Zurück zur Trashburg!

Ein neuer Test, um euch dich Quarantäne schmackhafter zu machen. Viel Spaß beim Lesen!

von Bakefish am: 10.04.2020

Der 2014 sehr gehypte Shooter „Wolfenstein: The New Order“ (TNO) von Machine Games hat mich ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Die Action mochte knackig sein, doch die Handlung hatte in meinen Augen einige Schwächen, teilweise gab es einen viel zu großen Schleichfokus und so wirklich oldschool-artig war der Shooter auch nicht.

Als dann vor einigen Wochen TNO und das Standalone-Add-On „The Old Blood“ (TOB) auf GOG erschienen, langte ich aber trotzdem zu. Eine Chance wollte ich der Reihe dann doch noch geben. Und siehe da, es hat sich gelohnt; TBO macht in meinen Augen viele Dinge besser als das Hauptspiel. Welche das sind und wo es trotzdem Schwächen gibt, lest ihr im folgenden Test

 

Dejavu, I have been at this place before

 

TOB spielt kurze Zeit vor dem Prolog von TNO, also im Jahr 1946. Die Nazis sind kurz davor, den zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Mit einer List versuchen die Alliierten, das Blatt noch zu wenden; sie schicken die beiden Agenten B.J. Blazkowicz und Richard Wesley in SS-Uniform zur Burg Wolfenstein in den Alpen. Dort befinden sich Informationen zu dem Ort, an welchem sich SS-Obergruppenführer Wilhelm „Deathshead“ Strasse befindet. Die Mission ist recht simpel: In die Burg rein, die Akte stehlen und wieder abhauen. Dass das natürlich schief läuft, liegt auf der Hand und so findet sich B.J. alleine in einem Verlies tief in der Burg wieder. Das Ziel bleibt jedoch, die Akte muss gefunden werden. Die Dinge verkomplizieren sich aber recht schnell, denn auf der Flucht bekommt es B.J. nicht nur mit der fanatischen SS-Obersturmbannführerin Helga von Schabbs und ihrem sadistischen Leutnant Rudi Jäger zu tun, sondern auch mit einer Bedrohung, die über alles Natürliche hinausgeht…

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Zwischensequenzen wie diese sind eher selten, aber ganz gut gemacht und stören auch nicht.

 

Der Name „Burg Wolfenstein“ ist kein Zufall. Nicht nur die Grundhandlung von TOB ist eine sehr deutliche Anspielung an „Return to Castle Wolfenstein“ aus dem Jahre 2001. Auch der weitere Handlungsverlauf des Add-Ons erinnert sehr an den Shooter-Meilenstein vor 19 Jahren. Das betrifft nicht nur die Schauplätze und die Entwicklung des Plots, sondern auch die Grundatmosphäre. Oder, kurz gesagt: Die Handlung von TOB ist sehr viel trashiger als die von TNO. Nicht nur ist die Anzahl an Zwischensequenzen sehr viel kleiner, sodass die Bedeutung des Plots generell mehr im Hintergrund steht; auch die Dialoge sind sehr viel knapper und „platter“. Auch Jäger und von Schabbs wirken als Nazi-Bösewichte sehr viel klischeehafter als noch Frau Engel und Herr Strasse aus TNO. Ist das jetzt alles schlecht? Nein, ganz im Gegenteil. TOB nimmt sich selbst viel weniger ernst und macht den Plot nicht zum Wichtigsten überhaupt. Es gibt dennoch ein paar interessante Wendungen und insgesamt fand ich die Antagonisten aus dem Add-On auch überzeugender dargestellt als aus TNO.

Perfekt ist die Handlung dann aber doch nicht. Immer wieder gibt es Sequenzen, in denen B.J. extrem emotional, fast schon weinerlich wird und die Grausamkeiten der Nazis und des Krieges ausgiebig thematisieren muss. Das ist per se nicht schlecht; es passt aber gar nicht in diese trashige Atmosphäre und beißt sich auch recht stark mit den klar humoristischen bzw. trashigen Szenen. Das düsterere und auch viel ernster gestaltete Hauptspiel bietet hierfür einen viel besseren Schauplatz. Aber das ist letztendlich Jammern auf hohem Niveau.

 

Gordon Freeman wäre grün vor Neid

 

So, jetzt aber auch erst einmal genug von dem Plot. Schließlich gehts in TOB ja vor allem um die Action. Und Junge, serviert das Add-On davon viel.
Die Grundprinzipien des Gameplays haben sich im Quasi-Prequel nicht verändert; ich töte Nazis, als gäbe es kein Morgen. Das mache ich häufig auf die laute und seltener auf die leise Art und Weise.

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Ich suche gerade immer noch nach einem schlechten Witz mit Rohren... aber das wäre dann wohl... ein ROHRKREPIERER! ...ich weiß, wp der Ausgang ist.

 

Sowohl der laute als auch der leise Teil haben sich nicht geändert. Schleiche ich mich leise von Ort zu Ort, muss ich neben Soldaten allen voran die Kommandanten zuerst ausschalten, bevor sie Verstärkung rufen können. Und beim Ballern gehe ich so vor, wie man es bei einem halbwegs modernen Shooter macht: Langsam und mit viel Deckung vorrücken und dabei das braune Gesocks um einen Soldaten nach dem anderen dezimieren.

Die Unterschiede liegen vor allem im Detail. Zuerst merkt man das bei der Waffenauswahl; 15 Jahre vor dem Hauptspiel gibt es noch keine fancy Laserwaffen. Was aber nicht heißt, dass ihre Vorgänger nix drauf haben. Statt mit einem Lasergewehr puste ich dem rechten Rand die Köpfe nun mit einem waschechten Karabiner weg; erinnert ein wenig an die ersten CoD-Teile. Die automatische Schrotflinte wurde durch eine semi-automatische, aber pro Schuss mächtigere Variante ersetzt. Und als richtige Neuheit gibt es die winzige, aber unfassbar tödliche Kampfpistole; ein Raketenwerfer im Taschenformat. Und dann natürlich noch das Rohr als Nahkampfwaffe. B.J. kann damit nicht nur Feinde auf widerlichste Arten und Weisen pfählen, sondern auch Wände hochklettern oder Supersoldaten schneller erledigen (wenn man den Trick herausgefunden hat).

Apropos Supersoldaten, anno 1946 sind auch die Nazis noch nicht so krass ausgerüstet wie in TNO. Ich kämpfe gegen einen Haufen an gewöhnlichem Fußvolk (Offiziere, normale Soldaten und Scharfschützen) plus die Vorgängervarianten der stärkeren Gegner und Supersoldaten. Einen weiteren Gegner will spoilerbedingt nicht verraten. Mehr als das gibt es aber leider nicht; die Gegnerauswahl ist auch im Add-On relativ klein. Zwar wurde es im Spiel nie wirklich monoton, aber ein wenig schade fand ich es dann doch.

Die Action ist jedenfalls flott und rasant. Die Steuerung ist schön flüssig und das Waffenfeeling mehr als solide. Es kracht und rummst, wie es sein sollte. Und besonders hilfreich ist dabei, dass im Add-On generell mehr Munition zu finden ist als aus dem Hauptspiel bekannt. Fettes Rumballern (am Besten mit gleich zwei Knarren im Anschlag) ist damit gar kein Problem mehr.

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Klein, aber oho! Die kleinste Waffe im Spiel ist wohl auch die stärkste. Dieser Wehrmachtssoldat findet das gleich auf die unangenehme Art heraus.

 

Zurückgefahren wurde hingegen das Perksystem. Ja, auch in TOB gibt es wieder einige Verbesserungen, die ich durch bestimmte Aktionen bekomme. Knalle ich genug Nazis mit dem Karabiner ab, vergrößere ich sein Magazin. Wenn ich mit einer Granate mindestens 3 Gegner auf einmal wegpuste, vergrößert sich mein Inventar für diese um 2. Und noch mehr. Die Sache ist, dass die Perks nicht mehr in Bäume und zum Großteil auch nicht mehr aufeinander aufgebaut sind. Das hat mir wesentlich besser gefallen als noch in TNO, denn es wirkt so auch insgesamt etwas weniger aufgesetzt und motiviert sogar. Ich meine, Geheimnisse auf der Karte sehen? Super!

 

Wer hat denn so eine Burg gebaut?!

 

Ja, auch hier gibt es wieder Geheimnisse. Die Level sind zum Großteil sehr linear gestaltet, doch es gibt immer wieder gut versteckte Geheimareale, die Munition oder sogar Goldbarren enthalten. In manchen dieser Bereiche finde ich Matratzen, mit denen ich – sehr ähnlich zu dem Easter Egg im Hauptspiel – in Level mit dem berühmten Wolfenstein3D-Stil teleportiert werde. Alles in allem lohnt es sich also immer, die Level ordentlich abzusuchen, denn damit finde ich zahllose Items, die im späteren Kampf sehr hilfreich für mich sein können.

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B A L L E R N. Was will man denn mehr?

 

Auch schalte ich im Laufe der Zeit einige Challenges frei. Das sind bestimmte „schwierigere“ Areale aus der Hauptgeschichte, in denen ich unter Zeitmessung einen Haufen von Gegnern plattmachen darf.

Lässt man sich Zeit, verbringt man schon mal acht bis neun Stunden mit der Story. Danach kann man mit den Challenges noch einige weitere Stunden mit unkomplizierter, krachender Action verbringen. Der Umfang von TOB geht damit schon über manches hinaus, was einige Vollpreistitel bieten. Mit anderen Worten – bei so viel Spielzeit muss man sich wirklich nicht beklagen!

 

Hier werden nicht nur Waffen nachgeladen

 

Einen wirklichen Kritikpunkt gibt es dann aber doch noch; und das ist mal wieder die Technik des spiels.

Zuerst ein paar generelle Infos. Das Spiel wurde mit einem i7-6700K, 16GB-DDR4-RAM und einer Geforce GTX 1070 getestet. Ich habe das Spiel auf einer HDD installiert.

Wie schon das Hauptspiel wird auch TOB mit der id-Tech-5-Engine betrieben. Was bedeutet, dass es riesengroße Texturen im Spiel gibt samt einer ordentlichen Größe an verbrauchtem Speicher auf der Platte.

Zuerst ein paar Sachen zur Grafik. Der Umfang der Grafikoptionen im Menü hat beachtlich zugenommen, unter anderem kann ich nun endlich Kantenglättung aktivieren. Einen wirklichen Effekt auf die Grafikqualität hat dies aber nicht; diese fällt, wenn überhaupt, kaum besser aus als im Hauptspiel. Die Texturschärfe ist mal gut, mal mies, insgesamt okay. Die Beleuchtung und der Detailgrad von Charakter- und Waffenmodellen sind ziemlich gut ausgefallen, dafür sind Partikeleffekte eher schwach wirkend.

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Gerade die düstere Burg Wolfenstein ist wirklich hübsch gestaltet.



Was man den Entwicklern definitiv zugute halten kann, ist mal wieder der Detailgrad der Level. Ob kalte und steinerne Schlossmauern, ob urig wirkende Bibliotheken, die Stadt Wulfburg, tiefe Minenschächte; die Entwickler von Machine Games haben selbst aus den potentiell langweiligsten Orten sehr viel Optik rausgeholt. Nicht nur die optische Abwechslung ist hoch, auch die Detailliebe, mit der die Level ausgestattet wurden, ist wirklich beachtlich. Hut ab dafür!

Doch leider gibt es auch in diesem Spiel wieder das typische Problem der nachladenden Texturen. Sobald ich in irgendeine neue Richtung schaue, müssen die entsprechenden Texturen erst einmal in den VRAM geschaufelt werden. Und das dauert immer kurz. Was bedeutet, dass die Texturen jedes Mal erst trüb sind und dann nachgeladen werden müssen. Das ging mir schon vor Jahren bei RAGE auf die Nerven. Und hier ist es richtig schlimm. Etwas merkwürdig, wie ich finde – TNO hat das irgendwie besser hingekriegt.

Und leider ist auch die Performance mal wieder nicht die beste. Generell hatte ich nicht viele FPS im Spiel. Und sobald man die Kantenglättung einschaltet, gehen die FPS komplett in den Keller. Natürlich darf ich nicht erwarten, dass gerade so ein Effekt wie Kantenglättung keinerlei Auswirkungen auf die FPS hat; doch bei FullHD bei maximalen Einstellungen gingen die FPS teilweise auf Werte von 20 bis 25 herunter. Und das mit einer GTX 1070! Da lief TNO wesentlich besser. Entsprechend werde ich hier eine Abwertung vornehmen müssen.

 

Fazit

 

Kann ich das Add-On nun empfehlen? Die Antwort ist ein klares Ja! Nicht nur ist der Plot mit seinem gesteigerten Trashgehalt eine schöne Abwechslung zu den Ereignissen 15 Jahre später, auch die Action ist gefühlt noch fetziger und vor allem zahlreicher. In den detaillierten Leveln gibt es viel zu entdecken und die neuen/ älteren Knarren sind ein schöner Ersatz für die futuristische Technik aus dem Jahr 1961. Mit den Challenges und einigen coolen Easter-Eggs kommt dabei ein mehr als akzeptabler Umfang zusammen. Und seien wir doch mal ehrlich: Es ist einfach geil, mit zwei Schrotflinten im Anschlag dutzenden Nazis die Rübe wegzupusten.

Da TOB eine für sich abgeschlossene Geschichte erzählt, benötigt man auch kaum wirkliches Vorwissen. Es ist also nicht nötig, das Hauptspiel zu kennen.
Daher kann ich TOB trotz kleiner Schwächen bei Performance, Gegnervielfalt und dem Plot jedem Shooterfan empfehlen. Daher gebe ich dem Spiel 85 Punkte.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Lange Spielzeit
  • Satte, knackige Action
  • Neue, coole Items
  • Cool erzählte, trashige Story
  • Zusätzliche Spielmodi und interessante Geheimnisse
  • Viele verschiedene Schauplätze
  • Sehr detaillierte Level
  • Motivierendes Perksystem
  • Recht kleine Gegnervielfalt
  • Kleinere Plotschwächen
  • Recht schwache Performance

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(6)

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