»Wenn wir wollen, können wir SpaceX übertreffen« – Ehemaliger Top-Ingenieur von NASA und ESA zeigt auf, weshalb Europa im All scheitert – und wie wir das ändern

Europa und seine Raumfahrt stehen vor dem wohl wichtigsten Jahrzehnt der gemeinsamen Geschichte. Wir haben mit einem Experten gesprochen, was passieren muss.

Martin Tajmar kennt sich aus und ahnt, was sich in Europa ändern müsste, um in Sachen Raumfahrt an der Weltspitze zu stehen. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI und Christian Hüller) Martin Tajmar kennt sich aus und ahnt, was sich in Europa ändern müsste, um in Sachen Raumfahrt an der Weltspitze zu stehen. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI und Christian Hüller)

Um 2:30 Uhr fraß das Plasma an den Steuerflächen des Starship 35. Glühend und platzend, dann nur noch müde in den Flammen glimmend, beendete es irgendwo über dem Indischen Ozean seine Existenz. Zum dritten Mal in Folge endet ein Testflug des Vorzeigeprojekts von SpaceX vorzeitig – und doch: Elon Musks Unternehmen kommt voran und hängt selbst mit Teil-Fehlschlägen die Konkurrenz ab.

»Denn das Starship ist etwas grundsätzlich Neues. Es ist nicht vergleichbar mit irgendeiner anderen Rakete der Geschichte«, erklärt einer, der es wissen muss: Professor Dr. Martin Tajmar ist Institutsdirektor für Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Dresden. Sein Lebenslauf umfasst auch Stationen bei NASA und ESA.

Wir haben mit ihm über SpaceX, Elon Musk, das Starship sowie Europas wackeligem Stand in der Raumfahrt gesprochen.


Mehr zum jüngsten (Mai 2025) Testflug IFT-9 lest ihr bei uns in einem separaten Artikel.

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Eine neue Klasse von Raketen

Das Scheitern gehört dazu. Wer Raketen entwickelt, dessen Weg zu einem funktionstüchtigen Produkt führt über Fehlschläge, erklärt Martin Tajmar.

»Entwickelt wird, indem man es testet. Alles komplett zu simulieren, stößt irgendwann an Grenzen. Die einzige Prüfung, die wirklich für eine Rakete zählt, ist der reale Einsatz mit all seinen Belastungen.«

Für das Starship gilt das umso mehr, denn sowohl die Triebwerke als auch die erste und zweite Stufe betreten Neuland. Eine solche Konfiguration gab es bislang noch nie. »Durch seine Wiederverwendbarkeit bei gleichzeitiger (anvisierten) Kapazität von bis zu 200 Tonnen Nutzlast pro Start definiert das Starship quasi eine komplett neue Klasse von Raketen.«

Bei jedem Flug stehen neue Prototypen auf dem Starttisch in Süd-Texas am Golf von Mexiko. SpaceX ändert stets gravierende Details, erweitert, vergrößert und verbessert die Konstruktion. Da seien zwangsläufig Probleme mit an Bord. »Aber SpaceX schafft das«, zeigt er sich zuversichtlich.

Europa und seine Raumfahrtzukunft

Während jenseits des Atlantiks SpaceX eine neue Ära der Raumfahrt einläutet, trete Europa auf der Stelle – zumindest bei Raketen.

Die Ariane 6 fliegt nach vielen Verzögerungen, bei Satelliten und anderer kleinerer Hardware sind wir zwar Weltspitze, doch der alte Kontinent hat nichts auch nur im Entfernten, mit dem Starship vergleichbares am Start.

Gereifte Start-Ups wie die Rocket Factory Augsburg mit ihrer RFA One oder Isar Aerospace mit der Spectrum sind Zwerge – wenn auch technologisch beachtenswerte. »Aber Elon Musk liest wahrscheinlich nichtmal eine Pressemitteilung dieser Firmen«, meint Tajmar. Wo sie stehen, befand sich SpaceX vor mehr als zehn Jahren – mit deutlich besseren Zukunftsaussichten.

Denn schon damals zeichneten sich gigantische Auftragsvolumina ab. Spätestens mit einem speziellen NASA-Vertrag konnte sich der Musk-Konzern einer finanziell abgesicherten Zukunft sicher sein. Heute ist die Lage eindeutig: Niemand sonst erhält in Zukunft so viel Geld für Transporte in den Orbit wie SpaceX (via Arstechnica). Alte Giganten wie die United Launch Alliance (ULA) treten gezwungenermaßen in die zweite Reihe.

Doch zuvor hatte Elon Musk bereits eigenes Geld investiert. Obwohl die finanziellen Mittel der US-Regierung mittel- bis langfristig unverzichtbar für Unternehmen wie SpaceX oder Jeff Bezos' Blue Origin ist, sorgte zu Beginn purer Eigennutz in einem kapitalistischen System für die Initialzündung.

»Und was machen reiche Leute in Europa mit ihrem Geld?«, fragt Tajmar. Wir haben zwar kein SpaceX, Blue Origin oder Vergleichbares, doch an Milliardären mangelt es uns nicht, wie etwa die Zahlen von Forbes zeigen. Fast 700 von ihnen besitzen europäische Pässe.

Für Musk und Bezos sind ihre Raumfahrtunternehmen auch erfüllte Kindheitsträume. Beide eint ein naturwissenschaftlicher Hintergrund und beide bauen Unternehmen in mehreren Branchen auf. Das Ziel ist klar: Marktdominanz, unermesslicher Reichtum, Einfluss in die Weltpolitik. Und jenseits davon eine dominante Stellung in der Raumfahrt.

Wir brauchen unsere eigenen Weltraum-Milliardäre. Weshalb tritt keiner von ihnen vor und macht es sich zum Ziel, das europäische SpaceX zu schaffen?

Professor Dr. Martin Tajmar, Institutsdirektor für Luft- und Raumfahrttechnik an der TU Dresden

Und Europa? Wir laufen mit, aber es ist eher ein Marathon auf Krücken umgeben von Profisportlern. Das müsse laut Tajmar aber nicht so bleiben: »Weder was das Privatkapital angeht, noch bei notwendigem Personal, hinkt Europa Amerika hinterher. Beiderlei haben auch wir«, betont der Raumfahrtexperte.

Nur das Ausmaß an Bereitschaft der Staaten, Geld für die Raumfahrt auszugeben, stellt eher ein Hindernis als eine Förderung dar. Doch stehen wir hier auch vor einem Henne-Ei-Problem: Was braucht es zuerst? Private Investitionen, die Weltkonzerne schaffen, oder Staatsausgaben, die frühzeitig für Sicherheit bei Aufträgen sorgen? Die USA haben beides; bei uns in Europa mangelt es an beidem – woran mehr, darüber kann gestritten werden.

Europa müsse jedenfalls dringend Bürokratie abbauen, Hürden senken und unternehmerischen Mut in Risikobranchen belohnen, denn letztendlich brauche es auch große Privatinvestitionen.

»Wenn wir wollen, können wir SpaceX übertreffen. Europa hat das Wissen, die Menschen, die Infrastruktur und eben auch das Finanzielle.«

Noch könne Europa aufschließen – und daran führe auch kein Weg vorbei: »Der drohende Schaden, wenn wir die nächsten zehn Jahre so weitermachen, wie seit den frühen 2000ern, ist kaum auszumalen.« Denn auch Indien, Südkorea, China oder sogar Afrika warten nicht ab; sie alle streben in den Weltraum.