Weltgesundheitsorganisation erkennt Computerspielsucht offiziell als Krankheit an

Gaming-Sucht gilt ab sofort als Krankheit. Bislang wurde über die Definition noch regelmäßig gestritten, nun hat die WHO aber ein finales Urteil gesprochen.

von Michael Herold, Christian Just,
21.05.2019 14:40 Uhr

Die WHO stimmt in dieser Woche über das weitere Verfahren mit Computerspielsucht im ICD-11 ab.Die WHO stimmt in dieser Woche über das weitere Verfahren mit Computerspielsucht im ICD-11 ab.

Update vom 21.05, um 14 Uhr: Das Urteil ist gesprochen. Video- und Computerpielsucht gilt neuerdings offiziell als Krankheit. Das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nun auf einer Tagung in Genf bestätigt. Damit findet sich im neuen internationalen Katalog der Krankheiten (genannt International Classification of Diseases oder ICD-11, umfasst knapp 55.000 Krankheiten) nun auch ein Eintrag für die sogenannte »Gaming Disorder«.

Genau genommen stand die Spielesucht schon seit 2018 im ICD-11, nun wurde der Katalog aber zum ersten Mal seit 30 Jahren generalüberholt und offiziell um neue Einträge erweitert. Neuerdings gilt also die elfte Variante des ICD, durch die neben Gaming- übrigens auch Sexsucht weltweit als Krankheit eingestuft wird.

Ob »Gaming Disorder« nun als eine Videospiel-, Computerspiel- oder Online-Spielsucht übersetzt wird, macht bislang scheinbar keinen Unterschied. Verschiedene Medien sprechen hier von unterschiedlichen Namen, die allerdings allesamt auf den englischen Originalbegriff zurückzuführen sind.

Konkret ändern wird sich durch die Entscheidung der WHO laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, dass in Deutschland nun entsprechende Behandlungen der Krankheit möglich sein müssen. Vor allen Dingen müssten Therapien gegen diese Krankheit auch durch gesetzliche Krankenkassen finanziert werden. Wer also an einer Videospielsucht leidet, muss die Behandlung künftig nicht mehr allein bezahlen.

WHO stimmt über neuen Katalog der Krankheiten ab

Original-Meldung vom 20.05.: Bei der Weltgesundheitsversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf findet noch in dieser Woche eine Abstimmung darüber statt, ob »Gaming Disorder« (Videospiele-Krankheit oder Spielsucht) in Zukunft final in den Krankheiten-Katalog ICD-11 aufgenommen wird.

Wir hatten bereits letztes Jahr berichtet: Erstmals 2017 hatte die WHO Sucht nach Videospielen als psychische Störung vorläufig anerkannt. Mit der Veröffentlichung der elften Iteration des Katalogs International Classification of Diseases (ICD-11) im Jahr 2018 war diese nicht-finale Anerkennung offiziell.

Das bedeutet die Abstimmung: Nun obliegt es den Experten bei der Weltgesundheitsversammlung, final zu entscheiden, ob der Entwurf des ICD-11 offiziell zum Standard für behandelnde Ärzte und Wissenschaftler werden kann. Eine positive Abstimmung würde demnach bedeuten, dass auch Computerspielsucht zur international anerkannten Krankheit wird.

Was bedeutet Spielsucht laut WHO?

Laut ICD-11-Entwurf zeichnet sich Spielsucht durch drei Kriterien aus:

"Spielsucht zeichnet sich durch ein Muster aus anhaltendem oder immer wiederkehrendem Verhalten im Bezug auf Videospiele aus. Sowohl online als auch offline kann sich dies wie folgt zeigen:

1. Beeinträchtigte Kontrolle über das eigene Spielverhalten (zum Beispiel in Sachen Häufigkeit, Intensität, Dauer, Beginn oder Ende des Spielens).
2. Zunehmende Priorität für das Spielen, bis zu dem Punkt, an dem Gaming Vorrang vor anderen Lebensinteressen und täglichen Aktivitäten hat.
3. Weiterspielen, obwohl bereits negative Konsequenzen auftreten."

Kompakt zusammengefasst: Laut WHO sind Personen durch Videospielsucht gefährdet, die das Spielen den meisten anderen Aktivitäten vorziehen, wenig Kontrolle über das eigene Spielverhalten haben und weiterspielen, obwohl sich im Privat- und Berufsleben bereits negative Konsequenzen einstellen.

Machen Spiele süchtig? Unser Plus-Report zum Thema Videospielabhängigkeit

Gerade Online- und Free2Play-Spiele wie Fortnite werden bereits von Kindern gespielt und können gegebenenfalls zu Sucht führen.Gerade Online- und Free2Play-Spiele wie Fortnite werden bereits von Kindern gespielt und können gegebenenfalls zu Sucht führen.

Industrie fordert »Kommunikation und Aufklärung«

Bereits in der Vergangenheit zeigten sich Industrievertreter kritisch. So befürchtete etwa die Lobbygruppe ESA (Entertainment Software Association) eine »Banalisierung echter psychischer Gesundheitsprobleme wie Depression und Angststörung«.

Auch anlässlich der bevorstehenden Abstimmung äußerte die ESA erneut Bedenken. ESA-Präsident Stanley Pierre-Louis appelliert an Vertreter der WHO:

"Wir glauben, dass kontinuierliche Gespräche und Schulungen erforderlich sind, bevor eine Klassifizierung abgeschlossen werden kann. Tatsächlich haben führende Experten für psychische Gesundheit wiederholt darauf hingewiesen, dass die Klassifizierung von »Gaming Disorder« ein Risiko der Fehldiagnose für Patienten mit hohem Hilfebedarf darstellt. Es ist unsere Hoffnung, dass wir durch einen kontinuierlichen Dialog der WHO helfen können, überstürzte Aktionen und Fehler zu vermeiden, deren Behebung Jahre dauern könnte."

Gleichzeitig beruft sich Pierre-Louis auf Anstrengungen von Industrievertretern, aktiv in der Gesundheitsvorsorge und Ausgestaltung von Hilfestellungen mitzuwirken.

"Als Branche arbeiten wir eng mit Interessengruppen, Forschern, politischen Entscheidungsträgern und Eltern zusammen, um erstklassige Bewertungen, Elternkontrollen und andere Tools zu gewährleisten, die Videospielern und Eltern helfen, gesundes Spielen zu verstehen und zu gewährleisten."

Wir halten euch über weitere Entwicklungen zu diesem Thema auf dem Laufenden.

Quelle: inews.co.uk

Falls ihr fürchtet, ihr selbst oder einer eurer Freunde könnte an Videospielsucht leiden, wendet euch bitte an euren Hausarzt und lasst euch oder den Betroffenen notfalls an psychiatrische Fachärzte überweisen. Alternativ gibt es in Deutschland zum Thema Internet- und Spielabhängigkeit noch einige professionelle Ansprechpartner:

- Die Ambulanz für Spielsucht der Uni Mainz
Telefon: 06131 177381
E-Mail: Sekretariate-pt@unimedizin-mainz.de

- Lost in Space - Beratung für Internet und Computerspielabhängige (Caritas Berlin)
Telefon: 030 66633959
E-Mail: lostinspace@caritas-berlion.de


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