Ein Startup aus Bremen will die Satelliten-Dominanz der USA brechen: Am Ende soll Europa fast in Echtzeit überwacht werden

Das Bremer Start-up »Marble Imaging« plant, die Beobachtung Europas aus dem Orbit zu revolutionieren, die Ziele: genauer, überall und immer.

Dichte Netze von Kameras, denen nichts entgeht. Klingt nach Science-Fiction, aber exakt das streben etliche Zweige der Gesellschaft an. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Dichte Netze von Kameras, denen nichts entgeht. Klingt nach Science-Fiction, aber exakt das streben etliche Zweige der Gesellschaft an. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Ein Start-up aus Deutschland will die europäische Erdbeobachtung auf ein neues Level hieven: nahezu Echtzeitüberwachung von Gegenständen, so klein wie ein Koffer im Handgepäck.

Marble Imaging will eine Lücke füllen, die in Krisenzeiten Leben kosten kann. Neue Technik soll zugleich Wissenschaft, Sicherheit sowie Behörden aller Art dienen.

Neue Augen für Europa

Bis Ende 2028 strebt das Bremer Raumfahrtunternehmen an, 20 Satelliten in den Orbit zu schießen. Sie sollen Europa flächendeckend, mit höherer Bildauflösung und fast in Echtzeit überwachen. Der Start des ersten Prototyps steht für Ende 2026 an.

Bislang können die Sentinel-Satelliten der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) Objekte erkennen, die zehn mal zehn Meter groß sind, ordnet Gopika Suresh ein – ihres Zeichens eine von drei Mitgründerinnen von Marble Imaging. Die Bremer Satelliten lösen bis zu 50 Zentimeter lange Gegenstände korrekt auf, beschreibt das Unternehmen.

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Lücken im Beobachtungsnetz

Die bestehende Abdeckung durch die Satelliten der ESA reicht aus Sicht vieler Experten nicht aus – weder qualitativ noch quantitativ. Vor allem in akuten Krisen, wie der Katastrophe im Ahrtal im Sommer 2021 führt der Mangel zu echten Problemen. Das erläutert auch Alexander Epp, der Zweite im Gründungstrio: Auf ihren Umlaufbahnen tasten [Anm. d. Red.: die europäischen] Satelliten die Erde zwar wöchentlich vollständig ab, in vielen Fällen wie beispielsweise Naturkatastrophen wären aber kontinuierliche Daten in Echtzeit wünschenswert.

Ein Ausweichen auf staatliche und private Anbieter außerhalb der EU gehört derzeit zum Alltag – in Zeiten wachsender Spannungen unerwünscht. Marble Imaging strebe eine enge Verzahnung mit der ESA und somit die Rolle einer Alternative zu vor allem amerikanischen Anbietern an.

Europa benötigt eine souveräne Datenversorgung. Wir brauchen nahezu lückenlose und jederzeit aktuelle Informationen, ohne von anderen Raumfahrtnationen abhängig zu sein.

Alexander Epp

Sobald das Netz einsatzbereit ist, wollen sie Daten anbieten, die sich nahtlos in die bestehenden europäischen Erdbeobachtungssysteme mit deutlich höherer Auflösung und häufigeren Überflügen integrieren lassen, verspricht Gopika Suresh.

Zur Datenanalyse setzt das Unternehmen nach eigenen Angaben stark auf Künstliche Intelligenz. Anhand der detaillierten Aufnahmen bietet sich auch die fortwährende Weiterentwicklung an. Die KI lernt mittels maschinellen Lernens am firmeninternen Pool von Bildern, Gebäude, Objekte und Lebewesen korrekt zu identifizieren.

Kritik an Satelliten-Konstellationen

Derweil stößt der vehemente Ausbau der Konstellationen auf wachsenden Widerstand der Zivilgesellschaft. Trotz, selbst aus Sicht der Kritiker verständlichen Interesses an hoher Menge, Qualität und Aktualität von Aufnahmen existiert ein Beigeschmack.

So führt exemplarisch Netzpolitik.org als eines der großen Portale rund um Privatsphäre, Datenschutz und digitaler Überwachung Gegenargumente an. Ausgedehnte Satelliten-Netze mit derart empfindlichen Sensoren könnten unter anderem…

  • ... im Auftrag von Unternehmen oder Regierungen nahezu jeden Menschen allzeit im Freien überwachen.
  • ... kombiniert mit anderen Datenquellen wie Handys und durch KI-Analyse zur Einschüchterung und Einschränkung von Freiheitsrechten führen.
  • ... bestehende und ohnehin lockere Datenschutzregelungen unterlaufen, da sie aus dem Weltraum operieren.

Darüber hinaus bedrohen Satelliten eine spezielle Freiheit im globalen Maßstab: Je mehr Objekte die Erde umkreisen, desto eher kommt es zu Unfällen, die den Orbit im Zuge eines Dominoeffekts mit Trümmern überschwemmen – wir wären quasi eingesperrt. Dieses sogenannte Kessler-Syndrom rückt laut Forschern rasch in greifbare Nähe.

Kurzum: Der potenzielle Nutzen solcher Späh-Konstellation muss als erheblich gelten. Mit noblem Ansinnen mögen sie Gutes bewirken, zum Beispiel bei: Katastrophenschutz, Umweltüberwachung, Landwirtschaft, Verkehrsplanung oder sogar beim Nachweis von Menschenrechtsverletzungen.

Aber je zahlreicher immer bessere Technik zur Verfügung steht, umso eher drängt sich aus Sicht der Allgemeinheit eine zweigeteilte Frage auf: Wer nutzt die Bilder für welchen Zweck – und wer überwacht die Überwacher?

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