Die Hitze hat Europa im Schwitzkasten – und das hat ausgerechnet Folgen für unser Stromnetz

Sobald die Temperatur steigt, verengen sich die Spielräume des europäischen Stromnetzes. Die Hitze entzieht fossilen Kraftwerken die Betriebsgrundlage, vor allem Atomreaktoren.

Niedrigwasser, eine erhöhte Temperatur oder gar ein Trockenfallen von Flüssen bedroht zentral die Funktionsfähigkeit von Atomkraftwerken.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Niedrigwasser, eine erhöhte Temperatur oder gar ein Trockenfallen von Flüssen bedroht zentral die Funktionsfähigkeit von Atomkraftwerken. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Wenn wir selbst im Schatten schwitzen, ächzt auch das Stromnetz. Nicht nur verlangen wir ihm auf der Suche nach Abkühlung reichlich ab, obendrein zehren Episoden extremer Hitze an den traditionellen Pfeilern der Stromerzeugung. Sowohl fossile Kraftwerke als auch Kernreaktoren bedürfen nämlich steter Kühlung.

Wir erklären, wie Hitze unsere Stromnetze in den Schwitzkasten nimmt – und was dagegen unternommen werden kann.


Über eine tierische Gefahr für Kernkraftwerke berichteten wir euch bereits: den unfreiwilligen Angriff von Quallen auf ein französisches Super-AKW und seine vier Reaktorblöcke – hierbei tritt Hitze als unsichtbarer Dompteur auf.

Video starten 1:03:53 Die neue Stromkrise: Energiewende & KI in Deutschland - Mit Robert Habeck und Dr. Stelzer (IFA 2025)

Hitze als Wasserdieb

Der 23. Juni 2026 - Blaupause für eine Situation, die die Klimakrise uns in Zukunft immer öfter bescheren wird: Rekordtemperaturen bei uns, in Frankreich und auch sonst in Europa. Ein Hitzedom drückte die Thermometer vielerorts auf über 44 Grad Celsius.

Während auch Deutschland schwitzt, schrillen europaweit in Atomkraftwerken die Warnglocken: Denn extreme Sommer-Witterungen erwärmen Gewässer über das gewohnte Maß. Letztere dienen aber als Quelle für das Kühlwasser der meisten großen AKWs.

So drosselten im vergangenen Juni europaweit Atomkraftwerke ihre Leistung oder schalteten komplett ab. Je nach Fluss und Land gelten unterschiedliche Grenzwerte, nach denen sich die Betreiber zu richten haben. Die Donau übersprang beispielsweise die Schwelle der 30 Grad Celsius.

Ferner sorgen trockene, warme Luftmassen bei längerem Verbleib für Dürren – dies lässt die Pegel von Flüssen sinken, wodurch Kühlung weiter erschwert wird. Zugleich erwärmt sich eine kleinere Menge Wasser schneller als eine größere. Deshalb verdampft umso mehr Wasser und so weiter – ein Teufelskreis, bei dem schließlich Kraftwerke kapitulieren.

Obschon die Kernkraft die lautesten Schlagzeilen schrieb, standen ebenso Kohle- und Gaskraftwerke vor ähnlichen Problemen. Auch sie kühlen in der Regel mittels Flusswasser. Wasserkraftwerke trifft es ebenfalls. Sobald Hitze und Trockenheit zu Dürren führen, sinken auch die Füllstände der Stauseen und somit auch die potenziell die bereitstellbare Menge an grünem Strom von diesem Energieträger.

Das doppelte Wasser in Kernkraftwerken

Wenn wir hier über Wasser sprechen, meinen wir stets nur das zur Kühlung – nicht das im Reaktor. Jedes AKW verfügt über zwei getrennte Systeme:

  • Einmal ein Kreislauf mit Kontakt zum strahlenden Material, dessen Wasser durch Spaltungswärme verdampft, die Turbine antreibt und anschließend heruntergekühlt erneut in den Reaktor gelangt.
  • Und dann den zur Kühlung: Um diesen Dampf wieder in flüssiges Wasser zu verwandeln, brauchen wir kühleres Wasser, das die überschüssige Hitze aufnimmt und abführt. Größtenteils geschieht dies über die ikonischen, gewölbten Kühltürme. Zu guter Letzt fließt nur noch leicht erwärmtes Wasser zurück ins Gewässer.

Deshalb wichtig: Es gelangt im Normalbetrieb niemals auch nur ein Tropfen verstrahltes Nass in Flüsse, Seen oder den Ozean – es bleibt im geschlossenen internen Kreislauf eines jeden AKW.

Atomkraftwerke brauchen zwar nur selten – etwa alle 18 Monate – neuen Brennstoff, allerdings stets Zufluss von kühlem Wasser zur... Kühlung (Bildquelle: Adobe Stockake1150) Atomkraftwerke brauchen zwar nur selten – etwa alle 18 Monate – neuen Brennstoff, allerdings stets Zufluss von kühlem Wasser zur... Kühlung (Bildquelle: Adobe Stock/ake1150)

Hitze-Stromnetz von morgen

Einschätzung der Redaktion (Gerald Weßel): Das gestörte Verhältnis von fossilen Kraftwerken zu heißem Wetter zeigt, wie fragwürdig der Glaube an jederzeit zur Verfügung stehenden Strom aus sogenannten grundlastfähigen Anlagen ist. Sie brauchen zwar keinen Wind oder stören sich an Dunkelheit, benötigen aber steten Zufluss kalten Wassers.

Zugleich soll sich nach Analysen von Experten der Strombedarf für Kühlung von Gebäuden global in den kommenden Jahrzehnten verdoppeln (via iea).

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Auch deshalb streben weltweit Staaten nach Stromnetzen, die auf regenerative Energiequellen sowie Stromspeicher als Rückversicherung setzen. Nicht umsonst feierten Solar- und Windkraft 2025 das bisher beste Jahr ihrer Geschichte.
Über alle dafür notwendigen Technologien haben wir euch im Zusammenspiel am Beispiel von Spaniens beispielloser Leistung rund um den Blackout berichtet – oder sie einzeln vorgestellt, wie zum Beispiel:

Althergebrachte Energielieferanten, inklusive Kernspaltungsreaktoren, werden ihren Platz im europäischen Strom-Puzzle indes noch auf Jahrzehnte behaupten – und das zu Recht. Stabile Stromnetze für Versorgungssicherheit unter allen Witterungen erfordern einen breiten Ansatz, der Schwächen einzelner Technologien ausgleicht – vielleicht irgendwann gar durch Nachahmung des Herzens der Sonne.

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Europa muss jederzeit füreinander Verantwortung übernehmen und Ausfälle kompensieren – egal, ob durch Windflaute, nächtliche Düsternis oder eben Hitze und Trockenheit. Langfristig muss das aber klimaneutral erfolgen: komplett ohne Treibhausgase freizusetzen und besser auch unter Vermeidung von strahlendem Müll.