Über die Hälfte des Jahres 2025 ist schon wieder rum und immer wieder bekomme ich mit, wie über die Kracher des ersten Halbjahres geschwärmt wird. Es war nämlich durchaus ein bislang sehr gutes Spielejahr.
Da wird Kingdom Come: Deliverance 2 gerne erwähnt, ich nicke wissend. Als Nächstes folgt meistens ein Loblied auf Clair Obscur - wieder kann ich nur wissend nicken. Dann schwärmen Kritiker und Fans auch immer wieder von Avowed - das ich zwar noch nicht ganz durch hab, aber trotzdem unter Vorbehalt wird wissend genickt.
Und dann heißt es oft: Blue Prince. An diesem Punkt ist mein stetig wippender Kopf ins Stocken geraten? Blue Prince? Ist das wirklich ein Spiel, das man im selben Atemzug wie mit Meisterwerken der Marke Clair Obscur und Kingdom Come 2 nennen sollte? Eines der besten Spiele des ganzen Jahres? Ein Rätselspiel?
Interessant! Also habe ich es ausprobiert und bin direkt in die Mottenfalle getappt – denn ich klebe verzweifelt an Blue Prince und komm einfach nicht weg.
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Das Abenteuer Blue Prince gehört schon jetzt zu den bestbewerteten Spielen des Jahres
Der Lockduft: Das verspricht mir Blue Prince
Lange konnte ich mir unter Blue Prince sehr wenig vorstellen. Irgendwas mit Räumen? Irgendwas mit Rätseln? Es soll auf jeden Fall gut sein. Ok, ich mag Rätselspiele und Blue Prince ist ein cooler Name. Dass es sich um ein homofones Wortspiel handelt – Blue Prince klingt wie Blueprints, also Blaupausen – ist mir da noch gar nicht aufgefallen. Der Titel umschreibt das Spiel aus Story-, Gameplay- und inhaltlicher Sicht aber perfekt.
Die erzählerische Ausgangslage hat mich ebenfalls sofort gehooked. Man erbt als 14-jähriger Junge ohne große Persönlichkeit das Vermögen samt pompösen Anwesen eines verschrobenen Großonkels. Wer wünscht sich so etwas nicht? Also das mit der Erbschaft, nicht ein 14-jähriger Junge ohne Persönlichkeit zu sein, das habe ich hinter mir.
Der Haken: Damit ich dieses Erbe auch wirklich antreten darf, muss ich eine Herausforderung meistern. Sie klingt auf dem Papier simpel, aber ist alles andere als leicht. Ich muss den sechsundvierzigsten Raum im Anwesen finden. Ich weiß nur, dass er sich ganz im Norden befindet und an einen Raum namens Antechamber angrenzt – zu Deutsch Vorzimmer. Doch was zwischen der Eingangshalle und diesem Vorraum liegt, ist ein großes Mysterium.
Der Klebstoff: So fesselt mich Blue Prince
Jedes Mal, wenn ich eine Tür öffne, muss ich mich für einen von drei Räumen entscheiden. Mal wähle ich so ein Schlafzimmer, mal eine Küche, mal ein Studierzimmer oder auch ein kuschliges Eckzimmer. Jeder Raum, hat andere Vorteile, einige sogar Nachteile. Etwa sind Sackgassen ohne weitere Türen immer ein Risiko. Womöglich verbaue ich mir damit das vorankommen und muss dann ganz von vorne anfangen.
Oder ich baue zu viele Räume, die mir keine Ressourcen bringen. Schlüssel, Edelsteine und Goldmünzen werden wichtiger, je weiter ich ins Anwesen vordringe. Schlafzimmer und Nahrung brauche ich, um meinen begrenzten Schrittzähler aufzufüllen, denn pro Raum geht einer von anfänglich 50 Schrittpunkten verloren. Sind alle weg – muss ich wieder von vorn anfangen.
Ich muss in Blue Prince ziemlich oft von vorn anfangen und normalerweise sorgt das bei mir für Verdruss und Ermüdung. Aber Blue Prince erstickt diese negativen Gefühle mit einem Mysterium nach dem anderen. Ich komme einfach nicht von den Fragen los, die stetig in meinem Kopf herum tanzen.
- Welche Zimmer habe ich alles noch gar nicht gesehen?
- Wie öffne ich überhaupt die Türen der Antechamber?
- Wozu ist dieser Schlüssel hier gut?
- Sollte ich vielleicht einfach mal nur Hausflure draften?
- Was passiert, wenn ich diese Knöpfe drücke?
- Moment, ist das jetzt Zufall oder hat das System?
- Wo zum Henker sind die anderen Blätter?
- Was soll mir diese verschrobene, rote Notiz denn jetzt sagen?
- Oh mein Gott ... das ging schon die ganze Zeit?!
- Ist das nur ein Detail oder ein Rätsel?
- Habe ich das jetzt für immer?
- Waaaaaas? Wie? Wann? Wo? Warum?
- Aaaaaah?
Und. Es. Werden. Immer. Mehr. Jedes Mal, wenn ich glaube, eine Antwort gefunden zu haben, tun sich zwei neue Fragen auf. Das lässt mich nicht mehr schlafen, geschweige denn aufhören ... und der allergrößte Witz an der Sache:
Die folgenden Absätze enthalten einen kleinen Spoiler
Spoiler anzeigen
Raum 46 habe ich schon vor 30 Stunden geöffnet.
Der Strudel: Blue Prince verschluckt mich wie ein schwarzes Rätselloch und ich werde wohl nie wieder meine Familie sehen. Schade.
Richtig gelesen. Ich habe Blue Prince eigentlich schon längst durchgespielt. Zumindest will mir das Blue Prince weiß machen. Ich habe schon den Abspann gesehen, ich habe getan, was das Spiel von mir wollte. Ich dachte, danach geht es nur noch um Trophäen und um ein paar letzte Fragen. Aber Fehlanzeige.
Nach Raum 46 geht es mit der eigentlichen Story von Blue Prince erst so richtig los und nicht nur das, der Rätselwahnsinn entfaltet sich dann erst wirklich. Jedes Mal, wenn ich gerade denke, dass ich alles gesehen habe, öffnet sich eine neue Tür. Jedes Mal, wenn ich mich für schlau halte, wartet die nächste absurd komplexe Kopfnuss auf mich.
Es ist absolut wahnwitzig, wie viele unfassbar clevere Rätsel das Entwickler-Team in dieses Spiel gebaut hat. Und ja, einige sind tatsächlich derart knackig, dass ein Blick in ein Wiki keine Schande bedeutet – zumindest wenn man das Gefühl hat, andernfalls komplett zu versacken.
Aber vor allem weiß ich selbst jetzt noch nicht, wo und wann das alles enden soll. Ich bin gefangen und irre noch immer durch diese Villa in der Hoffnung, irgendwann jedes Rätsel zu verstehen. Ich habe vorsichtshalber Weihnachten bei der Familie mal abgesagt.
Kein Spiel für jeden
Blue Prince hat es in meinen Augen durchaus verdient, sich neben Kingdom Come 2, Clair Obscur oder Avowed einzureihen. Es ist eines der besten Spiele des ganzen Jahres – aber von den anderen Spielen unterscheidet es sich trotzdem. Denn auch wenn natürlich kein Spiel jedem gefällt, ist Blue Prince ein bewusst komplizierterer Fall.
Das hier ist kein Test, sondern meine persönliche Meinung und der ganz subjektive Fabiano sagt euch: was für ein grandioses Spielerlebnis! Ich liebe es, dass sich Blue Prince wie der schleichende Weg in den Wahnsinn anfühlt. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich scheinbar sinnlose Sätze vor mich hin brabbel und Sachen sage wie: »Kleine Tore? Kleine Tore?« - wundervoll.
Aber ob ihr diese Reise auch antreten wollt und dann genau so viel Spaß haben werdet, ist sehr schwer vorherzusehen. Ich habe bewusst bislang den Begriff Roguelike vermieden. Denn diese Genrebezeichnung hätte mich von Blue Prince ferngehalten. Aber als jemand, der meistens keine Roguelikes mag, bin ich in diesem Fall trotzdem komplett begeistert.
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Vergesst AAA! Dieser Indie-Hit fesselt länger: Blue Prince | mit Esther von GameTwo
Es ist nur nicht abzustreiten, dass Kritikpunkte an Roguelikes auch hier zutreffen. Ihr werdet irgendwann oft dieselben Räume durchwandern, dieselben Wege gehen, denselben Routinen folgen. Und das kann sicherlich ermüden. Wenn euch Mysterien, Geheimnisse, offene Fragen und neue Beobachtungen nicht ausreichend motivieren, müsst ihr die Finger von Blue Prince lassen.
Außerdem gibt es das Spiel nur auf Englisch, und viele Rätsel sind tatsächlich nicht ganz unkomplizierte Wortspiele. Ich kann gut Englisch und bin trotzdem häufig überfordert. Wer sich mit Englisch noch schwerer tut, wird höchstwahrscheinlich frustriert.
Das nur als kleines Wort der Warnung. Für viel mehr habe ich keine Zeit, denn ich habe gestern erst herausgefunden, was es mit der Sonnenuhr im Garten auf sich hat. Entschuldigt mich also für die schätzungsweise nächsten 20 bis 100 Stunden.
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