Ich habe seit Jahren kein Zelt mehr aufgebaut, geschweige denn eine Nacht auf einer Luftmatratze verbracht. Trotzdem ging es Ende August raus, mit dem Kia EV5 GT als Testwagen und einer Luftmatratze im Kofferraum.
Der EV5 verfügt nämlich über die sogenannte Vehicle-to-Load-Funktion: Er kann über seine Steckdosen bis zu 3,6 Kilowatt an externe Geräte abgeben – und damit zum Beispiel problemlos eine Kaffeemaschine mit Strom versorgen.
Was auf dem Papier schon cool klingt, habe ich in der Praxis ausgereizt. Ich habe einen Campingausflug ohne externe Steckdose gewagt und Kühlbox, Kaffeemaschine, Lichter, Beamer und sogar einen Elektrogrill ans Auto gestöpselt. Und dabei einen Komfort erlebt, von dem ich als Verbrennerfahrer bisher nur träumen konnte.
Ein Campingausflug als Stresstest
Vehicle-to-Load ist längst kein Nischenfeature mehr. Fast jedes neue E-Auto mit ordentlicher Akkugröße kann heute Strom nach außen abgeben, meist über eine 230-Volt-Schuko-Steckdose.
Beim Kia EV5, der mit einer üppigen Batterie mit 81,4 Kilowattstunden bestückt ist, sitzt die sogar serienmäßig im Kofferraum. Mit dem passenden Adapter könnt ihr wie ich aber auch den Frontladeanschluss nutzen.
Strom bezog ich aus zwei Quellen: Der Stecksose im Kofferraum sowie mittels Adapter direkt aus dem Ladeanschluss vorn.
Übernachtet habe ich vorher noch nie im Auto, erst recht nicht in einem Elektroauto. Vor dem Ausflug hatte ich also einige Zweifel:
- Hält der Akku wirklich eine ganze Nacht durch?
- Wie viel verbraucht die Klimaanlage im Stand?
- Und schafft der EV5 wirklich die versprochenen 3,6 Kilowatt?
Um Antworten zu finden, habe ich mir einen privaten Stellplatz in der Natur gebucht und alles eingepackt, was man so brauchen könnte: Elektrogrill, Kaffeemaschine, Beamer, Lichter und eine Kühlbox. Der Versuch: komplett ohne richtige Steckdose auskommen.
3,6 Kilowatt, ausgereizt bis ans Limit
Ich habe mich langsam herangetastet. Die Kühlbox lief schon den ganzen Tag im Auto, darin unter anderem das Steak, das später auf den Grill sollte. Damit die Box aber auch dann weiterläuft, wenn niemand im Auto ist, muss im Kia der Standmodus aktiv sein – der verlangt allerdings, dass der Schlüssel im Auto bleibt.
Um das zu umgehen, musste ich den Wagen über die Kia-App ver- und entriegeln. Die App bietet aber nicht nur Fernzugriff auf Türen, Fenster und Klimaanlage, sondern zeigt mir auch, wie viel Strom gerade fließt und wie lange der Akku im V2L-Modus noch durchhält.
Kaum angekommen, brauchte ich erst mal ein Käffchen, der erste richtige Test für die gigantische Powerbank auf Rädern. In der App schnellte der Verbrauch kurzzeitig auf 1,4 Kilowatt. Frisch gemahlenen Kaffee direkt aus dem Kofferraum zu ziehen, war beeindruckend – der wirkliche Härtetest folgte aber erst zum Abendbrot.
Beim Grillen kam ein Elektrogrill von Weber mit zwei Brennern zum Einsatz. Beim Aufheizen stieg der Verbrauch auf über 2 Kilowatt. Und dann wollte ich es wissen: Ich schaltete zusätzlich zum Grill noch die Kaffeemaschine ein.
Die App zeigte tatsächlich kurzzeitig 3,6 Kilowatt an – beide Geräte liefen völlig problemlos gleichzeitig.
Das hat mich beeindruckt.
Ich konnte nicht nur frischen Kaffee zubereiten, sondern gleichzeitig einen Elektrogrill auf über 220 Grad aufheizen, um mir ein Abendbrot zu brutzeln. Am Auto, ohne Gaskartusche – wenn das nicht cool ist, was dann?
3,6 Kilowatt sind auf dem Datenblatt erst mal eine nüchterne Zahl. Am Campingplatz reicht das aber für fast alles, was ihr euch für einen Glamping
-Ausflug vorstellen könnt: Kühlschrank, Fernseher, Spielekonsole, selbst eine Bohrmaschine oder anderes Werkzeug wären problemlos drin gewesen.
Und klar, auch E-Bikes oder E-Scooter sowie eure Powerstation bekommt ihr damit voll.
Nur solltet ihr darauf achten, nicht mehrere Starkverbraucher gleichzeitig laufen zu lassen. Kleinverbraucher sind dagegen gar kein Problem: Ich hatte den restlichen Abend über eine Lichterkette, die Kühlbox, den Soundcore-Beamer Nebula P1 samt Leinwand sowie unsere Handys am Strom hängen.
Die Geräte hingen dabei an beiden Anschlüssen gleichzeitig: Kühlbox und Leuchtschlauch liefen vorn über den Adapter am Ladeanschluss, der Beamer hinten am Kofferraum-Schuko. Mit Verteilerdose und Kabeltrommel sah das kurzzeitig aus wie ein kleiner Kabeldschungel im Wald. Abends, im Schein von Lichterkette und Leinwand, war davon aber nichts mehr zu sehen.
Der Kinoabend war dann ein weiteres Highlight meines Campingausflugs. Zuvor hatte ich noch die Luftmatratze aufgepumpt – natürlich ebenfalls mit Strom aus der Batterie.
Schlafen im Kofferraum: So bequem ist der Kia EV5
Dann folgte ein für mich besonders spannender Moment: Wie gut kann man im Kia EV5 schlafen?
Die Antwort: Das kommt ganz darauf ein. Auf eure Größe, auf euren Platzbedarf, eure Ansprüche und nicht zuletzt darauf, wie empfindlich ihr seid.
Was mir auffiel: Der Kia EV5 bietet keinen echten Campingmodus, wie ihn etwa einige von Tesla schätzen, sondern eben einen Standmodus
. Heißt: Klimaanlage, Entertainmentsystem und Stromverbraucher können währenddessen laufen. Auf ein Lagerfeuer auf dem Display wie beim Tesla müsst ihr aber ebenso verzichten wie auf das automatische Verstellen der Vordersitze.
Innerhalb von 10 Minuten ist das Bettchen bereit.
Zudem wäre es schön
, wenn sich das Licht im Innenraum automatisch dimmen würde. Hier müsst ihr selbst tätig werden, wobei sich leider nur der Bildschirm rechts vom Lenkrad sowie die Ambientebleuchtung ausschalten lassen, nicht aber der Fahrerbildschirm.
Meine Frau ist bei sowas empfindlich und braucht es wirklich stockdunkel, also haben wir kurzerhand eine Jacke übers Lenkrad gelegt und sogar die beleuchteten Tasten an der Dachkonsole abgeklebt.
Schlafen zu zweit funktioniert davon abgesehen aber besser, als ich befürchtete – zumindest bei uns. Wir sind beide um die 1,70 Meter groß und kamen bequem unter, die Vordersitze weit nach vorn, mit einer Kopfstütze im hinteren Fußraum. Schön auch, dass sich die Hintersitze plan umlegen lassen.
An der schmalsten Stelle sind es laut Kias eigenem Datenblatt 980 Millimeter Breite im Kofferraum. Doppelbett-Komfort ist das nicht, für eine Nacht (oder auch ein paar) reicht es aber locker.
Am Ende der Nacht stand die Abrechnung: 20 Prozent Akku für die komplette Campingnacht, inklusive Grill, Kaffee, Kühlbox, einer kurzen 15-Kilometer-Fahrt, weil wir etwas vergessen hatten, Handy-Ladung, Licht, Leinwand – und der Klimaanlage, die wir von 20,5 auf 19 Grad hatten laufen lassen.
Ohne die Fahrt wären es wohl eher 17 Prozent gewesen. Allein die Klimaanlage hat über Nacht etwa 8 Prozent gefressen, der größte Einzelposten, aber immer noch überschaubar.
Keine Angst vorm Liegenbleiben
Meine größte Sorge, der Akku könnte über Nacht zur Neige gehen, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Selbst wenn wir mehrere Nächte durchgehend gegrillt, Kaffee gekocht und den Beamer laufen lassen hätten, wäre bei 81,4 Kilowattstunden noch reichlich Puffer übrig gewesen. Hier braucht man sich wirklich keine Sorgen zu machen.
Praktisch: Im Menü lässt sich ein Limit für V2L einstellen, ab dem die Stromabgabe automatisch stoppt, damit der Akku nicht unter eine Reserve fällt, die ihr für die Heimfahrt braucht.
Fazit: Vehicle-to-Load ist praktisch im Alltag
Klar, wer nur ab und zu das Handy oder den Laptop laden will, braucht kein V2L, das geht auch günstiger per USB-C oder über die 12-Volt-Steckdose. Aber wer öfter im Auto übernachten oder damit campen möchte, für den ist Vehicle-to-Load tatsächlich ein Gamechanger.
Für mich war der Ausflug eines der schönsten Erlebnisse der letzten Jahre und ich könnte mir soetwas durchaus öfter vorstellen. Es gibt schließlich so viele schöne private Stellplätze zu entdecken, wie mein Kollege Aaron mit einer App herausfand.
V2L wäre für mich persönlich kein Kaufkriterium, aber definitiv ein Nice-to-have-Feature. Ein für mich passendes E-Auto mit V2L würde ich einem ohne jederzeit vorziehen.
Wie findet ihr das? Habe ich bei euch Lust auf etwas exklusiveres Camping gemacht? Oder steht ihr dem eher kritisch gegenüber? Schreibt es mir gerne in die Kommentare!
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