E-Ink-Tablets haben für mich bisher immer in ihrer ganz eigenen, engen Nische gelebt: Entweder waren es reine Lesegeräte oder extrem fokussierte digitale Notizblöcke.
Mit dem Boox Note Air 6C habe ich in den letzten Wochen allerdings ein Gerät im Alltag genutzt, das diesen Rahmen gesprengt hat. Es fühlt sich für mich wie ein echter Allrounder an: ein Spagat aus E-Reader, Notizbuch und vollwertigem Android-Tablet.
Hier sind meine ganz persönlichen Eindrücke, aufgeteilt in diese drei Welten.
1. Als E-Reader: So flexibel wie kein anderes Gerät (mit kleinen Kompromissen)
Was mich als Erstes begeistert hat: Als E-Reader ist das Boox Note Air 6C so flexibel, wie man es sich nur wünschen kann. Ich bin hier in keinem goldenen Käfig, wie etwa beim Amazon Kindle, gefangen. Dank des offenen Android-Systems installiere ich mir einfach die Apps, die ich wirklich nutze, egal ob Onleihe, Kindle oder Tolino.
Durch das Farbdisplay macht das Lesen noch einmal ganz anders Spaß. Ich lese darauf längst nicht mehr nur Romane, sondern auch bunte PDFs, Zeitschriften, Webartikel, Mangas und Comics.
Vor allem in Fachtexten oder Büchern direkt mit verschiedenen Farben markieren zu können, ist für mich im Alltag ein riesiger Mehrwert. Vom Handling her erinnert mich der breite Griff an der Seite stark an E-Readern, wie etwa dem Tolino Vision Color: Man kann das Gerät super mit einer Hand greifen.
Dazu kommt die Bildschirmbeleuchtung, die ich bei anderen Notizbuch-Tablets schmerzlich vermisst habe. In den Abendstunden lässt sich die Beleuchtung zudem wärmer einstellen, was das Lesen im Dunkeln deutlich angenehmer macht.
Bücher, Comics, Mangas, PDFs, Artikel und mehr lassen sich problemlos auf dem Gerät lesen. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Allerdings gibt es im Vergleich zu klassischen E-Readern ein paar Dinge, an die ich mich erst gewöhnen musste:
- Das Gewicht: Mit rund 440 Gramm ist das Tablet auf Dauer spürbar schwer. Gemütlich im Bett auf dem Rücken liegend lesen? Das geht nach 20 Minuten spürbar in die Handgelenke. Auf dem Tisch oder Sofa nutze ich deshalb fast immer das Origami-Case, um es aufzustellen.
- Der Akku: Verglichen mit einem normalen iPad hält der Akku super durch. Aber mit einem Kindle darf man es nicht vergleichen. Bei meiner typischen gemischten Nutzung muss das Gerät etwa einmal pro Woche an die Steckdose. Für mich völlig in Ordnung, aber es ist eben keine wochenlange Laufzeit, wie bei rein lesefokussierten E-Readern.
- Kein Wasserschutz: Das Tablet ist nicht wasserdicht. Gemütlich in der Badewanne zu lesen oder sorglos am Pool sitzen ist damit leider tabu.
2. Als Notizbuch: Geniales Schreibgefühl, aber nervige Details beim Zubehör
Beim handschriftlichen Schreiben hat mich das Note Air 6C sofort abgeholt. Der Stift funktioniert passiv über Wacom-Technologie. Ich muss ihn also nie laden oder mir vor dem Schreiben Gedanken machen, ob noch genügend Energie vorhanden ist.
Die Latenz liegt bei etwa unter 10 Millisekunden; für mich fühlt sich das Schreiben praktisch verzögerungsfrei an. Ja, die Parallaxe (also der Abstand zwischen Stiftspitze und digitaler Tinte) ist durch die zusätzliche Farbschicht minimal größer als bei rein monochromen E-Ink-Displays, aber im Alltag ist mir das nicht aufgefallen.
Die Notizen-Software ist schön unkompliziert aufgebaut und bietet massenhaft Vorlagen. Der größte Gamechanger gegenüber reinen Schwarz-Weiß-Geräten (wie etwa dem Viwoods AiPaper oder dem iFlytek AINote 2, die ich auch getestet habe) ist für mich natürlich die Farbe.
Skizzen und Strukturierungen wirken lebendig und übersichtlich. Für meinen Gaming-Backlog nutze ich zum Beispiel unterschiedliche Farben für die Plattformen, auf denen ich die Spiele gekauft habe.
Auf dem Tablet zu schreiben macht richtig Spaß, aber der Stift ist ein echter Dämpfer. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Wo Licht ist, ist aber auch Schatten – und beim Zubehör hat mich Onyx ehrlich gesagt ein bisschen geärgert:
- Diese verdammte Stiftkappe: Auf der Rückseite des Stylus sitzt eine kleine Kappe, unter der die Ersatzspitzen verstaut sind. Diese Kappe löst sich viel zu leicht. Das Ende vom Lied: Die Kappe ist irgendwann in meiner Tasche abgegangen und die Ersatzspitzen sind spurlos verschwunden.
- Kein echter Radierer: Dreht man den Stift um, passiert gar nichts. Stattdessen streicht man Geschriebenes einfach durch, um es zu löschen. Das Prinzip ist eigentlich intuitiv, aber die Software braucht immer diese eine kleine Gedenksekunde, um die Geste zu erkennen. Das unterbricht den Schreibfluss.
- Die Folio-Hülle: Das Case hat eine abnehmbare Lasche für den Stift, die im Alltag einfach nur im Weg ist. Ich musste sie jedes Mal abfummeln, wenn ich schreiben wollte. Inzwischen lasse ich die Lasche komplett weg und packe den Stift einfach magnetisch an den Rahmen. Doch auch hier: Der Magnet könnte gern stärker sein. In der Tasche rutscht der Stift doch ab und zu mal ab.
Das Schöne am Wacom-Standard ist immerhin: Ich bin nicht auf den mitgelieferten Stift angewiesen, sondern kann einfach jeden anderen kompatiblen Wacom-Pen nutzen.
3. Als Android-Tablet: Erstaunlich nah an einem »echten« Tablet
Der Punkt, an dem mich das Gerät am meisten überrascht hat, ist die Leistung als Android-Tablet. Hier läuft Android 16 mit vollem Zugriff auf den Google Play Store. Man kann also im Grunde jede beliebige App herunterladen. Die verbaute Hardware ist zudem flott genug, dass ich im Alltag keine lästigen Ruckler spüre.
Mein persönliches Highlight ist der sogenannte »Glatt«-Modus: Das Scrollen durch Webseiten fühlt sich zum ersten Mal auf einem E-Ink-Display nicht wie eine endlose Geduldsprobe an. Animationen laufen verblüffend flüssig, fast wie auf einem gewöhnlichen Tablet (die Framerate ist etwa 20 bis 30 FPS).
Dafür opfert man natürlich einen spürbaren Anteil der Bildqualität und es kommt vermehrt zu Ghosting-Effekten. Praktischerweise gibt es einen Refresh-Button in der Navigationsleiste, mit der das Ghosting schnell entfernt wird.
Natürlich kauft man sich so ein Gerät nicht primär zum Spielen oder für Serienabende auf Netflix.
Aber: Wenn ich einen Artikell lese und darin ein kurzes Erklärvideo eingebettet ist, kann ich es mir dank der Stereo-Lautsprecher und der flüssigen Wiedergabe einfach direkt ansehen, ohne das Gerät wechseln zu müssen. Es sind auch Mikrofone an Bord, falls man mal schnell Sprachmemos aufnehmen will.
Weitere Extras:
- Ein zuverlässiger Fingerabdrucksensor ist direkt im Power-Button untergebracht.
- Der Speicher lässt sich ganz unkompliziert per microSD-Karte erweitern.
- Über die Pogo-Pins auf der Rückseite kann man bei Bedarf ein Tastatur-Cover anstecken und längere Texte wie an einem kleinen Notebook tippen. Das konnte ich allerdings nicht testen.
Fazit: Nicht günstig, aber das Geld wert
Das Boox Note Air 6C ist eine spürbare Investition und auf den ersten Blick alles andere als ein Schnäppchen. Wenn ich den Preis allerdings in Relation setze, relativiert sich die Summe ziemlich schnell.
Direkte Konkurrenten aus der Notizbuch-Ecke wie das Viwoods AiPaper oder das iFlytek AINote 2 kosten ähnlich viel, sind im Alltag aber längst nicht so vielseitig und flexibel einsetzbar.
Rechnet man dann noch gegen, dass ein ordentliches Mittelklasse-Android-Tablet heutzutage auch gern mal zwischen 400 und 600 Euro kostet, wirkt das Paket doch ganz stimmig.
Alternativen:
Ja, im Vergleich zu einem klassischen Kindle oder Tolino greift man hier deutlich tiefer in die Tasche, doch das Boox kann eben nicht nur um Welten mehr, sondern macht mir das Lesen durch das große Display und das völlig offene System sogar noch besser.
Obendrein fühlt sich das Aluminium-Gehäuse fantastisch an und ist tadellos verarbeitet. Ein bisschen Meckern auf hohem Niveau bleibt: Hätte Onyx dem Ganzen noch eine IP-Zertifizierung gegen Wasser spendiert und dem Stylus eine Kappe verpasst, die nicht ständig verloren geht, wäre das Gerät für mich wirklich der absolute Volltreffer.
Wer aber genau wie ich nach einem Schweizer Taschenmesser sucht, das digitales Farb-Notizbuch, offenen Reader und alltagstaugliches Tablet in einem Gehäuse vereint, für den ist das Gerät seinen Preis am Ende absolut wert.

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