Wer noch nie »Früher waren die Spiele besser« gesagt hat, werfe den ersten Stein. In vielen Fällen mag an dieser Behauptung auch etwas Wahres dran sein, aber wenn wir ehrlich sind, schwingt da oft auch eine gewaltige Portion nostalgische Verklärung mit.
Gerade wenn ihr euch an Spiele aus der Kindheit erinnert, denkt ihr nicht nur an Super Mario Bros. oder Halo, sondern auch an das wohlige Gefühl, das ihr hattet, als ihr auf dem Teppich vorm Fernseher oder unter der Decke mit Taschenlampe am Game Boy hingt. Oder als Mutti euch zwischendurch zum Essen gerufen hat oder ihr gemeinsam mit euren Kumpels kleine Turniere ausgetragen habt.
Das sind Gefühle, die Spiele im Erwachsenenalter nur schwer hervorrufen können. Und deshalb fühlt es sich oft so an, als wären Videospiele früher schlichtweg besser gewesen. Dass dieses Gefühl nicht neu ist, beweist jetzt ein Internetfund aus dem Jahre 1990. Im noch jungen Internet haben sich schon damals User über »neue« Spiele aufgeregt.
»Es ekelt mich an, durch heutige Arcade-Hallen zu laufen«
Vor 36 Jahren ließ sich ein leidenschaftlicher Spieler über den Zustand des Arcade-Gamings aus. Den vollständigen Text und eine Antwort darauf lest ihr auf Reddit:
Link zum Reddit-Inhalt
Darin schreibt »The Grey Wolf« Dinge, wie:
Ich habe mich in den Spielhallen umgesehen, und es ärgert mich maßlos, dass es
da draußen einige großartige Spiele gibt, von denen die meisten enden, während der Rest
einfach nicht mit einem einzigen Vierteldollar durchzuspielen ist, weil es
einfach nicht genug zusätzliche Energie gibt, um zu überleben – egal, wie gut man
sich auch anstellt. [...]
Ach ja, und was ist denn heutzutage mit der Scoring los? Ist euch aufgefallen, dass die Punktevergabe mittlerweile überhaupt nichts mehr damit zu tun hat, Extraleben zu bekommen? Ist euch aufgefallen, dass die Boni einfach nur so … na ja, da sind? Ich schätze, sie versuchen, die Punktzahl so gut wie bedeutungslos zu machen und den Schwerpunkt mehr auf das Gameplay zu legen – zumindest bis zum Ende des Spiels, wenn man in die Highscore-Liste kommt (was das auch immer wert ist). Was ist nur aus den vernünftigen Boni am Ende einer Welle geworden (sodass man an einem guten Tag vielleicht 20.000 Punkte bekommt) und den vernünftigen Punkteständen? Heutzutage bekommt man 500.000 Punkte, wenn man drei Schritte über die Startlinie hinausgeht. [...]
Es ist wirklich sehr faszinierend zu lesen, welche Kriterien damals noch eine Rolle spielten. Über Highscores und Münzen, die man ausgeben muss, um ein Spiel zu beenden, denkt heute vermutlich niemand mehr nach. Und vielleicht habt ihr eure Kindheit ja in genau den Arcade-Hallen verbracht, die The Grey Wolf hier kritisiert.
Zeit für eine kleine GameStar-Zeitreise. Heiko, Martin, Fritz und Natalie haben 2020 (das ist sechs Jahre her, Herrgott) über Spiele gesprochen, die wir vielleicht zu oft durch die rosarote Nostalgie-Brille betrachten:
PLUS
20:23
»Boah, das ist echt nicht gut gealtert!« - Spiele, die früher besser waren, Teil 1
Aber zurück zu dem Arcade-Beitrag: Auch die Antwort darauf, die ihr im zweiten Screenshot auf Reddit lest, ist ein interessantes Zeitdokument. Der damals 21-Jährige »Joe« sah sich als alte Seele und fand harte Worte:
Mich ekelt es auch an, heutzutage durch typische Arcade-Hallen zu laufen und ich bin erst 21 [...]. Es ist nur so, dass jedes neue (Arcade-)Spiel, das herauskommt, schon wieder ein weiteres Spin-off dieses ganzen Teenage Mutant Ninja Gaiden Ikari Double Dragon Dudes Warriors-Thema ist, und ich habe die Nase voll von diesen beschissenen Ausreden für Arcade-Automaten. Ja, es gibt hier und da ein anständiges Spiel, das veröffentlicht wird, wie Smash T.V. und Hard Drivin’ (das mehr als nur anständig ist), aber selbst diese haben offensichtliche Mängel, die ihren eigentlichen Spaßfaktor schmälern.
Smash TV war damals ein dystopischer Shooter, in dem ihr in eine Arena geworfen wurdet und euch den Weg freischießen musstet. Besonders war, dass das Spiel schon damals mit Joysticks gesteuert wurde. Arcade-Automaten waren zu dieser Zeit meist nur mit Buttons ausgestattet. Um das Spiel durchzuspielen, hat Joe damals gemeinsam mit einem Freund 15 US-Dollar im Automaten versenkt. Für ihn gab es aber keinen Anreiz, für die zusätzlichen Challenges weitere Münzen zu verballern.
Hard Drivin' war eine Rennsimulation, in der Spieler Sportwagen über die ersten 3D-Polygon-Rennstrecken manövrierten. An sich hat Joe das Spiel gefallen, aber auch hier war ihm der 10-minütige Spielspaß pro Runde zu teuer: »Bei 75 Cent pro Runde macht mein Geldbeutel nicht so lange mit wie der Nervenkitzel. Da spiele ich lieber Pinball für eine Stunde.«
Wo kommen diese Beiträge überhaupt her?
Die beiden Beiträge stammen ursprünglich aus dem Usenet, einem weltweiten, elektronischen Netzwerk, das dem World Wide Web vorausging. Das erkennt man an der untersten Zeile: »…! {ucbvax,acad,uunet,amdahl,pyramid}!unisoft!greywolf«
Vor der Einführung des modernen Domain-Systems, wurde damit bestimmt, über welchen Server der Beitrag weitergereicht wird. Im Fall von Grey Wolf wurde seine Nachricht beispielsweise über den Server der Universität Berkeley weitergeleitet.
Dass wir diesen Text heute überhaupt noch lesen können, verdanken wir übrigens einer Rettungsaktion durch Deja News und Google. Daten im Usenet wurden nämlich für gewöhnlich aufgrund des beschränkten Speicherplatzes irgendwann gelöscht. Einige IT-Pioniere und Professoren sicherten diese Daten jedoch privat auf Magnetbändern und Disketten.
Während die Firma Deja News ab 1995 begann, das Netz live zu archivieren, kaufte Google 2001 die Reste dieses Unternehmens, spürte auch die alten privaten Magnetbänder aus den Jahren davor auf und integrierte sie in Google Groups - einem riesigen Sammelsurium historischer Forenbeiträge. Und genau dort liegen die Beiträge von The Grey Wolf und Joe bis heute.
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