Fledermaus-Menschen auf dem Mond? Die wohl größte Zeitungs-Lüge der Geschichte

1835 berichtete eine Zeitung von Mondbewohnern – Millionen glaubten es. Der »Große Mondschwindel« war die erste große Fake-News-Geschichte.

1835 veröffentlichte »The Sun« in New York Berichte über angebliche Mondbewohner – ein früher Beweis dafür, wie sehr wir sehen, was wir sehen wollen. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; GameStar Tech) 1835 veröffentlichte »The Sun« in New York Berichte über angebliche Mondbewohner – ein früher Beweis dafür, wie sehr wir sehen, was wir sehen wollen. (Bildquelle: Adobe Firefly, KI-generiert; GameStar Tech)

Seit etwa sechzig Jahren horchen wir mit immer empfindlicheren Antennen in die dunkle Leere des Alls. In einem Meer aus kosmischem Rauschen suchen wir nach einem Ausreißer, der nicht aus einer natürlichen Quelle stammt.

Ein solches Signal wäre das eindeutige Zeichen, dass irgendwo andere Wesen ebenfalls lauschen. Diese Suche trägt den Namen SETI – Search for Extraterrestrial Intelligence.

Man kann sogar von einer kompletten Institution sprechen, die sich gänzlich diesem Vorhaben verschrieben hat: das SETI Institute in Kalifornien.

Schon in den Sechzigerjahren aus dem Schatten getreten, jedoch erst 1984 formell ins Leben gerufen, führt es die Idee weiter, die mit Frank Drakes Projekt Ozma ihren Ursprung fand – den Himmel methodisch nach Signalen außerirdischer Zivilisationen zu durchkämmen.

Doch bis zum heutigen Tag bleibt das All wortkarg: kein ferner Ruf, kein kosmischer Handschlag. Selbst das berüchtigte Wow!-Signal von 1977, einst als das überzeugendste Indiz für außerirdische Intelligenz gefeiert, lässt sich heute mit beträchtlicher Sicherheit einer rein natürlichen Herkunft zuordnen.

Dennoch halten zahlreiche Forschende nach wie vor daran fest, dass das Universum von Leben wimmelt und irgendwo dort draußen Intelligenz existieren muss – doch der Himmel bleibt stumm.

Als der Mond zu sprechen schien

Heute blicken wir nüchtern und vorsichtig zu den Sternen; doch einst war das völlig anderes. Im Jahr 1835 war man überzeugt, den Beweis für außerirdisches Leben entdeckt zu haben – und zwar nicht in den unergründlichen Tiefen des Alls, sondern gleich vor unserer kosmischen Haustür, nämlich auf dem Mond.

Die New Yorker Zeitung The Sun veröffentlichte in der Woche vom 25. bis 31. August 1835 eine sechsteilige Serie, die das Publikum regelrecht elektrisierte.

Unter Berufung auf den britischen Astronomen Sir John Herschel (1792–1871) und seinen angeblichen Kollegen Thomas Dick (1774–1857) wurde berichtet, dass man auf der Mondoberfläche geflügelte Wesen, eigenartige Tiere und üppige Pflanzen entdeckt habe – ein Befund, der einem gewaltigen Teleskop am Kap der Guten Hoffnung zuzuschreiben sei.

Für die damalige Zeit klangen die Artikel erstaunlich nüchtern und wissenschaftlich, sodass sie durchaus überzeugend wirkten. Dazu kursierte das Gerücht, dass Herschel ein gänzlich neues Spiegelteleskop konstruiert habe, das sogar die Planeten fremder Sternensysteme sichtbar machen könne.

Eine Fälschung, die Flügel trägt

So soll die Bevölkerung des Mondes ausgesehen haben. (Bildquelle: The Sun, Benjamin Henry Day; nachkoloriert) So soll die Bevölkerung des Mondes ausgesehen haben. (Bildquelle: The Sun, Benjamin Henry Day; nachkoloriert)

Sir John Herschel war in der Tat ein äußerst angesehener Astronom und zugleich Sohn des bekannten William Herschel (1738–1822), der den Planeten Uranus entdeckt hatte. Trotzdem hatten weder er noch Thomas Dick etwas mit den spektakulären Beobachtungen zu tun.

Tatsächlich war alles nur ein Konstrukt. Die Artikel stammen vom Journalisten Richard  Adams  Locke (1800–1871), der sie unter dem Pseudonym Dr.  Andrew  Grant veröffentlichte. Offenbar wollte Locke mit seiner satirischen Feder die leichtgläubige Öffentlichkeit und die überzogenen wissenschaftlichen Spekulationen in ein spöttisches Licht rücken.

Die Texte strotzten vor detailreichen Beschreibungen:

In einem der erhabenen Täler am Fuße des Atlas stießen wir auf die bemerkenswert überlegene Spezies des Fledermausmenschen (Vespertilio homo) [...] Ihr Anblick war uns fast nicht weniger lieblich als die Engel, die in den fantasievollsten Malerschulen zu finden sind.

The Sun, 28. August 1835

Die Leserinnen und Leser reagierten begeistert. Schon nach wenigen Tagen griffen weitere Zeitungen die Geschichte auf. Manche forderten sogar, Missionare zum Mond zu schicken, um die neu entdeckten Geschöpfe zu bekehren. Erst am 16. September 1835 räumte The Sun ein, dass alles nur ein Scherz gewesen war.

Der Vorfall ging als Great Moon Hoax  – der große Mondschwindel – in die Geschichtsbücher ein.

Ein Spiegel der Zeit – und des Menschen

Diese Episode war nicht nur eine kuriose Zeitungsposse, sondern offenbarte, wie schnell Menschen von der scheinbaren Autorität der Wissenschaft beeindruckt werden. Locke traf damit einen empfindlichen Nerv: In jener Zeit war die Grenze zwischen echter Aufklärung und bloßer Sensationsgier kaum mehr als ein hauchdünner Schleier.

Edgar Allan Poe reagierte unverzüglich, denn im selben Jahr, nur ein paar Monate zuvor, war bereits seine Erzählung The Unparalleled Adventure of One Hans Pfaall (auf Deutsch: »Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall«) erschienen, in der ein Mann mit einem Ballon zum Mond aufbricht und dort fremde Bewohner trifft.

Poe, der Locke zunächst des Plagiats beschuldigte, verfiel Jahre später selbst einer journalistischen Täuschung, als er die Zeitungsente The Balloon Hoax verfasste, die am 13. April 1844 abermals in der  Sun veröffentlicht wurde.

Der weltweit gefeierte Autor ließ verlauten, ein niederländischer Ballonfahrer habe den Atlantik in nur drei Tagen bezwungen. Zwei Tage später kam das Geständnis: Alles war nur ein Hirngespinst.

Vom Mond zur Medienblase

Heute können wir über den Mondschwindel schmunzeln, denn die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Selbst die mächtigsten Teleskope vermögen keine menschengroßen Lebewesen auf dem Mond ausfindig zu machen.

Ihre Auflösung greift erst bei Strukturen, die einige Dutzend Meter oder mehr ausmachen – selbst ein ausgewachsener Blauwal oder ein kolossaler Brachiosaurus‑Bulle würde dort lediglich als ein winziger Pixel erscheinen.

Erst die im Mondorbit kreisenden Raumsonden, etwa das NASA‑Projekt Lunar Reconnaissance Orbiter senden Bilder zurück, auf denen sich Landemodule und die Spuren von Astronauten deutlich erkennen lassen.

Obwohl sich die Technik wandelt, bleibt das Grundmuster gleich: Der Drang zu glauben überwiegt oft die Geduld, die das Prüfen erfordern würde.

Wo einst ein Zeitungsdrucker in Manhattan in Bleilettern fantasievolle Geschichten über Mondmenschen setzte, verbreiten heute Algorithmen Mythen im Sekundentakt.

Zwischen Staunen und Skepsis

Sowohl die Welt von 1835 als auch unsere eigene sind von derselben Sehnsucht durchdrungen: dem stillen Hoffen, im Universum nicht allein zu sein.

Beide teilen auch dieselbe Gefahr: die Verwechslung von Lüge und Wahrheit.

Darum ist Medienkompetenz heute wichtiger denn je. Man kann sie fast wie ein zeitgenössisches Fernrohr verstehen – nicht, um ferne Himmelskörper zu entdecken, sondern um den Schleier zu lüften, den unsere Bildschirme allzu häufig über die Realität legen.

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