»Dann geh halt nicht ins Kino«, tönt der 17-Jährige neben mir, nachdem Kollegin AK ihn ermahnt hat, weil er während des Films unablässig mit seinem Kumpel rumlabert und seinen halben Popcorn-Eimer neben sich ausleert. AK reibt sich die Nasenwurzel: »Die verwandeln mich in meine eigene Mutter, Dimi.«
Es ist ein typischer Kinobesuch 2026. Vor mir Links filmt eine junge Frau den halben Film mit dem Smartphone mit, in meiner Reihe rechts kommt ein Vater in meinem Alter zehn Minuten zu spät, checkt trotzdem erstmal mit der Geduld einer britischen Königswache alle seine Mails und WhatsApp-Nachrichten, bevor er das Handy wegpackt. Sobald der Film mal einen ruhigen Moment einschiebt, gehen überall im Saal die Bildschirme an.
Aber zumindest der freche Dreikäsehoch neben AK und mir kriegt sein Fett weg. Sein Kumpel und er halten es natürlich nicht aus, bis zum Abspann in ihrem Popcorn-Krater sitzenzubleiben – und damit verpassen sie die paar neuen Szenen, die Avengers Endgame: Encore bietet.
Avengers Endgame: Encore, ein genialer Marketing-Streich von Disney. Der erfolgreichste Marvelfilm aller Zeiten kehrt für kurze Zeit ins Kino zurück, drumherum gibt's natürlich allerlei Werbekrams, beispielsweise den 50 Euro (!) teuren Popcorn-Becher im Handschuh-Design. Das Projekt hat jetzt schon über 86 Millionen US-Dollar eingespielt. Der größte Lockvogel sind aber die bis zu vier neuen Szenen, die den Film um rund 3 bis 4 Minuten verlängern.
Und dass ich »bis zu« schreiben muss, birgt gleich die erste Enttäuschung.
Encore ist eine Mogelpackung
99 Prozent von Avengers Encore sind identisch mit dem klassischen Endgame von 2019. Die bis zu vier neuen Szenen finden ausschließlich nach dem Abspann statt, wir reden von erweiterten Post Credit Scenes, die auf den bald erscheinenden Avengers: Doomsday hinleiten.
Um alle vier zu sehen, müsst ihr Endgame allerdings im IMAX oder in ausgewählten Infinity-Vision-Sälen anschauen. Wer wie ich bloß ein popeliges normales Kinoticket löst, bekommt nur drei Szenen. Dahinter steckt reine Geldmacherei, keine der Szenen ist besonders imposant oder rechtfertigt eine Exklusivität im IMAX-Format. Aus Spoiler-Gründen packe ich sie euch ins Akkordeon, klickt auf das +, um sie aufzuklappen.
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Avengers: Endgame kehrt mit neuen Szenen in die Kinos zurück – und verdammt, haben wir Gänsehaut!
Szene 1
Der Hulk wird entführt: In einer kurzen Found-Footage-Szene hockt der Hulk nach seinem Ausbruch in Spider-Man: Brand New Day in Sicherheitsverwahrung, als plötzlich Doctor Doom aus dem Off auftaucht und ihn entführt. Zurück bleibt nur ein leuchtes Symbol auf dem Boden, wie nach einem Zauberspruch.
Szene 2
Captain America bekommt Besuch: Wie schon im ursprünglichen Endgame reist Captain America am Ende in die 40er/50er-Jahre zurück, um mit seiner großen Liebe Peggy Carter doch noch das gemeinsame Leben nachzuholen, das ihnen durch die Jahre im Eis verwehrt blieb. In der neuen Szene sehen wir aber, dass Loki plötzlich in der Vergangenheit vor beider Türschwelle steht, um »seine Hilfe anzubieten«.
Szene 3
Doctor Doom schmiedet die Maske: In einer winzigen Szene schmiedet Doctor Doom seine eiserne Maske in klarer Anlehnung an den ursprünglichen Iron-Man-Film. Kein Wunder, schließlich spielt Robert Downey Jr. beide Charaktere, hier deutet sich also eine Story-Verbindung zwischen Doom und Tony Stark an.
Szene 4
EXKLUSIV – Auftritt der Time Variance Authority: In der IMAX-exklusiven Szene taucht die TVA aus der Loki-Serie auf, darunter Mobius (Owen Wilson), Ouroboros (Ke Huy Quan) und Casey (Eugene Cordero), die fassungslos mit ansehen, wie diverse Marvel-Realitäten miteinander kollidieren und ausgelöscht werden. Betroffen ist übrigens auch Erde-10005, auf der die alten X-Men-Filme spielen.
Ihr merkt also: Die Szenen schlagen erste Brücken zu Doomsday und liefern Erklärungsansätze, wie beispielsweise Chris Evans als Captain America zurückkehren kann. Das ist alles nett, keine Frage, alleine dafür lohnt sich der Kinobesuch aber kaum. Bereut habe ich den Kinobesuch trotzdem nicht ... und das liegt halt einfach an Endgame.
Nach wie vor ein Erlebnis
Selbst ohne eine einzige neue Szene hätte es sich gelohnt, sieben Jahre nach dem ursprünglichen Release nochmal in Avengers Endgame zu gehen. Dass ältere Kinofilme in letzter Zeit häufiger ihren Weg zurück ins Kino finden, halte ich für eine großartige Entwicklung – und Endgame bildet hier eben keine Ausnahme, im Gegenteil: Der große Abgesang auf die ursprünglichen Avengers bleibt eines der größten Kinoerlebnisse überhaupt.
Interessanterweise berührt mich der Film aber anders als damals. 2019 wirkte er vor allem als fulminantes Finale der Infinity-Saga, mein Fokus lag auf dem großen Clash zwischen Thanos' Armeen und den Avengers, wenn es am Ende derart scheppert, dass der Kinosaal bebt. Und klar, dieser epische Showdown bleibt das filmische Highlight des Kinobesuchs, auch 2026 liebe ich Endgames Action.
Doch ich fühle deutlich stärker die ruhigen Szenen des Films. Die ersten zwei Drittel, in denen der Film mit seiner Zeitreise nochmal die große Runde dreht, um mir ins Gedächtnis zu rufen, warum ich mich eigentlich ins Marvel Cinematic Universe verliebt habe. Die emotionalen Szenen zwischen Tony und dessen Vater, zwischen Cap und Peggy, zwischen Thor und seiner Mutter. Die vielen Gastauftritte aus den kleineren MCU-Projekten, beispielsweise Jarvis aus Agent Carter. Die große Frage, welche Rolle Heldenmut in Zeiten der Krise bedeutet.
Endgame war damals schon eine letzte große Liebeserklärung an die ersten zehn Jahre des MCUs und als solche wirkt der Film heute intensiver denn je, denn wir wissen alle, wie es nach 2020 weiterging: Superhelden-Müdigkeit, viele enttäuschende Produktionen, gecancelte Projekte und so weiter. Ja, auch im aktuellen MCU finden sich immer wieder kleine Highlights, aber den letzten großen Leuchtturm des Marvel-Universums nochmal auf großer Leinwand zu sehen, beweist nur wieder, wie einzigartig das frühe MCU war. Und ich hoffe, dass Avengers: Doomsday das verinnerlicht.
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