Eines der gewaltigsten Bauvorhaben aller Zeiten sollte ein ganzes Meer absenken – und kam nicht aus China oder Saudi-Arabien

Atlantropa sollte das Mittelmeer mit riesigen Dämmen absenken, Europa mit Strom versorgen und gleich zwei Kontinente neu ordnen.

Allein der Gibraltar-Staudamm für sich wäre schon monumental gewesen – hier künstlerisch dargestellt. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf) Allein der Gibraltar-Staudamm für sich wäre schon monumental gewesen – hier künstlerisch dargestellt. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; Prompt: Alexander Köpf)

Es gibt Bauprojekte, bei denen man nicht weiß, ob man zuerst den Kopf schütteln oder stumm staunen soll. Die kühnsten Visionen der Gegenwart verorten wir meist in den Wüsten Saudi-Arabiens oder in den Megastädten Chinas.

Doch das wohl ambitionierteste Infrastrukturprojekt der Moderne stammt aus dem Europa der Zwischenkriegszeit. Es trug den Namen Atlantropa – und sein Kern war nichts Geringeres als der Versuch, das Mittelmeer vom Reißbrett aus neu zu entwerfen.

Vorgeschlagen wurde die Idee 1928 vom Münchner Architekten Herman Sörgel. Im Zentrum seines Plans stand ein gigantischer Damm in der Straße von Gibraltar, der das Mittelmeer weitgehend vom Atlantik abgeschnitten hätte.

So hätte Atlantropa einmal aussehen sollen. Die grünen Flächen stellen neu gewonnenes Land dar. (Bildquelle: Atlantropa-Ausstellung, Wien 1932) So hätte Atlantropa einmal aussehen sollen. Die grünen Flächen stellen neu gewonnenes Land dar. (Bildquelle: Atlantropa-Ausstellung, Wien 1932)

Der Gedanke dahinter war so simpel wie gewaltig. Weil im Mittelmeerraum mehr Wasser verdunstet, als durch Flüsse nachfließt, sollte der Meeresspiegel über Jahrzehnte langsam sinken.

Sörgel rechnete mit einer Absenkung um rund 100 Meter im westlichen und bis zu 200 Meter im östlichen Mittelmeer. Das klingt angesichts einer durchschnittlichen Meerestiefe von rund 1.700 Metern zunächst gar nicht so dramatisch. Tatsächlich aber hätte es nicht bloß ein neues Küstenprofil bedeutet, sondern im Grunde eine neue Weltkarte.

Mythologie aus Beton

Der Gibraltar-Damm war dabei das eigentliche Monument. In Sörgels Entwürfen tauchen Größenordnungen von etwa 30 Kilometern Länge, bis zu drei Kilometern Fundamentbreite und an der Dammkrone rund 800 Metern Höhe auf – je nach Quelle variieren die Angaben.

Geplant war nicht nur eine Sperre, sondern ein Großkomplex mit unterirdischen Kraftwerken, Schleusen und einem mehr als 400 Meter hohen Turm an der Atlantikseite.

Auch die Energieversprechen fielen entsprechend aus: Der Zufluss aus dem Ozean sollte Strom in bis dahin kaum vorstellbarer Größenordnung liefern, in manchen Darstellungen ist von mindestens 50 Gigawatt die Rede. Für den Bau kalkulierte Sörgel mit etwa zehn Jahren und mit vier Schichten zu je 200.000 Arbeitern.

Mehr als nur ein Damm

Doch Atlantropa war nie nur als ein einzelner Damm gedacht. Zwischen Sizilien und Tunesien sollte eine zweite Sperre entstehen, an den Dardanellen eine weitere.

Gerade hier wird die Quellenlage deutlich unschärfer. Vieles, was zu Länge, Höhe oder genauer Ausführung kursiert, bewegt sich eher im Bereich von späterer Rekonstruktion als belastbar durchgerechneten Projektdaten. Klar ist aber: Ohne diese zusätzlichen Riegel wäre Sörgels Plan in seiner angedachten Form kaum denkbar gewesen. Erst sie sollten das westliche, das östliche Mittelmeer und den Zufluss aus dem Schwarzen Meer technisch voneinander entkoppeln.

Nach Sörgels Vorstellung hätte das gesamte Projekt ungefähr ein Jahrhundert gebraucht, bis sich das Mittelmeer tatsächlich um 100 beziehungsweise 200 Meter abgesenkt hätte.

Danach wäre die Region kaum wiederzuerkennen gewesen. Häfen hätten verlegt, Küstenlinien neu gezogen und ehemalige Inseln durch Straßen angebunden werden müssen. Sörgel träumte von neuen Agrarflächen, von Verkehrsachsen bis nach Afrika und von einem Zeitalter des Friedens durch Technik.

Technik als Heilsversprechen

Gerade darin zeigt sich, was für ein Projekt Atlantropa eigentlich war. Technik erscheint hier nicht bloß als Werkzeug, sondern als Heilsversprechen. Die gigantische Baustelle sollte Europa einen, Arbeitslosigkeit beseitigen und den Kontinent geopolitisch stärken.

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Der Größenwahn lag also nicht nur in der Länge der Dämme, in der Menge des Betons oder in der Zahl der Arbeiter, die daran hätten mitwirken müssen. Er lag in der Vorstellung, man könne ein ganzes Meer absenken, wie den Wasserstand in einem vollen Becken – und damit zugleich Klima, Wirtschaft, Siedlungsraum und Politik neu ordnen.

Eine koloniale Utopie

Wie drastisch die Folgen tatsächlich gewesen wären, lässt sich selbst heute nur grob abschätzen. Sicher ist aber, dass sie weit über das Mittelmeer hinausgereicht hätten.

Man hätte nicht nur Küsten verändert, sondern auch in Verdunstung, Luftfeuchtigkeit, Niederschläge und Windsysteme eingegriffen. Selbst der Meeresspiegel der Ozeane wäre um etwa einen Meter gestiegen. Hinzu kämen die Folgen für Schifffahrt und Welthandel, vor allem mit Blick auf die Verbindung zum Suezkanal.

Und auch politisch war Atlantropa nie nur ein europäisches Bauprojekt. Sörgel dachte Europa und Afrika als zusammenhängenden Großraum.

Afrika erscheint in dieser Vision jedoch nicht als eigenständiger politischer Raum, sondern vor allem als Ergänzungsfläche für ein kriselndes Europa: als Landreserve, Rohstofflager und Raum für die Zukunft. Die Utopie war damit nie nur technisch, sondern immer auch kolonial.

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Ein Monument seiner Zeit

Dass Atlantropa nie gebaut wurde, lag letztlich an fast allem: an den technischen Risiken, den unabsehbaren ökologischen Folgen, den politischen Konflikten und nicht zuletzt daran, dass nach 1945 genau jene Welt verschwand, für die das Projekt überhaupt gedacht war.

Europa lag in Trümmern, Kolonialreiche begannen zu zerfallen, und mit neuer Energiepolitik und neuer Weltordnung wirkte Sörgels Jahrhundertprojekt plötzlich wie das Monument einer Denkweise, die bereits im Verschwinden begriffen war.

Geblieben ist Atlantropa deshalb vor allem als faszinierendes Dokument seiner Zeit. Als Zeugnis eines Europas, das glaubte, selbst Küstenlinien seien am Ende nur eine Frage des Willens.

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