Ein Lösungsbuch kauft ihr normalerweise dann, wenn ihr in einem Spiel nicht weiterkommt. Problematisch wird das nur, wenn das Spiel noch gar nicht erschienen ist – und auf Amazon trotzdem schon fertige Guides im digitalen Verkaufsregal liegen.
Aufgefallen ist die Masche zuletzt einem Reddit-Nutzer: Dahinter steckt ein ganzer Schwung KI-Slop, lieblos zusammengeklickt und mit Fake-Cover versehen, der gezielt die Fans abgreifen soll, die ihrem Lieblingsspiel am ungeduldigsten entgegenfiebern. Verkauft wird euch dabei nicht viel mehr als heiße Luft.
Lösungsbücher für Spiele, die niemand spielen kann
Als Beispiel ein Guide zu Alien: Isolation 2: Das Spiel wurde im Oktober 2024 zum zehnten Geburtstag des Originals angekündigt und feierte seinen richtigen Reveal erst auf dem Summer Game Fest Anfang Juni 2026. Ein Release-Termin existiert bis heute nicht.
Trotzdem ist die Rede von kompletten Walkthroughs, 100-Prozent-Sammelguides, Strategien für den Nightmare-Schwierigkeitsgrad und allen Enden. Der seltsame Untertitel (»Bezwinge die Angst, überliste den perfekten Organismus und überstehe die regendurchtränkte Kolonie«) klingt einfach nur verdächtig nach dem, was im Reveal-Trailer zu sehen war:
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Alien Isolation 2: Nach 12 Jahren gibt's jetzt endlich den ersten Trailer zur Fortsetzung des Kult-Horrorspiels
Noch ein bisschen deutlicher wird es beim zweiten Kandidaten: einem Guide zu »Gear Of War E-Day«. Ihr habt richtig gelesen – auf dem Cover fehlt das »s«. Wer schon den Serientitel nicht hinbekommt, dem würde ich beim Rest auch nicht blind vertrauen.
Das Highlight ist aber die Produktbeschreibung: Die beginnt nämlich damit, dass sich der Chatbot quasi selbst die Aufgabe vorliest: »Hier folge nun eine verkaufsstarke Buchbeschreibung im Amazon-Stil, emotional und überzeugend.« Niemand hat den Prompt rausgenommen, weil offensichtlich niemand das Ganze auch nur einmal gegengelesen hat.
Das steckt hinter der KI-Slop-Flut
Wer in diesem Eck von Amazon ein bisschen gräbt, findet schnell mehr als zwei Bücher. Auf Plattformen wie ResetEra sammeln Nutzer seit Monaten immer wieder Beispiele: gleich mehrere Guides zu Capcoms Pragmata, noch bevor es draußen war, dazu die üblichen Verdächtigen wie GTA 6 und Resident Evil Requiem.
Auffällig ist, wie uniform die Dinger gebaut sind: Die Autorennamen folgen fast alle demselben Schema aus Vorname, Initiale und Nachname – ein George D. Brogon hier, ein Donald C. Campbell da. Die Cover der Guides zu Alien und Gears of War wurden – wie man mit geschultem Auge auf Anhieb erkennt – mit dem Bildmodell GPT Image 2 von OpenAI generiert.
Möglich macht das Ganze Amazons Print-on-Demand: Man lädt im Grunde eine PDF hoch, gedruckt wird erst, wenn tatsächlich jemand bestellt. Die Kosten für die Macher tendieren damit gegen null, das Risiko ebenfalls.
Wie der Inhalt zustande kommt, lässt sich an einem von der Website Aftermath beschriebenen Detail erahnen: Bei einem KI-Lösungsbuch zu Resident Evil Requiem soll der Text ausgerechnet an der Stelle abbrechen, an der echte Komplettlösungen damals noch unter Embargo standen – ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, wo die KI gestohlen hat.
Doch was ist, wenn das Spiel noch gar nicht erschienen ist? Dafür fragen wir am besten die KI (in diesem Fall: Claude 4.8 Opus) einfach mal selbst, was sie aktuell in ein Lösungsbuch zu GTA 6 schreiben würde:
- Einleitung: Nacherzählung der Trailer als »Insiderwissen« – das Einzige, was real belegbar wäre (Setting Vice City, Lucia & Jason, grobes Release-Fenster), aufgeblasen auf Kapitellänge
- Komplette »Story- und Missionsübersicht« → frei erfunden, weil das Spiel niemand kennt
- Open-World-/Map-Guide → aus Leaks zusammengeraten
- Charakter- und Fraktionsprofile → Trailer plus Spekulation
- »Beginner's Tips & Tricks« → generische Floskeln, die auf jedes GTA passen (Deckung nutzen, Wanted-Level abschütteln, früh Geld machen)
- Collectibles, 100-Prozent-Completion, Achievement-Roadmap → komplett halluziniert
- Online-/Multiplayer-Kapitel → Spekulation auf Basis von GTA Online
- Platzhalter-Kapitel »Post-Launch, DLC, Modding, Zukunft« samt Versprechen, das Buch wachse »mit dem Spiel mit«
- Pseudo-FAQ zum Schluss
Steckt da überhaupt noch ein Mensch dahinter?
Spannend wäre zumindest noch die Frage, wie die Bücher entstehen: Klaut da wirklich noch jemand von Hand die Quellen zusammen – oder läuft das längst vollautomatisch?
Nötig wäre die Handarbeit jedenfalls nicht mehr: Wer ein bisschen technisches Know-how mitbringt, könnte mit dem richtigen Workflow den kompletten Prozess an KI-Agenten auslagern.
Ihr werft dem System nur noch den Spieltitel hin, den Rest erledigt es allein: Ein Agent durchforstet Previews und Wikis, der nächste formt daraus die »Komplettlösung«, einer klöppelt das Cover zusammen, wieder einer textet die Produktseite – und am Ende schiebt das Ganze das fertige Buch automatisch in Amazons Print-on-Demand.
Lesen muss das von den Verantwortlichen niemand mehr. Und von den potenziellen Kunden wird es hoffentlich auch niemand tun.
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