Ich liebe Open-World-Spiele seit ich zum ersten Mal durch Assassin's Creed und Co. gehuscht, gesprungen und geklettert bin. Die Idee eine virtuelle Welt voller Geheimnisse und Gefahren in meinem eigenen Rhythmus zu erkunden, hat mich schon immer begeistert und fasziniert.
Allerdings stellt sich langsam eine gewisse Routine ein - gerade im Triple-A-Bereich. Die Welten werden optisch immer beeindruckender, aber nicht unbedingt kreativer. Komfort, Geschichten, Aufgaben - alles folgt einem gewissen Standard und wiederholt sich gerne.
Zumindest bei den ganz großen. Denn gerade auf Steam tummeln sich viele unscheinbare, winzige Open-World-Spiele, die klammheimlich ein kleines Paradies erschaffen. So auch Blacktail, das mit viel Witz und Charme eine Open-World-Magie zurückbringt, die ich so zuletzt vielleicht in einem Skyrim erlebt habe.
Und weil es aktuell auf Steam auch noch um 70 Prozent reduziert ist (bis zum 24. Januar), nutze ich die Chance, euch in meinen Rucksack zu packen und mit auf die ungewöhnliche Reise zu nehmen.
Ich bin eine böse Hexe ... oder?
Blacktail ist paradox. Denn eigentlich ist die Open World auf den ersten Blick überhaupt nicht besonders. Sie sieht aber für ein kleines Spiel sehr schick aus: Gleißendes Licht streicht sanft durch dicht mit Blättern gesäumte Zweige und spiegelt sich in von Seerosen überwucherten Bächen.
Ich wandere an Blumen vorbei durch sattgrünes Gras, bestaune funkelnde Edelsteine in dunklen Höhlen oder schleiche vorsichtig durch einen nebligen Sumpf, aus dem eine morsche Hexenhütte wie ein kruder, schiefer Baum hervorwächst.
Als junges Mädchen namens Yaga, das ihre verlorene Schwester sucht, erkunde ich den Wald und verteidige mich mit Pfeil und Bogen. Und wer sich mit slawischer Mythologie auskennt, weiß schon, dass es hier bereits spannend wird: Ich bin nämlich Baba Yaga höchstpersönlich, eine böse
Hexe, die angeblich Kinder verschlingt, oder aber als gütige Kräuterfrau auftritt. Der Charakter ist genauso ambivalent wie alles andere, das mir wenig später in der Welt von Blacktail begegnet.
Und hier wird es dann plötzlich magisch. Statt nur auf hübsche Landschaften zu setzen, kitzeln die Entwickler unglaublich viel aus ihrer Welt raus. Sie ist vollgepackt mit Überraschungen, mysteriösen Begegnungen und zweifelhaften Funden.
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In der märchenhaften Welt von Blacktail spielt ihr die junge Hexe Baba Yaga
Einmal schieße ich auf eine pulsierende, Schleim suppende Pflanze, was Yaga prompt mit einem traurigen Kommentar quittert: Ich hätte ihn auch retten können
. Im Inneren war ein Vogel gefangen, den ich mit bedachterem Vorgehen hätte retten können.
An anderer Stelle entdecke ich einen Bienenstock im Baum. Du kannst ihn abschießen!
, flüstert eine mysteriöse Stimme in meinem Ohr. Doch diesmal sehe ich mich gründlich um und finde eine Vase, in die ich eine Blume stecke. Die Bienen umsurren mich dankbar und hinterlassen etwas Honig, mit dem ich später meine Pfeile verbessern kann.
An anderer Stelle bemerke ich ein kleines, dunkles Wesen mit glühenden Augen, das auf einem Ast hockt und mich beobachtet. Ich zögere, aber hole es dann doch mit einem Pfeil runter, was mir einen Hinweis für die nächste Quest beschert - und einen ungehaltenen Kommentar, dass jemand (oder etwas) meine Handlungen nicht gutheißt.
Die Welt von Blacktail stellt mir ständig spannende Fragen und will mich permanent in die Irre führen, bis ich selbst nicht mehr weiß, was nun eigentlich richtig und was falsch ist.
Disney trifft Dark Fantasy
Das Moralsystem wirkt simpel - je nachdem, ob ich Gutes oder Böses tue, stehen mir andere Kräfte, Tränke oder Optionen offen. Allerdings ist auch nie etwas so, wie es auf den ersten Blick scheint. Pilzgeschöpfe wollen beispielsweise, dass ich einen Drachen für sie erlege. Nur dann helfen sie mir, die Brücke zu reparieren, die mich näher an meine verschwundene Schwester bringt.
Die schrägen Gesellen lachen und schäkern mit mir, aber irgendwas fühlt sich falsch an und es läuft mir eiskalt den Rücken runter. Ein anderer Pilz lässt diese Saat des Zweifels noch weiter aufkeimen. Es gibt gar keinen Drachen, er ist nur eine Idee. Das Böse ist etwas ganz anderes. Soll ich den Pilzen eine Falle stellen? Beeinflusst das meine Moral negativ? Manipuliert mich die Geschichte so, dass ich am Ende wirklich zu Baba Yaga werde?
Die meisten Spiele legen großen Wert darauf, dass sie für mich klar lesbar sind. Ich soll verstehen, wozu eine gewisse Handlung führt oder wie ein Charakter meine Reaktion aufnimmt. Alles ist unter meiner Kontrolle.
Blacktail fühlt sich nicht so an. Im Gegenteil: Je mehr ich spiele, desto weniger verstehe ich und desto mehr werde ich zum Spielball anderer, die scheinbar wissen, wer ich bin - oder mich zu jemandem machen wollen, der ich nicht bin.
Dadurch gehe ich ganz anders durch die Spielwelt. Ich bin auf einmal skeptisch, kritischer, aber auch unglaublich neugierig, weil ich eben gar nicht weiß, was mich erwartet. Wie ein Kind möchte ich alles ausprobieren und lasse mich von meiner Fantasie leiten.
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Mit Pfeil und Bogen auf Geisterjagd: Blacktail präsentiert im neuen Trailer Story und Game
Open-World-Spaß mit kleinen Hindernissen
Blacktail spielt sich sehr minimalistisch: Ich schieße mit dem Bogen, crafte Spezialpfeile, setze Zauber ein. Mit der Zeit kommen neue Fähigkeiten dazu, wie ein Besen, der meine Gegner von mir ablenkt und zurückwirft, damit ich mich zwischendurch heilen kann.
Feinde lassen sich geschmeidig mit gezielten Schüssen ausschalten, der direkte Kampf mit vielen Gegnern gestaltet sich aber deutlich weniger elegant und flüssig. Solche Situationen und vor allem Bosskämpfe sind aber vergleichsweise rar im Spiel - Hauptfokus bleibt das Erkunden der besonderen Fantasy-Welt.
Die (englische) Vertonung und das Sounddesign schaffen dabei eine dichte, teils sogar bedrohliche Atmosphäre, die die Story noch mitreißender gestaltet - und das, obwohl sie sich nur gemächlich entwickelt und das Questdesign auch eher spartanisch daherkommt.
Wollt ihr ein Hochglanz-Open-World-Spiel voller Komfort und polierter Mechaniken, werdet ihr hier nicht glücklich. Story-Fans und Entdecker erhalten für nur neun Euro aber eine kleine Perle. Der reguläre Preis von rund 30 ist etwas happig für die 10 bis 15 Stunden Spielzeit, aber der nächste Steam Sale kommt ja bestimmt.
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