Fazit nach einem Jahr: Einer der teuersten Schreibtischstühle überhaupt ist auch einer der besten

Der Herman Miller Aeron kostet in meiner Ausstattung satte 1.700 Euro. Nach 12 Monaten unter meinem Hintern, würde ich keine Kompromisse mehr machen.

Der Herman Miller Aeron ist bei mir die Referenz für Schreibtischstühle aller Art. Der Herman Miller Aeron ist bei mir die Referenz für Schreibtischstühle aller Art.

Lohnt sich ein Schreibtischstuhl für 1.700 Euro? Die Frage habe ich im März 2024 in meinem Test zum Herman Miller Aeron gestellt. Fazit: Der Stuhl ist top, der Preis eine hohe Hürde.

Im Nachtest nach fünf Monaten konnte ich die Preisfrage in Bezug auf den Aeron immer noch nicht so recht beantworten. Jetzt, ein ganzes Jahr später, weiß ich, wie ich zu den 1.700 Euro stehe: Für mich ist der Stuhl seinen Preis wert.

Maxe Schwind
Maxe Schwind

Maxe ist nicht nur Redakteur bei GameStar, sondern auch Autor und Lektor. Kurzum: Er hockt sehr oft vor dem Computer und befüllt weiße Blätter mit schwarzen Buchstaben. Ein ergonomischer Stuhl ist also unabdingbar für ihn.

Rückschau: Was habe ich im Test vor einem Jahr kritisiert?

Damit wir auf demselben Stand sind, lasst mich kurz die Vor- und Nachteile aus dem großen Test des Herman Miller Aeron zitieren:

Pro
  • Höchste Verarbeitungsqualität 
  • Kein Aufbau nötig
  • Viele Einstellungsmöglichkeiten
  • Synchronmechanik
  • Nachhaltige Produktion
  • Verpackung fast ausschließlich aus Pappe
Kontra
  • Keine Kopfstütze
  • Teuer

Nach den Eindrücken eines Jahres möchte in diesem Artikel vor allem über vier Punkte aus dem Fazit sprechen:

  • Verarbeitung: Leiert das Mesh aus?
  • Synchronmechanik: Wie gut ist sie auf Dauer?
  • Fehlende Kopfstütze: Habe ich sie vermisst?
  • Preis: Wieso ist der 1.700-Euro-Stuhl das Geld für mich wert?

Verarbeitung: Der Mesh hält

Der Herman Miller-Stuhl besitzt kein klassisches Sitzkissen, sondern einen elastischen Bezug. Als meine Frau im Aeron Probe saß, stellt sie mir eine Frage:

Leiert die Bespannung nicht irgendwann aus?

Diese Frage konnte ich ihr damals noch nicht beantworten. Wie gut die Elastomer-Bespannung der Sitz- und Rückenfläche hält, würde sich erst über Zeit zeigen.

Elastomer wird umgangssprachlich auch als »Mesh« bezeichnet. Elastomer wird umgangssprachlich auch als »Mesh« bezeichnet.

Nach einem Jahr Sitzen kann ich sagen: Das Mesh ist noch genauso prall wie am ersten Tag. Nichts hängt durch oder ist verzogen – und das, obwohl ich schwer gebaut bin.

Diese Erkenntnis halte ich für besonders wichtig. Würde der Bezug nachgeben, säße man irgendwann wie ein Sack Kartoffeln auf dem Stuhl, da man mit dem Hintern tiefer sinkt. Das ginge auf Dauer wortwörtlich ins Kreuz. Durch das Mesh sitze ich allerdings gut und gerade und werde gleichzeitig weniger verleitet, herumzulümmeln.

Das geflochtene Mesh hat nicht nur Vorteile: Staub rieselt hindurch, weswegen ich öfter den Feudel schwingen muss. Das geflochtene Mesh hat nicht nur Vorteile: Staub rieselt hindurch, weswegen ich öfter den Feudel schwingen muss.

Erst im Vergleich mit dem Secretlab Titan Evo Nanogen (der sich gerade bei mir im Test befindet) ist mir aufgefallen, wie angenehm die Federung des Mesh ist. Der Stuhl der Konkurrenz besitzt ein Sitzteil mit Schaumstoff, das nicht federt, so wie die meisten Modelle. Die ersten paar Male war es direkt ungewohnt, mein ganzes Gewicht aus dem Stuhl wuchten zu müssen.

Darum halte ich diese Info für wichtig: Nachdem meine Knochen auch nicht jünger werden, kann ich mir gut vorstellen, dass mir eine solche Aufsteh-Hilfe gerade ab einem gewissen Alter sehr gelegen kommen würde.

Was bezüglich des Elastomers noch wichtig zu wissen ist:

  • Mesh staubt. Wo der Staub sonst auf Polstern liegen bleibt oder an der Kleidung haftet, rieselt er hier hindurch. Man muss den Stuhl öfter mal abwischen.
  • Mesh ist atmungsaktiv. Dadurch kann die Haut besser atmen, wenn sie aufliegt. So werden Rücken und Hinterteil besser belüftet, was vor allem an heißen Sommertagen einen großen Unterschied zu gewöhnlichen Schreibtischstühlen macht. Für mich ein echter Gewinn.

Wer nicht gerne staubwischt, wird sich an diesen Anblick gewöhnen müssen. Wer nicht gerne staubwischt, wird sich an diesen Anblick gewöhnen müssen.

Synchronmechanik: Die wieder ohne

Nach einem Jahr auf dem Herman Miller weiß ich, dass ich keinen Schreibtischstuhl ohne Synchronmechanik mehr möchte.

Das macht die Synchronmechanik: Bei der Synchronmechanik kippt die Rückenlehne nicht einfach nur nach hinten und der Sitz geht mit, sondern beide Teile bewegen sich unterschiedlich zueinander. Das entlastet die Bandscheiben, sorgt für bessere Durchblutung und schont den Rücken.

Die Lehne kippt bis zum Anschlag nach hinten, aber meine Füße bleiben auf dem Boden stehen. Die Lehne kippt bis zum Anschlag nach hinten, aber meine Füße bleiben auf dem Boden stehen.

Die Synchronmechanik ist nicht exklusiv für den Aeron, allerdings besitzt sie auch nicht jeder Schreibtisch- oder Gaming-Chair. In meinem großen Test mit fünf Gaming-Stühlen etwa hatten nur zwei Modelle das Feature verbaut.

Bei Schreibtischstühlen ohne die Funktion bräuchte man beim Zurückstellen der Lehne eigentlich eine Fußstütze. In Tests baumeln meine Beine durch die schräg gestellte Sitzfläche regelmäßig über dem Boden und das tut auf Dauer weh (für euch getestet und als schmerzhaft befunden).

Und hier kommt auch noch mal das Mesh ins Spiel: Weil das beweglicher ist als beispielsweise Schaumstoff, unterstützt es die Sitzposition bei zurückgestellter Lehne, wo man naturgemäß mit dem Hintern ein wenig nach vorne rutscht.

Die Synchronmechanik fiel mir bereits nach vier Tagen positiv auf, aber erst nach einem Jahr weiß ich, dass sie auch dauerhaft hilft.

Keine Kopfstütze? Kein Problem!

Kopfstützen sind generell ziemlich bequem, vor allem bei Stühlen, wenn man die Rückenlehne nach hinten stellt und die Füße auf dem Schreibtisch legt.

Ich setze noch einen drauf: Das Secretlab-Modell aus der großen Teststrecke hat ein magnetisches Kopfkissen, das man bequem an fast jede Stelle des Kopfbereichs pappen kann. Das habe ich im Test gefeiert und honoriert.

Der Herman Miller Aeron besitzt keine Kopfstütze, ja, die Rückenlehne ist nicht einmal hoch genug, als dass ich meinen Kopf anlehnen könnte. Im Test war das noch ein Minuspunkt für mich. Ein halbes Jahr später habe ich festgestellt, dass ich die Kopfstütze gar nicht brauche. 

Die Rückenlehne geht bei meiner Statur bis zu den Schultern hoch. Die Rückenlehne geht bei meiner Statur bis zu den Schultern hoch.

Beim Zurücklehnen wird mein Kopf durch die Schultern gestützt. Dadurch bleibe ich auch dann noch relativ betrachtet gerade sitzen, wenn ich mich anlehne. So komme ich nicht in Versuchung, eine andere, vermeintlich bequemere Position einzunehmen, die sich am Ende als suboptimal herausstellt.

Ich dachte, durch den Test des Secretlab Titan Evo Nanogen würde ich wieder zurück zur Kopfstütze wollen.

Nope. Nackenstütze und Kopfkissen sind für mich eine nette Dreingabe, aber kein Muss mehr. Das hätte ich vor einem Jahr auch nicht gedacht.

Ein Knackpunkt bleibt: Der Preis

Ich beschönige es nicht: Der Herman Miller Aeron ist extrem teuer. 1.700 Euro für einen Schreibtischstuhl ist nicht nur ein bisschen viel, das ist verdammt viel. Ich habe absolutes Verständnis für die Leute, die nicht mal im Traum daran denken, so viel Geld für einen Schreibtischstuhl auszugeben.

Ich glaube, dass man in gewissen Lebensbereichen keine Kompromisse machen sollte, wenn man die Freiheit hat, sie nicht machen zu müssen. Eine ordentliche Matratze zum Beispiel. Guter Schlaf ist enorm wichtig für das Wohlbefinden und die Gesundheit, da will ich nicht am falschen Ende sparen.

Und haargenau dasselbe ist es mit einem 1.700-Euro-Stuhl. Für mich ist der Aeron jeden Euro wert, weil:

  • Ich im Homeoffice arbeite und täglich Stunden darauf verbringe.
  • Ich in meiner Freizeit Bücher schreibe und dadurch viel vor dem Rechner sitze.
  • Ich generell viel Zeit im Büro verbringe, wo ich auf einen passenden Stuhl angewiesen bin.

Das für mich wichtigste Argument bleibt aber: Er passt zu meinem Körper und hat mir dank dem Mesh-Bezug, der Synchronmechanik und dem fehlenden Kopfkissen über Zeit zu einer besseren Sitzposition verholfen. Natürlich nicht allein (ich besitze zum Beispiel auch einen höhenverstellbaren Schreibtisch), aber von allen jemals von mir getesteten Gaming- und Schreibtischstühlen ist für mich bisher der teuerste auch der beste.

Und wenn das als Argument noch nicht ausreicht: Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Schreibtischstuhl nicht zu meiner Statur passt. Die fünf Gaming-Stühle im Langzeittest sind objektiv alle mindestens ordentlich. Subjektiv hatte ich bei zwei Stück noch längere Zeit mit Schmerzen zu kämpfen. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie nicht zu mir passten.

Am Ende des Tages muss jeder für sich selbst wissen, wie viel er oder sie für einen Schreibtischstuhl ausgeben möchte. Jedes Budget ist anders, jedes Verständnis von Preis und Produkt ist anders.

Fazit der Redaktion

Maxe Schwind

Mit dem fünften Artikel und einer großen Revision der bisherigen Tests zum Herman Miller Aeron geht für mich der Langzeittest nun endgültig zu Ende. Ein Jahr lang habe ich auf dem 1.700-Euro-Stuhl gesessen und viel gelernt.

  • Was macht einen guten wirklich Schreibtischstuhl aus?
  • Was ist objektiv und subjektiv wirklich wichtig?
  • Ist so viel Geld für einen Schreibtischstuhl gerechtfertigt?

Ich weiß jetzt, dass ein Kopfkissen eine wesentlich weniger prominente Rolle spielt. Mesh-Bezug ist – wenn hochwertig hergestellt – richtig gut, auch wenn er mehr staubt. Synchronmechanik ist und bleibt in Zukunft unabdingbar für mich.

Mir hilft dieser Eindruck auch, in Zukunft Stühle besser bewerten zu können, wovon schlussendlich auch ihr als Lesende profitiert.

Und der Preis? Tja, nun, der teuerste Schreibtischstuhl bleibt bis auf Weiteres erst mal der beste für mich. Ich lasse mich aber sehr gerne vom Gegenteil überzeugen, denn wenn so ergonomische und gemütliche Stühle günstiger wären, würden es all unsere Rücken uns danken.

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