Ein Trekking-E-Bike mit Mittelmotor kostet bei etablierten Marken schnell 3.000 Euro und mehr. Fiido will mit dem Nomads Pro genau diese Lücke schließen: 100 Nm Drehmoment, Drehmomentsensor, Luftfedergabel und Vierkolbenbremsen für knapp 2.000 Euro.
Bei günstigen E-Bikes bin ich trotzdem vorsichtig. Ich habe schon einige getestet, bei denen das Datenblatt super aussah und der Motor dann beim Anfahren zögerte oder bei 25 km/h abrupt gegen eine unsichtbare Wand knallte.
Die Frage lag also auf der Hand: Wo ist beim Nomads Pro der Haken?
Die kurze Antwort: nicht beim Motor. Der gehört sogar zu den besten Eigenschaften des Rads.
Verarbeitung: Sieht nicht nach China-Budget aus
Das Nomads Pro ist kein kleines, filigranes Stadtrad. Mit dem massiven Gepäckträger steht hier ein ausgewachsenes Trekkingrad mit 29-Zoll-Laufrädern, das vor allem für kleine Personen etwas wuchtig wirken kann.
Dafür steht dem Rahmen die silberne Farbe toll, wie ich finde. Sie wirkt sportlich-elegant und verleiht dem Aussehen etwas Hochwertiges. Ich würde das Bike jedenfalls teurer schätzen, als es ist. Auch die Verarbeitung macht einen ordentlichen Eindruck.
Das Vorurteil vom billigen China-Rad passt hier übrigens nur bedingt. Fiido ist zwar eine chinesische Marke, montiert seine E-Bikes für den europäischen Markt aber inzwischen in einem eigenen Werk in Frankreich.
Etwas schade: Vorne am Lenker hängen die Kabel einzeln heraus. Hier ein Bremszug, da ein Lockout-Kabelchen, dort die Leitung fürs Display. Ein aufgeräumtes Cockpit sieht anders aus.
Bei diesem Preis kann ich aber darüber hinwegsehen.
Rund 26 Kilogramm bringt das Pro auf die Waage. Im Alltag habe ich davon aber kaum etwas gemerkt. Für das tägliche Schleppen in den dritten Stock ist es trotzdem zu klobig und zu schwer. Der Akku lässt sich jedoch einfach entnehmen.
Technische Daten im Überblick
| Eigenschaft | Spezifikation |
|---|---|
| Motor | Mivice X700 Mittelmotor, 250 W, 100 Nm, Drehmomentsensor |
| Unterstützung | bis 25 km/h, Schiebehilfe bis 6 km/h |
| Unterstützungsstufen | 3 ab Werk, per App auf 5 erweiterbar |
| Akku | 417,6 Wh, im Rahmen, entnehmbar, Ladezeit ca. 6 Stunden |
| Reichweite (Hersteller) | bis 75 km (1 Akku), bis 225 km (3 Akkus) |
| Schaltung | Shimano CUES, 9-fach (11–36T) |
| Bremsen | Hydraulische Vierkolben-Scheibenbremsen, 203 mm |
| Federgabel | Luftfedergabel, 120 mm, Lockout am Lenker |
| Reifen | CST, 29 × 2,1 Zoll |
| Gewicht | 26,2 kg (mit Akku) |
| Zuladung | 120 kg gesamt, Gepäckträger 25 kg |
| Rahmengrößen | M (170–190 cm), L (180–200 cm) |
| Ausstattung | Schutzbleche, Gepäckträger, Licht, Rahmenschloss, Ständer |
| Preis | 2.000 Euro, mit zwei Zusatzakkus 2.700 Euro |
Wie ich E-Bikes teste
Ich bin das Nomads Pro zwei Wochen lang im Alltag gefahren, auf Asphalt, Schotter und Waldwegen. Ich bin steile Hügel hinaufgefahren und habe den Motor in jedem Assistenzmodus ausprobiert. Wir haben in unserer ländlichen Umgebung viele Schlaglöcher und Unebenheiten sowie Steigungen und einen Wald mit vielen Wurzeln. Der Test fand bei Temperaturen um die 15 Grad statt. Ich bin 1,68 m groß und wiege 58 Kilo.
Der Motor: butterweich statt Betonwand
Kommen wir zum Herzstück, und hier liefert Fiido richtig ab. Der 100 Newtonmeter starke Mittelmotor schiebt sofort an, sobald ich in die Pedale trete. Kein Gedenksekündchen, kein Ruckeln.
Durch den Drehmomentsensor wird umso mehr Kraft entfesselt, je stärker ihr in die Pedale tretet, was ein sehr geschmeidiges Fahrgefühl zur Folge hat. Hört ihr auf zu treten, dreht der Motor nur minimal nach. Dazu ist er angenehm leise.
Ab Werk stehen drei Unterstützungsstufen bereit, per App lassen sich fünf freischalten. Schon im Eco-Modus schiebt das Pro erstaunlich kräftig, für flache Strecken reicht das locker. In der höchsten Stufe wird die Beschleunigung dann richtig spritzig.
Und dann kommen die 25 km/h.
Bei vielen günstigen Pedelecs endet hier der Spaß schlagartig, weil der Motor die Unterstützung abrupt kappt. Beim Pro nimmt er sich sanft zurück, ein abruptes Abwürgen gibt es nicht. Mal ist bei 25 km/h Schluss, mal schon bei 24 km/h. In der Turbo-Stufe hatte ich dagegen den Eindruck, dass er bis etwa 26 km/h mitzieht.
Zufall ist das nicht. Fiido hat seine Motorsteuerung nach Kritik am Schwestermodell Nomads überarbeitet, unter anderem nach meinem Feedback aus dem Test. Diese Änderungen stecken laut Hersteller im Pro bereits ab Werk.
Jenseits der 25 km/h wird es dann zäh. Gegen knapp 26 Kilo Rad kapitulieren meine Beinchen schnell, bei ca. 30 km/h war dann Schluss.
Umgekehrt klappt das erstaunlich gut: Ganz ohne Motor lässt sich das Pro bei niedrigem Tempo dank der Neungang-Schaltung angenehm bewegen. Ist der Akku auf dem Heimweg leer, schleppt ihr euch zumindest in der Ebene also nicht mit letzter Kraft nach Hause.
Ein kleines Aber gibt es. Ab und zu faucht der Motor hörbar lauter, auch bei ruhiger Fahrt ohne große Last. Das kam bei mir nur selten vor. Ob das eine Macke meines Testrads ist, kann ich nicht sagen, gestört hat es mich aber nicht, zumal es nur extrem selten auftrat.
Am Berg und mit Gepäck: Dafür sind die 100 Nm da
Rund um meine Kleinstadt ist es hügelig, und genau hier spielt der Mittelmotor seine Stärke aus. Egal ob ich einen Hang hochfahre, einfach entspannter pedalieren möchte oder mit Gepäck auf dem Träger kräftigen Anschub brauche: Das Pro zieht souverän durch. Das macht richtig Spaß.
Wer regelmäßig Steigungen vor sich hat oder mit vollen Packtaschen auf Tour geht, merkt hier den Unterschied zu einem Nabenmotor, wie er im Fiido Nomads steckt, sofort.
Praktisch ist auch die Schiebehilfe. Sie bringt das Rad auf bis zu 6 km/h, wenn ihr es bergauf schieben oder eine steile Rampe hochbringen müsst.
Federgabel, Bremsen, Schaltung: Ein Kabel mehr macht das Kraut nicht fett
Die Luftfedergabel mit 120 Millimetern Federweg schluckt Wurzeln und Schotter souverän. Das Highlight ist aber der Lockout. Den schaltet ihr direkt am Bremshebel per Schalter, statt unten an der Gabel herumzufummeln.
Gerade wenn ich durch den Wald brettere und danach wieder auf Asphalt wechsle, ist das Gold wert. Ja, dafür läuft ein zusätzliches Kabel zum Lenker. Aber ein Kabel mehr macht das Kraut auch nicht fett.
Die Vierkolbenbremsen verzögern kräftig und gut dosierbar, auch mit Gepäck. Zum Gewicht des Rads passt das genau.
Die Shimano-CUES-Schaltung mit neun Gängen schaltet zuverlässig, allerdings erst nach etwas Nacharbeit. Und damit sind wir beim größten Ärgernis dieses Tests.
Vor der ersten Tour: Schraubstunde
Trotz des wertigen Eindrucks war mein Pro ab Karton nicht fahrbereit im eigentlichen Sinne. Die Schaltung knarzte und musste fein justiert werden. Die vordere Bremse schleifte lange, auch hier musste ich nachstellen.
Dazu kam das Gefühl, dass irgendetwas am Lenker oder Vorderrad locker ist. Also habe ich alles festgezogen, was ich finden konnte. Mein Rat an euch: Prüft nach dem Aufbau wirklich jede Schraube, bevor ihr losfahrt.
Ganz verschwunden ist das Thema bei mir trotzdem nicht. Bei Erschütterungen vibriert die Einheit aus Lenker und Vorderrad nach wie vor leicht. Den Fehler konnte ich nicht eingrenzen, beim Fahren merke ich davon aber kaum noch etwas.
Für euch heißt das: Das Pro kommt vormontiert, aber eventuell nicht fertig eingestellt. Wer zwei linke Hände hat, plant am besten einen Termin in der Fahrradwerkstatt ein. Ein Händlernetz wie bei etablierten Marken gibt es bei Fiido nämlich nicht. Passendes Werkzeug liegt aber erfreulicherweise im Lieferumfang bei.
Reichweite: Wie weit kommt man mit dem Fiido Nomads Pro?
Fiido verspricht mit einem Akku bis zu 75 Kilometer. Der Akku im Rahmen fasst 417,6 Wh, für ein Tourenrad mit diesem Motor ist das eher knapp bemessen.
Bei mir kamen bei 15 Grad und trockenem Wetter rund 60 Kilometer zusammen. Gefahren bin ich in der mittleren Stufe, auf einer Mischung aus Asphalt, Waldwegen und einigen Steigungen. Für mein hügeliges Umland ist das ein ordentlicher Wert, auf flachen Strecken und im Eco-Modus ist mehr drin. Bedenkt aber, dass ich mit knapp 60 Kilo aber auch nicht den Durchschnitt repräsentiere.
Wer weiter will, kann aufrüsten. Für 700 Euro Aufpreis gibt es zwei Zusatzakkus für den Gepäckträger, damit sind laut Fiido bis zu 225 Kilometer drin. Ein integrierter Range-Extender ist das allerdings nicht, ihr tauscht den leeren Akku per Hand.
Der Akku lässt sich entnehmen und so bequem in der Wohnung laden. Etwas nervig: Der Ladeanschluss sitzt an der Unterseite. Das Kabel dort einzustecken, ist jedes Mal eine kleine Fummelei. An der Seite wäre er besser aufgehoben gewesen.
Display, Licht und Schloss: spartanisch, aber mit Fortschritt
Gut gelöst ist die Akkuanzeige. Das Display zeigt den Ladestand in Prozent an, bei günstigen E-Bikes ist das keine Selbstverständlichkeit. Oft müsst ihr euch dort mit groben Balken herumschlagen, hier weiß ich jederzeit, woran ich bin.
Sonst bleibt es spartanisch. Die gefahrenen Kilometer zeigt das Display nur in vollen Zahlen, ohne Nachkommastelle. Für ein Tourenrad, bei dem ich gerne genau wissen will, wie weit ich gekommen bin, ist das unnötig grob.
Apropos: Die App per Bluetooth braucht ihr vor allem, um die fünf Unterstützungsstufen freizuschalten. Darüber hinaus ist sie rudimentär und wirkt teils lieblos. Sie erfüllt ihren Zweck, schön ist aber anders.
Bei der Beleuchtung erwartet euch Standard. Front- und Rücklicht hängen am Hauptakku, die Blinker vom günstigeren Schwestermodell wurden jedoch gestrichen und eine Bremslichtfunktion gibt's ebenfalls nicht.
Dafür gibt es ein Rahmenschloss am Hinterrad, das mit demselben Schlüssel wie der Akku funktioniert. Weil das Pro keinen Bewegungsalarm hat, finde ich das eine sinnvolle Ergänzung für den kurzen Stopp beim Bäcker. Für längeres Abstellen gehört aber ein stabiles Zusatzschloss dazu.
Ergonomie: Bei 1,68 Metern an der Grenze
Mit meinen 1,68 Metern liege ich offiziell knapp unter der Freigabe für Rahmengröße M, die Fiido ab 1,70 Metern angibt. Echte Probleme hatte ich damit nicht. Den Sattel konnte ich gut einstellen.
Ganz passend fühlt sich die Geometrie (ebenso so schon beim Nomads) für mich trotzdem nicht an. Ich muss mich weit nach vorne beugen, selbst nachdem ich den Lenker im Winkel verstellt hatte.
Am anderen Ende der Skala könnte es ebenfalls eng werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass sehr großen Fahrern die Sattelstütze zu kurz ist. Achtet vor der Bestellung also genau auf die Größenangaben.
Ebenfalls verbesserungswürdig: Die Griffe sind wirklich hart. Bei einem Preis von 2.000 Euro hätten es ruhig etwas angenehmere sein dürfen. Immerhin lassen sie sich für wenig Geld tauschen.
Alternativen zum Fiido Nomads Pro
In der Preisklasse um 2.000 Euro ist das Pro nicht allein. Die stärkste Konkurrenz habe ich selbst schon getestet.
Das Engwe E26 3.0 Pro kostet rund 1.800 bis 1.900 Euro und setzt ebenfalls auf einen Mivice-Mittelmotor mit 100 Nm. Dazu kommen ein größerer 720-Wh-Akku, Vollfederung sowie GPS-Tracking samt Bewegungsalarm.
Der Haken: Mit 34 Kilogramm und dicken 26-Zoll-Reifen ist das Engwe eher ein E-SUV als ein Tourenrad. Wer vor allem lange Strecken über Asphalt und Schotter fährt, hat mit dem rund acht Kilo leichteren Nomads Pro das handlichere Rad.
Noch eine Stufe darüber steht das MapFour Roam für rund 2.800 Euro. Vollfederung, Riemenantrieb statt Kette und ebenfalls 100 Nm machen es zu einem der spaßigsten E-Bikes, auf denen ich je saß. Auch das Roam bringt allerdings rund 34 Kilogramm auf die Waage.
Ein Schnäppchen ist gerade das Prophete Entdecker 5.8. Bei einer UVP von 3.400 Euro gibt es das Trekkingrad aktuell für rund 1.750 Euro, ebenfalls mit 100 Nm, größerem Akku und sogar Bremslicht. Dafür wiegt es rund 29 Kilogramm.
Wer kaum Berge vor sich hat, kommt mit dem normalen Fiido Nomads deutlich günstiger weg. Der Nabenmotor hat mit 45 Nm weniger Kraft, dafür gibt es die integrierten Blinker obendrauf.
Mein Fazit
Das Nomads Pro ist das beste Fiido-Rad, das ich bisher gefahren bin. Der Mittelmotor arbeitet so geschmeidig und leise, dass mir die Runden durchs Hügelland rund um Kreischa richtig Spaß gemacht haben.
Für wen lohnt sich das Pro? Für alle, die regelmäßig Steigungen fahren, mit Gepäck auf Tour gehen und einen kräftigen Mittelmotor wollen, ohne 3.000 Euro auszugeben. Die Luftgabel mit Lockout und die starken Bremsen machen es auch abseits von Asphalt zu einem verlässlichen Begleiter.
Für wen nicht? Für alle, die Wert auf eine hohe Reichweite liegen. Mit knapp 60 km ist diese beim Nomads Pro eher an der unteren Grenze. Auch wer auf Blinker und Bremslicht Wert legt, schaut hier in die Röhre.
Unterm Strich ist das Nomads Pro ein Bergtier mit Montage-Macken. Der Motor ist klasse, die Ausstattung für Touren durchdacht, die Abregelung angenehm sanft. Lockere Teile, harte Griffe und das magere Licht-Paket kosten es den letzten Stern.
Lest auch: Fiido Nomads im Test
Beim Antrieb hat Fiido richtig gute Arbeit geleistet. Jetzt müsste nur noch die Endkontrolle im Werk genauso gründlich arbeiten wie der Motor am Berg. Wer bereit ist, nach dem Auspacken etwas Zeit mit dem Werkzeug zu investieren, bekommt ein Touren-E-Bike, das richtig Laune macht. Für 2.000 Euro bekommt ihr hier einen Mittelmotor, der sich nach deutlich mehr anfühlt.


Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.