Brettspiele sind für mich wie Frankensteins Monster: aus den unterschiedlichsten Elementen zusammengeklopft, um etwas Neues zu erschaffen.
Damit will ich nicht behaupten, dass Brettspiele nicht mehr innovativ sind, im Gegenteil! Aber als bekennender Tabletop-Nerd würde ich schon von mir behaupten, dass ich 95 Prozent aller Brettspiele feinsäuberlich in sämtliche spielmechanischen Einzelteile zerlegen kann.
Schließlich gibt’s davon auch mehr als genug: Worker Placement, Deckbuilding, Dice Management, Area Control, Tile Placement, Drafting, Hand Management, Engine Building, Choose Your Own Adventure … ihr seht meinen Punkt.
Was ich sagen will: Nach über 40 Jahren Brettspielliebe erlebe ich es nur noch äußert selten, dass sich ein Spiel für mich komplett neu und vollkommen unverbraucht anfühlt. Und jetzt dürft ihr dreimal raten, warum ich euch unbedingt von Earthborne Rangers erzählen muss.
Worum geht’s?
Earthborne Rangers ist ein kooperatives Kampagnen-Abenteuerspiel, dessen Open World ihr komplett kartenbasiert erkundet. Sowohl eure Charaktere als auch die Umgebungen der Welt werden dabei durch Decks repräsentiert.
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Earthborne Rangers: Die Entwickler erklären im Trailer ihr Open-World-Brettspiel
Um mit diesen Karten zu interagieren, müsst ihr in der Regel unterschiedlich schwierige Tests bestehen. Dazu setzt ihr begrenzt verfügbare Energiemarker ein, verteilt auf die vier Aspekte Wahrnehmung, Ruhe, Fitness und Souveränität. Diese eingesetzte Mühe könnt ihr zusätzlich durch das Ablegen von Karten verstärken um eure Erfolgschancen zu erhöhen. Die so geopferten Karten fehlen euch dann logischerweise für andere Zwecke.
Habt ihr alle Energie aufgebraucht, beendet ihr euren Zug und zieht neue Karten, sowohl von eurem eigenen Deck als auch vom Umgebungsdeck. Das Spiel beginnt so lange von vorn, bis ihr euer Deck aufgebraucht habt. Dann endet der Tag und damit auch eure aktuelle Partie.
Die Kampagne von Earthborne Rangers besteht aus 30 Tagen, beziehungsweise Partien. Die Zeit vergeht also unabhängig davon, ob ihr eure Ziele erreicht oder nicht. Seine Geschichte erzählt Earthborne Rangers einerseits über festgelegte Ereignisse, die an bestimmten Tagen passieren und andererseits über Missionen, die ihr von Charakteren oder an bestimmten Orten aufgabelt. Dann lest ihr angenehm kurze Texte in einem Kampagnenbuch, die euch auch häufig Entscheidungen abverlangen.
Wie sehr ihr euch mit den Missionen beschäftigt, liegt allerdings ganz bei euch. Wie ein Bethesda-Rollenspiel legt euch Earthborne Rangers direkt ab der ersten Partie die gesamte Karte der Spielwelt zu Füßen und lässt euch erkunden, was ihr erkunden wollt.
Genauso ungewöhnlich wie die Spielstruktur ist das Setting: In einer nicht ganz so fernen Zukunft stand die Welt kurz vor dem Untergang, eine Renaturierung des Planeten brachte die Rettung. Ihr interagiert also einerseits mit Zukunftstechnologie, erkundet andererseits aber vor allem die unberührte Natur. Ein bisschen wie eine Wohlfühlvariante der Horizon-Spiele, nur mit genmanipulierten Kreaturen statt Robosauriern.
Vertrieb, deutsche Version und Preis
Earthborne Rangers wurde vom Bayreuther Brettspielverlag Frosted Games sauber ins Deutsche übersetzt, was nicht nur für die Karten gilt, sondern genauso für die gut strukturierte Anleitung und das Kampagnenbuch. Ihr erhaltet das Spiel sowohl bei Frosted Games direkt, als auch im gut sortierten Fachhandel. Der Preis pendelt zwischen 90 und 100 Euro.
Wie spielt sich das?
Auf den ersten Blick erinnert Earthborne Rangers an andere kooperative Living Card Games wie Arkham Horror oder Marvel Champions. Was nur so mittel überrascht, schließlich stammen beide Titel vom gleichen Designer.
Heißt in der Praxis: Im Verlauf der Kampagne baut ihr euch ein immer stärker werdendes Deck zusammen, um die immer stärker werdenden Herausforderungen zu bewältigen. Spannung und Taktik bringen vor allem die Synergien zwischen den Karten.
Allerdings fühlt sich die Welt von Earthborne Rangers soooo viel lebendiger an als alle anderen Living Card Games und ehrlich gesagt auch die meisten anderen Brettspiele.
Denn nicht nur ihr interagiert mit den Karten, sie interagieren auch untereinander. Bei jedem Test deckt ihr eine sogenannte Welteffekt-Karte aus, die euer Testergebnis leicht beeinflusst, vor allem aber auch alle anderen Karten im Spiel.
Ein einfaches Beispiel: Befinden sich gleichzeitig Rehe und Wölfe im Spiel, besteht eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich die Wölfe ein Rehgulasch genehmigen. Gibt’s nur Wölfe, aber keine Rehe, besteht bei euch die Gulaschgefahr.
So oder so müsst ihr überlegen, wie ihr die jeweilige Spielsituation möglichst effizient löst, um keine Energie zu verschwenden. Ihr könnte die Wölfe etwa nicht nur umschleichen, sondern auch vertreiben oder beruhigen oder eure Gegenstände einsetzen.
Selbstverständlich liefern euch auch die Karten eures Decks jede Menge Möglichkeiten, die Herausforderungen eurer Umgebung zu bewältigen. Das fühlt sich fast wie in einem Rollenspiel an, weil die Karten sehr gut die spezifischen Charaktereigenschaften eures Rangers widerspiegeln.
Ein echtes Scheitern kenn Earthborne Rangers nicht, schließlich entwickelt sich die Geschichte auch ohne euer Eingreifen im Laufe der Zeit. Aber je erfolgreicher ihr spielt, desto mehr Einfluss nehmt ihr auf die Ereignisse. Und natürlich motivieren auch die Belohnungskarten, die ihr für das Erfüllen von Missionen erhaltet und euer Deck verstärken.
Am Ende des Tages geht es in Earthborne Rangers aber weniger ums Gewinnen, als mehr ums Entdecken und Erleben einer faszinierenden Open World.
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