Zwischen Benchmarks und Bandsalat: Nach Feierabend schlägt mein Herz für alte Walkmans

Jeden Tag beschäftige ich mich mit Smartphones, Apps und anderer moderner Technik. In meiner Freizeit schlägt mein Herz für alte Walkmans.

Die Welt der Kassetten schafft mir einen schönen Ausgleich zur schnelllebigen, modernen Technik. (Bildquelle: GameStar Tech) Die Welt der Kassetten schafft mir einen schönen Ausgleich zur schnelllebigen, modernen Technik. (Bildquelle: GameStar Tech)

Mein Leben ist von moderner Technik geprägt. Seit Jahren beschäftige ich mich als Tech-Redakteur mit Handys, Mährobotern, Smart Home und den weiteren Errungenschaften der modernen Zivilisation.

Lange Zeit hat mich das auch in meine Freizeit verfolgt – bis ich meine alten Audiogeräte von früher wiedergefunden habe: Discmans, Minidisc-Player und ... Walkmans.

Warum ich wieder bei Kassetten gelandet bin

Kassetten waren bei mir eigentlich nie ganz weg. Irgendwo im Karton lagen immer alte, selbst aufgenommene Mixtapes oder Hörspiele aus meiner Kindheit. Ein Walkman war nie weit entfernt und meist stand noch irgendwo ein Tapedeck oder eine Kompaktanlage mit Kassettenfach herum.

Als der Kassetten-Trend vor einigen Jahren allerdings wieder Fahrt aufnahm, brauchte es nicht viel, um mich komplett zurückzuholen. Seitdem kaufe ich wieder Alben auf Tape und nehme selbst Kassetten auf.

Ich bin immer auf der Jagd nach hochwertigen Leerkassetten, nach Klassikern für meine Sammlung und natürlich nach Geräten.

Neben vielen Originalen nehme ich auch selbst Tapes auf und gestalte Cover – vor allem von Alben, die es nicht oder nur sehr teuer auf Kassette gibt. (Bildquelle: GameStar Tech) Neben vielen Originalen nehme ich auch selbst Tapes auf und gestalte Cover – vor allem von Alben, die es nicht oder nur sehr teuer auf Kassette gibt. (Bildquelle: GameStar Tech)

Der eigentliche Reiz liegt aber nicht im Kaufen, sondern im Basteln und Schrauben. Ich kaufe häufiger defekte oder überholungsbedürftige Walkmans und versuche, sie wieder zum Laufen zu bringen.

Alleine das ist für mich schon ein schönes Hobby. Ich freue mich jedes Mal, wenn ein Gerät wieder läuft – dann behalte ich es entweder oder verkaufe es weiter.

Drei hochwertige Tapedecks stehen mittlerweile bei mir. Dazu sind über die letzten Jahre etliche Walkmans durch meine Hände gegangen, unter anderem auch der legendäre erste Sony Walkman TPS-L2.

Mein aktueller Favorit

Mein aktueller Lieblingsplayer ist ein echter Brocken: ein Sony WM-D6C Professional. Kein Spielzeug, sondern seinerzeit ein echtes Arbeitsgerät. Früher haben damit unter anderem Journalisten und Reporter aufgenommen.

Ich habe das Gerät gereinigt, die Mechanik geschmiert, die Riemen sowie Gummiringe ausgetauscht und die Elektronik neu eingestellt – jetzt spielt das Teil wieder wie vor 30 Jahren.

Meine aktuelle Sammlung an tragbaren Geräten. Der Brocken unten rechts ist der Sony WM-D6C. (Bildquelle: GameStar Tech) Meine aktuelle Sammlung an tragbaren Geräten. Der Brocken unten rechts ist der Sony WM-D6C. (Bildquelle: GameStar Tech)

Der Klang ist beeindruckend gut und dürfte selbst Kritiker überzeugen, die meinen, Kassetten hätten per se schlechte Qualität und / oder würden laut rauschen.

Wer hochwertige Leerkassetten und Decks für die Aufnahme nutzt, weiß ohnehin, dass das nicht wahr ist.

Musik unterwegs, aber anders

Der D6C ist nicht gerade das, was man portabel nennen würde – das Ding ist ziemlich riesig. Ich nutze ihn daher meist stationär am Gartentisch oder so, zumal die Batterielaufzeit auch sehr begrenzt ist. Vier AA-Batterien halten so um die vier Stunden.

Das können effizientere und schlankere Modelle viel besser. Die verwende ich dann auch ganz gerne mal unterwegs oder wenn ich putze und nebenbei ein Hörspiel hören möchte.

Zuletzt habe ich mich gefragt, ob ich die alte Technik auch irgendwie in mein Auto bringen kann. Die Lösung war einfach: Ich habe mir einfach eine günstige Handyhalterung gekauft und einen Walkman per AUX-Kabel angeschlossen.

Dank Auto-Reverse (automatisches Ändern der Laufrichtung zum Abspielen der anderen Kassettenseite) brauche ich während der Fahrt nicht am Walkman herumzufummeln.

Früher wollten wir im Auto mit Gewalt weg von der Kassette – ich wechsle ab und zu gerne zurück. (Bildquelle: GameStar Tech) Früher wollten wir im Auto mit Gewalt weg von der Kassette – ich wechsle ab und zu gerne zurück. (Bildquelle: GameStar Tech)

Mein Auto hat eigentlich einen kleinen Touchscreen und CarPlay. Ich streame meistens vom Handy Apple Music. Eine Kassette im Auto klingt schon nach einem Umweg – ist aber genau der Punkt.

Kassette rein, Play drücken, eine Seite hören, im Anschluss die andere. Kein Vorschlagsalgorithmus, keine Autoplay-Funktion. Musik wird so wieder zu etwas, das man aktiv auswählt, statt es nur laufen zu lassen.

Eine Pause von der Dauertechnik

Der Kontrast zu meinem Job könnte kaum größer sein. Technik ist mein Alltag, nicht meine Ausnahme. Genau deshalb tut es gut, zwischendurch etwas zu machen, das kein Update, keine App und keine Benachrichtigung braucht.

Kassetten liefern mir genau das. Das Band läuft in Echtzeit, das Aufnehmen wird zum bewussten Vorgang, ein ganzes Album zu hören, zu einer Entscheidung. Und auch das Gestalten, Drucken, Ausschneiden und Falten von Covern ist kreativ und macht mir Spaß.

Eine Armlänge vom Bürostuhl: Meine Decks nehme ich zum Abspielen und Aufnehmen von Kassetten. (Bildquelle: GameStar Tech) Eine Armlänge vom Bürostuhl: Meine Decks nehme ich zum Abspielen und Aufnehmen von Kassetten. (Bildquelle: GameStar Tech)

Wo moderne Technik auf Ablenkung optimiert ist, verlangt eine Kassette meine Aufmerksamkeit. Wenn ich ein Tape aufnehmen will, muss ich es im Deck zunächst kalibrieren, die Aufnahmelautstärke vernünftig aussteuern, um am Ende eine möglichst gute Audioqualität zu erhalten.

Dazu kommt die Technikfaszination: Ein Walkman ist wirklich ein Präzisionsgerät im Taschenformat, in dem Riemen, Rollen, Tonköpfe und Elektronik perfekt zusammenspielen müssen. Was die Ingenieure damals auf kleinem Raum geschafft haben, ist schon Wahnsinn.

Dem wird man sich bewusst, wenn man sich moderne Player wie die von »We Are Rewind« oder »FiiO« anschaut, die fast schon die Maße eines alten CD-ROM-Laufwerks haben, während bereits in den 80er Jahren einige Player kaum größer als die Kassette selbst waren.

We are Rewind
We are Rewind
Tragbarer Kassettenspieler mit Aufnahmefunktion, Kopfhörerausgang und Bluetooth.
FiiO CP13
FiiO CP13
Tragbarer Kassettenspieler von FiiO mit USB-C, 13 Stunden Akkulaufzeit und Metallgehäuse.

Günstig ist das Hobby nicht (mehr)

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Kassetten sind heute alles andere als das günstige Format, für das sie früher mal standen. Neue Alben kosten mit Versand gerne mal zwischen 20 und 35 Euro. Hochwertige Leerkassetten von früher sind ebenfalls sehr gefragt und damit preisintensiv geworden.

Und dann sind da ja noch die Geräte selbst … Beliebte, hochwertige Walkmans und Decks kosten schnell mehrere Hundert bis hin zu mehreren Tausend Euro. Die Preise haben in den vergangenen Jahren stark angezogen.

Hier gehört immer ein bisschen Glück dazu, ein Schnäppchen zu finden. Auf Flohmärkten sind sie in meiner Region rar gesät, aber zumindest finde ich hier immer mal günstige »Die drei ???«-Kassetten mit der alten Originalmusik, die es in digitaler Form so schlicht nicht gibt.


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(M)ein kleines Fazit

Für mich sind Walkman und Kassetten keine tatsächliche Flucht vor moderner Technik, sondern vielmehr ein bewusster Gegenpol dazu. Ich kenne die Vorteile moderner Geräte – beruflich wie privat. Genau deshalb schätze ich es, ab und zu etwas in die Hand zu nehmen, das langsamer, direkter und bewusster funktioniert.

Walkman und Kassetten sind bei mir eine Auszeit vom digitalen Dauerbetrieb. Und ich hoffe, dass es noch lange so bleiben wird. Was wäre denn das Leben ohne Bandsalat?


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