Nach seinem Kreuzen der Erdbahn vor einigen Wochen steht für den interstellaren Kometen 3I/ATLAS (C/2025 N1) das nächste Rendezvous an: Der Jupiter erwartet ihn. Zudem lernen wir auf seinem Weg in die Weiten des Alls etwas über die potenzielle Verteilung von Bausteinen des Lebens im Universum – und wie diese unter einer gehärteten Panzerung die Jahrmilliarden überdauern.
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Wir zeigen euch den Kurs des interstellaren Kometen 3I/Atlas mithilfe von Universe Sandbox
Besuch am Jupiter
Heute, am 16. März, erreicht 3I/ATLAS seine geringste Distanz zum größten Planeten unseres Systems – Jupiter. Nur dem Mars kam er noch näher. In etwa 0,358 AE Entfernung tritt er sogar kurzzeitig in das Schwerkraftfeld des Gasriesen ein. Der Komet durchstößt hier eine unsichtbare Grenze, genannt Hill-Radius/Sphäre
– stellt sie euch wie eine Kugel um den Jupiter mit einem bestimmten Radius vor.
Ab hier zieht der Jupiter stärker an dem Kometen als die Sonne, soll heißen: Ein Objekt, das hier relativ zum Planeten stillstünde, stürzt langsam eher zu ihm als zum zentralen Gestirn unseres Systems. Etwas weiter weg gewänne wieder ihre Gravitation.
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- Entdeckung: 1. Juli 2025 durch das namensgebende ATLAS-Teleskop von Chile aus.
- Typ: Aktiver Komet. Aktiv bedeutet in diesem Fall eine Aktivierung durch starke Einstrahlung, in diesem Fall durch unsere Sonne. Vereinfacht gesagt heißt das physikalisch gesehen, dass Teile des Kometen sublimieren. So nennen wir den Übergang von gefroren zu gasförmig, ohne Umweg über die flüssige Phase. Hierdurch bildet sich quasi eine kugelförmige Gaswolke aus auströmendem Material (Koma) sowie Schweife.
- Schweif: Zwei Schwänze (blauer Ionen- und breiter Staubschweif) und ein Anti-Tail (sonnenwärts-gerichtet), Länge teils jeweils mehr als 60.000 km (Dezember 2025, seitdem abnehmend)
- Koma: CO₂-dominierte, tränenförmige Koma mit grünem Glow (C₂-Fluoreszenz), Durchmesser grob 348.000 km (frühere Messung); starke Jets und Ausbrüche (Dezember 2025, inzwischen schrumpfend)
- Größe: Kern-Durchmesser ca. 1,3 bis 5,6 km
- Perihel (sonnennächster Punkt): 29./30. Oktober 2025, 1,36 AE (etwa 203 Millionen Kilometer).Geringster Erdabstand: 19. Dezember 2025 in rund 1,798 AE (ca. 269 Millionen km).
- Geschwindigkeit: Ungefähr 68 Kilometer pro Sekunde (relativ zur Sonne). Das überschreitet die Fluchtgeschwindigkeit (ca. 42 Sekundenkilometer), wodurch 3I/ATLAS das Sonnensystem auf leicht abgelenkten Kurs wieder verlassen wird.
- Hinweis: Im Zuge der Ausbrüche an Material veränderte 3I/ATLAS auch seine Geschwindigkeit und das ist vollkommen normal. Es entspricht unsere von den Gesetzen der Physik getragene Erwartung. Denn die Jets fungieren wie Raketenmotoren, sie stoßen geringe Massen schnell fort und schieben so die große Masse des Objektes geringfügig an.
- Zusammensetzung: Stark CO₂-dominant, Wassereis, CO, Cyanid (HCN), Methanol, Carbonyl sulfide (OCS), ionisiertes Nickel, Silikatstaub und organische Moleküle.
- Alter: Geschätzt, wahrscheinlich 10 bis 12 Mrd. Jahre. 3I/ATLAS bringt ziemlich sicher mehr Zeit im Universum auf die Uhr als unser Sonnensystem (etwa 4,6 Milliarden Jahre). Uns besucht das älteste uns bekannte Objekt, das sich jemals unseres Wissens nach im Sonnensystem bewegt hat.
- Herkunft: Thick Disk, also grob aus dem Zentrum der Milchstraße. Bei seinem Heimatstern handelt es sich wahrscheinlich um ein sehr altes Exemplar, mehr als doppelt so alt wie unsere Sonne.
Obschon 3I/ATLAS dem Riesen kosmisch betrachtet relativ nahekommt, hat selbst dessen gewaltige Gravitation keine Chance, ihn einzufangen – dafür fliegt der Komet zu schnell. Sein Kurs ändert sich nur minimal in der etwa zweiwöchigen Phase in Jupiters direkter Nähe, während er vorbeieilt. Danach wartet für die kommenden Jahre quasi nichts mehr auf ihn. Die weiteren äußeren Planeten oder Zwergplanetoiden meidet er auf seinem Weg hinaus in den interstellaren Raum.
Was passiert, wenn Objekte gefährlich nah an deutlich massigere Planeten kommen und die sogenannte Roche-Grenze unterschreiten, zeigen wir euch hier am Beispiel unseres Mondes. Denn sobald die an ihm zerrenden Kräfte einen bestimmten Wert übersteigen, droht seine Zerstörung. Der Abstand, in dem das auftritt, hängt von der Masse beider Partner ab. Der Mond zerbräche beispielsweise, wenn er etwa 20.000 Kilometer entfernt die Erde umkreisen würde, rund 10 Prozent seines heutigen Abstandes.
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Wir zerlegen in Universe Sandbox 2 den Mond - physikalisch annähernd korrekt
Der geknackte kosmische Panzer
Lange wunderte sich die Forschung, weshalb sich der rasch und eindeutig als Komet klassifizierte 3I/ATLAS so anders als seine Artgenossen aus dem Sonnensystem verhält: Setzte er doch zuerst vor allem Kohlenstoffmonoxid und -dioxid sowie Methanol frei – aber verhältnismäßig wenig Wasserdampf (H₂O). Letzterer ist nach unseren Erkenntnissen der Hauptbestandteil von Kometen im Universum.
Inzwischen glauben Forscher, des Rätsels Lösung zu kennen. Die Sonne musste erst den Panzer aus gehärtetem Material aufbrechen. Auf seiner Milliarden Jahre langen Reise durchquerte 3I/ATLAS unermesslich große Distanzen im interstellaren Raum. Seit seiner letzten Begegnung mit einem Stern vergingen mehrere Hundert Millionen Jahre.
Währenddessen bombardierten ihn galaktische kosmische Strahlen (GCR). Sie sind allgegenwärtig und hatten genügend Zeit, um die äußerste Schicht an gefrorener Materie durch chemische Veränderung zu verdichten. Strahlung, Kälte und Dunkelheit versiegelten wohl rund 20 Meter dick die gefrorenen Substanzen im Inneren.
Deshalb dauerte es auch mehrere Monate in relativer Nähe zur Sonne bis der Komet zwischen September und Dezember seine stärkste Aktivität zeigte, das heißt: Moleküle mit höherer Hitzetoleranz verdampften. Erst hier hat unsere Sonne mittels ihres Lichtes den Panzer geknackt und Wege für die unter Druck sublimierenden (gefroren zu gasförmig) Stoffe freigelegt.
Bausteine des Lebens
Sobald sich die Gase Bahn brachen, kam eine wahre Schatzkammer in den Jets und in der Koma ans buchstäbliche Licht des Sonnensystems. Wir haben unter anderem entdeckt (via iopscienceund arxiv):
- Methanol: Ein Molekül, das quasi den Ausgangsstoff für Komplizierteres ausbreitet. So bildet die Natur hieraus komplexere Moleküle wie Aminosäuren oder Zucker. Organische Systeme ohne Methanol sind möglich, aber erreichen nach unserem Kenntnisstand nie eine hohe Komplexität.
- Blausäure: Sie ist an der Synthese von Aminosäuren beteiligt und das wiederum ist unverzichtbar, um uns bekannte Strukturen von DNA und RNA zu bilden.
- Wasser: Abseits von Kohlenstoffdioxid kommt es auch 3I/ATLAS vor – allerdings in deutlich geringerer Konzentration als bei den meisten Kometen des Sonnensystems. Leben ohne Wasser dürfte im Bereich des Möglichen liegen, aber es wäre eine für uns fremdartige Form.
- Kohlenstoff: Die Basis unserer biologischen Struktur macht das Gros der Masse des Besuchers aus, vor allem in Form von Kohlenstoffdioxid.
Zusammengefasst birgt dieser Cocktail in 3I/ATLAS enormes Potenzial. Denn der Komet trägt alles in sich, um eine Ursuppe zu formen, aus der unbestimmte Zeit später Leben entsteigen mag. Die Tatsache, dass ein zufällig im Sonnensystem landendes Objekt diese Mischung enthält, legt eine existentielle Erkenntnis nahe:
Ob es intelligentes Leben abseits der Erde gibt, wissen wir nicht, bei einem sind wir uns zusehends sicher: Die Natur verteilt(e) die Bausteine des Lebens im ganzen Universum, um theoretisch verschiedenen Arten leben daraus formen zu können. Seine Bausteine können als universell verbreitet gelten. Auch wenn uns 3I/ATLAS wieder verlässt, dieses Geschenk in Form von Wissen hinterlässt er uns.
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