Das Ende der Naivität: Was von #BoycottBlizzard und Seehofer übrigbleibt

Politik soll doch bitteschön aus Spielen herausgehalten werden. Wer das fordert, verkennt den Kern der aktuellen Diskussionen, findet GameStar-Chefredakteur Heiko Klinge.

von Heiko Klinge,
14.10.2019 14:57 Uhr

Da sind sie wieder, die üblichen Reflexe: Auf der einen Seite Politiker wie Horst Seehofer, die nach schrecklichen Ereignissen in Aktionismus verfallen und bei ihrer verzweifelten Suche nach einfachen Antworten auf die komplizierte Schuldfrage - Überraschung - auch (aber nicht nur!) bei den Computerspielen landen, dabei aber lediglich demonstrieren, dass sie nicht die leiseste Ahnung von der Materie haben.

Oder Journalisten, die lieber simple Botschaften verbreiten als sauber zu recherchieren und im Kontext der Halle-Berichterstattung einfach mal Videoaufnahmen des Attentäters auf den Twitch-Counterstrike-Kanal der Dreamhack zu montieren, was ich einfach nur beschämend finde.

Auf der anderen Seite stehen viele Spieler und selbst Unternehmen wie Blizzard, die genauso reflexhaft jedwede Verantwortung weit von sich weisen, Kritik und politische Aussagen ins Lächerliche ziehen oder wie Blizzard mit drakonischen Strafen belegen und Computerspiele am liebsten klinisch frei von Politik halten wollen.

In meinen Augen sind beide Seiten nicht nur gleich naiv, sondern haben immer noch nicht verstanden, welchen gesellschaftlichen Stellenwert Computer- und Videospiele inzwischen haben.

Wo Seehofer Recht hat

Niemand würde auf die Idee kommen, beim neuen Joker-Film zu behaupten, dass dieser keinerlei politische Aussage haben dürfe. Niemand käme bei einem großen Literaturklassiker auf den Gedanken, den historischen und politischen Kontext auszuklammern.

Fast jeder zweite Mensch in Deutschland spielt. Wir reden hier eben nicht mehr von einer Szene, einem Hobby weniger Nerds, einer in sich geschlossenen Community. Sondern von einer Gegenwartskultur, die unsere Gesellschaft genauso durchzieht wie Filme, Musik und Bücher. Wenn also Horst Seehofer die »Gamer-Szene« stärker in den Blick nehmen möchte, müsste er das konsequenterweise genauso über die Schauer-, Hörer- und Leser-Szene sagen.

Denn wenn etwas eine Gesellschaft vollständig durchzieht, dann bildet es diese Gesellschaft auch in sämtlichen Facetten ab. Also ja, selbstverständlich gibt es in der Gaming-Szene Rechtsradikalismus! Selbstverständlich gehört dieser beobachtet und bekämpft. Genauso wie Rechtsradikalismus auf jeder anderen Ebene unserer Gesellschaft und Kultur bekämpft gehört.

Eine unbequeme Wahrheit

Wer wirklich möchte, dass Computer- und Videospiele in Gesellschaft endlich genauso ernst genommen werden wie alle anderen Kultur- und Kunstformen, muss sich dieser Wahrheit stellen. Klar kann ein Blizzard Regeln aufstellen, die politische Statements in ihren Turnieren verbieten. Aber dann darf sich Blizzard auch keine Unternehmenswerte auf die Fahnen schreiben, denen sie in letzter Konsequenz nicht folgen können.

Umgekehrt müssen sich die Blizzard-Kritiker die Frage gefallen lassen, ob sie auch dann zu #BoycottBlizzard aufgerufen hätten, wenn die politische Aussage von »Blitzchung« weniger mit ihrer eigenen Überzeugung übereingestimmt hätte.

Alles was wir sagen, alles was wir tun und alles, was wir spielen, hat eine politische Dimension. Natürlich kann ich es verstehen, wenn man sich beim Spielen nicht mit Politik auseinandersetzen möchte. Aber da ist sie trotzdem, in jeder Ausprägung, auch in der radikalen. Und erst wenn wir das akzeptieren, werden Computerspiele wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sein.

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