»Ich kenne mich hier aus, wie in meiner Westentasche« ist in einem 200-Einwohner-Dorf keine leere Worthülse, sondern schlicht die Wahrheit. Entsprechend hatte ich bereits fast alle nahe gelegenen Landschaftsmotive in all ihren Variationen vor der Linse.
Der immer gleiche Sonnenuntergang über dem Feld, der See zur blauen Stunde aus jedem erdenklichen Winkel – ich habe alles abgelichtet, morgens, mittags, abends, bei Regen und Sonnenschein.
Auch weiter abseits meiner heimischen Gefilde kenne ich die »Hotspots«. Alles schon gesehen. Nächster Halt: Stadt? Zu weit weg. Mir gehen langsam die Ideen aus.
Also habe ich das getan, was wohl jeder (Hobby-)Fotograf schon einmal gedacht hat: »Eine neue Kamera oder ein neues Objektiv würde mein Problem lösen«. In diesem Fall hat es tatsächlich geklappt.
Das Makroobjektiv hat meinen Horizont erweitert
Obwohl ich aus einem kleinen Dorf komme, war für mich klar: Mein Herz gehört der Streetfotografie.
Ich möchte coole Geschichten erzählen, die mit nur einem Bild (!) ausführlich erzählt werden. Ich möchte Emotionen in Städten einfangen, spannende Kompositionen mit Licht und Schatten erzeugen und das alles natürlich in Schwarz-Weiß.
Bis dahin schadet es sicher nicht, den Heimvorteil zu nutzen und die kleine Tier- und Pflanzenwelt mit einem Makroobjektiv zu erkunden. Die Natur liegt mir schließlich auch.
Wenige Stunden, nachdem ich das Objektiv an meine Kamera geschraubt hatte, war ich hin und weg. »Wie lustig sieht das Insekt denn aus?!«, »Warum ist das so unscharf?« und »Warum zittert meine Hand beim Fokussieren auf die Ameise so sehr?«
Gerade weil mich meine ersten, teilweise verzweifelten Fragen überforderten, wollte ich noch tiefer einsteigen.
Abends habe ich digitale Artikel gewälzt und Videos geschaut, in denen von Abbildungsmaßstäben, extrem geringer Schärfentiefe – das durfte ich ja schon kennenlernen –, Focus Stacking und weiteren Fachbegriffen die Rede war.
Plötzlich wurde mir klar: Trotz Vorbereitung bin ich hier in eine völlig neue und riesige Welt der Fotografie eingetaucht – und möchte nie wieder heraus.
Was bedeuten diese Fachbegriffe überhaupt?
Makrofotografie: Die Basics kurz erklärt
Vereinfacht ausgedrückt ermöglichen diverse Makroobjektive einen Abbildungsmaßstab von 1:1. Das bedeutet, dass ein 3 Zentimeter großes Insekt auch 3 Zentimeter groß auf dem Sensor abgebildet wird. Andere Objektive bieten sogar einen höheren Abbildungsmaßstab von 2:1 oder mehr, wodurch das Insekt mit einer Größe von 6 Zentimetern auf dem Sensor abgebildet wird.
Die Naheinstellgrenze des Objektivs spielt zudem eine essenzielle Rolle. Sie gibt den Abstand zwischen der Sensorebene und dem Motiv an, bis zu dem das Objektiv noch scharfstellen kann. Ein Objektiv mit geringer Naheinstellgrenze erlaubt es euch also, möglichst nah an das Motiv heranzurücken.
Sensorgrößen und ihre Rolle in der Makrofotografie
Hier wird es spannend, denn Vollformat, APS-C und Micro Four Thirds (MFT) bieten jeweils individuelle Vor- und Nachteile.
Während Vollformatkameras oft eine hervorragende Bildqualität bei hohen ISO-Werten und ein ausgeprägteres Potenzial für ein weiches Bokeh liefern, haben sie bei gleichem Abbildungsmaßstab eine geringere Schärfentiefe als APS-C- und MFT-Kameras.
Das kann in der Makrofotografie, wo die Schärfentiefe ohnehin extrem gering ist, eine Herausforderung sein. Darüber hinaus gibt es viele weitere Vor- und Nachteile der drei Systeme.
- MFT-Sensoren haben beispielsweise einen Crop-Faktor von 2x (APS-C = 1,5x) im Vergleich zum Vollformat.
- Das bedeutet, dass ihr mit einem kompakteren und leichteren 100-mm-MFT-Makroobjektiv denselben Bildausschnitt erreicht wie mit einem 200-mm-Objektiv an einer Vollformatkamera.
- Dies verlängert den Arbeitsabstand zu scheuen Insekten erheblich, was einen immensen Vorteil darstellt.
Zudem sind Objektive mit längeren Brennweiten (zum Beispiel 200 mm) für Vollformatkameras oft deutlich teurer. Wie bereits erwähnt, liefern Vollformatkameras bei schlechtem Licht dafür sauberere und detailreichere Bilder, da sie bei hohen ISO-Werten weniger rauschen.
Aber ich kratze nur an der Oberfläche. An dieser Stelle möchte ich auf einen sehr empfehlenswerten und gut verständlichen Artikel von Photografix sowie auf den Videokanal des Wildlife-Fotografen Chris Kaula verweisen.
Sowohl der Artikel als auch der YouTube-Kanal haben mir beim Einstieg extrem geholfen.
Ein Stativ kann abhängig vom Motiv eine große Hilfe sein, um bei der geringen Schärfentiefe Verwacklungen zu vermeiden. Gerade bei kleinen Motiven ist zudem gutes Licht wichtig. Ein externer Blitz oder LED-Lichter können Wunder wirken.
Alles in allem erfordert die Makrofotografie mitunter ein hohes Maß an Geduld. Der Schmetterling wird nicht gerade von Kameras angezogen.
Kamera mit Makroobjektiv: Egal zu welcher Jahreszeit
Soweit zur Theorie. Was ich an der Makrofotografie bewundere, sind die schier endlosen Motive, die sich ergeben. Mit den wechselnden Jahreszeiten eröffnen sich zudem viele weitere potenziell spannende Motive.
- Blumen in der Blütezeit
- Knospen
- Insekten wie Bienen, Schmetterlinge oder Libellen
- Früchte und Beeren
- üppiges Blattwerk
- verfärbte Blätter und Pilze im Herbst
- Tautropfen auf Spinnennetzen oder Blättern, die im Morgenlicht glitzern
- und vieles, vieles mehr.
Um die Bilder in voller Auflösung zu sehen, klickt anschließend unten links auf »In Originalgröße anzeigen« aus.
Wie in anderen Bereichen der Fotografie entsteht somit eine willkommene Abwechslung, die selbst bei Regenwetter oder Schnee nicht endet.
Egal, wann – mit der Kamera und dem Objektiv finden sich vor der Tür zahlreiche schöne Fotomotive. Genau das, was ich wollte und gebraucht habe.
Was ich daraus gelernt habe
Fotografie ist facettenreich und vielschichtig. Genau deshalb habe ich mich darin verloren. Allerdings war mein Blick starr auf die Streetfotografie gerichtet, sodass ich völlig außer Acht gelassen habe, was andere Bereiche Interessantes und Wissenswertes zu bieten haben.
Das werde ich zukünftig vermeiden und mich neben der Makrofotografie auch in anderen Bereichen ausprobieren. Denn so stark wie nach dem Kauf meiner aktuellen Kameraausrüstung habe ich selten den Drang verspürt, meine Tasche zu packen und nach draußen zu gehen.
Manchmal braucht es keinen Tapetenwechsel, sondern nur einen Perspektivwechsel.
Welche Fotogenres habt ihr schon ausprobiert, die euch überrascht haben? Oder gibt es ein Genre, das ihr schon immer mal ausprobieren wolltet, aber euch bislang die Motivation fehlte? Was könnt ihr Fotografie-Einsteigern oder erfahrenen Hobbyfotografen außerdem empfehlen? Teilt eure Gedanken sehr gerne unten in den Kommentaren!

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