Was sind die Stärken?
Die lebendige und logische Spielwelt: Je mehr ich Earthborne Rangers spiele, desto besser verstehe ich seine Welt, was einfach perfekt zu einem Abenteuer-Erkundungsspiel passt. Anfangs fühle ich mich noch verloren, aber irgendwann weiß ich, wo sich Person X rumtreiben könnte, die von Person Y gesucht wird. Oder was sich mit einem geheimnisvollen Gegenstand anfangen lässt. Oder wie ich bestimmte Gebiete am schnellsten durchquere.
Gleichzeitig sorgt die Kombination aus Welteffekten und zufällig gezogenen Umgebungskarten immer wieder für großartige Sandbox-Situationen, die gleichzeitig vollkommen nachvollziehbar wirken.
Um etwa beim spoilerfreien Rehbeispiel zu bleiben: Wenn ich aus Questgründen durch die Wälder ziehe, um möglichst viele Rehe zu fangen, muss ich mich nicht wundern, wenn die Wälder sukzessive gefährlicher werden, weil den Wölfen die Beutetiere fehlen, die ich beim Fangen aus dem Wald-Deck entfernt habe.
Spielerische Freiheit und Umfang: Zwar liefern die Quests der Hauptgeschichte einen losen roten Faden, wie sehr ich ihm folge, entscheide aber allein ich. Bei Computerspielen kenne ich diese Open-World-Freiheit, auf dem Wohnzimmertisch war es für mich etwas völlig Neues. Manche Gegenden der Welt habe ich aus reiner Neugierde erkundet und dabei immer etwas Interessantes gefunden.
Durch den Sandbox-Charakter wird jeder die Kampagne von Earthborne Rangers anders erleben, was für einen hohen Wiederspielwert sorgt, zumal sich auch die Charakterklassen sehr unterschiedlich anfühlen. Aber auch schon mit einem Kampagnendurchlauf bekommt ihr mit 30 (Spiel-)Tagen à 90 bis 120 Minuten mehr als genug Abenteuer fürs Geld.
Große Abenteuer ohne großen Aufwand: Earthborne Rangers habt ihr innerhalb von fünf Minuten auf- und wieder abgebaut, durch das Kartenprinzip hält sich auch der Platzbedarf in Grenzen. Falls ihr also Lust auf ein großes Kampagnenabenteuer habt, aber nur einen kleinen Tisch, könnte Earthborne Rangers der perfekte Lückenfüller sein.
Außerdem lässt sich Earthborne Rangers sowohl allein als auch zu zweit oder dritt super spielen. Und durch den Sandbox-Charakter macht es nicht allzu viel aus, wenn mal jemand keine Zeit hat. Das Verpasste habt ihr in ein paar Minuten nacherzählt.
Wo liegen die Schwächen?
Die Materialqualität: Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, diesen Punkt zu kritisieren, weil Earthborne Rangers passend zur Thematik komplett nachhaltig produziert wird und etwa vollständig auf Plastik und lange Transportwege verzichtet.
Zur Wahrheit gehört aber dennoch, dass es hier zum Preis von fast 100 Euro lediglich 540 Karten sowie rund 70 arg dünne Pappmarker gibt. Auch wenn der Umfang von Earthborne Rangers mehr als in Ordnung geht: Für das Geld bekommt ihr bei vielen anderen nerdigen Brettspielen eine wesentlich bessere Tischpräsenz. Wenn auch nicht nachhaltig produziert.
Die steile Lernkurve: Das Grundprinzip von Earhtborne Rangers habt ihr schnell verstanden, aber der Teufel im Regeldetail liegt im Zusammenspiel der Karten. Wenn ihr im späteren Spielverlauf locker 15 bis 20 Karten für Wetter, Missionen, Orte, Hindernisse, Kreaturen, Gefährten und Gegenständen auf dem Tisch liegen habt, dann passiert es selbst nach mehreren Partien verflucht schnell, dass ihr etwas Wichtiges überseht.
Da Earthborne Rangers ein kooperatives Spiel ist, macht es das Erlebnis nie kaputt. Aber es nervt natürlich trotzdem, wenn ihr drei Züge zu spät feststellt, dass ihr ein Problem längst hättet lösen können.
Ab und an Quatschsituationen: Wie in den Elder-Scrolls-Spielen bringt es der Zufalls- und Sandbox-Charakter von Earthborne Rangers mit sich, dass immer mal wieder etwas passiert, was so von den Designern garantiert nicht geplant war. Mein persönlicher Favorit: Eine Malerin wollte ausgerechnet dann ein Porträt von mir anfertigen, als ich gerade von hungrigen Wölfen umringt war.
Wem empfehle ich es?
Wie gut euch Earthborne Rangers gefällt, hängt entscheidend davon ab, wie bereit ihr seid, ein Brettspiel mehr zu fühlen als mechanisch zu beherrschen.
In den ersten zwei bis drei Partien werdet ihr euch mehrmals fragen, was dieses Spiel eigentlich von euch will. Außer dass ihr Brötchen ausliefern sollt. Ernsthaft.
Earthborne Rangers funktioniert dann am besten, wenn ihr in der Lage sein, euren inneren Optimierungszwang auszuschalten und einfach nur das Erkundungserlebnis zu genießen.
Außerdem solltet ihr mindestens alle zwei Wochen Zeit zum Spielen haben, um gedanklich in der Welt zu bleiben. Und seid euch bewusst, dass euch Earthborne Rangers selbst dann locker ein halbes Jahr lang beschäftigt. Es ist klar auf das Kampagnenerlebnis ausgelegt, auch wenn es auf der Website des Verlags zwei kostenlose Einzelszenarien zum Download gibt.
Earthborne Rangers verlangt von euch, dass ihr euch darauf einlasst. Im Gegenzug belohnt es euch mit einem Spielerlebnis, das sich nur schwer beschreiben lässt, aber sich genau deshalb so einzigartig ist.
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