Werden wir Grafikkarten demnächst wieder zur UVP kaufen können?

Die Preise für Grafikkarten sind zuletzt spürbar gesunken. Doch wie realistisch ist es, auf UVP-Preise zu hoffen. Wir wagen eine Prognose.

von Alexander Köpf,
11.03.2022 17:45 Uhr

Der Traum von der UVP für Grafikkarten: Wird er doch bald wieder wahr? Der Traum von der UVP für Grafikkarten: Wird er doch bald wieder wahr?

Die Preise für Grafikkarten sind mittlerweile schon so lange so hoch, dass es fast wie graue Vorzeit erscheint, als wir uns die 3D-Beschleuniger noch zur unverbindlichen Preisempfehlung der Hersteller kaufen konnten. Seit bald eineinhalb Jahren sind Geforces und Radeons quasi durchgängig zu knapp und vor allem zu teuer. Den traurigen Höhepunkt markierte der Mai des letzten Jahres, als für Nvidias RTX 3000 teils das Dreifache und auch für AMDs RX 6000 mehr als Doppelte der UVP aufgerufen wurde.

Bis Ende des Jahres 2021 haben sich die Preise für Grafikkarten beider Hersteller bei etwas weniger als dem Doppelten der UVP eingependelt. Seit Beginn des neuen Jahres fallen die Preise jedoch sukzessive. Aktuell kosten RTX 3000 und RX 6000 so viel wie zuletzt Mitte 2021. Sie liegen rund 35 bis 40 Prozent über dem Listenpreis.

Das wirft die Frage auf, wie es mit der Preisentwicklung bei den Grafikkarten weitergeht. Werden wir die aktuelle Grafikkarten-Generation demnächst vielleicht sogar zur UVP bekommen? Oder gehen die Preise wieder nach oben? Wir schauen uns daher einmal an, was für einen weiteren Preissturz spricht und was dagegen. Am Ende wagen wir sogar eine Prognose, gesicherte Aussagen sind dagegen nicht möglich.

Was spricht für UVP-Preise?

Alte und neue Generation sollen gleichzeitig gefertigt werden

Laut eines Berichts der Kollegen von PCMag, die sich wiederum auf eine Aussage von Nvidias Chief Financial Officer Colette Kress beziehen, will der Grafikkarten-Gigant die aktuelle Generation Geforce RTX 3000 weiter fertigen und verkaufen, wenn die kommende Generation RTX 4000 schon längst produziert wird.

Sprich: RTX 4000 auf Basis der Lovelace-Architektur würde bei Auftragsfertiger TSMC in einem 5-Nanometer-Verfahren gefertigt, während RTX 3000 auf Basis der Ampere-Architektur weiterhin in einem 8-Nanometer-Verfahren bei Samsung von den Fließbändern rollt.

RTX 4000 wird gegen Ende dieses Jahres erwartet. Das wiederum bedeutet, dass das Interesse der Spieler an RTX 3000 mit Blick auf eine neue, leistungsstärkere Generation langsam sinken dürfte. Normalerweise fahren die Hersteller an dieser Stelle die Produktion allmählich zurück, um die Preise möglichst lange auf einem hohen Niveau zu halten. In diesem Fall könnte das jedoch bedeuten, dass sich die Preise für die Ampere-GPUs demnächst tatsächlich um die UVP einpendeln.

Und was ist mit AMD? Selbst wenn AMD diesen Weg nicht mitginge, wäre das Unternehmen wohl gezwungen, seine Preise denen von Nvidia anzupassen. Übrigens: Eine aktuelle Grafikkarte von AMD gibt es sogar schon zur UVP:

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Radeon RX 6500 XT

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Nvidia sichert sich Produktionskapazitäten

Schon vor einiger Zeit berichteten wir davon, dass Nvidia sich durch einen Multi-Milliarden-Deal angeblich Produktionskapazitäten mit Blick auf die 5-Nanometer-Fertigung bei TSMC sichert. Mittlerweile gibt es weitere Hinweise, die für ein solches Unterfangen seitens Nvidia sprechen: Hardwaretimes zufolge nehmen die Kalifornier rund 10 Milliarden US-Dollar, also rund 9,3 Milliarden Euro, in die Hand, um sich einen exklusiven Vorteil für die Produktion der RTX-4000-Grafikkarten zu sichern.

Nvidia konkurriert bei TSMC aber nicht nur mit AMD und künftig mit Intel um Fertigungskapazitäten, sondern gleichzeitig auch mit Apple und etlichen weiteren Unternehmen aus der Tech-, Medizin-, Rüstungs- und Automobilindustrie. Für uns Spieler könnte das bedeuten, dass insgesamt mehr Anteile an der aufwändigen Halbleiterproduktion auf GPUs entfallen und dadurch schlicht das Angebot vergrößert wird und die Preise fallen.

Intel steigt in den Markt für Grafikkarten ein

Außerdem will Intel bis Ende des zweiten Quartals 2021 in den Markt für Grafikkarten mit einsteigen und erste dedizierte 3D-Beschleuniger zum Verkauf anbieten. Für das Topmodell wird von Leakern und anderen Experten derzeit eine Leistung auf dem Niveau der Nvidia Geforce RTX 3070 prognostiziert.

Ein neuer Spieler auf dem Markt könnte das Angebot an Grafikkarten ebenfalls vergrößern. Hier gilt im Wesentlichen dasselbe wie für Nvidias angeblichen Milliarden-Deal. Sofern Intel nicht der direkten Konkurrenz Produktionskapazitäten streitig macht, sondern anderen Industriezweigen, könnten insgesamt mehr Grafikkarten auf uns Spieler entfallen und die Preise fallen.

Was spricht gegen UVP-Preise?

Krieg in der Ukraine

Ein erheblicher Teil der Kosten für die Fertigung von Mikrochips entfällt auf Energie und Rohstoffe. Russland und die Ukraine sind wichtige Exporteure für Gas, Rohöl, Nickel, Aluminium und viele weitere Ressourcen. Durch den Einmarsch Russlands in das Nachbarland entfallen nun wichtige Lieferketten. Einerseits direkt durch die Folgen des Krieges, andererseits durch Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland, wie unter anderem das Magazin Gameswirtschaft berichtet.

Wie hoch die dadurch entstehenden Mehrkosten in der Chipfertigung ausfallen, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Dass daraus zusätzliche Kosten folgen, scheint jedoch gewiss.

Substrate für Leiterplatten sind Mangelware

Ende des letzten Jahres berichteten wir davon, dass sogenannte ABF-Substrate aktuell knapp sein sollen. Dabei handelt es sich um eine wichtige Isolationskomponente bei der Fertigung von High-End-Leiterplatten. Einer der größten Hersteller für Platinen nannte damals konkrete Zahlen:

Demnach gebe es in diesem Jahr einen Mangel an ABF-Substraten von mindestens 20 Prozent. Mit einer leichten Besserung der Lage sei dank leicht gesteigerter Produktionskapazitäten frühestens ab dem Jahr 2023 zu rechnen, echte Entspannung sehen die Experten allerdings nicht vor dem Jahr 2026.

Kapazitäten sind noch nicht aufgebaut

Sogenannte Fabs, also Fertigungsanlagen für Mikrochips lassen sich nicht einfach in die Höhe ziehen. Sogenannte Fabs, also Fertigungsanlagen für Mikrochips lassen sich nicht einfach in die Höhe ziehen.

Allgemein dauert es sehr lange, neue Produktionskapazitäten für die Chipindustrie zu schaffen. Sogenannte Fabs werden von langer Hand geplant und können nicht kurzfristig aus dem Boden gestampft werden, um etwaige kurzfristige Änderungen der Marktsituation zu kompensieren. Die Nachfrage aus allen Industriezweigen ist zudem ungebrochen hoch und es ist unwahrscheinlich, dass sie nachlässt. Das Gegenteil dürfte viel eher der Fall sein.

Außerdem müssen nicht nur die Hallen respektive Reinräume gebaut, auch die aufwändigen Belichtungsmaschinen müssen konstruiert, ausgeliefert und justiert werden. Dazu kommen unzählige weitere Ressourcen, die nicht einfach so abgerufen werden können.

Unsere Prognose

Obgleich es in der aktuellen Situation nicht viel mehr ist als ein vager Blick in die Glaskugel, wollen wir eine Prognose zur Preisentwicklung bei den Grafikkarten wagen:

Ja, es ist tatsächlich denkbar, dass sich die Preise für die aktuelle Grafikkarten-Generation weiter entspannen. Wenn, dann dürfte das unserer Ansicht nach aufgrund geringeren Interesses der Fall sein. Ob wir sie wirklich zur UVP sehen, ist aber noch einmal ein ganz anderes Thema. Hier spielt auch die Entwicklung bei den Kryptowährungen, wie beispielsweise Ethereum, eine wichtige Rolle.

Dass die kommende Generation, egal ob von Nvidia, AMD oder auch Intel, zur UVP erhältlich sein wird, glauben wir indes nicht. Dafür ist die Nachfrage nach Chips insgesamt und nach Grafikkarten im Besonderen einfach zu hoch. Nicht zu vergessen die Folgen der Corona-Pandemie, die vermutlich ebenfalls noch über Jahre spürbar sein werden. Wir rechnen deshalb abgesehen von Einzelfällen wie der RX 6500 XT frühestens im nächsten Jahr mit Preisen im Bereich der UVP.

Was meint ihr? Werden die Preise für Grafikkarten weiter fallen und wir vielleicht sogar früher, als erwartet UVP-Angebote sehen? Oder geht ihr davon aus, dass wir gerade nicht mehr als eine leichte Entspannung sehen, ehe die Preise wieder anziehen? Welche Argumente für und wider fallen euch noch ein? Schreibt es uns gerne in die Kommentare!

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