Vor kurzem habe ich euch in einem Artikel meine Erfahrungen zur Sigma BF, einer sehr ungewöhnlichen Systemkamera, geteilt. In den Kommentaren fragte unser User »Wisdoom« völlig berechtigt, ob Kameras sich überhaupt noch lohnen, wenn man ein aktuelles Handy besitzt – immerhin sind einige davon auch schon mit Optiken von Zeiss und Leica ausgestattet.
Dieser Frage möchte ich heute auf den Grund gehen, denn für mich ist die Antwort ganz klar: In meiner Tasche wird es immer Platz für eine Kamera geben, egal, wie weit die Technik voranschreitet. Daran wird selbst das iPhone 37 Pro Max Ultra nichts ändern.
9:31
Ich habe die für mich beste Videokamera getestet und will nie wieder zurück
An den Grenzen der Physik rüttelt selbst KI nicht
Handykameras sind heute technische Wunderwerke. Wir haben 1-Zoll-Sensoren, Kooperationen mit Legenden wie Leica oder Zeiss und Periskop-Objektive, die sich die Technik von U-Booten leihen, um trotz flacher Gehäuse zoomen zu können. Doch egal, wie viel Software-Magie Apple oder Samsung drüberbügeln: Sie kämpfen gegen die Naturgesetze.
Achtung, es folgt ein kurzer Ausflug in die Technik:
Bildsensorgröße: Hier gilt das Hubraum-Prinzip. Je größer der Sensor, desto mehr Licht fängt er ein. Smartphones versuchen diesen Nachteil mit Pixel-Binning (mehrere kleine Pixel werden zu einem großen verrechnet) auszugleichen. Das ist beeindruckend, aber am Ende nur digitale Schadensbegrenzung.
Ein Vollformatsensor bietet die etwa 50-fache Fläche eines typischen Handy-Sensors. Diesen physischen Vorsprung wird keine KI der Welt jemals vollständig einholen. Das Ergebnis bei der echten Kamera:
- Echter Dynamikumfang: Wo das Handy den Himmel in ein flaches Weiß verwandelt, fängt die Kamera feinste Nuancen in den Wolken ein, ganz ohne unnatürlich wirkendes HDR.
- Optisches Bokeh: Das Handy errechnet Unschärfe, was bei feinen Details wie Haaren oft zu unschönen Fehlern führt. Eine Kamera erzeugt diese Tiefe physikalisch durch Glas und Licht; das sieht nicht nur schöner aus, es ist echt.
- Weniger Bildrauschen: Große Bildsensoren müssen ihre Lichtempfindlichkeit weniger digital verstärken. Dadurch sind Fotos rauschärmer und weniger Details gehen bei der Rauschreduzierung verloren.
Eine Kamera wird sich ergonomisch immer besser zum Fotografieren eignen …
… sagt ausgerechnet der Typ mit der Sigma BF, die praktisch nur ein scharfkantiger Block Aluminium ist.
Meinen Artikel dazu findet ihr hier: Von Spiegelreflex bis hin zu analogen Klassikern habe ich alle möglichen Kameras ausprobiert, aber keine ist so wie diese – die außergewöhnliche Sigma BF
Spaß beiseite: Selbst mein Alu-Ziegel bietet mir etwas, das kein iPhone der Welt hat: physisches Feedback. Wenn ich ein Einstellrad drehe, spüre ich den Klick. Ich kann die Belichtung anpassen, ohne den Blick vom Motiv abzuwenden oder auf einem spiegelnden Touchscreen herumzuwischen.
Ein Smartphone ist darauf ausgelegt, flach in die Hosentasche zu passen. Eine Kamera ist darauf ausgelegt, in der Hand zu liegen.
Griffe, Daumenstützen und dedizierte Knöpfe sorgen dafür, dass das Gerät eine Verlängerung meines Arms wird.
Wechselobjektive eröffnen unendliche Möglichkeiten
Smartphones haben heute drei oder vier Linsen, fest verbaut auf engstem Raum. Das ist beeindruckend, aber es bleibt ein Kompromiss. An eine Systemkamera kann ich ein 50 Jahre altes Vintage-Objektiv schrauben, das meinen Bildern einen verträumten Analog-Look verleiht, oder ein Fisheye-Glas, das surreale Perspektiven ermöglicht.
Diese optische Flexibilität ist ungeschlagen. Ein Periskop-Zoom im Handy, wie beim neuen Xiaomi 17 Ultra, ist ein technisches Wunderwerk, aber er kann niemals die Lichtstärke und die Kompression eines 70-200 mm f/2.8 Tele-Objektivs ersetzen.
Mit einer Kamera entscheide ich vor dem Losgehen, welchen Blick ich heute auf die Welt werfen will; das Handy gibt mir nur das, was gerade der Hersteller eben hineingepackt hat.
Dedizierte Geräte sind die Auszeit, die wir alle mal brauchen
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Ein Smartphone ist ein Multi-Werkzeug und vor allem ein Gadget, das ablenkt. Während ich versuche, den perfekten Moment einzufangen, ploppt oben eine WhatsApp-Nachricht auf, das E-Mail-Postfach schreit nach Aufmerksamkeit und der Akku warnt bei 15 Prozent.
Meine Kamera hat genau eine Aufgabe: Bilder machen. Wenn ich sie in die Hand nehme, bin ich im Modus.
Es gibt keine Benachrichtigungen, keine Versuchung, kurz die Kommentare unter meinen Artikeln zu checken.
Diese bewusste Entscheidung für ein Single-Purpose-Gerät schafft einen mentalen Raum, den wir in der heutigen und vor allem zukünftigen Welt allemal gut gebrauchen können.
Passend zum Thema, nutzt auch Marinus ein dediziertes Gerät zum Musikhören: Wieder bewusster Musik hören: Darum hat ein MP3-Player mein Handy abgelöst
Eine Kamera motiviert zum Fotografieren
Am Ende ist es für mich auch eine psychologische Sache. Wenn ich mit dem Handy fotografiere, mache ich schnelle Schnappschüsse. Ich halte fest, was ohnehin da ist und passiert.
Wenn ich meine Kamera einpacke, gehe ich bewusst fotografieren. Ich achte mehr auf das Licht, ich bewege mich anders durch den Raum, ich nehme mir Zeit für die Komposition – ich entspanne mich.
Ich glaube, die beste Kamera kann durchaus irgendwann wie ein Handy aussehen, wenn einfach nur das Endergebnis zählt und die Technik weit genug voranschreitet. Vielleicht wird es ja wirklich das iPhone 37 Pro Max Ultra.
Für mich bleibt die beste Kamera für immer die, die ich gerne in die Hand nehme und mich dazu motiviert, rauszugehen.

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