Baldur's Gate 3 ist das beste Rollenspiel, das ich bisher gespielt habe. Das kann ich so knallhart sagen und mit großer Wahrscheinlichkeit wird niemand darüber groß die Nase rümpfen. Es scheint fast schon allgemein anerkannt, dass Baldur's Gate 3 alles hat, was ein Rollenspiel heutzutage ausmachen sollte.
Aber wir sollten dieses Stück Rollenspielgeschichte auch nicht verklären. Denn selbst Baldur's Gate 3 gerät auch nach Patch 8 noch an einigen Stellen ins Wanken. Niemals so sehr, dass es auf die Nase fliegt – aber wer nach Kritikpunkten sucht, der findet sie.
Nach über 200 Stunden im Singleplayer habe ich mich vor einigen Monaten an eine Koop-Runde gewagt, die in den letzten Wochen wieder richtig Fahrt aufnahm und da wurde mir ein mal mehr bewusst: Der Multiplayer von Baldur's Gate 3 enttäuscht.
Enttäuscht natürlich im Kontext dessen, dass BG3 für sich genommen genial ist. Aber ich werde beim Spielen mit Freunden das Gefühl nicht los, dass hier Potenzial auf der Strecke blieb. Geht es euch ähnlich? Dann habe ich ein paar Tipps für euch, die den Multiplayer-Aufprall etwas abfedern.
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Baldur's Gate 3: Animierter Kurzfilm zum finalen Patch zeigt das letzte Abenteuer unserer Helden
Enttäuschung Nr. 1: Begleiter bleiben auf der Strecke
Baldur's Gate 3 lebt abseits seiner zahlreichen rollenspielerischen Möglichkeiten natürlich von den vielschichtigen Charakteren. Allen voran die Begleiter, die mich auf meinem larvenverseuchten Abenteuer treu motiviert gezwungenermaßen begleiten. Es ist wahrhaft ein Fest, wie famos Larian die persönlichen Geschichten von Astarion, Schattenherz, Karlach und Co. in die übergreifende Story einwebt.
Diese Charaktere ecken oft an, sie haben starke Meinungen und wirken im Positiven wie im Negativen unheimlich menschlich. Man kann sich in sie verlieben, sie können mich hassen lernen. Alles wunderbar auf meine Entscheidungen abgestimmt. Aber im Multiplayer gibt es ein Problem: Die Party ist überbesetzt.
Natürlich will jeder seinen eigenen Charakter bauen, entsprechend wird die Gruppe größer. Und schon wenn man nur zu zweit spielt, verbleiben in der aktiven Truppe lediglich zwei Begleiter. Schlimmer noch: Da man in der Regel diese Begleiter auf Spielerinnen und Spieler aufteilt, steht meinem Helden nur noch ein Charakter wirklich zur Seite.
Ja, in den Kämpfen sind alle an Deck und ja, die Begleiter kriegen mit, was der andere Spieler tut – aber in Dialogen geht Baldur's Gate 3 trotzdem davon aus, dass nur direkt verknüpfte Charaktere anwesend sind.
Habe ich etwa Schattenherz dabei und meine Mitspielerin Lae'zel, dann wird Schattenherz niemals in ein Gespräch reingrätschen, das meine Mitspielerin führt und andersherum ebenso wenig. Dadurch schrumpft die Frequenz an potenziellen Begleiter-Interaktionen massiv.
Obendrein wird die Chance, Plus- oder Minuspunkte bei den Gefährten zu sammeln, eingeschränkt, da immer einer mehr im Lager bleibt und immer nur einer von uns eine Entscheidung fällt. Ach ja, und reden könnt ihr mit Charakteren ebenfalls nicht, solange sie zur Gruppe des anderen Spielers gehören.
Das kann man dagegen tun
Die beste Lösung für dieses Problem liefern in meinen Augen Mods. Allen voran das größere Party-Limit. Ich rate wirklich dazu, mit dieser Mod dafür zu sorgen, dass jeder Spieler und jede Spielerin mindestens zwei Begleiter ins Feld führen. Damit kommt man auf eine Gesamtgröße von sechs Helden, womit die Balance in Kämpfen deutlich aus dem Gleichgewicht gerät – am besten schraubt ihr in diesem Fall also die Schwierigkeit so hoch, wie ihr könnt.
Es lohnt sich aber. Mehr Begleiter bedeutet, dass jeder auch öfter in Gesprächen die Chance erhält, eine Begleiter-Interaktion auszulösen. Selbst wenn es nur kurze Einwürfe sind, aber solche Momente verleihen der Gruppe eine Persönlichkeit. Sie sind so wichtig für das ganze Spielgefühl von Baldur's Gate 3, dass ihr im Multiplayer nicht darauf verzichten solltet.
Achtet zudem darauf, zumindest im Lager gelegentlich die Begleiter aus euren Diensten zu entlassen, damit auch eure Freunde eine Chance bekommen, mit ihnen ein paar Worte zu wechseln.
Enttäuschung Nr. 2: Nur einer führt das Gespräch
Ich habe es oben bereits kurz angerissen, will es hier aber noch mal betonen: In Baldur's Gate 3 sind nie zwei Spielerhelden während eines Dialogs gleichberechtigt. Das kann ganz schön nerven. NPCs gehen etwa immer davon aus, dass sie nur mit dem Helden gerade reden, der sie auch angesprochen hat. Eröffnet ein NPC das Gespräch, konzentriert er sich voll auf die erstbeste Person.
Derweil fühle ich mich als nicht angesprochener Held völlig außen vor. Nicht nur das, viele Questabläufe können dadurch recht chaotisch erscheinen. Es kann nämlich gut passieren, dass ein Held eine Quest annimmt und ein anderer sie zu Ende bringt, woraufhin die Dialoge zwischen NPCs und Helden unzusammenhängend erscheinen.
Ich muss in so Momenten immer an The Old Republic denken, wo alle Helden in einem Dialog zum Zug kommen konnten. Ich weiß, dass der Vergleich hinkt, da Baldur's Gate 3 primär auf Singleplayer geeicht wurde, während The Old Republic als MMO das Gegenteil versucht – doch das System war nicht sonderlich komplex und könnte so ähnlich in künftigen Larian-Spielen durchaus funktionieren.
Das kann man dagegen tun
Komplett verhindern lässt sich das nicht. Es gibt keine Möglichkeit, um Dialoge zwischen Helden aufzuteilen. Das Beste, was ihr in diesem Fall machen könnt, ist euch gut abzusprechen und aufmerksam durch die Spielwelt zu wandern.
Am besten funktioniert es, wenn ihr euch Quests oder Bereiche aufteilt und stets einen anderen Charakter zum aktuellen Anführer ernennt, der dann auch die passenden Begleiter dabeihat. Dieser Anführer sollte dann immer vorangehen, sofern alle alles mitbekommen wollen und die Gespräche für diese Quest einleiten. Damit stellt ihr sicher, dass eine Aufgabe kohärent bleibt und nicht plötzlich ein NPC seinen Dank einem Helden ausspricht, mit dem er vorher noch nie geredet hat.
Die Dialoge bleiben weiterhin eine recht private Angelegenheit, aber zumindest wirken die Gespräche in diesem Fall viel natürlicher, wenn nicht ständig der Wortführer wechselt. Das gilt allerdings nicht für alle Gespräche. Manche Dialoge kann jeder Charakter einmal führen – das sind aber meistens eher Randgespräche, in denen es nur um ein paar Informationen geht.
Enttäuschung Nr. 3: Keine Helden-Interaktion
Es ist nur eine Kleinigkeit, die viele weniger eng sehen werden als ich – aber gerade, weil es so unkompliziert erscheint, überrascht mich, dass Larian nichts in dieser Hinsicht nachgeliefert hat. Es geht mir um Interaktions-Möglichkeiten zwischen zwei Spielerfiguren.
Natürlich interagiere ich im besten Fall ohnehin permanent mit meinen Mitspielern. Wir tauschen uns aus, wir freuen uns gemeinsam, wir geben uns Ratschläge. Aber wie cool wäre es, wenn all diese Freude oder Frustration auf unsere Charaktere überschwappen könnte!
Manchmal würde ich meine Mithelden einfach mal gerne in den Arm nehmen, oder mich mit ihnen abklatschen, wenn eine geniale Aktion gelungen ist. Wie früher in Portal 2! Es würden auch schon ein paar simple Emotes ausreichen. Das höchste der Gefühle ist in Baldur's Gate 3 momentan, wenn wir uns auf dieselbe Bank setzen und einen Moment der Zweisamkeit genießen.
Das kann man dagegen tun
Am Ende des Tages geht es bei dem Bedürfnis auch darum, ein besseres Gefühl für den eigenen Charakter bekommen. Wir wollen uns öfter ausdrücken können, damit meine Figur neben Charakterköpfen wie Astarion nicht völlig farblos erscheint und eine Beziehung zu anderen Spielerfiguren überhaupt denkbar wird.
Das klappt meiner Erfahrung nach am besten, wenn man jede Möglichkeit abseits von Dialogen wahrnimmt, um dem eigenen Helden Leben einzuhauchen. Einfach ein paar kleine Macken, die sie im Innersten auszeichnen. Mein Zwerg liebt es zum Beispiel, abends das Essen für das ganze Lager zusammenzustellen und präferiert dabei Haggis über alles andere.
Die Halbelfe meiner Mitspielerin muss an jedem Hebel ziehen und jeden Knopf drücken, den sie findet - und tut das zu meinem Bedauern auch konsequent.
Es sind Kleinigkeiten, aber wer sich auf derartiges festlegt, macht aus seinem Helden mehr als eine leere Spielerhülle, die mit allen redet außer anderen Spielercharakteren.
Es gibt im Übrigen auch eine Mod, mit der tatsächlich einige Emotes ins Spiel kommen – da ich den Multiplayer allerdings auf der Konsole im Splitscreen spiele und die Mod nur für den PC funktioniert, konnte ich sie noch nicht ausprobieren.
Alles in allem bleibt mein Statement vom Anfang bestehen - Baldur's Gate 3 ist das beste Rollenspiel, das ich bisher gespielt habe. Selbst im Multiplayer, wo ich so oft die Zähne zusammenbeißen muss. Aber ich habe ja auch bewusst gesagt, dass ich »bisher gespielt habe« - das lässt natürlich Raum für eine glorreiche Zukunft voller Spiele, die ich noch gar nicht kenne.
Zumindest bin ich einfach mal optimistisch genug zu glauben, dass nach Baldur's Gate 3 noch lange nicht Schluss ist und womöglich kriegt es Larian ja beim nächsten Versuch hin, einen Multiplayer zu erschaffen, dem selbst ich nichts mehr ankreiden kann.

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