Legendär schlecht: Creature Shock - Schockschwerenot

Früher war nicht alles besser, auf jeden verehrten Klassiker kamen unzählige Schrottspiele und Skandalnudeln. Mit Schaudern erinnert sich Spielehistoriker Heinrich Lenhardt an die erste CD-ROM-Produktion eines englischen 3D-Pioniers. Da steckte Ende 1994 hinter viel Grafikhype herzlich wenig Spiel – deshalb gebührt Creature Shock unser Prädikat »legendär schlecht«.

von Heinrich Lenhardt,
21.10.2015 09:12 Uhr

Raumschiff Amazon gondelt auf der Suche nach geeigneten Kolonialwelten im Dunstkreis der Saturn-Monde herum, als es plötzlich »Schnöpf!« macht. Tentakel grabschen nach dem Schiff, ein niedlicher kleiner Himmelskörper entpuppt sich als organische Lebensform. Der Kommandantin bleibt nur die Hoffnung aufs Notsignal. Vielleicht findet sich ja ein starker Held, der ins nächstbeste Rettungsschiff steigt, um das Schicksal der Amazon aufzuklären.

Sonderlich originalitätspreisverdächtig ist es nicht, das Intro von Creature Shock, ich gucke aber doch interessiert hin. Ende 1994 ist man noch auf jede Spielproduktion scharf, die dieses unsäglich coole CD-ROM-Laufwerk voll ausnutzt, das für Rebel Assault in den Tower geschraubt wurde. Auf so einer Silberscheibe ist schier unermesslich viel Platz, da lassen sich sogar vorberechnete Grafikfilmchen drauf speichern. Visuelle Delikatessen, die unser PC noch nicht in Echtzeit rendern kann.

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Für dahergelaufene Disketten hat Creature Shock nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Das Spiel knackt die 1.000-MByte-Grenze und breitet seine Grafikdatenpracht gleich auf zwei CDs aus. Sein Intro ist bemerkenswert, weil es kein digitalisiertes Video ist, in dem gescheiterte Schauspieler mit einem schlechten Drehbuch kämpfen.

Nein, die Charaktere sind komplett computergeneriert - Aufregerklasse »Grafik der Zukunft«. Apropos: Die Körperformen der drallen Kommandantin bieten einen Vorgeschmack auf die ausbordenden Oberweiten der frühen Tomb Raider-Jahre. Ach, wenn doch nur das ganze Spiel so prall gewesen wäre.

Der Autor
Heinrich Lenhardt ist dieses herzlose Monster, das in den Achtzigern dem Amiga-Kunstwerk Defender of the Crown eine Spaßwertung von 43% reingewürgt hatte. Denn das sah super aus, wurde aber schnell öde und war ratzfatz durchgespielt. Er schätzt Spielwitz und Komfort, kennt aber wenig Gnade bei Grafikblendern, welche die Intelligenz des Käufers beleidigen - damals wie heute, inzwischen berichtet er seit drei Jahrzehnten über Computerspiele.

Hoffnungsträger aus der Starglider-Werkstatt

Schon ein Jahr vor der Veröffentlichung von Creature Shock gingen beeindruckende Bilder durch die Presselandschaft. Auf denen erkannte man den Helden im Raumanzug, eine (nach 1994er-Maßstäben) reichlich detaillierte Polygon-Spielfigur. Der gute Ruf des Entwicklungsstudio steigerte die Erwartungshaltung, Argonaut Software war ein Pionier in Sachen Echtzeit-3D. Schon Ende 1986 hatte mich Starglider auf dem Atari ST mit seiner irre schnellen Vektorgrafik beeindruckt.

Danach kooperierte Argonaut mit Nintendo und entwickelte den Super-FX-Chip, der in die Module des ersten Star-Fox-Videospiels eingebaut wurde. Und nun widmeten sich diese Experten für Echtzeit-3D also dem Medium CD-ROM - wie schlecht kann das denn werden? Erstaunlich schlecht.

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