Update am 14. März 2026: Wir haben weitere Details ergänzt, die durch ein neues Interview bekannt geworden sind.
Ein nur rund 14-tägiger Testflug entpuppt sich als ein neunmonatiger Aufenthalt im All. Ob Traum oder Albtraum hängt sicher vom Einzelnen ab – doch der Grund rüttelt noch eineinhalb Jahre nach Start an den Grundfesten der NASA. Denn es hätte alles viel schlimmer kommen können.
NASA-Chef Jared Isaacman geht jetzt mit einem Bericht in Händen an die Öffentlichkeit, der über den ersten bemannten Flug des »Boeing CST-100 Starliner« einen dunklen Schatten wirft: Er steht jetzt formal in einer Riege mit den größten Unglücken der Geschichte der US-Raumfahrtbehörde.
Zwischenfälle Typ A
bei der NASA definieren sich durch …
- Todesfälle oder permanenter vollständiger Erwerbsunfähigkeit von Personen
- Zerstörung eines bemannten Flugzeugs oder Raumschiffs
- unerwartetem Kontrollverlust bei bemannten Flügen
- direkte Kosten von mehr als 2 Millionen US-Dollar
Es existiert keine offizielle Datei, da es sich vorrangig um eine NASA-interne Auflistung handelt (via NASA). Lediglich die katastrophalsten öffentlich stattgefundenen Unfälle des Typs A sowie einige kleinere sind bekannt, sie lauten:
- Apollo 1 (1967): Brand bei Kabinendrucktest am Boden, Tod der dreiköpfigen Crew
- Space Shuttle Challenger (1986): Explosion beim Start, Vehikel verloren, alle sieben Crewmitglieder verstorben
- Space Shuttle Columbia (2003): Zerstörung beim Wiedereintritt, Tod der siebenköpfigen Crew
Zwei Beispiele für NASA-interne Typ-A-Zwischenfälle, die weniger an die Öffentlichkeit drangen und in einem Fall nur mit Sachschäden auskamen, sind …
- NOAA N Prime Mishap (2003): Umkippen eines Satelliten beim Transport, rund 220 Millionen US-Dollar Schaden
- Der Tod eines Dachdeckers bei Baumaßnahmen im Jahr 2006
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Nasa wirft einen Blick zurück auf die erste Raumstation: Skylab
Als ein Duo eine Katastrophe abwendete
Jared Isaacman muss etwas eingestehen, was bisher nur wenige seiner Vorgänger mussten: Die NASA hat beinahe zwei Astronauten verloren.
Als sich Boeings Starliner im Juni 2024 anschickte, an der ISS anzudocken, versagte die Technik und nur unter Mühen gelang es den Astronauten Butch Wilmore und Suni Williams, das Manöver zu vollenden. Anstatt an Bord der Raumkapsel zwei Wochen später zurückzukehren, blieben sie für neun Monate auf der Raumstation.
Der Starliner kehrte rund 90 Tage später allein zurück – er wurde als Folge des Vorfalls als zu unsicher zum Transport von Menschen eingestuft. Seine Crew stieg im März 2025 in eine Dragon-Kapsel von SpaceX und flog heim.
Jetzt erkennt die NASA diesen Vorfall als äußerst schwerwiegend und potenziell lebensbedrohlich an – als ein »Typ A«-Zwischenfall. Die Grundlage hierfür bildet der rund 300 Seiten lange Bericht, welcher im Februar 2025 in Auftrag gegeben wurde.
Verantwortlich für seinen Inhalt zeichnet ein unabhängiges Team. Denn auch wenn Wilmore und Williams alles schadlos überstanden und auch auf der Raumstation sowohl sicher als auch mit Forschungsaufgaben beschäftigt waren, verloren sie schuldlos zeitweise die Kontrolle über ihr Raumschiff und hätten dabei zu Tode kommen können (via NASA).
Was passierte an Bord des Starliners?
Während eines Interviews im Frühjahr 2025 gestand Astronaut Barry Wilmore vieles von dem ein, was bis dahin nur als Gerücht beziehungsweise Vermutung herumging. Der Bericht bekräftigt diese Erzählung. Beim Anflug an die ISS fielen vier der 28 Schubdüsen zur Fluglagekontrolle aus – ein aus bisherigen unbemannten (Boden)Tests bekanntes Problem.
Allerdings überschritt die Anzahl alle bisherigen Situationen dieser Art. In einem erst kürzlich geführten Gespräch mit Shawn Ryan auf YouTube, ergänzt er Details und beschreibt den Verfall der Systeme von kurz nach dem Start bis zum Andocken. Was sich zuerst wie ein Sportwagen im All steuerte, verkam zu einem trägen Vehikel – quasi wie ein stotternder Oldtimer. Sogar die funktionierenden Düsen hätten sich seltsam angehört, eher wie ratternde Maschinengewehre als kontrollierte, kräftige Stöße von Gas.
Die Crew übernahm die manuelle Kontrolle, die Automatik hatte die Segel gestrichen. Was für Laien akzeptabel klingen mag, brachte das Duo in Lebensgefahr.
Denn hätten sie die zunehmend behäbig manövrierende Kapsel nicht unter Kontrolle und zum Andockring der ISS gebracht, bestand die Gefahr, mit der Raumstation zu kollidieren oder schlicht abzudriften. Beides Szenarien, die eventuell zu ihrem Tod geführt hätten.
Deshalb kommt Isaacman zu einem eindeutigen Urteil:
Obwohl es keine Verletzten gab und die Mission vor dem Andocken wieder unter Kontrolle gebracht wurde, bestätigt diese höchste Einstufung, dass das Potenzial für einen schwerwiegenden Zwischenfall bestand.
Butch Wilmore zeigt sich mit dieser Einschätzung zufrieden, sie sei überfällig gewesen. Er habe sie schon lange intern gefordert, wie er in dem jüngst erfolgten Interview beklagt.
Derweil gestaltet sich die Schuldzuweisung kompliziert: Denn gebaut hat die NASA das Raumschiff nicht; Sie zeichnet für keine der berühmten Raketen, Shuttles oder Kapseln ihrer Geschichte allein verantwortlich. Immer fertigten Firmen wie North American Aviation, Lockheed Martin oder Rockwell International die eigentlichen Vehikel. Im Falle des Starliners übernahm Boeing die Rolle des Konstrukteurs.
Der Untersuchungsbericht geht hart mit den damaligen Verantwortlichen ins Gericht: Ein komplexes Zusammenspiel von Hardwarefehlern, Qualifikationslücken, Führungsfehlern und kulturellen Zusammenbrüchen sorgte zusammen für ein inakzeptables Risiko für die Sicherheit der Besatzung.
Das Vorgehen sei rückblickend »nicht mit den Sicherheitsstandards der NASA für die bemannte Raumfahrt vereinbar gewesen«.
Zukunft des Starliners
Wie es langfristig um den Starliner steht, bleibt Stand Anfang März unklar. Die US-Weltraumagentur hat das Vehikel noch nicht aufgegeben, gleiches gilt augenscheinlich für Boeing. Das Ziel beider Akteure bleibe unverändert: die Kapsel soll wieder mit Menschen ins All aufbrechen.
Dafür müssen aber erst einige Hürden genommen und alle Zweifel an der Technik ausgeräumt werden. Hierfür wollen die NASA und Boeing weiterhin daran arbeiten, die technischen Ursachen der Probleme zu verstehen und die Herausforderungen gemeinsam zu lösen.
Fachlich korrekt, politisch motiviert, wirtschaftlich gelegen
Gerald Weßel
Derweil schlummert hinter einer augenscheinlich rein bürokratisch-ingenieurwissenschaftlichen Tragödie auch ein politisch-ökonomischer Riese. Der bemannte Flug des Starliners erfolgte unter der Führung des vorherigen US-Präsidenten Joe Biden.
Der aktuelle Amtsinhaber Donald Trump hatte nach seiner Wiederwahl das Vorgehen der NASA kritisiert, die zweiköpfige Crew derart lange im All zu lassen. Neben ihm saß dabei mit SpaceX-Besitzer Elon Musk ein Konkurrent von Boeing. Seine Dragon-Kapseln gelten als der Standard, an den der Starliner als ergänzende Alternative heranreichen muss.
Jared Isaacman selbst gilt als enger Vertrauter von Elon Musk. So unternahm er von einer Dragon-Kapsel im Jahr 2024 den ersten Weltraumspaziergang im Zuge einer rein kommerziellen Mission ohne NASA-Beteiligung (Polaris Dawn).
Sehen wir hier also eine pure Show, um Bidens NASA und Musk-Gegner Boeing zu schaden? Nein, so weit würde ich nicht gehen. Die Untersuchung startete lange bevor Isaacman ins Amt kam. Fachlich liegt die neue Administration hier richtig und die Transparenz bei der Kommunikation begrüße ich.
Allerdings kommen Musk und Trump der Zeitpunkt und das Ergebnis der Untersuchung sicher gelegen. Nicht ohne Grund dürfte kurz nach Übernahme des Weißen Hauses die Weisung zur Untersuchung ergangen sein.
Isaacman gewinnt durch seinen offenen und entscheidungsfreudigen Umgang mit den aktuellen Problemen der NASA Sympathien – auf Boeings anhaltende Querelen mit ihrem Starliner könnte er sicher verzichten.
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