Attentat 1942 - Entwickler wollen es unzensiert mit Hakenkreuzen veröffentlichen

Das Serious Game Attentat 1942 wurde in Berlin als »Most Amazing Game« ausgezeichnet, die Entwickler streben nun trotz Hakenkreuzen einen Release in Deutschland an.

von Christian Just,
09.05.2018 13:00 Uhr

Attentat 1942 erzählt die Geschichte der Nazi-Besatzung aus Sicht der tschechischen Bevölkerung.Attentat 1942 erzählt die Geschichte der Nazi-Besatzung aus Sicht der tschechischen Bevölkerung.

Das Adventure Attentat 1942 wurde beim Indie-Festival A MAZE Awards in Berlin als »Most Amazing Game« ausgezeichnet. Das ist insofern etwas Besonderes, da das Serious Game wegen seiner Hakenkreuz-Darstellungen in Deutschland derzeit gar nicht verkauft wird. Eine IP-Blockade im Steam-Shop verhindert, dass deutsche Nutzer Attentat 1942 finden können.

Attentat 1942 ist ein Adventure, das im Rahmen eines Bildungsprogramms namens »Tschechoslowakei 38-89« entwickelt wurde und Spielern die Geschichte der Nazi-Besatzung unserer osteuropäischen Nachbarn aus Sicht der Betroffenen näher bringen will. Es erzählt Geschichten in Comic-Bildern und setzt außerdem historische Fotos ein, um dem Spieler das Geschehen näher zu bringen.

Dabei werden Nazi-Symbole wie Hakenkreuze abgebildet - Grund genug, das Spiel hierzulande nicht auf den Markt zu bringen. Seit einem Urteil zu Wolfenstein 3D anno 1998 sind verfassungsfeindliche Symbole in Computerspielen für Entwickler und Publisher zu einem roten Tuch geworden. Und das juristisch eigentlich zu Unrecht, wie unser Interview mit einem Anwalt aufzeigt.

Plus-Report: Hakenkreuze in Spielen - Das Kreuz mit dem Haken

Kommt es vielleicht doch noch?

Die tschechischen Entwickler der Karls-Universität in Prag haben nach der Preisverleihung verlauten lassen, dass eine Deutschland-Veröffentlichung grundsätzlich noch nicht vom Tisch sei. Nach Gesprächen mit Veranstaltern und Anwälten auf dem »A MAZE Festival« wolle man in Zukunft an Möglichkeiten arbeiten, das Spiel hierzulande auf den Markt zu bringen. Wir haben bei den Entwicklern nachgehakt, wie sie das genau anstellen wollen.

"Es wird nicht einfach, aber wir sind entschlossen, Attentat 1942 auf die eine oder andere Weise in Deutschland zu veröffentlichen. Wir werden das Spiel inhaltlich nicht verändern oder zensieren, um ein USK-Rating zu bekommen. Entweder werden wir es in seiner Original-Form in Deutschland veröffentlichen, oder gar nicht. Uns ist die komplizierte Rechtslage in Deutschland bewusst und wir arbeiten an einer Lösung."

Durch die 1994er Beschlagnahmung von Wolfenstein sowie ein unter Juristen umstrittenes Gerichtsurteil von 1998 scheuen sich Entwickler und Publisher davor, Spiele hierzulande mit entsprechenden Symbolen zu veröffentlichen und damit eine mögliche Indizierung und Beschlagnahmung ihres Spiels zu riskieren.

Das sagt der Anwalt zu Attentat 1942

Wir haben mit Rechtsanwalt Kai Bodensiek gesprochen und uns über die Möglichkeiten der Entwickler erkundigt, einen Vorstoß für Hakenkreuze in Videospielen zu wagen.

Durch seinen Lernspiel-Charakter könnte Attentat 1942 nach Einschätzung des Branchen-Juristen tatsächlich einen neuen Präzedenzfall schaffen. Für Spiele gilt nämlich grundsätzlich keine andere Rechtsgrundlage als für Filme und Bücher, was verfassungsfeindliche Symbole angeht. Das Wolfenstein-Urteil von 1998 hält er, und mit ihm viele andere Juristen, für einen Rechtsfehler.

Grundsätzlich seien laut Paragraf 86a StGB die Darstellungen verfassungsfeindlicher Symbole gestattet, wenn es dem Zweck der Kunst, Bildung oder Wissenschaft dient. Auch reine Unterhaltungssendungen fallen laut Bundesverfassungsgericht unter diese Klausel, da sie als Kunst ausgelegt werden, so Bodensiek.

In diesem Fall hat die Staatsanwaltschaft die Kunstklausel gelten lassen: Das Satire-Spiel Bundesfighter 2 Turbo darf Hakenkreuz enthalten

Die Entwickler von Attentat 1942 müssten sich demnach nur auf geltendes Recht berufen und im Zweifel eine Gerichtsverhandlung in Kauf nehmen. Dadurch könnte ein neuer Präzedenzfall geschaffen werden, der das Gesetz zugunsten von Computerspielen als Kunstprodukte auslegt. Doch auch bevor es so weit kommt, zeigt sich Bodensiek vorsichtig optimistisch, was die Bewertung von Spielen mit den fraglichen Inhalten betrifft:

"Ich will nicht ausschließen, dass die Obersten Landesjugendschutzbehörden die Entscheidung vielleicht doch mal zum Anlass nehmen, die Praxis zu überdenken. Bisher hat man aber auf einem neuen Urteil bestanden."

Wer mehr zur komplizierten rechtlichen Lage wissen möchte, klickt auf den Link unterhalb zu unserem Special »25 Jahre Wolfenstein 3D und Hakenkreuz-Problematik«. Dort besprechen wir die Problematik noch ausführlicher.

Attentat 1942 wurde im Oktober 2017 veröffentlicht, kostet bei den nicht-deutschen Nachbarn in der EU 10,99 Euro und steht aktuell bei 90 Prozent positiven Steam-Reviews.

25 Jahre Wolfenstein 3D: Der Shooter-Vater, der zur Hakenkreuz-Problematik führte


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