Ein wenig befremdlich fand ich es schon, wie Jensen Huang, CEO von Nvidia, ausgerechnet von unserem Bundeskanzler hofiert wurde wie ein Staatsoberhaupt. Ein Schelm, wem dabei irgendeine Form von Cyberpunk in den Sinn kommt, Welten, in denen Unternehmen die Gesetze machen.
Glück für uns: Bisher ist noch nichts passiert. Die Bundesrepublik Deutschland und Nvidia haben laut Tagesschau nur eine Absichtserklärung vereinbart. Sprich: Man verpflichtet sich, zusammenzuarbeiten; konkrete Deals gibt es zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht, sollen aber Realität werden.
Bei seiner Bühnenshow ist Huang ein Satz entglitten, auf den die Aufforderung »Macht euch einfach an die Arbeit« folgte:
»Ehrlich gesagt schmerzt mich nichts mehr, als zu sehen, dass eines der fortschrittlichsten Länder in technologischer Hinsicht so weit zurückbleibt.«
Fortschrittlich in technologischer Hinsicht? Wir? Wo wir es nicht einmal schaffen, dass unsere Züge regelmäßig pünktlich kommen? Oder wo jeder fünfte Glasfaseranschluss brach liegt? Übrigens, beides Ergebnisse konservativer Politik der Partei, der auch unser Bundeskanzler angehört, aber das nur am Rande.
Jup, hier hat Huang recht. Wir haben in Deutschland einige Technologiestandorte, manche bekannt, andere weniger, die weltweit angesehen sind. Und die würden von einer industriellen KI profitieren.
3 Technologiestandorte, die von KI profitieren würden
1. Erlangen und Siemens
Erlangen bei Nürnberg ist das Herzstück des Medical Valley, einem weltweit führenden Zentrum für Medizintechnik, so die Stadt Erlangen. Medizin und KI in Kombination ist mir immer willkommen, da Menschen hier am ehesten und direktesten profitieren können.
Etwas handfester wäre da aber eine Zusammenarbeit von Siemens und Nvidia hinsichtlich autonomer Fertigung. Beide Unternehmen haben diese Woche eine Partnerschaft angekündigt, bestätigt Siemens in einer Pressemitteilung selbst.
Siemens spricht selbst von einer möglichen Reduktion des technischen Aufwands um bis zu 85 Prozent. Produktionsplanung könnte von KI-Agenten gesteuert werden, die Dinge wie Materialbestände, Kapazitäten und Liefertermine überblicken und effizienter abgleichen könnten.
2. Stuttgart und Automobilindustrie
Analog zum Beispiel von Erlangen, könnte industrielle KI auch den Automobilherstellern, Zulieferern und Maschinenbauern rund um Stuttgart zugutekommen. Im Ländle sitzen nämlich etliche große Firmen besagter Branchen.
- Mercedes-Benz
- Porsche
- Bosch
- MAHLE
- Dürr
- EMAG
Gerade weil im Stuttgarter Umland sowohl Automobilindustrie und Zulieferer sitzen, könnte eine weitere Verzahnung der Industrien durch KI große Vorteile bringen: Neue Standards, Förderprogramme, Fabrikplanung, Wartung und sogar Robotertraining kämen dem zugute.
Die Automobilindustrie befindet sich in einer Krise, die laut Auto Motor Sport noch jahrelang anhalten dürfte. Eine Zusammenarbeit auf Bundesebene könnte zumindest eine Krücke sein, wenngleich die Rettung wohl anders aussehen müsste, etwa durch Investitionen in neue Technologien.
3. Dresden und die Halbleiterproduktion
Bei Halbleitern und Chips denkt man in erster Linie an Taiwan, aber auch in Ostdeutschland haben sich etliche hoch spezialisierte Firmen angesiedelt: neben Bosch finden sich dort Halbleiterfabriken von GlobalFoundries Infineon Technologies und das X-FAB.
Gerade weil die Halbleiterproduktion hoch spezialisiert ist, könnte industrielle KI hier unterstützend wirken, bei der Fehlererkennung, Prozessoptimierung oder dem Chipdesign. Der größte Unterschied etwa zur Automobilindustrie ist die extreme Komplexität der Fertigungsprozesse.
Die Halbleiterproduktion in Dresden ist ein anschauliches Beispiel für einen deutschen Technologiestandort, der ohne viel Trara arbeitet – derlei gibt es noch mehr in Deutschland.
- Optik und Photonik in Jena
- Digitale Infrastruktur in München und Frankfurt am Main
- Messtechnik in Oberkochen und Aalen
- Chirurgische Instrumente in Tuttlingen
Keine Frage: Deutschland wird kein zweites Silicon Valley aus dem Boden stampfen. Dennoch finden sich unzählige wichtige Standorte in unserem Land, die zur technologischen Förderung weltweit beitragen – oftmals für viele im Unbekannten.
Eine Frage jedoch bleibt: wieso Nvidia?
Ist Nvidia unvermeidbar?
Ich spreche sicherlich für viele, wenn ich sage, dass es nicht verwunderlich ist, dass wenn sich Deutschland einen KI-Partner ins Boot holt, es auf Platzhirsch Nvidia hinausläuft. Einenteils hat Huang im Gespräch mit Kanzler Merz klargemacht, dass man mit ihm möglichst schnell Deals eingehen sollte, weil die Plätze an der Sonne rar sind. Andernteils rennt er bei einem Ex-Blackrock-Mitarbeiter damit offene Türen ein, weil das Investment niedrig ist und der Ertrag vielversprechend aussieht.
Und damit habe ich auf mehreren Ebenen ein Problem.
1. Es gibt europäische Alternativen
Nvidia ist für Friedrich Merz deswegen so attraktiv, weil sie ein Komplettpaket liefern, an das Deutschland lediglich Geld liefern muss. Dann rollt der Ball. Dabei haben wir in Europa Alternativen, die man nur entsprechend unterstützen müsste.
- Sipearl hat bereits mit dem Rhea 1 einen KI-Prozessor entwickelt und ist darüber hinaus durch die EU subventioniert.
- Vsora bietet eine dazu passende KI-fähige GPU.
- Scaleway, ein Cloud-Anbieter, schickt sich an, KI-Fabriken bauen zu wollen.
Alle drei Firmen sitzen übrigens ins Frankreich; Sipearl ist sogar durch die EU subventioniert.
Sind diese Firmen so weit wie Nvidia? Nein, schreibt Golem. Vsoras Jotunn8-GPU läge zwei Generationen hinter Nvidias Hopper.
Ist das ein Problem? Nein, zumindest aus europäischer Sicht. Nvidia ist nicht mit dem Level gestartet, auf dem sich das Unternehmen jetzt befindet. Es hat sich dorthin entwickelt. Klar, dass Wirtschaftsunternehmer dem Konzern schöne Augen machen: Sie wollen ein Stück vom Kuchen, die Skalierungsarbeit ist schon gemacht. Das bedeutet zweierlei:
- Nvidia ist »fertig«. Ergebnisse kann das Unternehmen jetzt schon liefern und man muss nicht erst die Leitersprossen bis zu Nvidia hochklettern.
- Man muss keine Investitionen für Wachstum tätigen, um in ein paar Jahren mit dem Platzhirsch mithalten zu können.
Hier stehen schnelle (mögliche) Gewinne mal wieder diametral zu teurem, langsamem, aber sicherem Wachstum.
Man will hier mit den großen Hunden Gassigehen, aber ob Deutschland auch das Bein heben kann, steht auf einem anderen Blatt. »Skalierung« ist hier nämlich das Zauberwort.
12:11
Das Internet brennt: Nvidia DLSS 5 soll Spiele-Grafik “realistisch” machen und alle hassen es!
2. Mit Nvidia skaliert Deutschland nicht
Ich habe eben umrissen, wieso Nvidia für Deutschland so lohnend wirkt. Man muss kein Geld investieren und kann trotzdem von der Expertise profitieren – und für mich liegt genau hier der Denkfehler.
In Sachen Wirtschaft bin ich keine Leuchte, aber selbst ich weiß: Wer Geld verdienen will, muss Geld investieren. Haargenau das bräuchten Deutschland und die EU, um international konkurrenzfähig zu werden.
Diese scheinbar urtümliche Angst Deutschlands – oder besser: der CDU –, zu investieren, beschert mir graue Haare. Das kostet ja Geld und rote Zahlen sind doof. Lieber schnell Kasse machen, weil grüne Zahlen machen glücklich. Dabei bleibt allerdings die Nachhaltigkeit auf der Strecke – und dass die Regierung lieber einer Fata Morgana hinterherhechelt, anstatt zukunftssicher vorzusorgen, hat sie bereits bewiesen. Stichwort: hocheffiziente Verbrenner.
Dieses Problem wurde bei Markus Lanz erst am Donnerstagabend besprochen. »Dramatisch« sei die Situation am Beispiel Volkswagen, wo zehntausende Jobs auf der Kippe stehen. Als Lösung steht im Raum: Es braucht eine Vision und vor allem Innovationen aus Deutschland. Das kostet freilich Geld. Nachlesen könnt ihr das in einer Nachlese auf web.de.
Um auf Nvidia zurückzukommen: Ein Deal mit dem Unternehmen wäre wie eine Anabolikaspritze für den deutschen Technologiestandort. Wir würden davon profitieren, keine Frage, aber für wie lange? Wie nachhaltig ist das?
Wenn beide Parteien voneinander scheiden – aus welchen Gründen auch immer –, stünde Deutschland salopp gesagt wieder nackt da. Der Boost durch Nvidia kommt von außen, die Muskeln müssten wir allerdings von innen aufbauen. Das geht nur durch Zusammenarbeit im europäischen Raum und durch Investitionen. Selbst stark sein muss die Devise lauten. Nicht, um Nvidia, anderen US-amerikanischen oder chinesischen Unternehmen das Wasser abzugraben, sondern um unabhängig zu bleiben.
3. Man bindet sich wieder die USA ans Bein
Deutschlands und Europas Abhängigkeit von anderen Großmächten fühlen sich in der heutigen Zeit nicht nur ungut an, es kann Menschen wortwörtlich Kopf und Kragen kosten.
- Obwohl Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, zahlt die EU Rekordsummen für Gas aus Russland (via Euronews) – während sie gleichzeitig die Ukraine mit Hilfsmittel und Waffen gegen ebendiese unterstützt.
- Gemäß ukrainischen Angaben beschränkten die USA den Zugang zu SpaceX, auf welches das Land angewiesen ist, um sich gegen russische Angriffe zu verteidigen (Golem berichtete).
Ja, das sind zwei Extrembeispiele, aber in unseren heutigen, unsicheren Zeiten sind verlässliche Partner rar. Dass einem vermeintlich langjährige Freunde in den Rücken fallen können, haben die USA in den letzten Monaten eindrucksvoll bewiesen.
Man könnte dem Bundeskanzler guten Willen unterstellen, dass er trotz alledem auf die Zusammenarbeit mit den US-Amerikanern setzen möchte, dann muss er sich aber die Frage gefallen lassen: Wie viele Augen will er zudrücken, anstatt an seine europäischen Partner zu glauben und mit der EU an einem Strang zu ziehen?
Fazit
Freilich kann ich nicht in die Zukunft blicken. Durch die Erfahrung bezüglich Gas mit Russland und der Veränderung, der sich die USA derzeit unterziehen, wäre ich jedenfalls nicht glücklich, wenn Deutschland einen Deal mit Nvidia abschließen würde. Dazu sind die Zeiten zu unsicher und Weltmächte als Partner längst nicht mehr so stabil wie vor Jahren und Jahrzehnten.
Wir müssen Deutschland als Technologiestandort stärken; Expertise besitzen wir bereits an vielerorts. Und wir fangen ja auch gar nicht bei null an. Dafür braucht es allerdings Investitionen, und zwar von unserem Land an europäische Unternehmen. Nur so werden wir gemeinsam stark und unabhängig. Den Weg mit Nvidia als AI-Powerhouse zu gehen, erscheint sinnig, ist am Ende aber ein neoliberaler Wunschtraum, der platzen könnte.
Hier steht auch ganz klar im Raum, wer profitiert: Ein paar wenige oder wir alle? Und damit letzteres eintrifft, darf ein Bundeskanzler nicht wie ein Investmentbanker agieren und die digitale Souveränität Deutschlands aufs Spiel setzen.
Sonst heißt es am Ende: Wake the f*** up, Samurai. Wenn Deutschland nicht aufwacht und sich im europäischen Sinne unabhängig von Großmächten macht, hängen wir einmal mehr an einer fremden Zitze.
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