt dabei ist, dass ich nicht jeden und alles retten kann. Eine gut gemeinte Handlung kann darüber hinaus zu mehr Toten führen als eine andere Entscheidung. Ist es vielleicht nicht doch von Vorteil, einen Atomsprengkopf in vertrauenswürdige Hände zu geben?

Für mich macht diese Glaubwürdigkeit die größte Stärke von Wasteland 2 aus. In so vielen Bereichen des Spieles fällt diese auf. So möchte ich, dass mein KI Begleiter Ralphy sein Stammesoberhaupt tötet. Er legt die Waffe an. Doch bevor er den Abzug betätigt, verweigert er den Befehl. Das Gefühl, dass die NPC Begleiter ein Moralempfinden besitzen, ist ein Genuss für jeden Rolllenspielfan.

Manchmal bleibt die Glaubwürdigkeit auf der Strecke. So zum Beispiel beim Diebstahl. Obwohl ich nichts plündern darf und Personen mich beim Stehlen sehen, kann ich ab und an ungehindert die Kisten leer räumen. Trotz dieser kleinen Macken ist für mich die Kategorie Glaubwürdigkeit ausgezeichnet gelungen.

I will not attack

5. Grafik/Animationen (mittelmäßig)

Grafisch befindet sich Wasteland 2 sicher nicht im oberen Bereich der Computerspiele. Natürlich ist der comichafte Grafikstil Geschmackssache, aber es gibt definitiv schönere Titel auf dem Markt. Die Gebiete sind sicherlich manchmal sogar sehr schön, wie etwa das Gewächshaus, aber es kommt keine düstere Endzeitatmosphäre wie in Fallout 1+2 auf. Das wirkt sich auch auf die eigentlich gut gestalteten Gore-Effekte aus. Während es in den alten Fallout-Spielen wirklich bösartig aussah, den halben Brustkorb des Gegners wegzufetzen, wirkt dies in Wasteland 2 deutlich sanfter. Auch hier fliegen Köpfe oder schmelzen Menschen durch Energiewaffen, aber der comicartige Grafikstil lässt keine düstere Atmosphäre zu. Auch die Anímationen sind sehr stark begrenzt und nicht wirklich schick.

Dass Wasteland 2 in diesen Kategorien eher durchschnittlich ist, habe ich erwartet. Trotzdem hätte man bei der Farbgebung und dem Stil meiner Meinung nach einen dunkleren Akzent setzen sollen.

6. Sprachausgabe (kaum vorhanden)

Wer wert auf eine Vertonung der Texte legt, der sollte einen Bogen um Wasteland 2 machen. Wer auf der anderen Seite gute Texte lesen möchte, ist bei dem Spiel genau richtig. Wasteland 2 punktet auch hier mehr durch den Inhalt als durch die Präsentation. Neben den gut geschriebenen Texten hat man meistens viele Diaglogoptionen zur Auswahl. Dank der drei erlernbaren Sprachfähigkeiten werden diese noch zusätzlich erweitert. Aber Vorsicht! Nur weil ich dank der „Kiss Ass“ Fähigkeit eine weitere Antwortmöglichkeit besitze, ist diese nicht zwingend positiv für meine Zwecke.

7. Deutsche Übersetzung (katastrophal!!!)

Kleines Visier: „Deine scheißige Scharfschützewaffe wird ein bisschen weniger scheißige.“

Was soll man hierzu noch sagen? Die deutsche Übersetzung wurde von Fans getätigt. Dem Anschein nach auch von Betrunkenen. Wer des Englischen mächtig ist, sollte daher Wasteland 2 in der Originalfassung spielen.

8. Kampf (gut)

Die Kämpfe laufen rundenbasiert ab. Dabei ist Friendly Fire genauso möglich wie das Zerstören von Kisten oder anderer Gegenstände, welche als Deckung dienen. Um die Zielgenauigkeit zu erhöhen, kann man in die Hocke gehen. Dies kostet den Charakter zwei Aktionspunkte. Die Aktionspunkte werden durch die Primärfähigkeiten der jeweiligen Person bestimmt. Die Attribute bestimmen auch, wer zuerst in der Runde die Waffe ziehen darf. Gezielte Kopfschüsse sind ebenfalls möglich. Natürlich wird dadurch der Schaden erhöht, allerdings nimmt die Genauigkeit ab und der Schuss kostet mehr Aktionspunkte als ein gewöhnlicher.

Die Gegnertypen variieren von Nahkämpfern über Sniper bis hin zu Bombenwerfern oder Robotern. An unterschiedlichen Gegnern mangelt es nicht. Genausowenig Mangel herrscht bei der Waffenauswahl. Es gibt viele unterschiedliche Waffenarten mit Vor- und Nachteilen. Eine Energiewaffe ist zum Beispiel besonders effektiv gegen schwere Panzerung. Eine Schrotflinte kann gleich mehrere Gegner treffen. Jedoch sollte im Idealfall kein Freund im Schussbereich liegen. Naja, außer man mag es spannend. Speichern kann man nämlich während der Kämpfe nicht. Dies ist auch gut so, da somit in schwierigeren Kämpfen ein taktisches Vorgehen erforderlich ist. Es ist ratsam, sich die Gegend genau anzuschauen.

Ein Beispiel mit Bildern:

Alternative A

Kampf A

Ich möchte einige Red Scorpions besiegen. Diese haben allerdings ein Tor zur Verteidigung. Meine ersten Versuche, diese zu besiegen scheitern, da ich frontal eingreife (siehe oberes Bild). Das Problem an der Sache: Zwei gegnerische Sniper verstecken sich oben am Tor hinter einer Abdeckung. Daher bin ich kaum in der Lage, sie zu treffen während sie mich von oben herab sehr gut beschießen können. Ein anderes Vorgehen ist nötig. Zwei weitere stehen mir zur Auswahl.

Alternative B

Kampf B

Links vom Tor gibt es eine Erhebung, was mir die Möglichkeit schafft, die Scharfschützen von der Seite anzuschießen, wodurch ihre Deckung wirkungslos wird. Die Erhebung wird zwar von zwei Geschütztürmen bewacht, diese kann ich jedoch mit meinem Sniper aus der Entfernung zerstören ohne dabei Schaden zu nehmen.

Alternative C

Die dritte Vorgehensweise ist ein Angriff aus dem Hinterhalt. Während links die Erhebung ist, findet man ein Stückchen weiter rechts eine zerstörbare Barrikade (roter Kreis), wodurch ich mich in die Basis einschleichen kann. Der Verteidigungsbonus der Red Scorpions durch das Tor wird dadurch hinfällig.

Was bei den Kämpfen für Minuspunkte sorgt, sind die manchmal durchlässigen Zäune, Steine usw. So suche ich mir einen vermeintlichen Schutz hinter einem Gegenstand nur um festzustellen, dass die KI durch dieses Objekt hindurchfeuern kann.

9. KI (durchschnittlich)

Damit zur KI. Diese verhält sich ganz solide. Bei dem oben genannten Kampfbeispiel nutzt sie das Tor clever. In anderen Situationen verhält sie sich aber schlecht. So werden zwei Sniper einfach wie Nahkämpfer vor meine Ranger gestellt. Was soll das bringen? Schließlich versagt das Snipergewehr auf kurzer Distanz. Zu allem Übel ballert der Gegner diese Sniper mit seiner Schrotflinte auch noch ab. Klar hätte er auch einen Ranger treffen können, aber für den Preis zwei seiner eigenen Leute abzuschießen?

10. Spielwelt/Weltkarte (gut)

Verlässt man das erste Gebiet, findet man sich auf der Weltkarte wieder. Auf dieser können wir zu anderen Städten reisen, beziehungsweise diese entdecken. Dabei zu beachten sind zum einen die Wasservorräte und zum anderen die Radioaktiviät. Wasser kann man in den Städten oder an Oasen nachfüllen, die überall in der Welt verteilt sind. Die Radioaktiviät dient zu Beginn des Spiels als natürliche Wegbegrenzung. Das Spiel schafft damit eine glaubwürdige Begrenzung schwierigerer Gebiete. Dank spezieller Anzüge wird diese Radioaktiviät später kein Problem mehr sein. Betreten wir ein entdecktes Gebiet, wird die Weltkarte verlassen. Man kontrolliert nun seine Ranger wieder wie gewohnt auf der Regionskarte. Neben Städten und dergleichen finden wir auf der Weltkarte auch Easter Eggs, Händler oder Beute. Dazu gibt es noch die Random Encounter. Bei diesen werden wir von einer Gruppe Bösewichter angegriffen. Mit entsprechendem Skill können wir diesen ausweichen.

11. Leerlauf

Das Spiel bietet laut Entwickler 40 Stunden Spielzeit. Klingt natürlich super. Diese Stundenzahl wird jedoch auch mit einigem Leerlauf bezahlt. Auf der Weltkarte bewegt sich der Rangerstern sehr gemächlich voran. Muss man längere Strecken zurücklegen, kann das schon ziemlich langwierig werden. Auch in den Städten kommt es zum Leerlauf. Muss man beispielsweise die ganze Stadtkarte überqueren, um an einen bestimmten Punkt zu kommen oder mit einem NPC zu reden, muss man zum Teil lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Diese Phasen hätte der Entwickler definitiv kürzen können. Gerade auf der Weltkarte wäre es einfach, die Bewegungsgeschwindigkeit des Rangersterns zu erhöhen.

12. Fazit

Wasteland 2 hat Schwächen in den Bereichen Grafik, Sprachausgabe und dem zu häufig auftretenden Leerlauf. Technisch ist es kein Top Titel. Aber die inneren Werte dieses postapokalyptischen Rollenspiels sind richtig gut. Denn meine Handlungen haben in der zerstörten Welt spürbare Auswirkungen. Die Quests sind auf verschiedene Weisen lösbar und die Charaktererstellung beeinflusst das Spielgeschehen merklich. Jedes Ranger Mitglied ist wichtig und leistet seinen Beitrag zur Gruppe.

Ein Fallout 2 stößt es von meinem persönlichen Thron nicht. Dafür ist es mir optisch nicht düster genug. Die Gewalt wirkt nicht so drastisch wie im geistigen Nachfolger. Dazu packt mich die Story nicht so wie es vor allem die Fallout 1 Geschichte geschafft hat. Man muss aber fairerweise im Hinterkopf behalten, dass Wasteland 2 eben ein Wasteland und kein Fallout ist. Es hat seine Parallelen, aber auch seine Unterschiede. Sehr gerne würde ich ein „echtes“ Fallout 3 von Brian Fargo sehen, aber dies bleibt wohl Träumerei.

Zu guter Letzt kann man nur noch sagen, dass Wasteland ein sehr gutes Rollenspiel der alten Schule geworden ist. Gerne mehr davon!

13. Video mit Gameplay

Wer Lust hat, kann unser Review-Video mit Spielszenen und einem „Atombomben Sketch“ zu Wasteland 2 auf YouTube anschauen:

http://youtu.be/mwN2hJUg_yw

 

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Wertung
Pro und Kontra
  • Charaktererstellung wichtig
  • Primär- und Sekundärfähigkeiten beeinflussen Spielart
  • Quests und Lösungswege
  • Handlungen haben spürbare Konsequenzen auf die Welt
  • NPCs können Befehle aus moralischen Gründen verweigern
  • viele Dialogoptionen
  • Kämpfe machen Spaß
  • Weltkarte regt zum Entdecken an
  • Story kommt nicht richtig in Gang...
  • genauso der Einstieg
  • Animationen puppenhaft
  • kaum Sprachausgabe
  • "scheißige" dt. Übersetzung
  • viel Leerlauf

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(5)

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