Jahrelang hielt ich 50 mm für das perfekte Objektiv zum Fotografieren – ich lag sowas von falsch

40 ist das neue 50.

Schließt ein Auge: jetzt seht ihr die Welt ungefähr so, wie sie ein 40mm-Objektiv sieht. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Schließt ein Auge: jetzt seht ihr die Welt ungefähr so, wie sie ein 40mm-Objektiv sieht. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Wenn ich für den Rest meines Lebens nur noch eine einzige Kamera und ein einziges Objektiv besitzen dürfte, welches wäre das? Habt ihr euch das schon einmal gefragt?

Die Antwort scheint für die meisten von uns von Anfang an festzustehen. Wir lernen es in Foren, in YouTube-Tutorials und von erfahrenen Mentoren: »Kauf dir ein 50er.« 

Es ist das Gesetz der Fotografie, die vermeintliche goldene Regel der Normalbrennweite. Auch ich habe dieses Mantra jahrelang gepredigt und gelebt. Ich war überzeugt, dass das 50mm-Objektiv der ehrlichste Spiegel der Realität sei.

Doch was, wenn wir uns seit Jahrzehnten an einen Standard klammern, der eigentlich nur ein historisches Überbleibsel ist? Was, wenn die echte »Normalbrennweite« nicht in der Tradition liegt, sondern genau zehn Millimeter daneben?

Duy Linh Dinh
Duy Linh Dinh

Schon als Kind hatte Technik und Videospiele eine besondere Anziehungskraft auf Linh. Seine erste Konsole war die NES, das Nintendo Entertainment System. Er erinnert sich noch gut daran, wie er in die Mario-Kasette gepustet hat, damit das Spiel ordentlich startet. Sein erster PC war ein Rechner mit Windows 95, auf dem er Moorhuhn gespielt hat. Diese Leidenschaft trägt er bis heute und so kam er bei Gamestar Tech an. Wenn Linh gerade nicht mit Technik beschäftigt ist, widmet er sich seinen anderen Leidenschaften: Breakdance, Tricking, Fotografie und Fighting Games.

Fotografie-Glossar: Das müsst ihr wissen
Hier tippen zum Anzeigen

Damit ihr bei den Millimetern und Fachbegriffen nicht den Durchblick verliert, findet ihr hier die wichtigsten Konzepte kurz und knackig erklärt:

  • Brennweite (mm): Sie wird in Millimetern angegeben und bestimmt den Bildausschnitt. Eine kleine Zahl (zum Beispiel 24mm) bedeutet Weitwinkel; ihr bekommt mehr aufs Bild. Eine große Zahl (zum Beispiel 200mm) bedeutet Tele; ihr holt ferne Motive nah ran.
  • Vollformat: Das ist die Größe des Sensors in vielen Kameras. Er orientiert sich am klassischen 35mm-Filmstreifen von früher. Vollformat gilt in der Fotografie oft als der Referenzwert für alle Berechnungen.
  • Normalbrennweite: So nennt man Objektive, die weder verzerren (wie Weitwinkel) noch verdichten (wie Tele). Ihr Bildwinkel entspricht in etwa unserem natürlichen Seh-Eindruck.
  • Lichtstärke & Blende: Die Zahl hinter dem »f« (etwa f/1.8 oder f/2.8). Je kleiner die Zahl, desto lichtstärker ist das Objektiv. Das ist super für dunkle Umgebungen und sorgt für den nächsten Punkt:
  • Bokeh: Dieser Begriff stammt aus dem Japanischen und beschreibt die Qualität der Hintergrundunschärfe. Ein schönes Bokeh lässt das Hauptmotiv plastisch hervortreten, während der Rest in weichen Farben verschwimmt.
  • Crop-Faktor: Nicht jede Kamera hat einen riesigen Vollformatsensor. Kleinere Sensoren (wie APS-C oder Micro Four Thirds) zeigen nur einen Ausschnitt des Bildes – wie ein digitaler Zoom. Beispiel: Ein 20mm-Objektiv an einer Micro-Four-Thirds-Kamera wirkt wie ein 40mm-Objektiv am Vollformat, weil der Sensor das Bild zweifach beschneidet (Crop-Faktor 2).
  • Pancake-Objektiv: So werden Objektive genannt, die extrem flach und kompakt gebaut sind – eben flach wie ein Pfannkuchen. Sie sind ideal für die Reise- und Street-Fotografie, weil die Kamera damit fast in die Jackentasche passt.

Warum mein erstes gekauftes Objektiv ein 50mm war

Ich fotografiere mit Wechselobjektiv-Kameras seit ungefähr 15 Jahren und wie bei vielen anderen war ein 50mm das erste Objektiv, neben dem Kit-Zoom, das ich mir gekauft habe. Der Grund dafür war damals sehr simpel: Jeder und jede hat es empfohlen. 

Das Objektiv hat mich damals etwa 80 Euro gekostet. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Das Objektiv hat mich damals etwa 80 Euro gekostet. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Die Vorzüge lagen auf der Hand:

  • Es gibt viele günstige Optionen – einige davon sogar unter 100 Euro.
  • Sie sind oft sehr kompakt und leicht.
  • Sie sind oft sehr lichtstark und erlauben es, bei schlechten Lichtbedingungen zu fotografieren.
  • Durch die große Blende erlauben sie schöne Fotos und Porträts mit natürlich verschwommenen Hintergründen (Bokeh).
  • Sie haben ein Blickfeld, das dem menschlichen Auge ähnelt. Dadurch wirken Fotos unverzerrt und natürlich.

Aus diesen Gründen kamen viele Spiegelreflexkameras im Bundle mit 50mm-Objektiven; sie sind gewissermaßen eine Tradition in der Fotografie-Welt.

50mm-Objektive wurden vor allem durch den deutschen Erfinder der Kleinbildfotografie populär gemacht: Leica. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) 50mm-Objektive wurden vor allem durch den deutschen Erfinder der Kleinbildfotografie populär gemacht: Leica. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Für meine damalige Sony Alpha 65 habe ich mir das Minolta AF 50mm F/1.7 gekauft. Es war kompakt und ermöglichte mir traumhafte Fotos, die mit keiner Kompaktkamera oder Handy dieser Zeit möglich waren. Es war irgendwie magisch. Seitdem blieb ein 50er ein fester Bestandteil meines Inventars.

Jahrelang war ich mir sicher: Wenn ich nur noch ein Objektiv für den Rest meines Lebens verwenden dürfte, wäre es eines mit 50mm-Brennweite.

Ich war überzeugt und verliebt, und ich lag falsch. Denn ich habe erst jetzt verstanden, dass meine persönliche Präferenz nicht in einer Tradition liegt, sondern in einer Nuance. 

Genauer gesagt in zehn Millimetern Unterschied.

50mm-Objektive sind Allrounder – bis sie es nicht mehr sind

Die 50mm-Brennweite ist sehr vielseitig einsetzbar, aber nicht ohne Grenzen.

Ich habe jahrelang mit nur einer Kamera und einem Objektiv analog fotografiert und es war immer ein 50er. Ich liebe solche Einschränkungen, weil sie kreativ machen, doch manchmal sind sie auch ein unüberwindbares Hindernis.

Beim Fotografieren draußen hatte ich nie Probleme mit dem Bildwinkel des 50mm-Objektives. In Innenräumen war es jedoch öfter mal etwas schwieriger. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech; Canon EOS RP + RF 50mm F1.8) Beim Fotografieren draußen hatte ich nie Probleme mit dem Bildwinkel des 50mm-Objektives. In Innenräumen war es jedoch öfter mal etwas schwieriger. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech; Canon EOS RP + RF 50mm F/1.8)

50mm entspricht etwa 2x bei den meisten Handys; das Blickfeld ist also etwas enger und hineingezoomt. Normalerweise würde ich einfach einen oder zwei Schritte zurück machen und schon passt meine Komposition wieder, doch das geht nicht immer. Das 50mm-Objektiv ist manchmal doch zu lang. 

40 ist das neue 50

40mm-Objektive sind oft ebenso kompakt wie 50er. Hier ist das TTArtisan 40mm F2 abgebildet. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) 40mm-Objektive sind oft ebenso kompakt wie 50er. Hier ist das TTArtisan 40mm F2 abgebildet. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Die 40mm-Brennweite existiert schon lange. Vor vielen Jahren hatten zahlreiche analoge Kompaktkameras so eines verbaut. Gegenwärtig hat diese Brennweite eine kleine Renaissance erlebt; erst vor wenigen Tagen hat Panasonic sein neues 40mm-Objektiv für L-Mount veröffentlicht und Kompaktkameras, wie die Leica Q3 43 und die Ricoh GR IIIx haben so eines fest verbaut.

Ich habe mir selbst vor einigen Monaten das TTArtisan 40mm F2 für die Sigma BF gekauft. Es war preiswert und deswegen einen Versuch wert. 

Nach einigen Wochen erkannte ich, dass 40 eigentlich genau das ist, was das 50er sein will: ein unveränderter Blick auf die Welt.

Eine technische Erklärung

In der Optik gibt es eine klare Definition für das, was wir als normal empfinden: Ein Objektiv gilt dann als neutral, wenn seine Brennweite exakt der Diagonalen des Bildsensors entspricht. Bei einer Vollformatkamera ergibt das rechnerisch etwa 43 mm.

Das ist der magische Wert, bei dem die Optik aufhört, den Raum zu interpretieren. 

  • Ein 50mm-Objektiv wirkt historisch bedingt als Standard, ist technisch aber bereits ein leichtes Tele-Objektiv, das den Hintergrund ein wenig näher rückt und den Blickwinkel verengt.
  • Ein 35mm-Objektiv (eine weitere sehr beliebte Brennweite) hingegen zählt zum Weitwinkelbereich; es dehnt den Raum leicht und lässt Objekte am Rand minimal größer erscheinen.

Die 40mm liegen fast punktgenau auf dieser physikalischen Ideallinie. Das Ergebnis ist eine perspektivische Neutralität: Die Größenverhältnisse zwischen Vorder- und Hintergrund und die Distanzen im Bild entsprechen genau dem, was unser Gehirn als real abgespeichert hat. 

Die Linse fügt keine optische Dramatik hinzu, weder durch Verdichtung noch durch Ausdehnung. Ein Foto mit 40mm wirkt deshalb so unmittelbar, weil es die Welt nicht fotografisch übersetzt, sondern sie schlicht unverzerrt wiedergibt.

Die Hersteller Pentax und Leica gehen sogar so weit, dass sie Objektive mit exakt 43mm-Brennweite entwickelt haben (Pentax 43mm F/1.9 Limited und Leica Q3 43).

Ein ganzer Schritt ist manchmal nur 10 mm lang: Der Unterschied auf dem Papier mag gering erscheinen, aber in der Realität ist das 40er für mich deutlich alltagstauglicher als das 50er. So oft ist es einfach nicht möglich, einen Schritt nach hinten zu machen, um mehr aufs Foto zu bekommen, doch mit einem 40mm-Objektiv reicht es. 

Es bietet mir etwas mehr Weitwinkel, ohne die natürliche Bildwirkung eines 50er zu verlieren – es verbessert sie sogar. 

Weitere Vorteile:

  • 40mm-Objektive sind oft noch kompakter als 50er. Es gibt viele im sogenannten »Pancake«-Design; das sind Objektive mit besonders flacher Bauweise.
  • Genau wie bei 50mm-Objektiven, gibt es viele günstige Optionen.
  • Es gibt besonders lichtstarke Versionen mit F/1.2-Blende.

Es gibt ein 40er auch für eure Systemkamera

40-mm-Objektive gibt es für jedes Kamerasystem. Hier ist eine kleine Liste, die ich für euch erstellt habe. Nicht wundern: Bei Kameras mit Crop-Faktor, habe ich entsprechende Linsen ausgesucht, die dem Blickfeld eines 40ers im Vollformat entsprechen (Beispiel: MFT-Kameras haben einen Crop-Faktor von 2. Das heißt, man benötigt ein 20mm-Objektiv für das Blickfeld eines 40ers)

  • Canon RF: Canon RF 45mm F/1.2 STM (ca. 500 Euro)
  • Canon RF-S: Canon RF 28mm F/2.8 STM (ca. 300 Euro)
  • Canon EF: Canon EF 40mm F/2.0 (ca. 150 Euro)
  • Canon EF-S: Canon EF-S 24mm F2.8 (ca. 120 Euro)
  • Sony Alpha FE: Sony FE 40mm F/2.5 G (ca. 470 Euro)
  • Sony Alpha E: Sony FE 28mm F/2.0 (ca. 350 Euro)
  • Nikon Z FX: Nikon Nikkor Z 40mm F/2.0 (ca. 200 Euro)
  • Nikon Z DX: Nikon Nikkor Z 28mm F/2.8 (ca. 200 Euro)
  • Fujifilm X: Fujifilm Fujinon XF 27mm F/2.8 (ca. 400 Euro)
  • Micro Four Thirds (Panasonic G, OM-System etc.): OM System M.Zuiko 20mm F/1.4 Pro (ca. 470 Euro)
  • L-Mount (Panasonic S, Sigma, Leica SL, etc.): Panasonic Lumix S 40mm F/2.0 (ca. 400 Euro)
  • Pentax K: Pentax FA HD 43mm F/1.9 Limited (ca. 400 Euro)
  • Leica M: Voigtländer Heliar 40mm F/2.8 Asph. (ca. 450 Euro)

Inzwischen verwende ich das Voigtländer 40mm F2.8. Das manuelle Fokussieren macht mir mehr Spaß – und ich mag, wie es aussieht. (Bildquelle: Duy Linh DinhGameStar Tech) Inzwischen verwende ich das Voigtländer 40mm F/2.8. Das manuelle Fokussieren macht mir mehr Spaß – und ich mag, wie es aussieht. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)

Dies sind nur einige Beispiele. Es gibt noch viele weitere Optionen in unterschiedlichen Preisklassen.


Zufälligerweise ist auch das Lieblingsobjektiv von Patrick ein 40er von Voigtländer. An seiner Nikon ZF ist das Nokton 40mm F/1.2 angeflanscht. Mehr dazu lest ihr hier: Mein bestes Objektiv: Das Voigtländer 40mm F/1.2 für Nikon-Kameras


40mm ist mein Für-Immer-Objektiv

Linh: Dass ich mein langjähriges Versprechen an mich selbst revidiere, ist für mich kein Widerspruch, sondern eine Weiterentwicklung. 15 Jahre mit der 50mm-Brennweite haben mir gezeigt, dass irgendetwas gefehlt hat – besser spät als nie, oder?

Meine Suche nach dem »One-Camera-One-Lens«-Setup endet hier. Das 40er schönt und verzerrt nicht. Sehe ich ein Motiv und halte meine Kamera darauf, sehen die Kamera und mein Auge dasselbe Bild.

Ein Unterschied von zehn Millimetern klingt nicht nach viel, aber mir hat er die Augen geöffnet. 

Jetzt seid ihr dran! Welches Objektiv würdet ihr wählen, wenn ihr nur noch eines für den Rest des Lebens verwenden dürft? Schreibt es gerne in die Kommentare! Ich bin sehr gespannt auf eure Antworten!

zu den Kommentaren (1)

Kommentare(1)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.