Ihr blickt jetzt gerade auf einen der begehrtesten Rohstoffe weltweit. Egal ob gerade euer Handy, Bildschirm, Tablet oder Fernseher diesen Text anzeigt: Ihr habt einen Grund für (Handels)Kriege vor euch: seltene Erden.
Sie werden für allerhand gebraucht, ohne sie brechen Volkswirtschaften und Streitkräfte langfristig zusammen. China hat sie im Überfluss und damit das perfekte Druckmittel auf die Hightech-Gesellschaften in Europa und den USA.
Die Vereinigten Staaten sowie dort heimische Weltkonzerne greifen deshalb jetzt zu einst als wohl geradezu verzweifelt abgetanen Maßnahmen: Sie kratzen seltene Erden von alter Hardware und suchen in hochgiftigen Tümpeln nach dem metaphorischen Gold des Informationszeitalters.
Was sind seltene Erden? Sogenannte Seltenerdmetalle machen in allerlei Produkten unserer modern-digitalisierten Gesellschaft zwar gewichtsmäßig nur einen winzigen Anteil aus, sind aber unverzichtbar für deren Funktionieren.
Sie finden sich weit hinten im Periodensystem der Elemente, dazu gehören klangvolle Namen wie: Scandium (Sc), Holmium (Ho), Europium (Eu), Lanthan (La), Thulium (Tm), Promethium (Pm) oder auch Dysprosium (Dy).
Die insgesamt 17 verschiedenen Elemente kommen an sich fast überall vor – aber nur an wenigen Orten auf Erden in ausreichend hoher Konzentration. Erst wenn genügend auf relativ engem Raum im Untergrund vorliegen, lohnt sich eine kommerzielle Ausbeutung (via ARDalpha).
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Seltene Erden – Gold des Informationszeitalters
Die Lage sowie potenzielle Verfügbarkeit der seltenen Erden auf dem Weltmarkt ist äußerst dynamisch. Auch schon vor dem von Donald Trump angestoßenen Handelskrieg inklusive hoher Zölle und den Exportbeschränkungen der Chinesen für die raren Rohstoffe bestand aus westlicher Sicht Grund zur Sorge.
Doch Mitte 2025 stellt sich die Lage für Akteure in den USA glasklar dar: Es braucht größere Unabhängigkeit.
Die Metalle stecken in so gut wie allen Mikrochips, die global gebraucht werden – allen voran auch von den USA für Militär, Forschung und Wirtschaft. Doch sie haben selber deutlich weniger Vorkommen in ihren Böden, die wirtschaftlich rentabel abbaubar sind.
Infolgedessen importieren sie mehr als 80 Prozent ihres Bedarfs. Für Europa gilt Ähnliches. China hingegen dominiert den Markt mit einem Anteil von fast 2/3 (via Statista und Tagesschau).
Seltenerd-Metallkratzen von Festplatten
Die steigenden Preise lassen jetzt Wege profitabel erscheinen, die vor Kurzem noch als abwegig galten: Recycling in großem Stil. Komplett neu ist das bei seltenen Erden nicht, aber doch eher für sich verhältnismäßig … selten.
Es hatte sich bisher schlicht kaum bis nie gerechnet. Das ändert sich derzeit aufgrund der komplexen Marktlage und hohen Nachfrage.
Western Digital (WD) hat in Kooperation mit Microsoft sowie zwei US-amerikanischen Recyclingunternehmen eine neuartige Initiative ins Leben gerufen: Alte Festplatten (HDDs), vor allem aus Serverfarmen, als Rohstoffquelle.
Laut der vorliegenden Mitteilung von WD habe die Unternehmenskoop in einem ersten Testdurchlauf 23 Tonnen an ausgemusterten HDDs und sonstiger, ähnlicher Materialien verwertet. Rund 90 Prozent der enthaltenen seltenen Erden sowie Aluminium, Kupfer und Gold könne die Methode laut WD extrahieren. Dennoch hätte das Recyclingverfahren noch bis vor Kurzem das zentrale Ziel verfehlt: Wirtschaftlichkeit.
Den Studienunterlagen zufolge, die Forscher der Iowa State University, USA, erarbeitet haben, drohen bei dem Verfahren geringere Umweltschäden als beim Abbau vergleichbarer Mengen seltener Erden.
Hintergrund dieser Versicherung dürfte sein, dass Recycling ebenfalls erheblichen Einsatz von Energie oder mitunter giftigen Chemikalien erfordert. Letzteres sei aber bei dem Verfahren nicht der Fall.
Vor allem der Ausstoß von Treibhausgasen soll den Unternehmen zufolge um 95 Prozent geringer ausfallen, als würden sie die gleiche Menge an Substanzen herkömmlich aus dem Erdboden gewonnen. Genauere Beschreibungen der Prozesse findet ihr in diesem Dokument von WD.
Eine extrem giftige Goldmine
Eine weitere mögliche Quelle für seltene Erden, die die USA bisher absichtlich links liegen gelassen haben, findet sich im Bundesstaat Montana (Nordwesten der Vereinigten Staaten).
Nahe der Ortschaft Butte liegt die sogenannte Berkeley Grube. In ihr schwimmen die begehrten Elemente buchstäblich herum: in giftig-säurehaltigen Wasser. Insgesamt 189 Milliarden Liter, das entspricht etwa 73 gefüllten Cheops-Pyramiden – eine Hinterlassenschaft des früheren Kupfer-Abbaus.
Eine neue, an der West Virginia University entwickelte Technologie verspreche laut der New York Times, die Säure/Gift- in eine Goldgrube zu verwandeln: Ein dichtes Netz aus Plastiksäcken wird mit einem aus dem Minenwasser gewonnen Filtrat gefüllt. Mit der Zeit sickert das Wasser vollständig heraus.
Was zurückbleibt, besteht zu ein bis zwei Prozent aus seltenen Erden. Mittels chemischer Verfahren isolieren Ingenieure die Metalle.
Günstig an saurem Minen-Abfallwasser ist, dass es besonders reich an ausgeschwemmten Selten-Erdmetallen ist.
Dr. Ziemkiewicz, leitender Forscher hinter der Technik
Das Department of Defense überlegt des Berichts der Zeitung zufolge, einen Konzentrator vor Ort zu installieren. Solch eine Anlage wäre notwendig, um die relativ geringe Dichte an Partikeln im Giftwasser zu erhöhen, Kostenpunkt: umgerechnet rund 65 Millionen Euro.
Wenn sich die von offiziellen Stellen, Forschern und Industrie ins Auge gefasste Technik als effektiv erweist, können jährlich rund 40 Tonnen an seltenen Erden gewonnen werden.
Das ist relativ wenig, aber ein Anfang und würde zeigen, dass weitere ähnliche, aber bisher abgeschriebene Stellen im Land in den Blickpunkt von Investoren und Regierung rücken könnten.
Ziemkiewicz zeigt sich gegenüber der New York Times überzeugt: Es gebe genügend aufgegebene Minen, die einer zweiten Verwendung zugeführt werden könnten. So ließe sich der Ertrag durch sein Verfahren USA-weit auf 1.400 Tonnen jährlich steigern.
Gleichweg, ob seltene Erde aus dem Säure-Tümpel, gewonnen durch teures Recycling von alten Festplatten oder auch vom Grunde des Pazifiks, letztendlich wird in erster Linie ihr Weltmarktpreis über Sinn oder Unsinn entscheiden.
Sollten sich Nachfrage sowie Handelspolitik entwickeln wie derzeit, dürften weltweit Wege wie die in den USA und Western Digital zunehmend häufig als verheißungsvoll gelten.
Abseits davon zeigen Initiativen wie die vom Department of Defense eine neue Entwicklung: Inzwischen genügt allein die Angst vor der Abhängigkeit von politischen, militärischen oder zumindest wirtschaftlichen Konkurrenten dafür, zur Not mehr zu zahlen, um die Rohstoffe dann wenigstens überteuert zu erhalten.
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