Wir wussten, dass Boeings Starliner den Flug zur ISS fast vermasselt hätte - jetzt legt die Besatzung offen, wie brenzlig die Lage wirklich war

Die Astronauten Barry Wilmore und Sunita Williams erzählen nach ihrer Rückkehr auf die Erde, wie beängstigend knapp ihr Andockmanöver nur gelang.

Der Starliner beim unbenannten Abdockmanöver. Seine ehemalige Besatzung sollte von hier an noch für Monate auf der ISS bleiben.
Bildquelle: NASABoeing Der Starliner beim unbenannten Abdockmanöver. Seine ehemalige Besatzung sollte von hier an noch für Monate auf der ISS bleiben. Bildquelle: NASA/Boeing

Raumfahrt mag inzwischen wie Alltag erscheinen durch die vielen Meldungen dazu, doch das entspricht nicht der Wirklichkeit.

Vor allem neue Vehikel halten immer wieder Überraschungen bereit, wie Barry Wilmore und Sunita Williams beim Andocken an die ISS im Boeing Starliner am eigenen Leib erleben mussten.

Wie knapp es tatsächlich zuging und weshalb die Entscheidung, das Schiff unbemannt nach Hause zurückzuschicken, auf alle Fälle richtig war, erzählen sie nun in einem Interview.

Zuletzt kehrten die zwei Astronauten nach rund 300 Tagen im All – anstatt eines geplanten Bruchteils davon – an Bord einer Crew-Dragon-Kapsel von SpaceX zurück. Allerdings hatten sie sich verändert.

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Im Orbit nahe der ISS zwischen Abbruch und Andocken

Gegenüber Arstechnica schildert das Duo ausführlich, wie sie ihren Flug zur ISS im vergangenen Sommer erlebt haben. Anfangs lief alles glatt, doch als es anzudocken galt, verschlechterte sich die Lage zusehends.

Rasch fiel eine der 28 Kontroll-Schubdüsen des Boeing Starliners aus. Sie dienen zur Steuerung des Vehikels auf seinem durch die zuvor abgekoppelte Rakete erreichten Orbit – und sind zum Andocken unverzichtbar.

Probleme mit den Düsen seien nichts Neues gewesen, so Barry Wilmore. Auch im Vorfeld traten sie immer wieder bei Testflügen auf.

War eine ausgefallene Einheit zwar ärgerlich, stellte sie noch kein echtes Problem dar. Die Kapsel steuerte sich schlicht etwas behäbiger. Zunehmend anders stellte sich die Lage jedoch dar, als weitere ausfielen.

Erst waren es zwei, dann drei und schließlich kam es bei der Annäherung an die ISS zum Ausfall der vierten Düse. Jetzt galt die Lage als brenzlig und eigentlich hätte laut Protokollen abgebrochen werden müssen.

Doch eine Rückkehr wäre wahrscheinlich kaum noch möglich gewesen, denn um den Rückflug durch die Atmosphäre hinab zur Oberfläche heil zu überstehen, bedarf es einer exakten Ausrichtung der Kapsel – mit vier ausgefallenen Düsen schwer möglich, weshalb das NASA-Kontrollzentrum beschloss, fortzufahren.

Neustart der Düsen

Zu diesem Zeitpunkt steuerten sie das Schiff manuell, da die Automatik in dieser Situation überfordert wäre. Es gab jedoch Hoffnung, die Lage zu verbessern: einen kompletten Neustart der Schubdüsen.

Auch bei Raumschiffen kann das vereinfacht heruntergebrochene »Starte doch mal alles neu« funktionieren.

Allerdings brachte das ein Manko mit: Die Crew musste die Kontrollen los- und das Schiff einfach treiben lassen – keine Selbstverständlichkeit bei technischen Problemen nur wenige Meter von der ISS entfernt. Doch sie folgten dem Vorschlag vom Boden.

Zum Glück kamen zwei der vier Ausgefallenen zurück, womit sich die Mission wieder in beherrschbaren Gefilden befand.

Letztendlich landete der Starliner automatisch, aber angeschlagen und für beide galt laut Wilmore beim erleichterten Betreten der ISS als ziemlich sicher, dass sie den Starliner zum Rückflug nicht betreten würden:

Ich konnte einfach nicht erkennen, wie wir es schaffen sollten. Ich hatte noch Hoffnung, aber es wäre sehr schwer gewesen, zu dem Punkt zu gelangen, zu sagen: Ja, [der Starliner bringt uns sicher nach Hause].

Denn wären ähnlich viele oder gar noch weitere Schubdüsen bei der Vorbereitung des Wiedereintritts ausgefallen, wäre vermeintlich nicht genug Zeit verbleiben, um die Lage zu stabilisieren.

Barry Wilmore und Sunita Williams wären mitsamt ihres Starliners in dem Fall wahrscheinlich in der Atmosphäre wie ein Meteorit verglüht.

Die Zukunft von Boeings Starliner-Raumschiff bleibt derweil ungewiss.

Noch ist keine offizielle Entscheidung bekannt, aber in Anbetracht der Erfolgsbilanz von SpaceX und seiner Crew-Dragon-Kapsel dürften weitere Flüge, geschweige denn eine sichere Auftragslage auf Jahrzehnte, für die Alternative so langsam zweifelhaft erscheinen.

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